03.08.2001 · Ein Hotelkonzern plant auf dem Obersalzberg, auf dem Hitlers „Berghof“ stand, ein Luxushotel. Wer sollen seine Gäste sein?
Von Edo ReentsUnter den Legenden, die sich bis heute auf dem Obersalzberg halten, lautet die schauerlich-trivialste, Hitler werde wiederauferstehen. Als dieser sich nämlich einmal droben dem Volk zeigte, sei es einem Berchtesgadener Enthusiasten mit Hilfe von nassen Schuhsohlen gelungen, ein Haar des Führers in Besitz zu nehmen, das er, nach vielen Jahren des Andenkens, an einen Amerikaner verkauft habe, welcher nun im Begriff sei, Hitler zu klonen.
Das werden die Amerikaner zu verhindern wissen, nachdem sich ihr Repräsentantenhaus gerade erst gegen das therapeutische Klonen ausgesprochen hat und das reproduktive nun sowieso in ganz weite Ferne gerückt ist. Dass der Führer trotzdem lebt und so schnell auch nicht aus den Köpfen der Obersalzbergsteiger herauszubekommen sein wird, verdankt sich nicht nur dem Andenkenkult, der in Berchtesgaden nach wie vor floriert: eine Tatsache, mit der sich auch die Bauherren und Betreiber des Hotels auseinanderzusetzen haben, das irgendwann - die Planungen zielen auf das Jahr 2004 - auf dem wunderbar hügeligen, weithin sichtbaren Gelände des ehemaligen Hauses Göring zu stehen kommen soll. Wer sonst soll dort Quartier beziehen, wenn nicht der am Nationalsozialismus irgendwie Interessierte, davon Infizierte? Es müssen ja nicht gleich marodierende Neonazis sein.
Eine Ortsbegehung ergibt, dass der Führer auch in weniger glattrasierten Köpfen präsent ist, und das kann auch gar nicht anders sein. Das war früher auch so, aber es ging hier heimlicher zu. „Kein Schild nennt den einstigen Bewohner des Fleckes. Er nichtet in den Gesprächen der an den mehrfachen Haltestellen Wartenden, schwingt bestenfalls in Untertönen mit, findet jedoch keine direkte oder konkrete Erwähnung. Als falle es schwer, den Namen so einfach auszusprechen; als enthalte die Frage nach ihm etwas übermäßig Obszönes: darauf sind rundum die ökonomischen Parasiten des toten Katastrophikers eingestellt.“ So schrieb, vor einem Vierteljahrhundert, Günter Kunert in seinem Essay „Im Adlernest“.
Die Unterstellung finanzieller Interessen hat auch in minder gewichtigen Fällen etwas Wohlfeiles - und ist doch nie einfach von der Hand zu weisen. Immerhon besuchen rund 300.000 Menschen im Jahr den Obersalzberg. Und sollte das Hotel eines Tages tatsächlich fertig werden - woran einige hier oben zweifeln: „Alles Spekulation“, sagt ein Stammurlauber -, dann werden es mit Sicherheit nicht weniger sein. Dass der Berchtesgadener Fremdenverkehr seit dem Abzug der Amerikaner starke Einbußen verzeichnet, wird dann noch genauso wahr sein; aber niemand wird dann mehr davon sprechen.
Die ersten Pflöcke sind jedenfalls schon geschlagen, wenn man die blauen und grünen Schilder als solche bezeichnen kann, die markieren, wo was hinkommen soll: „Restaurant“, „Halle“, „Pool“, „Wellness“ und „Konferenz“ - was es eben so gibt in einem Hotel, das den Leuten etwas bieten will. Dass dort tatsächlich auch Konferenzen abgehalten werden sollen, das haben die Betreiber von der Gruppe Intercontinental bereits bestätigt. Aber, so darf jetzt schon gefragt werden, was für Konferenzen werden das wohl sein? Hier soll doch wohl kein Revanchismus betrieben werden und keine Relativierung der Naziverbrechen? Es klingt ja verantwortungsbewusst, dass mit Intercontinental vereinbart wurde, hier jegliche Form von NS-Tourismus zu unterbinden; es fragt sich dann aber, welche Form von Tourismus dann noch bleiben soll - Alpenhotels gibt es auch anderswo.
Eine Dokumentationsstelle, seit 1999 auf dem Obersalzberg als ständige Ausstellung geöffnet, erfährt zwar nicht nur Lob, erfüllt aber eine Funktion vortrefflich, die ihr womöglich gar nicht zugedacht war, die aber spätestens jetzt zutage tritt: die endlich begonnene Aufarbeitung der Geschichte hier oben, die Platz schafft für angenehmere Dinge. Wie nämlich ein Sprecher des Bayerischen Finanzministeriums zugab, wäre das Hotel ohne diese Dokumentationsstelle „undenkbar“.
Jetzt ist es denkbar und für die Frage, ob denn jede Aussicht, und sei sie noch so schön, der touristischen Öffentlichkeit zugänglich zu machen sei, zu spät. Ein Ort stillen Gedenkens wird das Hotel jedenfalls nicht werden, aber einen solchen Ort gab es auf dem Obersalzberg nie - Hitler schmiedete hier seine Pläne, die sie umsetzenden Verbrechen begangen die Nazis woanders. Es wird, aller Voraussicht nach, ein Ort, wo die Menschen gerne hingehen, die Geschichte liegt ja tief genug unterm Geröll, das reichlich herumliegt.