11.02.2005 · Straft alle Boulevard-Geschichten Lügen: Im winterlichen Gstaad zeigt man, was man hat, nur hinter vorgehaltener Hand.
Von Volker MehnertDas hat man nun davon, wenn man mit lauter Boulevard-Geschichten im Kopf nach Gstaad reist. Man kann sich noch so viel Mühe geben, sie zu verdrängen, es gelingt nicht. Auf der Promenade und auf der Piste, im Gespräch und hinter den Kulissen - immer sucht und findet man irgendwo das Thema "Prominenz". Dabei hat Gstaad es längst aufgegeben, sich offiziell als Treffpunkt der Hautevolee zu präsentieren. Am liebsten möchte es als gehobener Wintersportort für jedermann auftreten. Aber diese Kalkulation kann nicht aufgehen. Adel und Geldadel mögen sich in ihren Chalets verstecken und die Schönen und Neureichen ihre Party-Clubs von Türstehern bewachen lassen. Doch irgend etwas dringt immer nach draußen, so ist die Gerüchteküche allzeit in Betrieb. Der gewöhnliche Tourist bewegt sich deshalb nicht mit der üblichen Selbstverständlichkeit auf den Straßen und Pisten, sondern wähnt sich parallel zu seinem eigentlichen Ferienort immer auch ein wenig in einer höheren Sphäre, die nicht die seine ist.
Die High Society hielt im Gefolge von Liz Taylor und Richard Burton Einzug in Gstaad. Die beiden fuhren hier Ski, und da ihre Eskapaden in den fünfziger und sechziger Jahren die Boulevardblätter unablässig beschäftigten, fand sich der kleine Ort im Saanental plötzlich auf der Landkarte der Prominentenziele wieder. Auch heute noch ist das Show Business präsent, doch im Unterschied zu St. Moritz, Kitzbühel und anderen winterlichen Rummelplätzen versammelt sich in Gstaad eine Gemeinschaft des diskreten Reichtums, die keinen Wert auf die Zurschaustellung ihres Privatlebens legt.
Gleichförmige Chalet-Architektur
Gstaad macht es ihnen leicht, sich zurückzuziehen. Die Gleichförmigkeit der von der Gemeinde vorgeschriebenen Chalet-Architektur und die verstreute Lage der Häuser an den steilen Berghängen halten Paparazzi und Schaulustige von aufdringlichen Exkursionen und Gafferei ab. Da sich die traditionellen Fassaden zum Verwechseln ähneln, gibt es wenig zum Bestaunen. Von außen demonstrieren die Domizile bäuerliche Bescheidenheit, auch wenn sich hinter den Kulissen ein verschwenderischer Luxus entfaltet. Sogar der kolossale Neubau, den ein ehemaliger Generalsekretär der Vereinten Nationen mitten ins Ortszentrum gepflanzt hat, verbirgt sich geschickt hinter der wiederverwendeten Holzfassade des schlichten Chalets, das vorher an dieser Stelle stand. Wer mit der Bahn nach Gstaad reist, erlebt dieses durchgängige Understatement schon während der Anfahrt, wenn der Zug eine weite Schleife über den Berg zieht und den Blick auf das zurückhaltend-einheitliche Ortsbild freigibt.
Warum wohnt inmitten dieser baulichen Diskretion ausgerechnet ein Schweizer Star-Architekt? Erholt er sich hier von seinen verwegenen Kreationen, oder ist die betonte Gleichförmigkeit Ausgangspunkt für besondere Inspirationen? Vielleicht plant ja auch er heimlich einen Streich wie vor Jahrzehnten der Erbauer des Palace Hotels. Inmitten des harmonischen Konglomerats der Chalets irritiert dieser vielstöckige Protzbau, der dennoch seinen Teil zu Gstaads internationalem Ruf beigetragen hat. Im Palace Hotel, längst eine lokale Legende, quartieren sich diejenigen Mitglieder der Schickeria ein, die sich kein eigenes Chalet leisten können oder wollen. Wie eine mittelalterliche Burg thront es auf einem Hügel, und vor allem in der Nacht, wenn es bunt beleuchtet ist, sieht es aus wie seine eigene Kopie aus Las Vegas.
