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Veröffentlicht: 05.05.2009, 09:29 Uhr

Großbritannien Auf dem Schiff des Helden von Trafalgar

In London ist Admiral Lord Nelson vor allem als in Stein gemeißelter Kriegsheld präsent. In Portsmouth aber kann man sein berühmtes Schiff, die "HMS Victory", besuchen.

von Andrea Leber
© Andrea Leber Im Auftrag seiner Majestät: Die „HMS Victory”

Fast jeder kennt sie, die Statue von Lord Nelson auf dem Trafalgar Square in London, die den britischen Admiral mit stolz geschwellter Brust in Richtung Big Ben blickend zeigt. In Portsmouth, nur zweieinhalb Autostunden von der britischen Hauptstadt entfernt, kann man ihm auf ganz andere und weitaus authentischere Art begegnen - und zwar so authentisch, dass es einem Schauer über den Rücken jagt.

Da liegt sie im Trockendock, Nelsons "HMS Victory", von der englischen Marine im Jahr 1758 in Auftrag gegeben und somit das älteste Marineschiff der Welt. "HMS" bedeutet "Schiff Seiner Majestät", und tatsächlich vermehrte die "HMS Victory" den Ruhm des britischen Königshauses gewaltig. Am 21. Oktober 1805 besiegte Lord Nelson auf ihm Napoleons Flotte in der berühmten Schlacht von Trafalgar. Die Ehren für den glücklichen Ausgang des Gefechtes konnte Lord Nelson allerdings nicht mehr entgegennehmen: Nelson starb, von der Kugel eines französischen Schützen getroffen, wenige Augenblicke nachdem man ihm den überwältigenden Sieg über die gegnerische Flotte gemeldet hatte.

Teuer wie ein Flugzeugträger

Heute geht es geruhsam zu auf dem riesigen Schiff. Während draußen das AprilWetter verrückt spielt, klettern Touristen in das Schiff. Pro Jahr empfängt es etwa dreihundertfünfzigtausend Besucher. Auf der eineinhalb Stunden dauernden Führung kann man jeden Winkel der "HMS Victory" kennenlernen - immer an die Warnung denkend, ja den Kopf einzuziehen, denn die vielen Balken, die das Schiff zusammenhalten, bieten, davon zeugen immer wieder schmerzverzerrte Gesichter, reichlich Gelegenheit für eine Kollision. Der Aufstieg zum Quarterdeck, auf dem Lord Nelson seine Schussverletzung erlitt, geleitet den Besucher direkt vor die Tür zu seiner damaligen Kajüte. In ihr kann man sich heute wie ein fremder Eindringling schamlos breitmachen. Den meisten von Lord Nelsons Zeitgenossen blieb der Zutritt in das Reich des Kapitäns freilich lebenslang verwehrt. Der Raum ist weitläufig, die Decke niedrig. Die durchschnittliche Körpergröße der Schiffsbesatzung war nach heutigen Maßstäben sehr klein. Schwierig muss es gewesen sein, auf hoher See schaukelnden Schiffes zu navigieren, in dem fast sechstausend Baumstämme verbaut und für das zum damaligen Zeitpunkt 63 176 Pfund aufgewendet wurden - heute entspräche die Summe den Kosten für den Bau eines Flugzeugträgers.

Das Silberbesteck liegt blank geputzt auf der Tafel neben den Tellern und Tassen, alles wurde möglichst originalgetreu hergerichtet. Der Panoramablick vom Bug des Schiffes aus muss atemraubend gewesen sein. Hier stand Lord Nelson, schwankend mit den Wellen, und verteidigte tapfer und mutig mit einer Flotte aus nur siebenundzwanzig Schiffen Englands Ehre gegen französische und spanische Aufmüpfigkeit - so will es zumindest die englische Sicht der Dinge.

Schlaf bei Wellengang

Vielleicht ging die Schlacht auch deshalb als Sieg gegen Napoleon in die Annalen der Geschichte ein, weil Napoleon kein Seefahrer war, angeblich die Seefahrt hasste und sehr schnell seekrank wurde. Jedenfalls zementierte der Sieg Englands Vormachtstellung auf See für lange Zeit. Und was kann es für einen Briten denn auch Schöneres geben als ein Sieg über die Nachbarn auf der anderen Seite des Kanals, mit denen einen seit Jahrhunderten eine eigentümliche Hassliebe verbindet.

