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Golf Der sicherste Ort ist neben der Fahne

21.07.2004 ·  Das Golfspiel führt in eine Welt, in der es nicht schadet, über Grundkenntnisse der menschlichen Anatomie, der Physik und des Buddhismus zu verfügen - und vielleicht sogar der Ornithologie.

Von Freddy Langer
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"Deinen ersten Abschlag", sagte Walter Watzinger, der Pro der Golfanlage Waldhofalm, während ich vermeintlich routiniert den Golfball auf das Tee legte, mich möglichst unauffällig darauf konzentrierte, locker zu sein, und wünschte, er würde still sein, diesen ersten Abschlag, sagte er, "den vergißt du nie." Natürlich meinte er damit den ersten Abschlag auf dem Platz. Denn dreieinhalb Tage lang hatten wir kaum anderes gemacht, als Golfbälle abzuschlagen. Eimerweise hatten wir sie aus dem Schutz eines Unterstands vom Plastikrasen des Übungsabschlags in die freie Natur der Waldhofalmwiese gedroschen, so viele, daß Herr Ebner, der Besitzer des Golfplatzes und des dazugehörenden Hotels, an einem der besonders schönen Abende lange beschäftigt war, sie mit Traktor und Fänger einzusammeln. Wir saßen noch auf der Terrasse der Almhütte, beobachteten die Rehe, die sich im Abendlicht in dem künstlich geschaffenen Idyll aus Waldsaum und Fairway tummelten, und entwickelten bei Weißbier großartige Theorien des Golfschwungs, geradeso, als sei eine allein nicht schon schwierig genug umzusetzen. Etwa die nach der "Balanced-Swing-Methode", die der österreichische Golfmeister Franz Laimer erfunden hat und mit der wir in die Welt dieses Ballspiels eingewiesen wurden.

Es ist eine Welt, in der es nicht schadet, über Grundkenntnisse der menschlichen Anatomie, der Physik und des Buddhismus zu verfügen - und vielleicht sogar der Ornithologie. Denn "wie ein Vögelchen" sollten wir den Schläger in den Händen halten, sagte Walter Watzinger, den wir vom ersten Tag an Walter nannten, obwohl wir Schüler einander bis zum Schluß standhaft siezten: "Ganz vorsichtig. Ganz locker." Da war es wieder, dieses Wort, das vom Golf nicht wegzudenken ist. "Wenn ihr den Schläger locker haltet", sagte Walter, und führte es mit einer Hand vor, "dann rauscht er in der Luft, während ihr den Schwung durchzieht. Setzt man hingegen Kraft ein, bleibt der Schläger stumm." Es war eine Übung, die wir mit einer Hand gerne machten und durchaus erfolgreich abschlossen, die aber mit zwei Händen nur selten zum erwünschten Rauschen führte. "Jetzt hört halt auf zu denken", riet dann Walter und tröstete uns: "Dös is euer Perfektionswahn."

Unvergleichliche Eleganz


Aber geht es beim Golf nicht genau darum, um Perfektion: den Ball in vollendeter Harmonie und mit unvergleichlicher Eleganz in Richtung Loch zu befördern? Wie soll man nicht perfektionswahnsinnig werden, wenn man in Franz Laimers "Golf Handbuch" liest: "Durch die Drehung des Oberkörpers um die Achse des Rückgrates bei nicht bewegtem Nacken entsteht die optimale Schwungspannung." Nichts anderes wollten wir erreichen. Und aus keinem anderen Grund schob Walter immer wieder mal unsere Schulter zurück, mal den Kopf nach vorne und formte an unseren Positionen, bis man von uns einen Abguß hätte machen können für eine Skulptur der Essenz des Golfs. Trotzdem wäre nichts schlimmer, als in dieser Stellung auch nur einen Moment lang zu verharren - den Schläger am rechten Ohr vorbei in die Höhe gereckt. "Bei einem guten Golfschwung", schreibt nämlich Franz Laimer weiter, "kann man immer wieder feststellen, daß der Durchschwung einsetzt, bevor der Aufschwung beendet ist." Walter formulierte es energischer: "Zieht durch!"

