27.09.2011 · Große Maler wie Friedrich Rottmann und William Turner haben es schon früh erkannt: Das Herz von Heidelberg schlägt nicht in der Altstadt, sondern auf der Neckarwiese.
Von Jan WieleJohann Wolfgang von Goethe betrachtete Heidelberg von "etwas weiter oben", wie er im Jahr 1797 bei einem Besuch der Stadt notierte, und zahlreiche Dichter und Maler taten es ihm nach. Auch Gemälde der Romantik schauen oft aus Waldeshöhen auf das Heidelberger Schloss herab. Um wie viel beeindruckender seine "schickalskundige Burg" von unten wirkt, erkannte hingegen Friedrich Hölderlin von der Neckarbrücke im Herzen der Altstadt aus. Im Jahr 1800 dichtete er unter diesem Eindruck die berühmte Ode "Heidelberg".
Im selben Jahr trat ein Maler noch einen weiteren Schritt zurück: Friedrich Rotmann betrachtete "Heidelberg vom Neuenheimer Ufer" aus. Und hielt um 1800 nicht nur die Alte Brücke, die Heiliggeistkirche und das Schloss, sondern auch den mächtigen, bewaldeten Hügel des Königstuhls sowie dessen Flucht ins Neckartal auf seinem Gemälde fest. Das Bild ist ein erhabenes Panorama, in der linken hinteren Bildhälfte durchbrechen gleißende Sonnenstrahlen die Wolken und zeigen gleichsam als göttlicher Finger auf die Stadt.
Eine Stadt wie im Traum
In einem ganz anderen Stil, jedoch aus gleicher Perspektive malte der große William Turner um 1841 sein "Heidelberg mit einem Regenbogen": Das Auge des Betrachters ruht nahezu auf der Wasserlinie des Neckars, Stadt und Schloss erheben sich dunstig wie im Traum, und der Wald scheint fließend in die Wolken überzugehen. Man könnte fast meinen, Turner hätte im Liegen gemalt. Die weite Optik erlaubte es Rottmann und Turner, nicht nur das ikonische Heidelberg, sondern auch Menschen in den Blick zu nehmen. Bei Rottmann sind es ein Kuhhirte und ein Schiffer auf ihrem Kahn, bei Turner sich verlustierende Männer und Frauen.
Mehr als zweihundert Jahre später nehmen auch wir diese Perspektive ein. Das damals noch etwas rauhe Ufer ist heute eine glattgemähte grüne Wiese, die zum Aufenthalt in der Horizontalen förmlich einlädt. Die Devise lautet deshalb: liegen lernen.
Der Vaterlandsstädte Ländlichschönste
Um sie in die Tat umzusetzen, begeben wir uns an einem schönen Sommernachmittag mit einer Decke mitten auf die Wiese. Mit unserer Idee sind wir nicht allein. Sehr viele sind schon da und üben sich in Rottmann-Turner-Gedenkperspektive. Die Wiese wirkt wie ein riesiges Wohnzimmer, in dem sich die meisten Menschen wie Couch-Potatoes herumfläzen. Wir werden ihnen gleich Konkurrenz machen.
Auf dem Rücken liegend, sieht man nur den weiten Himmel. Das ist zwar eigentlich überall draußen so, aber hier ist es anders. Der Himmel erscheint unendlich weit, es rauschen die riesigen Wasserpappeln, und wenn man einen Pullover unter den Kopf schiebt, sieht man zudem die Kante des mächtigen Waldes, der Heidelberg umgibt. Er scheint die Stadt zu verschlingen, als sei der Kampf zwischen Natur und Zivilisation noch nicht zu Ende ausgefochten. Fast rechnet man damit, dass das von Menschenhand Erbaute beim nächsten Hinschauen überwuchert ist: Dieser Eindruck ist es wohl, den Friedrich Hölderlin mit seiner Beschreibung Heidelbergs als "der Vaterlandsstädte Ländlichschönste, so viel ich sah" auf den Punkt brachte.
