Home
http://www.faz.net/-gxi-15htk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Glosse Ramsauer sagt's

04.02.2010 ·  Bei der Bahn ist noch nicht einmal mehr auf die Verspätungen Verlass! Greifen wir zum Beweis das erstbeste Beispiel heraus, eine einfache Fahrt mit der Deutschen Bahn an einem Samstag, sagen wir, von Brühl bei Köln nach Heidelberg.

Von Edo Reents
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Bei der Bahn ist noch nicht einmal mehr auf die Verspätungen Verlass! Greifen wir zum Beweis das erstbeste Beispiel heraus, eine einfache Fahrt mit der Deutschen Bahn an einem Samstag, sagen wir, von Brühl bei Köln nach Heidelberg. Bevor man über die Servicenummer 01805/884422 jemanden an die Strippe kriegt, der die nächsten Verbindungen durchsagt, wird man darüber informiert, dass der Service verbessert und das Gespräch mitgehört werden soll, obwohl man ja mit einer einfachen Auskunft zufrieden wäre. Wer nicht abgehört werden will, darf das vorher sagen - bis auf die Servicemitarbeiter natürlich, denn sie sind es ja, die kontrolliert werden, ob sie den Kunden auch in ausreichend schwachsinnige Gespräche verwickeln und dabei die absurdesten Nachfragen stellen, die das eigentlich Erfragte zur Nebensache werden lassen. Nachdem man sich als Bahncard-Besitzer ausgewiesen und erkennungsdienstliche Fragen nach Geburtsdatum und Wohnort über sich hat ergehen lassen - offensichtlich haben nur Bahncard-Kunden Anspruch auf telefonische Auskünfte -, bekommt man endlich die Verbindung: Von Brühl geht es um 19.44 Uhr nach Köln, von dort dann im ICE zum Frankfurter Flughafen, von wo aus dann ein weiterer ICE nach Heidelberg fährt. Um 22.08 Uhr soll man da sein. Die tatsächliche Ankunftszeit ist 0.30 Uhr, fast doppelte Fahrzeit also.

Der Abend ist sowieso ruiniert

Das ist an sich keine Katastrophe, schließlich ist Winter. Das Problem ist nur, dass bei der Bahn immer irgendetwas ist: Mal fährt der Wagen mit der Ordnungsnummer 10 nicht mit, mal gibt es im Bistro nur Kaltgetränke, mal verkehrt der Zug in umgekehrter Reihenfolge. Und die Bahn zwingt ihre Mitarbeiter dazu, all diese Nichtigkeiten pausenlos durchzusagen, um die Fahrgäste vollends zu zermürben. Zurück nach Brühl: Der Zug fährt pünktlich los und kommt pünktlich in Köln an; dort aber hat der Anschluss-ICE fünfundvierzig Minuten Verspätung. Man geht etwas trinken, behält aber die Anzeigentafel im Auge, die dabei bleibt: fünfundvierzig Minuten. Als man sich fünfzehn Minuten vor Abfahrt am Bahngleis einfindet, wird dort ein anderer Zug angezeigt. Beim Service-Point ist zu erfahren, der Zug sei doch schon früher weggefahren - ohne Anzeige und ohne Durchsage. Das ist begreiflich. Schließlich haben die Anzeigen und Durchsagen mit ihren Null-Informationen vollauf zu tun: Der und der Zug kommt „wegen Verzögerungen im Betriebsablauf“ später, das heißt, er fährt später, weil er später fährt. Zurück nach Köln: Man besteigt einen anderen, viel späteren ICE. Der Anschlusszug am Frankfurter Flughafen hat siebzig Minuten Verspätung. Also fährt man über Frankfurt Hauptbahnhof, wo der Anschlusszug auch siebzig Minuten Verspätung hat. Egal, der Samstagabend ist sowieso ruiniert.

Dies ist nur ein klitzekleines Einzelschicksal. Aber die Bahn sollte sich fragen, wie es eigentlich kommt, dass die Leute nur noch höhnisch oder gehässig lachen, wenn um Teilnahme an Umfragen gebeten wird, die den Service verbessern helfen sollen. Was helfen könnte, ist ein Verkehrsminister, der zugibt, dass die Bahn mit ihrem ganzen Service-Getue in den allermeisten Fällen schief gewickelt ist. Er erwarte, teilte Peter Ramsauer nun mit, dass die Züge bei minus und bei plus vierzig Grad fahren. Die Bahn sei nicht nur dem Kaufmännischen verpflichtet, sondern auch dem Gemeinwohl. Alle reden vom Wetter, Ramsauer redet vom Wesentlichen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

Jüngste Beiträge