Franz Laimer und Herbert Ebner, den Golfchampion und den Hotelier mit eigenem Golfplatz, verbindet eine augenfällige Parallele in der Biographie: Beide waren Bauernbuben und folgten von Jugend an einer Vision, deren Erfüllung traumhafte Züge annimmt. Laimer verdient sich als Caddy sein Taschengeld, beginnt erst mit sechzehn Jahren Golf zu spielen, gewinnt trotzdem gleich im ersten Jahr zweiunddreißig Turniere und erspielt sich in der kurzen Zeit ein Handicap eins. Elf Jahre lang führt er die österreichische Golfrangliste an, bevor er sich 1989 vom internationalen Turniersport verabschiedet und seine Golfschule bei Bad Ischl gründet. Seit dem Umbau vor drei Jahren, sagt er, gehöre die anderthalb Millionen Euro teure Anlage zu den modernsten Europas - ausgelegt auf siebeneinhalbtausend Schüler im Jahr. Ebner redet dem Vater ein sumpfiges Grundstück ab, das für die Landwirtschaft nichts taugt, eröffnet mit der Mutter darauf eine Frühstückspension und baut sie von den späten sechziger Jahren an kontinuierlich aus zum größten Hotel von Fuschl am See, den "Waldhof", zuletzt im vorigen Jahr mit einem neun Millionen Euro teuren Anbau, in dem sich die italienischen Stilelemente der Salzburger Innenhöfe mit traditioneller Bauernarchitektur unter der Fassade eines Märchenschlosses vereinen.

Ästhetisch überzeugender Bogen


Stets Verwandte im Geist, kann es nicht erstaunen, daß sich die beiden vor einem Jahr auch geschäftlich getroffen haben. Und gleichwohl Ebner seinen "Waldhof" keinesfalls je als ein Golfhotel verstanden wissen will, spricht doch vieles dafür, daß er gemeinsam mit Laimer den kleinen Hotelgolfplatz zu einer größeren Anlage erweitert. Und auch Laimer denkt daran, seine Schule um eine öffentliche Neun-Loch-Golfanlage zu ergänzen. Das wären dann die Plätze acht und neun in der Region. Der Bedarf für die Zukunft, darin sind die beiden sich einig, sei damit noch lange nicht gedeckt. Es sei nur eine Frage der Zeit, glaubt Laimer, bis sich auch kleine Gemeinden einen Golfplatz leisteten - so, wie früher überall Freibäder gebaut wurden.

Mein erster Abschlag auf der Driving Range hatte geklappt, daß es nur so rauschte. In einem ästhetisch überzeugenden Bogen war der Ball geradeaus weit über die Fünfzig-Meter-Marke hinausgeflogen. Jawohl, dachte ich, berauschte mich an der überraschenden Dynamik, und augenblicklich ratterten mir Vokabeln durchs Hirn wie "Ballgefühl" und "Naturtalent", und ich ärgerte mich nicht einmal darüber, daß von den anderen keiner zugeschaut hatte. Denn das würde ja nun so weitergehen, dachte ich. Aber dann flogen die Bälle manchmal nach links, sehr oft nach rechts oder holperten gemächlich über die Wiese, oder es sauste der Schläger mit buchstäblich mitreißendem Schwung knapp über den Ball hinweg. Warum das so ist und erschreckend schnell immer schlimmer werden kann, wußte Walter mit dem Dreisprung "Enttäuschung - Wut - Anspannung" zu erklären; kurz: "Ihr beginnt nachzudenken, und schon ist die Lockerheit futsch." Er sagte immer "ihr"; auch bei Komplimenten. Das war deshalb gut, weil sich dann jeder angesprochen fühlte.