Lustwandeln statt Wäschewaschen
In Bauch- oder Seitenlage bieten sich jeweils vier verschiedene Aussichten: auf die Uferstraße mit ihrer teils jugendstiligen Häuserfassade, auf einen Kiosk mit Spielplatz, auf den Neckar mit Schiffsverkehr oder entlang der Wiese in dessen Tal. Vor allem in diese Richtung drängt sich William Turner wieder auf: Er sah und malte pfeiferauchende Studenten, Frauen, die im Neckar Wäsche waschen, Reiter und einen Hund, die ein erfrischendes Bad im Fluss nehmen, sowie ein poussierendes Pärchen. Heute ist die Welt der Arbeit weitgehend von der Neckarwiese verschwunden - Fotografien aus den Nachkriegsjahren zeigen noch Fischer, die dort ihre Netze flickten, und über der Wiese waren Wäscheleinen gespannt. Doch schon damals rückte das Lustwandeln mehr und mehr in den Mittelpunkt.
Von unserer Decke aus können wir es in aller Ruhe und all seinen Facetten beobachten. Pärchen gibt es gleich zuhauf, und das Pfeiferauchen erlebt offenbar eine Renaissance: Nicht weit von uns haben ein paar junge Männer und Frauen ihre Decken um eine arabische Shisha-Pfeife ausgebreitet und machen einen sehr entspannten Eindruck. Auf die Idee, im Neckar Wäsche zu waschen, würde niemand mehr kommen, aber noch immer wird im Fluss gebadet.
Vorsicht vor fliegenden Plastikscheiben
Zur Sicherheit gibt es Duschen für danach und eine Aufsicht der DLRG. Hobbyfischer sieht man seltener, es gibt sie aber. Vor einigen Jahren wurde unter großem Hallo ein Piranha aus dem Fluss geangelt; dann stellte sich jedoch heraus, dass es ein ausgesetzter Zuchtfisch war. Ein bisschen Risiko besteht eben bei allem. Wir bleiben auf der Wiese und bewegen uns möglichst nicht. Unser Blick fällt jetzt herüber zum DLRG-Häuschen, das seit einiger Zeit einen beliebten Kiosk mit breiter Sonnentreppe beherbergt. Es gibt Kuchen und Tapas. Der Laden brummt. Davor liegt ein Wasserspielplatz mit kleinen Kanälen und Schaufelrädern. Familien aus aller Welt, die das Studium oder der Beruf nach Heidelberg verschlagen hat, kommen hierher, weil man nirgendwo besser seine Kinder parken kann, während man Cappuccino trinkt.
Die Bekleidung der Besucher der Neckarwiese hat sich seit Turners Zeiten massiv gewandelt. Bei manchen hat sie sich ganz in Luft aufgelöst. Und es gibt Sportarten, von denen William Turner und Friedrich Rottmann nicht gewagt hätten, zu träumen: Neben fliegenden bunten Plastikscheiben wirft man sich runde und eiförmige Bälle zu, tritt sie mit Füßen oder stellt seinen Astralkörper beim südamerikanischen Tanz-Kampfsport Capoeira zur Schau.
Warum so schlecht gelaunt, mein Herr?
Auf dem Weg vor der Uferstraße fährt eine Touristengruppe auf Segways vorbei, diese in jedem Stadtbild noch futuristisch anmutenden Zweiräder, auf denen die Fahrer aufrecht stehen. Die Touristen hier zu sehen verblüfft uns: Normalerweise halten sie sich an Altstadt und Schloss, sind also nur auf der anderen Seite des Flusses anzutreffen. Auf der Wiese vermischt sich derweil die internationale Einwohnerschaft der Universitätsstadt mit zugezogenen Kurpfälzern aus dem Umland. Auch heute dauert es nicht lange, bis man neben sich Spanisch, Chinesisch oder Russisch hört. Mit Gedanken an den russischen Herrn Oblomow, den vielleicht größten Liegespezialisten der Weltliteratur, erschaffen von dem russischen Schriftsteller Iwan Alexandrowitsch Gontscharow Mitte des neunzehntenen Jahrhunderts, dösen wir selig ein. Herrn Oblomows Leitspruch lautete übrigens: Können wir es nicht morgen tun?
