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Montag, 13. Februar 2012
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Hamburg Eine klapprige Pforte ins Nichts

16.08.2010 ·  Heidi Kabel ist tot, Ole von Beust tritt ab, und Westernhagen zieht nach Berlin. Was bleibt von Hamburg? Weltstadtdämmerung an der Elbe.

Von Andreas Schlüter
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Beinahe in jeder der vielen Talk-Shows, in denen Karl Lagerfeld seit Jahrzehnten über Herkunft, Leben und Arbeit plaudert, zitiert er irgendwann seine Mutter mit dem Bonmot: "Du musst hier raus! Hamburg ist das Tor zur Welt, aber nur das Tor." Was wäre wohl aus dem blutjungen Lagerfeld ohne den realistischen Blick der Mutter auf hamburgische Wirklichkeiten geworden? Vielleicht ein hanseatischer Rudolf Mooshammer mit einer Herrenmoden-Boutique am Jungfernstieg?

Ach, Hamburg! So schön! Die Alster. Der Hafen. Die Schwäne. Die Elbe. Schneeweiße Villen auf grünen Rasenflächen an der Elbchaussee und funkelnder Luxus in den Geschäften am Neuen Wall und den Großen Bleichen. Gibt es etwas Gediegeneres, als in der Halle des Hotels Vier Jahreszeiten den Nachmittagstee zu nehmen? Eingesunken in wolkig-weiche Fauteuils und umsorgt von livrierten Kellnern, die golden dampfende Flüssigkeit in hauchdünne Porzellantassen gießen und Gebäck auf Silbertellern servieren? Ein Pianist klimpert dezent am Flügel, und die hanseatischen Damen an den Nebentischen nesteln ordnend an ihren Perlenketten. Ohne Zweifel ist Hamburg beeindruckend schön.

So viel Grün und so viel Wasser

Vom Flugzeug aus gleicht die Stadt dabei weniger einer Zwei-Millionen-Metropole als einer sich riesenhaft um ein eher kleines Zentrum herum ausbreitenden Parkanlage. So viel Grün und so viel Wasser! Selbst das gediegene "Hamburger Abendblatt" lässt sich manchmal zu kühnen lokalpatriotischen Komplimenten hinreißen und macht dann aus Hamburg gleich die schönste Stadt Deutschlands. Und die Hamburg Tourismus GmbH freut sich über immer neue Besucherrekorde und den zurzeit dreizehnten Platz Hamburgs unter den wichtigsten der europäischen Städtereisendestinationen. Die fast viereinhalb Millionen Hamburg Touristen des Jahres 2009 allerdings verbrachten laut Statistik gerade mal 1,9 Tage in der Stadt. Das reicht für Hafen- und Stadtrundfahrt, einen selbstverständlich unverzichtbaren St.-Pauli-Bummel und den nicht weniger obligaten Besuch eines Musicals. Hinter den das Hamburg-Bild seit jeher prägenden Superlativen von der "schönsten, grünsten und reichsten Stadt Deutschlands mit der höchsten Millionärsdichte überhaupt", mitsamt ihren ewigen Klischees vom "Tor zur Welt" und der "Reeperbahn nachts um halb eins", verbirgt sich eine für die Mehrzahl der Hamburg. Besucher unbekannte Wirklichkeit. Wenn Hamburg vielleicht auch nicht die schönste aller deutschen Städte ist, so gehört ihr doch zumindest ein ganz und gar anderer Superlativ: sie ist die wahrscheinlich langweiligste.