Neben dem großen Esstisch hängt ein hölzernes Bett, das an der Decke befestigt hin und her schaukeln konnte und so geruhsamen Schlaf auch bei Wellengang erlaubte. Von einem solchen Luxus konnte die einfache Schiffsbesatzung natürlich nur träumen. Klettert man hinab zu einem der anderen acht Decks, zurück in den Bauch des Schiffes, entdeckt man die andere Seite des Seefahreralltags. Auf einigen Decks erlauben lediglich kleine Schießscharten und Kanonenlöcher spärlichen Lichteinfall ins Innere des Schiffs. Geschlafen wurde in Hängematten oder auf dem blanken Boden - die Besatzung hatte immer dienstbereit zu sein. Bis zu vierhundertsechzig Seemänner schliefen auf einem Deck. Die Kosten für Bekleidung wurden vom Lohn abgezogen, der ohnehin erst nach Rückkehr in den heimischen Hafen ausgezahlt wurde. Die Männer aßen in Gruppen von vier bis acht Personen an einer Tischplatte, die mit Seilen an der Decke befestigt war. Schiffsbiskuit, durchsetzt mit Maden, und eine Gallone Bier waren Teil der täglichen Ration. Gleich neben den Kanonen, in der Mitte des Decks, befindet sich die Küche, eine Etage tiefer die Lagerräume sowie die Räume der Handwerker, die sich um die Instandhaltung der Ausrüstung und des Schiffs kümmerten.

Moment der Andacht

Immer tiefer geht es hinab in den Bauch des Schiffs. Die achthundert Mann starke Besatzung lebte hier auf mehreren verschachtelten Ebenen zusammengepfercht auf engstem Raum. Die "HMS Victory" war ein Paradeschiff, wie sie damals nur selten in Auftrag gegeben wurden. Mit ihren siebenunddreißig Segeln konnte sie eine Geschwindigkeit von bis zu elf Knoten erreichen; das entspricht zwölf Meilen pro Stunde. Das Schiff brachte es nach der Schlacht von Trafalgar zu bemerkenswerter Berühmtheit - ebenso wie Lord Nelson, der nach seinem Tod wie ein Volksheld verehrt wurde.

Noch heute schließt jede Führung mit einem kurzen Moment der stillen Andacht ab - natürlich an dem Ort auf dem Schiff, an dem Lord Nelson seiner Verletzung erlag. In der Londoner St.-Paul's-Kathedrale liegt der Admiral begraben.

Anreise: Von London aus fahren Busse des Unternehmens Nationalexpress nach Portsmouth. Die Fahrt dauert zwei Stunden, die Hin- und Rückfahrt kostet umgerechnet 14 Euro.

Schiffsbesichtigungen: Die Dockyards beherbergen neben der "HMS Victory" auch die "Mary Rose" und die "HMS Warrior 1860". Die Anlage ist auch Sitz der Royal Navy und des Royal Naval Museums. Der Eintritt zur Anlage ist frei. Für die Schiffsbesichtigung muss ein Ticket erworben werden, in dem der Museumsbesuch enthalten ist. Geführte Touren durch die "HMS Victory" können im Besucherzentrum gebucht werden, sie dauern etwa fünfzig Minuten.

Informationen: Die Anlage öffnet täglich um 10 Uhr, geschlossen ist sie an den Weihnachtsfeiertagen. Von April bis Oktober ist die Kasse bis 16.30 Uhr geöffnet, von November bis März bis 16 Uhr. Das Schiff verlassen muss man in den Sommermonaten um 18 Uhr, im Winter um 17.30 Uhr. Die Eintrittskarte für Erwachsene kostet umgerechnet dreizehn Euro, Senioren zahlen umgerechnet 11 Euro, Kinder bis fünfzehn 9 Euro und Familien 36 Euro. Mehr Informationen bei Portsmouth Historic Dockyard, College Road, H M Naval Base, UK-Portsmouth, PO1, Telefon: 0044/2392728060, im Internet: www.historicdockyard.co.uk und www.hms-victory.com.

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