Nach einer Weile dringt immer deutlicher eine Stimme von der Wasserfläche herüber. Sie stammt von einem älteren Herrn mit Schirmmütze, der in einem kleinen Motorboot hinter einem Achter herfährt und die Ruderer durch ein Megafon anspornt. Er klingt irgendwie schlecht gelaunt, dabei sitzt er doch gemütlich im Motorboot, während die anderen schwitzen. Hätten auch wir eine Flüstertüte, dann riefen wir ihm zu: Komm doch auf die Wiese und entspann dich! Vielleicht ist er so gereizt, weil er in die falsche Richtung fährt - und so das Schloss nicht sieht.
Erst die Siesta, dann genießen
Wir dagegen sortieren nach der Siesta unsere Perspektive neu. Blick zum Schloss: steht noch, wenn auch leicht ramponiert. Blick zum Wasserspielplatz: läuft auf vollen Touren. Alle Kinder bei den Geräten, alle Eltern faul auf Bänken oder auf der Cappuccinotreppe. Also wieder Blick zum Schloss: Der Kurfürst Ottheinrich, der dem Wahrzeichen Heidelbergs im sechzehnten Jahrhundert sein prägendes Gesicht durch den nach ihm benannten Ottheinrichsbau gegeben hat, war bei näherer Betrachtung auch ein Liegespezialist. Es wird berichtet, dass er sich stets in einer Sänfte durch Heidelberg tragen ließ - dennoch brachte er in nur drei Jahren Regierungszeit die Reformation weit voran und machte sich zudem als großer Förderer der Buchkunst und der Bibliothek einen Namen.
Wäre man jetzt auf dem Schloss, man müsste sich wohl zwischen vielen Menschenleibern hindurchschieben, um überhaupt den Hof oder die Räume betreten zu können. Wie schön ist dagegen, es von der Wiese aus einfach nur in aller Ruhe anschauen! In der Altstadt ist das Gedränge wahrscheinlich noch größer. Fremde, die der Stadt einen Besuch abstatten, sind immer wieder überrascht, welche Menschenmassen sich an einem ganz normalen Tag durch Heidelberg schieben. Man weiß nicht, ob es vor allem Touristen sind oder Kunden der Handyläden, die langsam alle anderen Geschäfte ersetzen.
Friedliche Koexistenz der Grillwürstchen
Allmählich wird es Abend. Die Wiese füllt sich zunehmend mit Athleten der Kerndisziplin Grillen und Chillen. Vor uns werden verschiedene Modelle vom Einweggrill bis hin zur Grill-Spezial-Kugel aufgebaut. Die dazugehörigen Grillmeister sind Studenten, Familienväter, junge Ehemänner, Angehörige größerer Familienclans - wieder kommen sie aus allen möglichen Ländern, legen erstaunliche Fleischmengen auf den Rost. Weil das Grillen vor einigen Jahren auf der Neckarwiese etwas ausgeartet ist, hat die Stadtverwaltung die Griller mittlerweile auf zwei Zonen direkt am Wasser verbannt. Zwischenzeitlich konnte man wegen des ganzen Rauches nämlich kaum noch über die Wiese schauen.