Leuchtende Druckstellen


Wir waren zu dritt. Zwei Männer, eine Frau. Das darf man in dieser Reihenfolge sagen. Denn es stimmt, daß beim Abschlag die Herren den Vortritt vor den Damen haben. Nicht hingegen stimmt, das "Golf" ein Akronym sei, gebildet aus: "Gentlemen only, Ladies forbidden". Keiner von uns hatte es bisher über einige Runden Minigolf hinausgebracht. Aber in fünf Tagen würden wir unseren Kurs platzreif beenden. So verspricht es der Golfprospekt. Walter versprach noch mehr. "Ich richt' euch so her", sagte er, "daß ihr auf den besten Golfplätzen der Welt spielen könnt." Leider dauerte es einige Zeit, bis wir begriffen, daß er dabei nicht von einer profireifen Technik sprach, sondern die Etikette meinte - also jene Regeln, deren Verletzung nie mit Strafschlägen, im Ernstfall jedoch mit Platzverweis geahndet werden.

So ging es fünf Tage lang eben nicht nur darum, in schon zenhafter Manier Griffe und Bewegungsabläufe bis zum Moment der Demut und dem Aufleuchten der Druckstellen im Handballen zu trainieren: beim Abschlag, auf dem Fairway und vorm Loch, mit allerhand verschiedenen Schlägern, die wir bald fachmännisch Hölzer und Eisen zu nennen wußten. Wir lernten auch, wo die Golftasche nicht abgelegt werden darf, was man ruft, wenn sich der Ball mit raketenhafter Geschwindigkeit auf Spaziergänger zubewegt, oder weshalb man die Scores nie auf dem Green notiert. Sagte Walter: "Kein Mensch wird sich daran stören, wenn ihr grauenhaft spielt, solange ihr nur möglichst schnell die Bahn freimacht."

Ein ausgesprochen schöner Ball


Das war auf der Waldhofalm zum Glück nicht nötig. Wir mußten die Anlage, die zwar nur drei Löcher hat, aber immerhin neun Abschläge, kaum einmal mit anderen Spielern teilen. Die Regelkunde - die in frühen Tagen nichts weiter besagte, als daß man den Ball möglichst schnell ins Loch bringen und dabei fair bleiben müsse, jedoch im Laufe der vergangenen zweihundertfünfzig Jahre, exakt seit dem 14. Mai 1754, wegen allerhand Schummeleien und stets neuen Problemen etwa mit Weidezäunen, dem Wetter oder fleuchendem Getier auf mehrere hundert Seiten angewachsen ist -, diese Regelkunde erarbeiteten wir uns deshalb auf dem Platz. "Jetzt spielen wir einfach einmal", hatte Walter gesagt. Und uns zum ersten Abschlag des Platzes geführt, zugleich unserem ersten Abschlag jenseits der Driving Range. Nicht gesagt hatte er zum Glück, daß der erste Ball für immer der wichtigste Talisman eines jeden Golfers bliebe.

Es war ein ausgesprochen schöner Ball. Neongelb. So leuchtend lackiert, daß er einer Sonne gleich über den Himmel ziehen würde. Wie dreieinhalb Tage lang hundertfach geübt, bewegte ich mich durch die vier Stationen des Golfschwungs: Griff, Stand, Aufschwung, Durchschwung - und traf erwartungsgemäß den Ball. Augenblicklich machte er sich wie mit ungestümer Lust auf den Weg in den Äther, zog eine Zeitlang unter den Wolken vorüber, nahm bald darauf direkten Kurs über das Rough am Spielfeldrand hinaus und hinein in den Wald, wo er für immer verschwand. "Bälle und Tees", sagte Walter, "sind Verbrauchsgegenstände." Nur eine Stunde später würde mein eben erst erworbenes Ballsäckchen mit immerhin zehn Bällen halb leer sein. "Golf", so Walters knapper Kommentar, "ist ein interessanter Sport." Franz Laimer formuliert es, wie stets, ein wenig komplizierter: "Während einer Runde gibt es eine Unzahl von Möglichkeiten, negative Gedanken zu entwickeln." Weshalb uns Walter allen Ernstes versicherte, daß ein guter Golfspieler Phlegmatiker sein müsse. Und fügte hinzu: "Das kann man lernen."

