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Sonntag, 19. Februar 2012
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Geschäftsreisen Im Fieber des Meilensammelns

11.02.2010 ·  Sie jagen Flugmeilen, als wären diese ihr Lebenselixier: ,Mileage Maniacs' heißen die Vielflieger, die dem Kinofilm "Up in the Air" Pate standen.

Von Nina Rehfeld
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Ryan Bingham hat einen großen Traum: Zehn Millionen Vielfliegermeilen will der Geschäftsreisende sammeln. Und deshalb macht Bingham kaum eine Bewegung, die ihm nicht Meilen einträgt: Er isst, schläft und kauft nur dort ein, wo er mit Vielfliegermeilen belohnt wird. Und er verbringt seit langem mehr Zeit in der Luft als am Boden. In dem Film "Up in the Air", der in der vergangenen Woche in die Kinos gekommen ist, erzählt der Regisseur Jason Reitman die Geschichte eines Menschen, der jede Bodenhaftung scheut und zu spät erkennt, welchen Preis er dafür zahlen muss.

Es gibt sie wirklich, die Ryan Binghams. Zu Tausenden bevölkern sie den internationalen Luftraum und trotzen dem Leben jede nur erreichbare Flugmeile ab. "Noch vor ein paar Jahren", sagt der Vielflieger Randy Petersen, "wurde bei Cocktailpartys mit dem Wall-Street-Portfolio geprotzt. Heute misst man seinen sozialen Status an Vielfliegermeilen." Randy Petersen gehört zur Crème de la Crème der Reisenden: Siebzehn Millionen Meilen hat er in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren zusammengetragen, das macht ihn zum Mitglied in einem exklusiven Club der Luftikusse. Nur zweitausendfünfhundert Menschen weltweit, schätzt Randy Petersen, haben sich den Traum des Ryan Bingham aus "Up in the Air" verwirklichen können.

Von einer Fußnote zum Milliardengeschäft

Petersen muss es wissen. Seit fünfundzwanzig Jahren beschäftigt sich der ehemalige Mitarbeiter eines New Yorker Herrenausstatters mit nichts anderem. Damals gehörte es zu seinen Aufgaben, die landesweit über dreihundert Filialen seines Arbeitgebers abzuklappern. "Ich hatte immer schon ein Faible fürs Kleingedruckte", sagt Petersen, und ebendort stieß er auf die Vielfliegerprogramme, die damals, Mitte der achtziger Jahre, noch zu den Stiefkindern der Luftfahrtindustrie zählten. Bald hatte Petersen genügend Meilen für einen Gratisurlaub auf Hawaii beisammen. Als er zurückkehrte, beherrschte Petersens Coup im Büro den Flurfunk. Über Nacht wurde er zum Meilenmakler für Kollegen, die ebenfalls für lau in die Ferien fahren wollten, aber keine Geduld fürs Kleingedruckte aufbrachten. Im folgenden Jahr kündigte Petersen seinen Job und widmete sich dem professionellen Meilensammeln als Vollzeitbeschäftigung. Heute führt er das Vielflieger-Forum www.Flyertalk.com, gibt mit "Inside Flyer" eine Monatszeitschrift heraus und hält Vorträge auf Geschäftsreiseseminaren.

"Mileage Maniacs" nennt Petersen Menschen wie sich selbst, die keine Mühen scheuen, um ihr Meilenkonto zu mästen. Es sei ein bisschen wie Coupons für den Supermarkt sammeln - nur viel sexier, sagt er. Als erste große Fluggesellschaft führte American Airlines im Mai 1981 ein Punktesystem ein, mit dem Passagiere auf den Strecken der Fluggesellschaft Meilen sammeln und bestimmte Kontingente gegen Gratisflüge eintauschen konnten. Das Konzept entwickelte sich von einer Fußnote der Flugindustrie zu einem Milliardengeschäft multinationaler Airlineverbände wie Star Alliance, One World oder Skyteam, das heute weit über die reine Fliegerei hinausgeht: Meilen lassen sich inzwischen in Autovermietungen, Restaurants und Hotels sammeln, und längst muss man nicht mal mehr reisen, um Meilenmillionär zu werden: Beim romantischen Dinner und beim täglichen Einkauf, beim Telefonieren und Tanken, bei der Kontoeröffnung und dem Videothekenbesuch wächst das Meilenkonto. Sogar beim Zocken in den Casinos von Las Vegas kann man inzwischen Meilen sammeln.

Mit Pudding um die Welt

Schnäppchenjäger unter den Geschäftsreisenden, die sich in Internetforen wie www.Flyertalk.com oder www.Vielfliegerforum.de austauschen, lassen keine Gelegenheit ungenutzt. Mileage Maniacs wie Randy Petersen, die gerne das Kleingedruckte lesen, hebeln bisweilen das System aus. Im Jahr 1999 vertiefte sich David Phillips, ein Unternehmer aus Kalifornien, in die Werbeaktion einer Fluggesellschaft. Diese war eine Partnerschaft mit einem Puddinghersteller eingegangen. Phillips kaufte innerhalb von wenigen Tagen zwölftausend Puddings im Wert von dreitausend Dollar und erhielt dafür 1,25 Millionen Vielfliegermeilen - genug für einunddreißig Hin- und Rückflugtickets nach Europa. Der Fluggesellschaft American Airlines, die an der Aktion teilhatte, ist der Vorfall noch immer so peinlich, dass sie ihn nicht kommentieren möchte.