Trotz verständlicher Einwände der Anwohner zeigt sich vielleicht an der Grillkultur am ehesten, was die Neckarwiesenstimmung ausmacht. Wäre man der Anführer der Segway-Touristen und müsste ihnen die Wiese erklären, dann würde man wohl den Begriff eines kulturellen Schmelztiegels verwenden, in dem sich internationales Flair und Regionalcharakter auf das schönste verbinden - oder besser noch: das Bild von einem Grillrost, auf dem allerlei Würstchen friedlich nebeneinanderliegen. Sogar ein bekannter Würstchenhersteller wirbt auf seiner Internetseite mit einem Foto der Neckarwiesen-Grillzone.
Stresser suchen immer Streit
Und doch wird diese gute Stimmung manchmal getrübt - durch zunehmendes Rowdy- und Messietum unter den jüngeren Wiesenbesuchern. Auch an diesem Abend bilden sich auf der Wiese größere Ansammlungen von Teenagern, von denen bald lautes Gegröle in unsere Ohren dringt. Unter ihnen kommt es seit einigen Jahren leider auch regelmäßig zu Schlägereien, wie aus dem Polizeibericht hervorgeht: Sogenannte "Stresser" sind geradezu auf der Suche nach Streit. Zudem hinterlassen sie Müllberge, die von der Stadt in der Morgenfrühe durch Reinigungskräfte beseitigt werden müssen. Was uns heute an den Jugendlichen vor allem auffällt: Alle stehen und laufen da so aufgeregt herum - auch sie sollten schleunigst liegen lernen.
An diesem Abend bleibt größerer Ärger aus. Neben dem Partyzentrum wird es uns aber langsam zu unruhig, so dass wir das Prinzip des Nichthandelns etwas aufweichen und mit der Decke ein Stück weiter ziehen. Auf dem vordersten Teil der Wiese, nahe dem seit Jahrzehnten rührend unveränderten Tretbootverleih, ist es still. Außer vereinzelten Liegepärchen und Grüppchen ist da nichts. Das Schloss, dem man hier noch näher ist, glänzt mittlerweile im Scheinwerferlicht. Aus dem Tal weht ein milder Abendwind. Wir versuchen unsere großen Liege-Vorbilder nun noch zu über- oder - besser gesagt zu unterbieten, indem wir uns bäuchlings auf den Rasen legen und ganz knapp über die Grasnarbe schauen. Vorne die Halme und darüber das ganze Wahnsinnspanorama: Das ist Rottmann-Turner-Overdrive.
Ohne Ruine keine Romantik
Dreimal im Sommer gibt es eine besondere Schlossbeleuchtung, bei der vor einem fulminanten Feuerwerk die Mauern rot erglühen. In gewisser Weise ist das ein Horrorspektakel, bedenkt man, was der "Orléanssche Feuersturm" im Jahr 1693 für die Stadt bedeutete. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg ließ der französische Herzog Philipp von Orléans fast die gesamte Stadt in Schutt und Asche legen, auch das Schloss steckte er in Brand. Aber ohne Ruine keine Romantik - das ist die Grundlage, auf die der Heidelberg-Mythos in Wort und Bild sich stützt und die bis heute seinen Zauber ausmacht.
Auf wunderbare Weise aber - Heidelberg wurde im Zweiten Weltkrieg weitestgehend verschont - zeigt sich insgesamt der Rottmannsche oder Turnersche Anblick, allen Zeitläuften zum Trotz. Und es könnte weiter das Wort von Heidelberg als einem "alternden Riesenbild" gelten, wie es in Hölderlins Ode steht.
@ Herrn Wegmann: "Schloßhotel"
Johann Schulz-Gebeltzig (johannsg)
- 28.09.2011, 01:30 Uhr
Wer eine schöne und saubere Neckarwiese erleben möchte...
Flip Averna (pit-flip)
- 27.09.2011, 22:08 Uhr
Zusätzlicher Schandfleck "Schlosshotel"
Tillmann Wegmann (Tillwe)
- 27.09.2011, 18:33 Uhr
Neckarwiese
Volker Beismann (rautenklause)
- 27.09.2011, 16:07 Uhr