Ich habe mein bestes gegeben


Am Wochenende gab es ein Turnier auf der Waldhofalm; nicht für uns, die Anfänger, trotzdem meldeten wir uns an. Wozu sonst hatten wir mit schriftlichem Test und vernüftig wirkenden Schlägen die erweiterte Platzreife erlangt? Es war ein herrlicher Morgen. Der Nieselregen und der leicht feuchte Boden waren gnädige Entschuldigungen für verrissene Abschläge. Trotzdem landeten erstaunlich viele Bälle auf Anhieb im oder neben dem Grün. Weshalb die Erkenntnis der vergangenen Tage, daß der sicherste Platz neben der Fahne sei, weil wir die ganz bestimmt nicht träfen, auf einmal nicht mehr galt. Nur bei mir verzögerte sich jedesmal die Annäherung ans Loch. Einmal sogar plumpste der Ball trotz des grandios eingeleiteten Abschlags nur einfach vom Tee und blieb direkt davor liegen. "Getoppt" ist dafür der Fachbegriff, wie ich von den immer höflichen und meist äußerst fröhlichen Mitspielern, den Flight Partnern, erfuhr.

"Ich habe mein Bestes gegeben, und das ist alles, was ich tun kann. Ich glaube nicht, daß ich ein solches Ergebnis verdient habe", sagte dieser Tage Sergio García zu Beginn der British Open, nach einer Runde mit 75 Schlägen. So ähnlich werde ich es künftig auch formulieren. Ich brauchte 61 Schläge - bei neun Löchern; nicht achtzehn. Das reichte nicht einmal für einen Trostpreis.

Ein Platzreifekurs ist vor allem ein intensives Training für Golfanfänger; denn auch eine bestandene Prüfung berechtigt keineswegs automatisch zum Spiel auf internationalen Plätzen. Vielmehr entscheidet jeder Club und jeder öffentliche Platz individuell, wen er auf sein Gelände läßt. Dennoch empfiehlt sich die Schulung, weil sie über die Grundtechniken hinaus mit dem Geist des Spiels und seinen Regeln vertraut macht. Die Platzreifeprüfung bei Franz Laimer wird von allen Golfclubs im Salzkammergut und vielen in Österreich akzeptiert.

"Ebner's Waldhof am See" bietet seinen Hotelgästen im Verbund mit Franz Laimer Platzreifekurse auf dem eigenen Golfplatz jeweils von Montag bis Freitag an. Außerdem finden täglich Golf-Schnupperkurse statt. Der Platzreifekurs kostet pro Person 440 Euro. Halbpension ab 147 Euro im Doppelzimmer für zwei Personen. Auskunft: Ebner's Waldhotel, A-5330 Fuschl, Tel. 0043 / 62 26 / 82 64. E-Mail: info@ebners-waldhof.at; im Internet: www.ebners-waldhof.at

Bei Franz Laimer
reicht das Angebot vom Gruppenunterricht bis zum Intensiv-Einzelkurs samt Video-Analyse. Auskunft: Golfzentrum Laimer, A-5351 Aigen / Vogelhub, Haiden 460 - Bad Ischl, Telefon: 0043 / 6132 / 26476. E-Mail: office@ franzlaimer.com; im Internet: www.franzlaimer.com

Weitere Informationen:
Deutscher Golf Verband e. V., Postfach 21 06, 65011 Wiesbaden, Telefon: 0611 / 990200. E-Mail: info@dgv.golf.de; Internet: www.golf.de/dgv

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.07.2004, Nr. 168 / Seite R3
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Jahrgang 1957, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

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