Zurückhaltung der Reichen
Die Zurückhaltung der Reichen in Gstaad manifestiert sich auch in Institutionen wie dem "Eagle Club", über den viel gemunkelt wird, von dem aber niemand etwas Genaues zu wissen scheint. Der Besucher sieht lediglich das Clubhaus, das direkt an der Seilbahnstation auf dem Wasserngrat steht, und hört das Gerücht, daß es ausschließlich im Winter geöffnet sei. Welche gewichtigen Mitglieder dieser Verein hat, darüber aber schweigt man in Gstaad so hartnäckig, wie es sich die einflußreichen Gäste wohl wünschen. Angesichts dieser Diskretion mag man erst gar nicht nach Sinn und Zweck des "Gstaad Yacht Club" fragen, der sein vornehmes Domizil am Ortsrand aufgeschlagen hat, obwohl im Saanental weit und breit keine größere Wasserfläche vorhanden ist. Schon eher faßbar ist der Sinn eines Zusammenschlusses mit dem Kürzel BIG, das für "Brits in Gstaad" steht und bei dem wenigstens ganz allgemein klar ist, wer sich hier einmal pro Woche in einem Hotelsalon bei Whisky und Champagner versammelt.
Der gemeine Tourist läßt die exklusiven Clubs am besten links liegen und vertraut sich "Charly's Tea Room" an, der ebenfalls von einem legendären Ruf zehrt, auch wenn er nach dem kürzlich erfolgten Abriß und Wiederaufbau nicht mehr wiederzuerkennen ist. Der Besitzer hat es nicht nötig, an der Fassade oder am Eingang den Namen des Etablissements anzubringen, denn jeder kennt "Charly's" oder weiß spätestens am zweiten Urlaubstag Bescheid. Das Cafe präsentiert sich jetzt viel offener als früher: Große Fensterfronten geben einen voyeuristischen Blick auf die Eisbahn frei, auf der am Nachmittag vornehme Damen mit ausgesuchten Pelzmützen auf dem Kopf ihre grazilen Schlittschuhrunden drehen. Durch die indiskreten Schaufenster kann man nun aber auch von außen nach innen blicken, und deshalb ist "Charly's" kein Ort für Prominente, die nicht beobachtet werden wollen. Dafür freuen sich alle anderen, daß sie an dieser renommierten Institution teilhaben dürfen: diejenigen, die vielleicht gern gesehen werden wollen, die aber niemand sehen will, und diejenigen, die sowieso niemand erkennt und die deshalb nichts dabei finden, wenn sie gesehen werden.
Nonplusultra der alpinen Bergwelt
Eine Schweizer Fremdenverkehrskrankheit, die immer noch nicht vollständig ausgerottet ist, hält sich in Gstaad hartnäckiger als anderswo: Viele bekannte Orte haben jahrzehntelang von ihrem Ruf als Nonplusultra der alpinen Bergwelt gezehrt und dabei den Anschluß an weltweite Entwicklungen im Tourismus verschlafen. Die Gäste kamen sowieso und nach Gstaad erst recht. Es wimmelt hier von Vier- und Fünf-Sterne-Häusern, und wenn man den Bewertungen einschlägiger Magazine glauben darf, dann sind auch einige der besten der Schweiz darunter. Andererseits besitzt heute längst nicht mehr jedes namhafte Hotel den Standard, den seine vielen Sterne versprechen. Man scheint hier recht freigiebig mit den Auszeichnungen umzugehen, oder aber die Kontrolleure haben in einigen Hotels vor dreißig Jahren zum letzten Mal vorbeigeschaut. Es mag auch sein, daß allein schon das Renommee von Gstaad einen automatischen Bonus wert ist.
Beispiele für diesen besternten Qualitätsverfall findet man genügend. Eines der Traditionshotels an der Promenade ist schon längst keine Zier mehr für die Flaniermeile. Die Fensterläden sind offenbar seit Jahrzehnten nicht mehr gestrichen, doch vielleicht verleiht das Gerücht, daß das Haus einer bekannten Persönlichkeit im Formel-I-Geschäft gehört, dem Hotel noch ausreichend Glanz. In den Zimmern eines anderen angestaubten Vier-Sterne-Hauses liegt zwischen dem abgewohnten Mobiliar, das aus den Tagen von Liz Taylor und Richard Burton stammen mag, ein halbes Dutzend Hochglanzmagazine aus, die sich mit teuren Uhren, extravaganter Mode und anderen "Pearls of Switzerland" befassen. Man kann kaum glauben, daß sich die Konsumenten dieser Luxusprodukte in einer solchen Herberge einquartieren. Aber vielleicht besteht eine bestimmte Sorte Reichtum ja auch darin, sich für viel Geld einen minderen Standard zu leisten.
