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Hamburg Zugfahren wie Kaiser Wilhelm

03.12.2009 ·  Hamburg-Dammtor ist einer der letzten seiner Art: Ein Bahnhof, in dem der Zugverkehr und nicht der Kommerz im Mittelpunkt steht. Und wenn man dort, statt am Hauptbahnhof, aussteigt, bekommt man auch noch eine Stadtführung gratis dazu.

Von Frank Rumpf
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Wenn man mit dem Zug nach Hamburg fährt und am Hauptbahnhof aussteigt, verpasst man eines der zentralen Panoramen der Stadt. Bliebt man nur drei Minuten länger bis zum Haltepunkt Dammtor sitzen, wird man von der Deutschen Bahn gratis und ohne Zuschlag an der prächtigen Binnen- und Außenalster vorbeigeführt: weiße Segelboote, Häuser mit grünem Kupferdach, eine hohe Fontäne wie im Genfer See, eitle Schwäne rechts und links - eine bessere Einstimmung auf Hamburg kann es nicht geben. Vor allem aber verpassen die Voreiligen einen der letzten verbliebenen Großstadtbahnhöfe, der den Namen Bahnhof tatsächlich noch verdient und keine Shopping-Mall mit Gleisanschluss ist.

Seit Mitte der neunziger Jahre haben sich fast alle großen Bahnhöfe in Einkaufszentren verwandelt. Leipzig und Köln sind dafür Beispiele, Hannover und Frankfurt, natürlich auch der neue Hauptbahnhof von Berlin, bei dem sich die Läden gleich über mehrere Etagen stapeln, verbunden mit Rolltreppen wie bei Karstadt oder Hertie. Es ist allerdings kein deutsches Phänomen, in Bahnhöfen anderer europäischer Großstädte hat sich längst Ähnliches vollzogen. Und auch den Flughäfen ist es so ergangen. Nur in Dammtor ist es anders. Hier steht noch der Zugverkehr im Mittelpunkt. Und der Fahrgast hat die Gelegenheit, in Ruhe und vom Kommerz fast unbehelligt ein- und auszusteigen.

Wladimir Putin war auch schon da

Dass Dammtor eine der letzten Oasen im Bahnverkehr ist, liegt nicht etwa daran, dass es sich um eine vergessene Randstation handelte. Dammtor ist Hamburgs Messebahnhof, das Congress-Centrum befindet sich gleich gegenüber. In Dammtor hält fast jeder Fernzug, der durch die Hansestadt fährt, Tag für Tag mehr als hundert - ICEs nach Berlin und München, Intercitys nach Köln und Frankfurt, Sylt und Basel, hinzu kommen die S-Bahnen und der Regionalverkehr. Mehr als sechzigtausend Reisende nutzen jeden Tag die Station. Der Grund ist vielmehr, dass Dammtor von Anfang an eine besondere Aufgabe zugewiesen war. Während sich der anderthalb Kilometer entfernte Hauptbahnhof mit seinen Schienen im Untergeschoss um die Abfertigung des Massenverkehrs kümmern sollte, war der höher gelegte Bahnhof Dammtor, in dem alle Züge im ersten Stock abfahren, für besondere Gäste vorgesehen. 1903 wurde er als Kaiserbahnhof eröffnet und diente jahrzehntelang zum Empfang von gekrönten Häuptern, Politikern, Künstlern und anderen Honoratioren, sozusagen als First-Class-Terminal des Hamburger Eisenbahnbetriebs. Davon profitieren die Zugreisenden bis heute, und zwar jedermann, auch derjenigen ohne großen Namen und nur mit Zweite-Klasse-Ticket.

Einen luxuriösen Wartesaal findet man freilich nicht mehr, nur noch eine "DB-Lounge" für die Premiumkundschaft. Er wurde lange vor der letzten großen Renovierung von 1999 bis 2002 geschleift, genauso wie das Fürstenzimmer und der Abort für Beamte. Auch Staatsoberhäupter lassen sich nur noch selten blicken, sie kommen inzwischen lieber mit dem Flugzeug. Zuletzt war im Dezember 2004 Wladimir Putin da und stieg in einen Sonderzug nach Schleswig-Holstein. Aber die kurzen Wege für die schnelle Abfertigung der Prominenz gibt es in Dammtor immer noch. In zwei Minuten ist man aus dem Zug heraus, die Treppe hinunter, durch die Bahnhofstüren hindurch und winkt ein Taxi herbei. Oder man läuft zur fünfzig Meter entfernten U-Bahn-Station Stephansplatz.

