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Gnadenlos günstig (6): Im Reich von Pfarrer Kneipp Du könntest jetzt dein Leben ändern

Wassertreten, Wickel und kalte Güsse: Eine Kneipp-Kur ist eine ernste Angelegenheit. Besonders wenn man sich dafür nach Bad Wörishofen, dem einstigen Wirkungsort von Pfarrer Kneipp, begibt.

© Falk Heller/argum Vergrößern Zeigt her eure Füße: So ein Kurtag kann anstrengend sein. Vielleicht ist auch deshalb in Bad Wörishofen um zehn Uhr abends nirgends mehr Licht zu sehen.

Damit das gleich klar ist: Nach Bad Wörishofen fährt man nicht in den Urlaub, sondern zur Kur. Aber weil sich die ungefähr so gestaltet wie ein Aktivurlaub mit Betüdelung, macht das keinen Unterschied.

Das gebuchte Angebot "Kneipp zum Kennenlernen" beinhaltet sieben Übernachtungen mit Halbpension, acht Kneipp- Anwendungen, zwei Massagen und - sehr wichtig, wenn man sparen will - die Kurtaxe. Es ist nur eines von vielen Pauschalangeboten, die Hotels aller Kategorien machen, darunter auch schicke. In so einem waren wir natürlich nicht, aber schön war's trotzdem. Und gekostet hat es wirklich nur ganz wenig, obwohl wir den Versuch, mittels Dinner-Cancelling weitere Kosten zu sparen, schon nach einem Tag wieder aufgegeben haben. Immerhin gibt es beim Metzgerimbiss preiswert Salat und "Kassler Ripple" und im Supermarkt Nüsse und Obst.

Der Ort

Wahrscheinlich war dieses Städtchen nie besonders hübsch. Bevor Sebastian Kneipp als Beichtvater der Dominikanerinnen 1855 nach Bad Wörishofen kam und dem Schicksal des Ortes die entscheidende Wendung gab, war es ein Bauerndorf mit tausend Einwohnern, einer Kirche und einem Frauenkloster. Verändert hat es sich seit den 1880er Jahren, als von ihren Gebrechen Heilung Suchende ins Unterallgäu zu strömen begannen. Seit 1920 trägt Wörishofen den Zusatz "Bad" im Namen, seit dem Jahr 1949 darf es sich "Kneippheilbad" nennen. Die Reste des Dorfes bilden den kleinsten Teil des Ortes, eigentlich sind nur das Kloster und die Pfarrkirche als alt zu erkennen; es ist unwahrscheinlich, dass sich unter den vielen frisch verputzten Häusern mit ihren Läden und Lokalen für die Kurgäste eine bäuerliche Schicht verbirgt. (Aber durchaus gibt es noch Bauern in Bad Wörishofen: Am Abend rasen ein Monstertraktor und ein Mähdrescher die Ausfallstraße hinunter, und der Spaziergang führt an einem Stall voller unglücklicher Kühe vorbei.) Der gesamte Innenstadtbereich ist verkehrsberuhigt, wenn nicht gleich Fußgängerzone.

Der Meister

Sebastian Kneipps Leben ist eine Heldengeschichte: Im Jahr 1821 in einen bitterarmen Weberhaushalt hineingeboren, als Kind schon zur Arbeit herangezogen, erst zum Kühehüten, dann zum Weben, verspürte er schon früh den dringenden Wunsch, Pfarrer zu werden. Von seinem Vater wurde er darin nicht unterstützt. Es war ja sowieso kein Geld da, wovon hätte der Sohn also studieren sollen? Dennoch schaffte Kneipp es, mit dreiundzwanzig Jahren aufs Gymnasium zu kommen, um die Voraussetzungen fürs Theologiestudium zu erfüllen. Auf geradem Wege zum Ziel seiner Träume, doch fern von körperlicher Bewegung und vitaminhaltigem Essen, erkrankte er an Tuberkulose. Von dieser heilte er sich selbst, indem er winterliche Bäder in der eiskalten Donau nahm, und wurde in der Folge eben nicht nur Pfarrer, sondern auch Heiler. Nie habe er Geld fürs Heilen genommen. Irgendwie kam aber doch eine Menge Geld auf ihn. Das aber habe er nicht für sich behalten, sondern in seine Stiftungen gesteckt, ins Sebastianeum, ins Kneippianum, ins Kinderasyl, die alle drei bis heute bestehen. Und gerade weil er gegen Geschäftemacherei gewesen sei, habe er - interessante Volte - einem Apotheker aus Würzburg das alleinige Recht überlassen, Kräutertees mit seinem Namen und seinem Bild zu vermarkten, wie es bis heute geschieht und weiter geschehen wird in Ewigkeit, amen. So wird es in Bad Wörishofen kolportiert, und auch wenn man nur kurz hier war, kennt man diese Geschichte, denn sie wird in einem fort und überall erzählt. Bad Wörishofen hat einen zweiten großen Sohn, Rainer Werner Fassbinder, doch weil der hier nur geboren wurde und sonst nichts getan hat, erinnert kein Filmfestival an ihn, sondern nur eine Gedenktafel am Lichtspielhaus.

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