Mit der Konkurrenz Schritt halten
Viele Gstaader Gäste scheinen freilich zu wissen, was gut und zeitgemäß ist, und mancher Hotelier hat längst begriffen, daß er mit der in- und ausländischen Konkurrenz Schritt halten muß. Vor zwei Jahren jedenfalls ist hier das Hotel mit dem umfangreichsten Wellness-Angebot der Schweiz eröffnet worden. In den zahlreichen Bädern, Saunen und Grotten findet man eine exquisite, manchmal beinahe dekadente Auswahl von Schönheits- und Entspannungskuren: Chardonnay-Peeling, vulkanisches Lehm-Peeling und Bali-Kaffee-Peeling, Milch- und Honig-Bäder und Reiswein-
Bäder, Aloe-Lavendel-Packungen, Aroma-Massagen und Oxyjet-Behandlungen. Wer das alles noch mit einem individuell abgestimmten Fitnessprogramm sowie Kosmetik, Champagner-Aperitif und Wellness-Lunch verbinden möchte, bucht einen vollen "Cleopatra Day" oder einen "Beauty Day für Ihn". In den separaten Abteilungen dieses luxuriösen Spa ist auch für das bekannteste Gesicht aus dem Show Business Diskretion gewahrt. Selbst wenn ein Star im gemeinsamen Ruheraum auf den einen oder anderen Durchschnittstouristen treffen sollte, schaffen dezente Musik und Beleuchtung ein Ambiente, das sich für unbotmäßige Kontaktaufnahmen als völlig ungeeignet erweist.
Globalisierung der Kochkunst
Stolz präsentiert Gstaad in dieser Wintersaison einen steilen Aufschwung des kulinarischen Niveaus. Genau 191 Punkte im Restaurantführer von Gault Millau zählen jetzt die Lokale im Saanental zusammen, und man braucht schon mindestens einen vierzehntägigen Urlaub, um sich dort als Feinschmecker auf dem laufenden zu halten. Diese Ansammlung hervorragender Lokale ist nicht selbstverständlich, schließlich reisen viele Chaletbesitzer mit eigenem Koch und Butler an und lassen sich in den Restaurants gar nicht sehen. Auf dem Wasserngrat oberhalb von Gstaad liegt sogar das alpine Bergrestaurant mit den meisten Gault-Millau-Punkten. Während man noch darüber nachdenkt, ob die dort praktizierte thailändisch-indisch-mexikanische Kochkunst wirklich auf eine Schweizer Alm paßt, stolpert man im Zentrum von Gstaad über eine Köchin, die ein ägyptisches Ful Medammes kocht, ein deftiges Bohnengericht, wie es die Straßenverkäufer in Kairo schmackhafter und authentischer nicht zubereiten könnten. Daß nach einem Tag auf der Skipiste ausgerechnet eine Speise aus der Wüste so besonders gut schmeckt, spricht dann doch für die fortschreitende Globalisierung der Kochkunst.
Gstaad ist allerdings nicht wegen des Essens, sondern wegen des Wintersports erfunden worden. Doch der Schnee sei eigentlich kein so wichtiges Thema mehr, heißt es zuweilen, viele Gäste kämen auch im Winter einfach nur zur Erholung in die Berge. Selbst die Skifahrer seien nicht mehr so unermüdlich wie früher, meint der Wirt des Restaurants auf dem Hausberg Wispile, nach zwei kurzen Abfahrten fühlten sich manche schon reif für den ersten Einkehrschwung. Und wie zur Bestätigung läßt sich eine Gruppe Holländer, die in voller Skiausrüstung gerade erst mit der Gondelbahn eingeschwebt ist, auf der Terrasse nieder.
Wettlauf mit dem Klima
Eine wichtige Rolle muß der Schnee indes schon spielen, denn nicht umsonst haben sich die Skigebiete rund um Gstaad kürzlich zusammengeschlossen, um in den kommenden Jahren siebzig Millionen Franken zu investieren. Der neue Skiverbund zwischen Zweisimmen, Gstaad und Chateau d'Oex verfügt über dreiundsechzig Liftanlagen und zweihundertfünfzig Kilometer Abfahrten. Die Pisten liegen allerdings ausnahmslos in der gefährdeten Tauwetterzone zwischen tausend und zweitausend Metern Höhe, so daß das Thema Beschneiung in Zukunft im Mittelpunkt stehen wird. Ob der Wettlauf mit dem Klima freilich auf diese Weise langfristig gewonnen werden kann, ist nicht nur in Gstaad umstritten.