Zwei, drei Reisetage genügen, um die wichtigsten Attraktionen der Hansestadt zu besichtigen. Und spätestens nach einer Woche können das Murmeln der Wellen an den grünen Uferstreifen der Außenalster, die komplette Durchkommerzialisierung der Innenstadt oder das monotone Anrollen grauweißer Gischt am Elbstrand von Wittenberge - alles garniert mit Möwengeschrei und Meeresbrise - sehr schnell ermüden. Die stolze Hansestadt, berühmt für schmallippige Distinktion und die Diskretion der hier versammelten Vermögen, erlebt zurzeit ein Drama, das - wären Umstände und absehbare Folgen nicht so schwerwiegend - Stoff für eine heitere Provinzklamotte sein könnte. Da ist die Baustelle der Elbphilharmonie, spektakuläres Konzertgebäude und künftiges Wahrzeichen der Stadt, deren Baukosten - bei einem derzeit mal wieder vollkommen im Zukunftsdunkel liegenden Eröffnungstermin - von ursprünglich hundertvierzehn auf aktuell dreihundertdreiundzwanzig Millionen Euro angewachsen sind. Und da ist die Hafencity selbst, mit hundertsiebenundfünfzig Hektar das größte innerstädtische Bauvorhaben Europas. Eine in dieser Größenordnung für Stadtplaner, Architekten und Investoren so schnell nicht wiederkehrende Möglichkeit. Wo, wenn nicht hier, könnte Architekturgeschichte des noch jungen einundzwanzigsten Jahrhunderts geschrieben werden? Und wo, wenn nicht entlang der träge dahinfließenden Elbe könnte Hamburg das zurückgewinnen, was durch eine nahezu komplette Kriegszerstörung und den darauffolgenden hastigen Wiederaufbau verloren gegangen war?

Rauhe Schönheit und merkantile Geschäftigkeit

Hamburgs rauhe Schönheit verdankte sich dem direkten Neben- und Miteinander von Fluss und Stadt; dem Wohlstand bringenden Strom und der merkantilen Geschäftigkeit der alten Hansestadt. Ach, Hamburg! Wer in diesen Sommertagen im ganz in Pink gehaltenen dänischen Delikatessengeschäft Miss Sofie ein Eis kauft und dann durch die Hafencity spaziert, kann ins Nachdenken geraten. Am Kaiserkai gibt es neben Miss Sofie noch ein Blumengeschäft, ein österreichisches Caféhaus, einen Herrenausstatter, mehrere Restaurants, eine Apotheke, einen Andenkenladen mit maritimen Souvenirs, eine Galerie für moderne Kunst, einen Zeitungskiosk, einen Friseur und einen klangvoll "Meßmer Momentum" genannten Teesalon. Am Ende der nagelneuen Straße erhebt sich, umgeben vom am Himmel kreisenden Kränen und umflort von immer neuen Gerüchten, der Bau der gar so teuren Elbphilharmonie.

Als im September des Jahres 1900 das Hamburger Schauspielhaus eröffnet wurde - das ausführende Wiener Architektenbüro Fellner & Helmer baute in den wilhelminischen Gründerzeitjahrzehnten europaweit Theater und Opernhäuser -, hatte die für den Bau des Schauspielhauses gegründete Aktiengesellschaft ein Kapital von einer Million Mark. Dieser auch damals schon bemerkenswerte Betrag reichte aus, den rotweißgoldenen Stuck- und Plüschtraum des noch immer größten deutschen Sprechtheaters zu errichten. Damals wie heute ging es um Kunst, zugleich allerdings - Hamburg ist eine Stadt, in der vor allem kaufmännisch gedacht wird - um Immobilienspekulation im großen Stil.

Mit dem Schauspielhaus an der Kirchenallee verwandelte sich das verträumte Vorstadtidyll von St. Georg in einen schnell wachsenden Stadtteil für eine solvente Mittelklasse-Bourgeoisie. Dazu kam die Eröffnung des Hauptbahnhofs im Jahr 1906 und drei Jahre später die Einweihung der Mönckebergstraße; einer damals enorm modernen Einkaufsstraße, für die man ein ganzes Altstadtviertel abgerissen hatte. Es ist amüsant, sich vorzustellen, wie die Spaziergänger der vorletzten Jahrhundertwende die Kirchenallee entlangflanierten, um sich die Großbaustellen der damaligen Zeit anzuschauen. Baustellen, die wie durch ein Zeitfenster in die Zukunft blicken ließen. Architektur als Verheißung der Moderne, als technische Innovation, als Wunder der Ingenieurskunst.

Erschöpfung und Amtsmüdigkeit

Nicht anders ergeht es heute den Besuchern der halbfertigen Hafencity. Wobei - von ein paar grandiosen Entwürfen abgesehen - Hamburgs neuer Stadtteil vor allem enttäuscht. Der Blick von den Magellan-Terrassen den Sandtorkai hinunter lässt befürchten, dass das hier Gebaute schon sehr bald nur noch gestrig aussehen wird. Wenn die hanseatischen Gründerzeitpaläste in St. Georg, Eppendorf, Winterhude, Rotherbaum oder Uhlenhorst mit ihren cremigen Stuckfassaden die Kunstgeschichte von Gotik bis Barock rauf und runter zitieren, so sieht es an vielen Stellen der Hafencity so aus, als hätten sich die Architekten von mittelmäßigen Science-Fiction-Serien inspirieren lassen.