Champagner von Feinkost Brügmann

Zu den Stoßzeiten morgens und abends trägt fast jeder zweite Wartende unter der lichten, hohen Holzdecke Anzug und Aktentasche, die Armee der Berufspendler. Und auch andere Stammkunden, die viel mit dem Zug fahren, steigen lieber in Dammtor ein als im hektischen und weitläufigen Hauptbahnhof. Auch längere Aufenthalte lassen sich gut überbrücken. Direkt vor dem Südausgang liegt "Planten und Blomen", Hamburgs großes innerstädtisches Blumenbeet mit Bächen und Teichen, japanischem Teehaus und Rosengarten. Der Reisende, dessen Anschlusszug eine Dreiviertelstunde Verspätung hat wegen Störung im Betriebsablauf oder was die Bahn da immer so sagt, kann mitten in der Stadt einen Beruhigungsspaziergang im Grünen unternehmen.

Das Angebot an Geschäften im holzgetäfelten Parterre hingegen ist übersichtlich, vor allem aus Platzgründen. Der Denkmalschutz hat vor zehn Jahren zum Glück darauf geachtet, dass die Grundstrukturen des schmucken Bahnhofsgebäudes auch im Inneren im Wesentlichen erhalten blieben. Gerade einmal zwei Dutzend Läden haben sich angesiedelt: Tabak Jonas und ein Blumengeschäft, ein Buch- und Zeitschriftenladen und ein Nagelstudio. Allerdings gibt es auch hier den Fruchtsafthändler und die Croissant-Kette, die man inzwischen in fast allen Bahnhöfen findet. Und dort, wo früher die hohen Damen und Herren die Treppe direkt zum Fernbahnsteig hinaufstiegen, vertickt heute McDonald's Hamburger für einen Euro. In der Mittagszeit stehen junge Leute in langen Schlangen vor der Fastfood-Theke, die Universität liegt schräg gegenüber. Deutlich anspruchsvoller geht es nebenan bei Feinkost Brügmann zu: Eine blonde Frau mit Sonnenbrille lässt sich Baguette, Räucherlachs und eine Flasche Veuve Clicquot einpacken - Champagnerfrühstück in einer der weißen Stadtvillen im benachbarten Harvestehude?

Keine Zeit für Nostalgie

Ellen Gevert, Chefin der vierundachtzig Bahnhöfe und Stationen im Großraum Hamburg, wartet im Eiscafé Dolce Amaro. Sie hat zwar ihr Büro im Hauptbahnhof, fährt zum Kaffee aber lieber nach Dammtor. Schon als Kind sei sie mit ihren Eltern regelmäßig hierhergekommen, um einen Kakao zu trinken. "Und wenn es einen besonderen Anlass gab, sind wir mit der Familie im Bahnhofsrestaurant essen gegangen." Doch das gibt es längst nicht mehr. Ellen Gevert kann sich keine Nostalgie erlauben. "Ein Bahnhof", sagt sie nüchtern, "muss heute unterschiedlichen Bedürfnissen nachkommen. Dazu gehört auch, den täglichen Bedarf der Reisenden und Anwohner zu befriedigen. Was meinen Sie, was hier los war, als während der letzten Renovierung Feinkost Brügmann schließen musste!" - Proteststurm der Nachbarn. Und die Umwandlung der Bahnhöfe in Einkaufszonen zielt nicht nur auf die Versorgung der Reisenden, sondern vor allem auf Wirtschaftlichkeit. Jeder Bahnhof muss heute seine Kosten decken. Reichen die sogenannten Stationsentgelte nicht aus, die, wie die Landegebühren am Flughafen, für jeden haltenden Zug berechnet werden, dann muss der Rest durch Vermietungs- und Werbeerlöse aufgebracht werden. Darum kümmert sich ein eigenes Tochterunternehmen der Bahn, die DB Station & Services AG. Sie bewirbt die 5400 Bahnhöfe in Deutschland als "Top-Gewerbeflächen" in bester Lage, als "Geschäfte 1.Klasse".

So ist das heute, Bahnhöfe sind Profitcenter. Sie sind zur Konkurrenz der innerstädtischen Kaufhäuser geworden, selbst wenn das auf Kosten der Reisenden geht, die lange Wege bis zum Bahnsteig in Kauf nehmen müssen und sich über fehlende Wartesäle und Ruhezonen ärgern. Nur in Dammtor ist es noch ein bisschen anders.

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