Im kleinen Skigebiet Wispile experimentiert man schon jetzt mit einer Option. Wenn Talabfahrten immer seltener möglich sein werden, so der Gedanke, warum probiert man dann nicht auf der Höhe eine neue Form des Wintersports aus? Schneegolf gilt bislang noch als belächelter Ableger des eigentlichen Golfsports, den man höchstens ein paar kälteerprobten Fanatikern in Finnland oder Alaska zutraut. Doch wenn auf den Höhen der Wispile zwischen Ende Januar und Ende Februar einen Monat lang die neun Löcher für einen schneeweißen Golfplatz präpariert werden, ist der Zuspruch bei den Gästen überraschend gut. Die landläufige Vorstellung, daß sich dort vorwiegend unsportliche und ältere Herrschaften einfinden, trifft ebenfalls nicht zu. Der Golfparcours auf knapp zweitausend Metern Höhe führt nämlich über steile Hänge bergauf und bergab, so daß ihn nur einigermaßen durchtrainierte Menschen bewältigen können.
Reizvolles Ausweichprogramm
Wenn es in niedrigen Lagen an Schnee mangelt, bietet Gstaad auch für den Skifahrer ein reizvolles Ausweichprogramm. Nicht weit entfernt liegt auf dreitausend Metern Höhe der Gletscher Les Diablerets mit dem Skigebiet Glacier 3000. Er ist eine sichere Rettungsinsel vor dem Tauwetter - mit famosem Rundblick über die Waadtländer und Walliser Alpen, mit spektakulären Felsabbrüchen zur einen Seite ins Saanental, zur anderen ins Rhonetal und mit der futuristischen Bergstation des Renommierarchitekten Mario Botta als zusätzlichem Blickfang. An einem sonnigen Wintertag kann Skifahren kaum irgendwo schöner sein als auf dieser Dachterrasse der Schweizer Alpen. Spätestens dann versteht man jene Passage in der Broschüre des Gstaader Tourismusbüros, die den Gästen ganz unbescheiden "das Blaue vom Himmel" verspricht. Hier oben ist es tatsächlich greifbar nahe, und zwar gleichermaßen für Prominente und gewöhnliche Sterbliche.
Ski alpin: Die Skigebiete rund um Gstaad sind ein wenig verstreut, aber mit einem Skibus und einem einheitlichen Liftpaß verknüpft. Familiär und direkt vom Ort aus zu erreichen sind die Abfahrten von Wispile und Eggli, den weiträumigsten Pisten- und Liftverbund besitzt der Sektor Schönried/Saanenmöser. Besonders attraktiv sind die Gletscherpisten von Glacier 3000 mit der anspruchsvollen Talabfahrt zur Oldenalp.
Langlauf: Einfache und mittelschwere Talloipen werden zwischen Gstaad und Gsteig sowie zwischen Schönried und Saanenmöser gespurt. Die Höhenloipen im Langlaufzentrum Sparenmoos sind schwierig. Landschaftlich besonders schön ist die Loipe im Tal von Lauenen.
Winterwandern: Ein halbes Dutzend Wanderwege verschiedener Schwierigkeitsgrade haben direkt in Gstaad ihren Ausgangspunkt. Insgesamt werden in der Region mehr als dreißig Wege präpariert.
Eislauf: Die Kunsteisbahn direkt an der Promenade in Gstaad ist ein beliebter Ort für das Sehen und Gesehenwerden.
Rodeln: An den Hausbergen Wispile und Eggli befindet sich jeweils ein sechs Kilometer langer Schlittenweg.
Schneegolf: Von Ende Januar bis Ende Februar wird in jedem Winter der Neun-Loch-Golfplatz auf der Wispile präpariert. In Vollmondnächten und an den Wochenenden finden dort Turniere statt, ansonsten ist der Platz gegen Greenfee für individuelles Spielen zugänglich.
Information: Gstaad Saanenland Tourismus, CH-3780 Gstaad, Tel.: 0041/ 33/7488181, Fax: 0041/33/748 8183, E-Mail: info@gstaad.ch, Web: www.gstaad.ch. Auskünfte sind ebenfalls erhältlich bei Schweiz Tourismus, Postfach 160754, 60070 Frankfurt, Tel. (kostenlos): 00/800/10020030 Internet: www.myswitzerland.com.