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Montag, 13. Februar 2012
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Griechenland Odysseus gehört uns!

06.04.2008 ·  Wo liegt die Heimat des größten Irrfahrers der Weltliteratur? Die griechische Insel Ithaka nördlich des Peloponnes weiß es ganz genau: Sie und niemand sonst ist es. Zu Besuch auf einer kleinen Insel mit großem Namen.

Von Dominik Fehrmann
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Selbst die Wanduhr harrt der Erlösung. Unentwegt drehen die Zeiger ihre Runden, Stunde um Stunde, und doch geht es nicht voran, denn die mechanische Datumsanzeige ist defekt, klemmt, springt nicht weiter. Es ist immer Montag und immer der Monatserste im Kafeneion „Odysseus“ am Hafen von Vathy auf Ithaka, dort, wo alles Warten seinen Anfang hat, dort, wo einst Penelope ausharrte und sich der Schar dreister Freier erwehrte, bis Odysseus endlich heimkam, der Göttergleiche, dann war Ruhe. Auf so einen warten sie jetzt wieder - auf einen, der all die Zweifler mundtot macht, die so lange schon am Ruhm der Insel kratzen und am Stolz ihrer Bewohner.

Einstweilen sitzen sie im „Odysseus“ und trinken ihren Mokka oder ein Bier der Marke „Mythos“, den Zweiflern zum Trotz. Draußen zerschellt das Licht der ionischen Sonne an der Markise. Aber auch im Halbdunkel des Gastraums erkennt man die Beweisstücke an der Wand, die gerahmten Kopien von Landkarten aus dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert. Sie zeigen Griechenland oder das, was man damals dafür hielt. Es sind Gebilde von unterschiedlicher Gestalt, doch auf allen Karten gibt es diesen brillenförmigen Fleck, links oberhalb des Peloponnes, und die Bezeichnung ist immer dieselbe, da steht es, schwarz auf weiß: Ithaka.

Mutmaßungen über Ithakas Identität

„Es gibt jede Menge Anhaltspunkte“, sagt Spiros Arsenis und nippt an seinem Kaffee. Zwanzig Jahre lang war er Bürgermeister der kleinen Insel mit dem großen Namen. Inzwischen ist er pensioniert, aber nicht ohne Aufgabe. Spiros ist Vorsitzender der „Freunde Homers“. Vor vier Jahren gegründet, zählt der Verein heute hundertfünfzig Mitglieder, hundertfünfzig Ithaker, die dafür kämpfen, dass ein für alle Mal klargestellt wird: Ihre Insel ist das von Homer beschriebene Ithaka.

Mutmaßungen über Ithakas Identität gab es schon in der Antike. Doch erst seit Heinrich Schliemann das Troja der „Ilias“ in der Wirklichkeit verortete, gilt auch die Heimat des Helden der „Odyssee“ als weltlicher und damit auffindbarer Ort. Schliemann selbst hielt das heutige Ithaka für das homerische. Allerdings konnte er diese These archäologisch nicht stützen. Auch für Ungereimtheiten zwischen Homers Beschreibung und Ithakas Beschaffenheit fand er keine überzeugende Erklärung. Und so schießen die Spekulationen weiterhin ins Kraut. Vor allem jene, wonach Ithaka nicht Ithaka sei, das heutige also nicht dasjenige Homers, folglich nicht die Insel des Odysseus. Vor drei Jahren meldete sich ein britischer Hobbyforscher zu Wort. In einem dicken, mit Satellitenfotos bebilderten Buch erklärte er einen Zipfel der Nachbarinsel Kefalonia zu jenem sagenhaften Eiland und das heutige Ithaka kurzerhand zum homerischen Dulichion, mithin für völlig unbedeutend.

Ein Mythos verblasst nicht

Das Buch hat Wellen geschlagen. Und etwas Wasser ist auch über die Kaimauer von Vathy geschwappt. Dort, am Hafen rund um das Kafeneion „Odysseus“, sitzen die Touristen an den hinausgestellten Tischen der Restaurants, essen Fischgerichte und blicken aufs Meer. Der Blick geht nach Norden, auf eine fjordartige Bucht, an deren fernem Ende eine schmale Lücke klafft. Sie verbindet die Bucht mit dem Golf von Molos, der von Osten her tief in die Insel schneidet und sie fast in zwei Hälften teilt. Immer wieder tauchen dort in der Ferne Schiffe auf, Kurs auf Vathy.

Viele kommen von Kefalonia, der großen Schwester im Westen, und von Kefalonia, so denken die Menschen hier auf Ithaka, kommt auch das ganze Ungemach. Denn die jüngste Ithaka-Theorie ist nicht die erste zu Kefalonias Gunsten. Es rieche doch stark nach einer breit angelegten Marketing-Kampagne, sagt Spiros. „Natürlich würde sich jede Insel gerne mit dem Odysseus-Mythos schmücken.“ Dabei hat Kefalonia genügend Vorzüge. Die Landschaft ist lieblicher, das Freizeitangebot üppiger, das Nachtleben aufregender als auf Ithaka. Obendrein wurde Kefalonia vor einigen Jahren cineastisch verewigt: Die Insel ist Schauplatz und war Drehort der Historienschnulze „Corellis Mandoline“ mit Penélope Cruz und Nicolas Cage in den Hauptrollen - einer Spanierin und einem Amerikaner, wie man sich auf Ithaka echauffiert.

