30.04.2010 · Ist Deutschland ein kinderfreundliches Land? Jedenfalls behautet es das gerne. Doch eine Umfrage unter Hotelgästen zeigt ein ganz anderes und gar nicht schmeichelhaftes Bild.
Von Jakob Strobel y SerraEs sind nur ein paar Zahlen, aber sie sind entlarvend, beschämend, schockierend. Sie zeigen, dass Deutschland zwar gerne das Etikett der Kinderfreundlichkeit auf alles Mögliche und am liebsten auf touristische Dienstleistungen klebt, aber oft genug das genaue Gegenteil davon ist: ein Land, das seine Kinder duldet, und manchmal nicht einmal das - ein Land also, in dem es viel zu viele Kinderfeinde gibt.
Das führende europäische Online-Hotelreservierungsportal HRS, eine grundsolide, hochseriöse Firma bar jedes Verdachtes der Skandalisierungslust, hat eine Umfrage über das Zusammenleben von Erwachsenen und Kindern in Hotels in Auftrag gegeben und jetzt die Ergebnisse veröffentlicht. Kinder, so der Tenor, sind in Wellnesszonen von Hotels nicht willkommen, am Pool aber gern gesehen. Mehr als die Hälfte der Deutschen fühlt sich in Saunen oder Spas von umherlaufenden, spielenden oder weinenden Kindern gestört. Nur sieben Prozent heißen Kinder bei der Wellness uneingeschränkt willkommen. Am Hotelpool finden es dagegen drei Viertel der Befragten in Ordnung, wenn kleine Gäste mitunter etwas lauter sind. Auch Hotelgäste mit eigenen Kindern möchten in bestimmten Zonen keine Familien sehen. Ein Viertel der Befragten mit eigenen Kindern im Alter bis zu fünf Jahren ist der Meinung, dass Kinder in der Hotelbar stören. 37 Prozent möchten bei Massage und Saunagängen auf die Gesellschaft von Kindern verzichten. Zwischen männlichen und weiblichen Befragten sind dabei keine Unterschiede festzustellen.
Kinder sind keine Störenfriede
Je älter der eigene Nachwuchs ist, desto empfindlicher reagieren Eltern auf spielende Kinder in diesen beiden Zonen. Bei Familien mit Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren fühlen sich fast fünfzig Prozent der Eltern im Wellnessareal und dreißig Prozent an der Hotelbar gestört. Ist der eigene Nachwuchs im Teenageralter oder älter, so legen deutlich mehr als die Hälfte im Spa und 46 Prozent an der Hotelbar keinen Wert auf die Anwesenheit von Kindern. Siebzig Prozent der Hotelgäste, die selbst keinen Nachwuchs haben, möchten keine Kinder bei der Wellness antreffen und jeder Zweite auch nicht an der Bar. Im Hotelrestaurant sowie in der Lobby und auf den Gängen stören Kinder die Gäste nicht so sehr. Beim Essen fühlt sich knapp ein Viertel der Befragten eher nicht durch die Kleinen beeinträchtigt, dreißig Prozent empfinden Kinder hier überhaupt nicht als störend, und annähernd jeder Zehnte findet es sogar gut, wenn die kleinen Gäste dabei sind. Trotzdem fühlen sich 37 Prozent der Befragten durch umherlaufende und spielende Kinder wenig bis sehr in ihrem kulinarischen Erlebnis beeinträchtigt. Rennen, Krabbeln, Rufen, Lachen und Weinen in Gängen und der Lobby eines Hotels sind allgemein akzeptiert - achtzig Prozent der Befragten antworteten mit "Stört mich eher nicht" bis hin zu "Im Gegenteil, das finde ich toll".
Toll ist das alles ganz und gar nicht. Denn die Kinderfeinde unter den Befragten missachten die grundsätzlichste Regel des Zusammenlebens von großen und kleinen Menschen: die Selbstverständlichkeit der Anwesenheit von Kindern. Wer sie in Frage stellt, begeht schon die erste Perfidie, weil er Kindern weniger Wert zugesteht als sich selbst. Wer Kinder als Beeinträchtigung seines Wohlbefindens empfindet und deshalb bestimmte Zonen eines Hotels zu kinderfreien Gebieten erklären will, maßt sich ein Recht an, das er nicht besitzt. Wer sich von Kindern bei der Wellness oder beim Essen gestört fühlt und am liebsten ungestört sein würde, sollte diesen Gedanken dringend einmal zu Ende denken - und sich fragen, wie viel Platz dann noch für Kinder in unserer Gesellschaft bliebe. In anderen Ländern ist die Vorstellung, dass Kinder Störenfriede sind und zum Beispiel nicht gemeinsam am Tisch sitzen sollten, vollkommen absurd. Und die Idee, dort, wo sie das dürfen, das Etikett "kinderfreundlich" draufzukleben, hielte man nicht einmal für einen schlechten Scherz.