Die Top-Meilenmillionäre der Welt bringen riesige Kontingente nicht mit Pudding, sondern über den Einsatz von Kreditkarten zusammen, die an ihre Meilenkonten gekoppelt sind - jeder ausgegebene Dollar oder Euro entspricht dabei einer oder sogar mehreren Meilen. So, sagt Petersen, hat es der derzeitige Rekordhalter gemacht. Er nennt hundert Millionen Meilen sein eigen - eine Summe, die sogar ein Profi wie Petersen "sehr, sehr beeindruckend" findet.

Porsche-Service für Vielflieger

Kunden wie diesen, die weit jenseits vom Holzklassenstatus der Lufthansa- "Senatoren" (130000 Flugmeilen im Jahr) oder der "Chairmen" von US Airways (100000 Meilen im Jahr) unterwegs sind, hätscheln die Fluggesellschaften in eigens für sie entworfenen, distinguierten Sonderligen. Das zwei Jahre alte "Concierge Key Programme" von American Airlines zählt zu den ehrfürchtig umraunten Eliteclubs internationaler Fluggesellschaften. "Oh mein Gott", haucht Bingham alias George Clooney in "Up in the Air", als seine attraktive Reisepartnerin, gespielt von Vera Farmiga, mit Siegerlächeln ihre Concierge-Key-Karte zückt. "Ich habe mich immer gefragt, ob die tatsächlich existiert!"

Concierge Key, sagt Billy Sanez, der Marketingdirektor von American Airlines, sei "ein exklusiver Club für unsere besten Kunden, auf Einladung durch die Fluggesellschaft". Concierge-Key-Mitglieder verfügten über einen "gehobenen Reiseservice" - unter anderem steht ihnen eine eigene Service-Hotline zur Verfügung, ein persönlicher Umbuchungsservice bei Flugverspätungen oder -streichungen sowie Flughafeneskorten. Dass der Pilot aus dem Cockpit geschlendert kommt und dem geschätzten Fluggast persönlich die Hand drückt wie in "Up in the Air", kommt jedoch eher nicht vor, sagt Randy Petersen. Verwöhnprogramme für die Top-Kundschaft wie Deltas "Diamond Medaillon" oder Continentals "Chairman's Circle" seien vor allem dazu da, das Reisen so reibungslos wie möglich zu gestalten. Petersen berichtet davon, wie Mitarbeiter von Lufthansa ihn auf dem Frankfurter Flughafen aus dem Flieger in einen wartenden Porsche eskortierten, der ihn zu seinem nächsten Terminal brachte. Manche Fluggesellschaften verschaffen ihren Lieblingskunden Zutritt zur Diplomatenpasskontrolle, andere organisieren bei einem Flugausfall schon mal einen Privatjet. Der Himmel ist nach oben offen.

Nacht in der Abfertigungshalle

Ein bisschen besessen, sagt Randy Petersen, muss man schon sein, um Meilenmillionär zu werden. Wer einmal einsteige in die Welt der Sammelei, den packe leicht das Fieber. Petersen verschaffte sich eigens Wohnadressen in fernen Ländern, um Mitglied der dortigen Meilenprogramme werden zu können. Manche Leute, weiß Billy Sanez von American Airlines, treten zum Jahresende Flugreisen mit dem einzigen Zweck an, ihren Meilenstatus zu erhalten. Und er gibt zu, selbst jahrelang Flugreisen via Dallas gebucht zu haben, um mehr Meilen sammeln zu können - obwohl er damals im dreihundertfünfzig Kilometer entfernten Houston wohnte.

Wahre Mileage Maniacs können auch darüber nur schwach lächeln. Echte Fanatiker gehen aufs Ganze: Als Randy Petersen zu Beginn der neunziger Jahre von einer Werbeaktion südamerikanischer Fluggesellschaften Wind bekam, die Passagieren eine Million Meilen in Aussicht stellten, wenn sie binnen eines bestimmten Zeitraums mit den acht Fluggesellschaften des Programms geflogen sind, stellte er einen komplizierten Reiseplan zusammen. "Ich hatte nicht viel Zeit, also bin ich an einem einzigen Wochenende mit allen acht geflogen", sagt Petersen. Er schlief in Abfertigungshallen, aß in Flughafenrestaurants, wusch sich in Flugzeugtoiletten. "Es war brutal, ein echter Rambo-Einsatz." Achthundert Dollar kostete ihn die Aktion. Doch sie machte ihn übers Wochenende zum Meilenmillionär.

Keine Zeit für Privates

Lohnt sich dieser Aufwand? Den Wert einer gesammelten Flugmeile zu beziffern ist nicht ganz einfach, sagt Randy Petersen. Als groben Orientierungswert könne man mit einem bis zwei Cent pro Meile rechnen. "Es hängt stark von der Wirtschaftslage ab, aber mit cleverer Rechnerei kann man auch einen Wert von acht bis zehn Cent aus einer Meile schöpfen." Doch manche Werte, sagt Petersen, lassen sich einfach nicht beziffern. Als er vor ein paar Jahren heiratete - spät, wie er sagt, weil er immer so viel auf Reisen gewesen ist -, mietete er für ein paar tausend Vielfliegerpunkte ein ganzes Hotel auf Hawaii. "Das war einfach unbezahlbar", sagt er.

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