Doch was ist schon Hollywood gegen Homer. Ein Mythos verblasst nicht. Jahr für Jahr lockt Ithaka eine kleine, aber erlesene Schar von Besuchern an, darunter etliche Segler, die es sich nicht nehmen lassen wollen, einmal die Heimat des großen Irrfahrers anzusteuern. So leben die dreitausend Einwohner Ithakas heute nicht zuletzt von gutbetuchten Segeltouristen, die für einige Tage im Hauptort Vathy festmachen oder in den idyllischen Häfen von Frikes und Kioni im Norden der Insel.

Jetzt strahlt die Insel in altem Glanz

Noch Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war Ithaka selbst eine maritime Hochburg, eine Insel der Seefahrer und Schiffseigner, die ihrem Helden alle Ehre machte. Ithakas Reeder gehörten zu den bedeutendsten in Griechenland, beherrschten sogar die Dampfschifffahrt auf der Donau. Fast jede Familie lebte irgendwie von der Seefahrt. Von dieser Epoche zeugt nur noch eine klassizistische Reedervilla in Vathy. Heute residiert hier ein Jachtklub. Nicht nur vom Niedergang des Schifffahrtsgewerbes hat sich Ithaka erholt, sondern auch vom schweren Erdbeben 1953. Es ist gewiss kein Zufall, dass von allen Göttern ausgerechnet der Erderschütterer Poseidon dem Odysseus das Leben zur Hölle macht. Denn die Region um Ithaka ist seismisches Risikogebiet. Immer wieder bebt hier die Erde, meist ohne Folgen. Doch das Beben von 1953 verheerte die Insel und ließ kaum einen Stein auf dem anderen. Die meisten Bewohner wanderten aus, suchten ihr Glück auf dem griechischen Festland oder in der weiten Welt.

Einige sind später zurückgekehrt mit dem Geld, das sie in der Fremde verdient haben. So konnte vieles wieder aufgebaut werden. Jetzt strahlt die Insel in altem Glanz, auch dank Spiros, der in seiner Amtszeit für strenge Bauvorschriften sorgte. Bis heute dürfen Gebäude auf Ithaka nur im traditionellen Stil errichtet werden: höchstens zweigeschossig, mit Holzfenstern und Satteldächern. Mit ihren Fassaden aus Naturstein oder pastellfarbenem Putz und den schmiedeeisernen Balkonen bieten die Häuser einen malerischen Anblick. So könnten sie hier in Frieden leben - machte man ihnen nicht ständig ihren Helden streitig. Aber das, sagt Spiros, werde bald ein Ende haben, wenn erst einmal die Authentizität des Palastes von Odysseus erwiesen sei. „Fahren wir hin!“

Olivenbäumen am Fuß eines Felsabhangs

Die Fahrt führt über die Landenge in den Norden der Insel, entlang der steilen Westküste. Linker Hand, nur durch eine schmale Meeresstraße getrennt, erstrecken sich Kefalonias dunkle Höhen. Irgendwo hinter dem Dorf Stavros biegt Spiros von der befestigten Straße auf eine Schotterpiste ab. Nach einigen hundert Metern hält er mitten im Gelände an und stellt den Wagen an einer Böschung ab. „Hier entlang“, sagt er und marschiert einen holprigen Hang hinauf. Ein Weg ist nicht zu erkennen. Es geht über Stock und Stein, vorbei an Ginster und wildem Lorbeer. Ein paarmal bleibt Spiros stehen, um kleine Tonscherben aus dem Lehmboden zu pulen, die er kurz prüft und wieder wegwirft. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen, abseits grast ein angebundener Esel. Der Geruch von Salbei füllt die Luft.

Schließlich ist eine Anhöhe erreicht, ein von Olivenbäumen gesäumtes Plateau am Fuß eines Felsabhangs. Ganz oben steht ein verfallenes graues Gemäuer, darunter liegen mächtige behauene Quader, dazu Felsbrocken und Platten, nebeneinander, aufeinander, alles wie achtlos ausgekippt. Einige Stellen sind provisorisch mit Brettern abgedeckt oder eingezäunt. Es dauert einen Moment, dann sortiert sich der Blick. Dann erkennt man die Überreste einer Gebäudeanlage, zweigeschossig an den Hang gebaut, die Treppen in den Fels gehauen. Und allmählich entsteht vor dem geistigen Auge ein herrschaftliches Anwesen mit ummauertem Vorhof, Wirtschaftsgebäuden und Akropolis, ein mykenischer Palast: der Palast des Odysseus.

