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Gustav Mahler in Toblach : Flucht vor den Kuhgästen

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Licht und Kurschatten in den Dolomiten – Gustav Mahler und seine Alma Bild: ullstein bild

In Toblach in Südtirol verbrachte Gustav Mahler einige Sommer. Er wollte komponieren, wandern und mit Alma glücklich sein. Manchmal gelang das auch. Eine Spurensuche.

          Sie waren ein Bild von einem Paar: Gustav Mahler und seine Frau Alma beim Wandern im Pustertal. Almas hohe Gestalt unterm wagenradgroßen Hut, im weißen Mantel über dem fußlangen Rock, den Stock in der Rechten. Gustav von schmaler Figur mit Kappe, Weste, Breeches, über der Schulter sein Stöcklein, an dem das Jackett hängt - Erinnerung an Tiroler Ferientage zwischen Himmel und Hölle.

          Wir sind nach Toblach in den Dolomiten aufgebrochen, um uns ein eigenes Bild zu machen. Wir haben die Bahnlinie in Rienz rechts liegengelassen und den Feldweg an der Brücke genommen, um den Hang hinauf nach Altschluderbach zu gehen. Da liegt der Trenkerhof, ein mächtiges Bauernhaus. Am Giebel die Aufschrift „Gustav Mahler Stube“, darunter eine Gedenktafel: des Komponisten Herberge für die letzten drei Sommer seines Lebens. Ganz der Arbeit hingegeben war er hier. Und Alma hatte oft anderes zu tun.

          Das Gedenkzimmer ist tabu

          Das Foto der beiden mit Stock, Hut und Mantel hängt in der holzverkleideten Gaststube. Ein Imbiss zur Einstimmung: mit Spinat gefüllte Schlutzkrapfen, Bergkäse und roter Magdalener. Der wuchtige Bauernofen bleibt kalt, die Wirtin gegenüber unserer Neugierde reserviert. Zum Espresso bringt sie dann doch noch einen Brief, der an den Urgroßvater gerichtet war, in Plastikfolie: „An den lieben Herrn Trenker“. Darin bat der berühmte Gast, bis zu seiner Ankunft die Post aufzubewahren. „Schönste Grüße an Alle, Ihr ergebenster Gustav Mahler.“ Aber er konnte auch andere Töne anschlagen. Dann schrieb er Alma scherzhaft: „Entweder flüstern die Bauern, dass die Fenster klirren, oder sie gehen auf den Zehenspitzen, dass das Haus wackelt.“

          Wir sind bereit für den Aufstieg in die erste Etage, doch wir haben Pech. Das Gedenkzimmer ist tabu und bleibt verschlossen. Mahlers einstige Wohnung sei nicht zugänglich, sie werde privat genutzt, heißt es unnachgiebig. Ein Foto in der Fensternische - Mahlers Biedermeier-Wohnzimmer mit Klavier und Kamin, Sofa und Leuchter - kann da wenig Trost spenden.

          Aber es gibt ja noch das Komponierhäuschen, Mahlers legendärer Arbeitsplatz. Guten Mutes brechen wir auf, doch ein mächtiges Gittertor versperrt den Weg. Die Auskunft des Zerberus ist eindeutig: Sehr wohl sei die historische Stätte zu besichtigen, aber nur über den hauseigenen Wildtierpark, für den ein Obolus zu entrichten sei, nebenan im Kassenhäuschen. Vor den musikalischen Tempel hat die Wirtsfamilie krakeelende Tiere gesetzt. Warum nicht? Voliere reiht sich an Gehege, Pferch an Käfig. Es eskortieren uns grunzende Wildschweine, röhrende Hirsche, schweigende Uhus, ein gemischter Chor von Zwergziegen und Schneckenhornschafen, lautlose Chinchillas, keckernde Fasane, ein leise schnarchender Waschbär. Welch ein Klangkörper! Wir sind uns sicher, Mahler wäre, hätten ihn solche Laute auf seinem morgendlichen Gang zum Arbeitsplatz begleitet, vor dem animalischen Orchester geflohen, er hätte Reißaus genommen, auf Nimmerwiederhören. So schwanken wir zwischen Erheiterung und Irritation, aber es bleibt uns nichts übrig, als die Kakophonie des Tierparks hinzunehmen.

          Ein Ehedrama im Gepäck

          Unter hohen Nadelbäumen stoßen wir endlich auf ein Hexenhäuschen, auf eine Hütte aus Brettern, die so gar nichts Märchenhaftes hat. Wer vor ihr steht, hat das Ziel seiner Träume erreicht. Die schlichte, gebrechliche Klause ist Gustav Mahlers Komponierhäuschen. Ein Fleck, an dem Weltmusik entstand, vor einhundert Jahren, zu bestaunen wie die Tiere nebenan.

          Die Liebhaber des Komponisten werden hier zwischen Ehrfurcht und Ernüchterung hin- und hergerissen. Die Hütte mit ihrem abgeblätterten Grünanstrich changiert zur Kulisse mit verwitterten Fenstern und einer quietschenden Tür. Der Innenraum ist leer, einige Foto- und Schrifttafeln hängen an den nackten Wänden. Immerhin gibt es ein Wiedersehen mit Gustav und Alma beim Wandern. Und wir haben Mahler, den Natursüchtigen, vor Augen, wie er vom Fischleinboden oberhalb Sextens zu den Drei Zinnen wandert, um Inspiration in der rauhen Welt der Berge zu finden. Da konnte er sich so richtig über die „Kuhgäste“ mokieren. Das Wandern war des Mahlers Lust, Grund genug, ihm nachzueifern.

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