Ach, Hamburg! Der Bürgermeister - erschöpft und amtsmüde - ist zurückgetreten, ebenso die durch einen Missbrauchsskandal in Ahrensburg in ihrem Amt beschädigte Hamburger Bischöfin Maria Jepsen. Auch die zuletzt nur noch glücklose Kultursenatorin Karin von Welck hat ihren Abschied genommen. Die wunderbare Heidi Kabel ist in diesem Sommer gestorben, und es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein Hamburger Künstler ganz gleich welchen Metiers in der lokalen Presse verkündet, die Stadt endgültig in Richtung Berlin verlassen zu wollen. Der Maler Daniel Richter und seine Frau sowie die Regisseurin Angela Richter taten dies mit Aplomb in einem ganzseitigen Abendblatt-Interview. Marius Müller-Westernhagen lobte seinen langjährigen Wohnort Hamburg immerhin als "bezaubernd", zieht aber auch nach Berlin, und selbst der zu einer Hamburgensie mumifizierte Udo Lindenberg denkt laut über einen Umzug nach.

Wer wohnt eigentlich überhaupt noch in Hamburg? Nachrichtensprecher im Ruhestand, die auf dem allwöchentlichen Wochenmarkt an der Isestraße vor der Käseauslage eines Stands stehen und die Verkäuferin mit nach Weltpolitik klingender Ernsthaftigkeit und mit ausgestrecktem Zeigefinger fragen: "Ist der auch wirklich à point?" Dieses Hamburger Drama, die Verwandlung einer durchaus lebendigen, weil vielfältigen Millionenmetropole in ein zwar schönes, dabei aber vollkommen uninspiriertes und provinzielles Nest auf kulturellem Kleinstadtniveau ist nicht ganz neu.

Entkernte Innenstadt und leichtfertige Opfer

"Ich lebe seit zwanzig Jahren in der Stadt, aber sie ist um mich herum ausgetauscht worden", resümierte kürzlich der Musiker und Schriftsteller Rocko Schamoni. Wer nach einigen Jahren der Abwesenheit aktuell einen Hamburg-Besuch macht, wird die Stadt wohl kaum wiedererkennen können. Das schon seit jeher als Freie und Abrissstadt berüchtigte Hamburg hat sich in ein gigantisches Shopping-Center zwischen Alster und Elbe verwandelt. Die "Verglasung Hamburgs" nennt es Schamoni, und tatsächlich ist die Innenstadt - entkernt und luxussaniert - zu einer Anhäufung von Glaspalästen geworden, in deren Schaufenstern sich vor allem der Lifestyle-Ramsch einer globalisierten Weltwirtschaft spiegelt. Dass so gut wie keines der alten hanseatischen Einzelhandelsgeschäfte die vergangenen Jahre überlebt hat, ist nun kein hamburgisches Phänomen. Einzigartig jedoch ist die ganz und gar kommerziellen Interessen geschuldete Ignoranz, mit der in Hamburg die wenigen Reste historischer Bausubstanz leichtfertig geopfert werden. Zuletzt musste in der Innenstadt ein Ensemble von Kontorhäusern der architektonisch vollkommen nebensächlichen Europapassage Platz machen.

Den einzigen Rest Alt-Hamburgs, das Gängeviertel in der Neustadt, hatte die Stadt schon an einen Investor verkauft, als massiver Protest einer vor allem von Künstlern getragenen Initiative in diesem Frühjahr den Rückkauf erzwang. „Komm in die Gänge“ war der Slogan dieses Bürgerprotestes, der nicht wenigen Hamburgern die Augen öffnete über den schleichenden Verlust an historisch gewachsener Architektur in ihrer Stadt.

