10.05.2009 · Kaum etwas verbessert den Zusammenhalt unter Mitarbeitern so sehr wie gemeinsames Trommeln, behaupten Unternehmenstrainer - zu Besuch bei einem Trommelworkshop.
Von Anna LollSie werden sehen: Aus der Rolle des Managers oder gewissenhaften Mitarbeiters in die des wilden Trommlers zu schlüpfen fällt niemandem leicht. Am Anfang werden sich alle ablehnend verhalten - und sich dennoch Jahre später sehr gern an den heutigen Tag zurückerinnern", hatte Ed Freitas, professioneller Schlagzeuger aus Großbritannien und Veranstalter von Teamincentives, am Morgen noch gesagt.
Wir sind in Sitges, einem kleinen spanischen Ort, sechsunddreißig Kilometer von Barcelona entfernt. Von den Sehenswürdigkeiten der Stadt, von dem nahe gelegenen Museum, in dem Gemälde von Gaudí, Miró, Picasso und anderen Künstlern darauf warten, bewundert zu werden, bekommen die hundertfünfzig Mitarbeiter des internationalen Konzerns, der sich hier mehrere Tage lang in einem Vier-Sterne-Ressort eingemietet hat, nichts mit. Nicht Sightseeing, nicht Erholung, sondern Arbeiten steht auf dem Programm: Die Marketingabteilung des Unternehmens soll fitgemacht werden für die kommenden Monate. Zum Abschluss der Tagung hat sich der Marketingchef des Konzerns von den Organisatoren etwas Besonderes für seine Mitarbeiter gewünscht. Etwas, das knallt. Etwas, das sie nicht so schnell vergessen werden. Und damit auch nicht das, was er mit dem Abschlussbonbon bezwecken will: den Teamgeist in seinem Unternehmen zu verbessern. Die Wahl fiel auf einen Trommelworkshop.
Lautes Lachen hört man selten
Trommeln? Warum ausgerechnet Trommeln? Trommeln ist laut und macht Krach - gibt es nicht andere Mittel, um den Zusammenhalt einer Gruppe zu stärken? "Rhythmus ist ein Werkzeug, um Menschen zusammenzuführen", sagt Ed Freitas. Und vor allem: "Trommeln ist einfach." In einer Stunde könne man aus einer Gruppe von Menschen, die noch nie zuvor ein Instrument in der Hand gehalten haben, eine Band machen. Immer wieder habe er erlebt, dass sich nach dem gemeinsamen Trommeln auf einmal auch solche Mitarbeiter miteinander unterhalten, die zuvor nur schwer in Kontakt gekommen sind. Dass untereinander eine neue Verbundenheit zu spüren sei. "Natürlich kann man nicht erwarten, dass, wenn einmal im Januar zusammen getrommelt wird, danach alle für den Rest des Jahres ohne Differenzen zusammenarbeiten", erklärt René Proske, der Geschäftsführer des Unternehmens Proske Group, das von Rosenheim aus Großveranstaltungen für Konzerne wie Siemens, Coca-Cola oder Glaxo Smith Kline organisiert. So eine Veranstaltung wie die von seiner Agentur in Sitges organisierte sei immer als ein Baustein von vielen zu betrachten. Unterschätzen sollte man die Wirkung solcher Incentives dennoch nicht. "Ein Trommelworkshop kann der Teamstruktur eine neue Richtung geben", sagt er.
Die Teamstruktur des tagenden Unternehmens, die Rollen, die jeder einnimmt, scheinen eindeutig zu sein. Zwar gibt es keine feste Sitzordnung an den Konferenztischen, reden sich die meisten mit Vornamen an, sind die Teilnehmer leger gekleidet - die Szenerie wird von blauen Hemden, hellen Freizeithosen und Jeans bestimmt. Dennoch weisen kleine Zeichen auf die regierenden Hierarchien innerhalb der Gruppe hin: Wer lässt wen vor am Kuchenbuffet, bei welchem Redebeitrag recken sich die Hälse besonders interessiert, wer erlaubt es sich, während eines Vortrags rauszugehen, um zu telefonieren, um welche Personen bilden sich in den Pausen kleine Grüppchen, wer bleibt still am Rand. Die Stimmung unter den Unternehmensmitarbeitern ist besonnen, aber heiter. Lautes Lachen hört man selten. Und wenn, dann kommt es immer von den gleichen Personen. Von Trommelworkshops in Unternehmen, bei denen die Teilnehmer "geradezu ausgeflippt" seien, hatte Ed Freitas erzählt. Selbst diejenigen im Team, die man sonst nur schwer aus der Reserve locken könne, zeigten in solchen Momenten auf einmal neue Seiten.
Ein fröhliches Chaos
Noch herrscht Ernsthaftigkeit: Strategiepläne werden gewälzt. Der Werbespot für das neue Produkt analysiert, den das Unternehmen in den kommenden Monaten auf den Markt bringen will - ließe sich der Spot nicht noch ein wenig optimieren? Selbst in der Kaffeepause jonglieren die Mitarbeiter mit Zahlen, dabei haben sie schon die vergangenen drei Tage nichts anderes gemacht. Als ein sonnengebräunter Trainer drei Herren in gestreiften Poloshirts zu einem auflockernden Rollenspiel überreden will, winken sie ab. Sie surfen lieber im Internet. Man ahnt: Leichtes Spiel würde Ed Freitas hier wohl tatsächlich nicht haben.
