23.07.2010 · Wenn das Freibad überfüllt ist und das Meer weit weg, dann wird die Sehnsucht nach einem Sprung ins Wasser schnell zur Qual - außer, das Nachbarskind verschmäht sein Planschbecken.
Von Lena BoppNeulich saß ich im Flugzeug, um nach Lyon zu fliegen, und wie das so ist, wenn man über den Süden fliegt, habe ich auf der Erde lauter blaue Punkte entdeckt. Ich hatte vergessen, dass es sie gibt, aber mich in dem Augenblick wieder an sie erinnert, als ich sie sah. Punkte wie Pickel. Nur eben nicht in Eitergelb, sondern in Blau, in einem schönen, hellen Blau, so leuchtend, dass ich noch im Flugzeug dachte, was würde ich geben, um jetzt dort zu sein? Denn das Flugzeug war zwar klimatisiert, und anders als bei der Deutschen Bahn funktionierte die Klimaanlage auch ganz hervorragend. Aber es brauchte doch nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie es sich auf der Erde anfühlte, in dem Moment, in dem ich über sie hinwegflog. Es war warm. Sommer. Ein windstiller Tag. "Butterblumengelbe Wiesen, / sauerampferrot getönt", würde Christian Morgenstern sagen, und man müsste ihm zustimmen. Man würde, wäre man nur unten auf der Erde, einfach sofort in einen von diesen Pools springen, die sich über das ganze Land verteilen und vom Flugzeug eben aussehen wie blaue Punkte.
Zum Süden Frankreichs gehören sie dazu wie der Klatschmohn, der an den Rändern der Sonnenblumenfelder wächst. Es gibt kein Haus, keinen Garten, in dem nicht ein Pool bereitstünde, um seine schwitzenden, gestressten Besitzer am Abend abzukühlen. In Frankreich klettert das Thermometer im Sommer schon seit Jahren auf mehr als dreißig Grad. Aber, und da müssen wir dem lieben Gott irgendwie dankbar sein, auch wir haben den Klimawandel ja jetzt auf unserer Seite, zurück in Frankfurt war es jedenfalls gar nicht viel kühler als in Lyon. Es fehlten nur die blauen Punkte.
Hinein in die Fluten
Meinem Nachbarn muss das ähnlich unangenehm aufgefallen sein wie mir. Als ich nämlich nach Hause kam und in den Garten sah - ein Hinterhofgarten, ohne Butterblumen, ohne Sauerampfer -, da sah ich etwas Blaues blitzen, klein, etwas unscheinbar, aber unübersehbar. Ein Planschbecken, jaja, ein Planschbecken, nicht für mich, sondern für die sechs Jahre alte Tochter des Nachbarn, die aber meines Wissens noch nicht ein einziges Mal in dem Becken gebadet hat. Kein Wunder, es ist immer besetzt. Denn wer sich seither täglich von dem imaginären Beckenrand in die Fluten stürzt, das bin ich. Das Becken passt mir hervorragend. Ich kann ausgestreckt in ihm liegen, den Kopf auf den Plastikrand legen, die Füße baumeln auf der anderen Seite heraus. Ich kann nicht ertrinken. Ich kann in den Himmel schauen. Ich muss nicht mehr schwitzen. Ich bin der erste blaue Punkt in Frankfurt. Und ich weiß, diejenigen, die über mir fliegen, blicken neidvoll auf mich herab.