Endgültige Gewissheit sollen Archäologen bringen

Da ist sich Spiros sicher. Alles passe zusammen, sagt er und zeigt nach Norden, zur Aphales-Bucht, dann nach Osten, hinüber zur Bucht von Frikes. „Dazu die Polis-Bucht in unserem Rücken, und man hat die drei Häfen nahe dem Palast, von denen Homer spricht.“ Außerdem, sagt er und wendet dabei mit der Schuhspitze eine Scherbe, befinde sich in der Nähe eine seit Ewigkeiten sprudelnde Quelle - der „dunkel quellende Brunnen“, Odyssee 20, 158. Fest steht: Dieser Ort namens Agios Athanasios war von der mykenischen bis in die römische Zeit besiedelt, also schon im dreizehnten Jahrhundert vor Christus und damit in jener Zeit, in die man Odysseus heute, wenn überhaupt, geschichtlich einordnet. In der Polis-Bucht hat man zudem in einer Grotte einige Weihgegenstände gefunden, darunter eine Sammlung von Dreifüßen, wie sie Odysseus laut Homer von den Phäaken geschenkt bekam, sowie das Fragment einer Terrakottamaske mit der Aufschrift „Odysseus gewidmet“. Diese Gegenstände stammen zwar aus nachmykenischer Zeit, weisen aber immerhin auf einen Odysseus-Kult in dieser Gegend hin.

Was aber ist mit den bekannten Ungereimtheiten? Der Tatsache vor allem, dass Homer die Insel des Odysseus als westlichste der Region bezeichnet? Das trifft auf das heutige Ithaka eindeutig nicht zu. Kein Problem, sagt Spiros und verweist auf das Werk eines Mitglieds der „Freunde Homers“. Darin sei überzeugend dargelegt, dass Homers hexametrisches Versmaß den wahren Sinn der fraglichen Aussage verschleiere. Lese man Homer richtig, füge sich alles zu einem stimmigen Bild. Endgültige Gewissheit sollen jetzt Archäologen der Universität von Ioannina bringen. Bislang haben sie an dieser Stätte nur sporadisch gegraben. Es fehlte an Geld. Außerdem handelt es sich zum Teil um privates Gelände.

Gesänge über Abschied, Sehnsucht und Wiedersehen

Doch die „Freunde Homers“ haben Spenden gesammelt - genug, um zweieinhalb Hektar Land rund um das Plateau ankaufen und weitere Grabungen unterstützen zu können. Nun soll hier systematisch gesucht werden. „Ein Bruchstück mit dem Namen von Odysseus oder auch nur von seinem Hund, und die Sache wäre erledigt“, sagt Spiros und lacht. Und bückt sich nach einer weiteren Scherbe.

Auf der Rückfahrt über die Küstenstraße nach Vathy legt Spiros eine CD ein. Es ist das neue Album von Mikis Theodorakis, eine Liedersammlung mit dem Titel „Odyssee“. Aus den Lautsprechern klingen Gesänge über Abschied, Sehnsucht und Wiedersehen, rechter Hand verschwindet Kefalonia aus dem Blickfeld, und in der Ferne taucht die Bucht von Vathy wieder auf, die sie hier für die legendäre Phorkys-Bucht halten, jene Bucht, in der Odysseus heimkam am Ende seiner langen Irrfahrt.

Hände weg von Homer: Auf der streitlustigen Insel Ithaka

Anreise: Olympic Airways fliegt von Deutschland aus über Athen nach Kefalonia, Hapagfly nach Araxass nahe Patro. Von Kefalonia und Patras gibt es tägliche Fährverbindungen nach Ithaka.

Unterkunft: Empfehlenswert ist das Boutique-Hotel Perantzada in Vathy mit zwölf individuell eingerichteten Zimmern im 1811 errichteten Gebäude der ehemaligen Marineschule (Doppelzimmer ab 160 Euro. Telefon: 0030/26740/33496, Internet: www.arthotel.gr/perantzada). Günstiger ist das Hotel Mentor direkt am Hafen von Vathy (Doppelzimmer ab 98 Euro, Telefon: 0030/26740/33033).

Museen: Die beiden archäologischen Museen der Insel - eines in Vathy, eines in Stavros - präsentieren die wichtigsten Fundstücke Ithakas.

Literatur: „Odyssee“ von Homer, Artemis & Winkler, Düsseldorf und Zürich 2007; „Ithaka, der Peloponnes und Troja“ von Heinrich Schliemann, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1989 (nur noch antiquarisch erhältlich); „Odysseus Unbound“ von Robert Bittlestone, Cambridge University Press, Cambridge 2005 (argumentiert pro Kefalonia); „Ithaca and Homer (The Truth)“ von Christos I. Tzakos, Athen 2005 (verteidigt Ithaka; erhältlich in den Buchhandlungen auf der Insel).

Information: Griechische Zentrale für Fremdenverkehr, Neue Mainzer Straße 22, 60311 Frankfurt, Telefon: 069/2578270, Internet: www.gnto.de.

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