Endlich geht's los. Während der Kaffeepause wurden die Tische zur Seite gerückt und die Stühle zu Reihen arrangiert. Eine Trainerin diktiert mit lauter Stimme ins Mikrofon, was jeder machen soll: Zum Sitznachbarn umdrehen und dem die Schultern massieren. Ungläubiges Gekicher im Raum. Die beiden Herren vorne links verziehen tuschelnd die Mundwinkel - sie halten offensichtlich nichts von dem Aufwärmprogramm, machen aber widerwillig mit. Spielkarten werden verteilt, alle sollen jetzt wild durcheinander im Raum herumrennen und sich dann, die Trainerin gibt ein Kommando, zu drei Teams zusammenfinden. Das Symbol auf der Spielkarte bestimmt die Zugehörigkeit. Man folgt, die meisten mit einem selbstironischem Lächeln, dann macht sich fröhliches Chaos breit. Die beiden Herren aber schütteln die Köpfe, legen ihre Spielkarten auf einen der Tische und gehen. "Bleiben Sie, bleiben Sie", ruft die Animateurin ihnen hinterher. Vergeblich.
Manager mit Rassel
Je ein Team geht in einen separaten Tagungsraum. Im größten ist Animateur Robert geblieben. "Und jetzt klatschen: one, two, three, four, five, Tequila!", ruft er in die noch immer unwillig dreinblickenden Gesichter. Dann geht es weiter mit Rhythmusübungen zu "Dance, dance, I like to dance" und "Have you got a job, a great big job".
Im Raum neben dem Speisesaal hat das zweite Team indes schon mit den Instrumenten begonnen. Der Raum ist kleiner, die Stimmung aber besser. Zwei Italiener haben sich Surdos, Trommeln, die einen tiefen Ton erzeugen, der im Körper nachvibriert, geschnappt. Die anderen halten Rasseln, Schellen und Glocken in den Händen. Erst zögerlich, dann immer enthusiastischer beginnen sie zu lärmen und zu läuten. "Samba-Reggae ist das, absolut Samba-Reggae", ruft der Latino, der das Team anführt. Lauter und leiser zu spielen wird geübt. Zwischendurch müssen die Teilnehmer immer wieder leicht in die Hocke gehen und dann mit einem lauten "Uuuuaaa!" wieder zum aufrechten Stehen kommen. "Das verstärkt den Klang eurer Instrumente!", ruft der Latino. Tatsächlich wird die Lautstärke zunehmend ungeniert. Bald lacht und wippt selbst die Teilnehmerin mit dem blonden Pferdeschwanz - sie hatte zunächst versucht, gleichzeitig zu rasseln und sich die Ohren zuzuhalten. Auch ein älterer Herr, der seit fünfundzwanzig Jahren bei dem Unternehmen ist, wie er in der Kaffeepause erzählt hat, musiziert jetzt begeistert mit. Eine halbe Stunde vorher war er noch einer jener Manager, die mit Tippen auf dem Blackberry signalisiert hatten, dass sie von so einem Trommelworkshop rein gar nichts halten.
Besser arbeiten mit vereinter Kraft
Nach fast drei Stunden treffen die drei Gruppen wieder im großen Saal zusammen. Aus den sehr kontrolliert wirkenden Mitarbeitern ist eine Horde lärmender und lachender Menschen, ein wildes Percussion-Orchester geworden. Sie schlagen auf tief klingende Trommeln ein, klopfen mit Holzstäben auf große Klanggabeln sowie auf eine Art Kuhhörner. Alle wippen, schaukeln oder schwingen mit den Hüften - die mit den Rasseln in der Hand sehen aus, als gehörten sie zu einer Samba-Band. Ed Freitas springt auf die Bühne und dort mit seinem Team auf und ab. Der Klang der Instrumente ist ohrenbetäubend. "Macht euch bewusst, was ihr hier erreicht habt!", ruft Freitas. "Vergesst nicht, was ihr alles gemeinsam schaffen könnt, wenn ihr eure Kräfte vereint!" Je länger gespielt wird, desto mehr will man davon hören. Uns Zuhörern zuckt es in den Beinen, der Blick schweift etwas neidisch über die Menschen mit den Instrumenten in der Hand. Wer hier im Raum Manager, wer einfacher Mitarbeiter ist, ist nicht mehr auszumachen. Die Rollen sind aufgebrochen worden - ob nur für eine Stunde oder für länger, wird sich zeigen.
Trommelworkshops: Trommeln als Incentive für Unternehmen bietet unter anderem der britische Veranstalter Drummerbuzz Limited, 183 Watling Street West, Towcester, UK-Northhamptonshire, NN12 6BX, Telefon: 0044/7986332176, im Internet unter www.drummerbuzz.com. Workshopanbieter aus Deutschland sind zum Beispiel der Veranstalter Drum Cafe Deutschland, Matthias Jackel, Darmstädter Str. 94, 63128 Dietzenbach, Telefon: 06074/3012266, im Internet unter www.drumcafe.de; Lazaremusic, Schützenstraße 109, 22761 Hamburg, Telefon: 040/404536, im Internet unter www.lazaremusic.de; Drum Olé, Patrick Strese, Königsteiner Str. 20b, 65812 Bad Soden, Telefon: 06196/670630, im Internet unter www.drumole.de
Information: Auskunft über die Agentur von René Proske und deren Angebote im Eventmanagement gibt es bei Proske Group, Oberaustr. 34, 83026 Rosenheim/München, Telefon: 08031/80080, oder im Internet unter www.proskegroup.com.