„Mit diesem Jahrhundertbauwerk erfindet sich Hamburg neu“, betitelte dafür das Abendblatt einen Jubelartikel zum Neujahrsempfang in der Baustelle der Elbphilharmonie. Nun ist wahrscheinlich gerade dieses von den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron entworfene Gebäude als eines der wenigen in der Hafencity jede seiner so fabelhaft vielen Millionen wert. Doch wie oft soll sich eine Stadt, die es in den Jahren 1805 und 1806 tatsächlich fertigbrachte den eigenen Dom wegen vermeintlicher Baufälligkeit abzureißen, denn noch neu erfinden? Und wem gehört Hamburg eigentlich? Den Investoren, Bauherren, Großfilialisten, weltweit agierenden Konzernen und einer Handvoll in Rissen, Blankenese oder Nienstedten residierenden Reeder- und Kaufmannsfamilien?

Architektonische Desaster und mühsamer Neubeginn

Sind die architektonischen Desaster der Hansestadt - vor allem die vollkommen missglückte Sanierung und Neubebauung des alten Fischmarkts - schon dramatisch genug, so ist es die Kulturpolitik nicht weniger. Gab es in der Kunsthalle zu Zeiten des Direktors Werner Hofmann nicht phantastische Ausstellungen mit langen Schlangen geduldig Wartender am Glockengießerwall? Und die glanzvolle Ära Ivan Nagels am Hamburger Schauspielhaus mit spektakulären Inszenierungen und dem Festival Theater der Welt? Für ein paar Jahre war das Hamburger Schauspielhaus, auch noch unter der Intendanz Frank Baumbauers, neben der Berliner Schaubühne das bedeutendste Sprechtheater Deutschlands. Einige der wichtigsten Theaterereignisse der Nachkriegszeit fanden hier statt: Gründgens Faust, Zadeks Othello und Schlingensiefs Passion Impossible: 7 Tage Notruf für Deutschland. Tempi passati! Dafür lässt seit unvorstellbaren siebenunddreißig Jahren und vom Senat kritiklos hochsubventioniert John Neumeier sein Hamburg Ballett mehr oder weniger schön und mehr oder weniger belanglos über die Bühne an der Dammtorstraße schweben.

Ach, Hamburg! Die sich gerade mit der Hafencity angeblich neu erfindende Stadt hat dabei eines ihrer Stiefkinder aus der Vergangenheit anscheinend ganz und gar vergessen. Was wird eigentlich aus der City-Nord? Das einstige Prestigeprojekt der sechziger Jahre, seinerzeit als hochmoderne Bürostadt nicht weniger umjubelt als die heutige Hafencity, fristet ein kompliziertes Dasein zwischen Leerstand und mühsamem Neubeginn. Das Tor zur Welt - und immerhin war Hamburg für lange Zeit zumindest das - ist zu einer ziemlich klapprigen Pforte ins kulturelle Nichts geworden. Auch die Elbphilharmonie, wann immer sie denn eröffnet werden kann, wird daran nichts ändern. Es ist so unendlich bedauerlich, dass in dieser ganz und gar ausgehöhlten, entkernten und mit Glasfassaden dekorierten Stadt so gut wie gar nichts mehr vom alten Hamburg übrig geblieben ist.

Immerhin kann man in der Fischbratküche von Daniel Wischer wie früher ein gutes Glas Fassbrause trinken. Immerhin gibt es auch noch den Golden Pudel Club an der Elbe. Und es gibt - eigentlich seltsam - neben dem funkelnden Solitär der Elbphilharmonie noch das genaue Gegenteil: Das schrottige, von Transparenten verklebte und seit Jahren von Autonomen besetzte ehemalige Flora Theater im Schanzenviertel. Im Frühjahr des kommenden Jahres endet die vertraglich festgelegte Sperrfrist für einen Verkauf des Gebäudes. Die Konflikte zwischen der Stadt, dem Eigentümer und den Besetzern sind schon jetzt absehbar. Vielleicht zeigt sich aber genau hier, an dieser sozialen Sollbruchstelle in der reichsten Stadt Deutschlands, wie demokratisch, gerecht und fürsorglich der hanseatische Stadtstaat tatsächlich funktioniert. Andernfalls könnten die Flora-Besetzer auch noch immer auf den Rat von Karl Lagerfelds Mutter zurückkommen. Oder ebenso gut auf den von Heidi Kabel. Einer ihrer Erfolgsschlager hatte den Titel: „In Hamburg sagt man tschüs.“

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