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Geocaching Muffin ist der Schlüssel zum Geheimnis

15.09.2011 ·  Auf Helgoland lotst der Inselpastor Besucher mit Geocaching zu den schönsten Ecken der Insel. Seine kleine Kirche ist natürlich auch darunter - aber missioniert wird nicht.

Von Dagmar Gehm
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Fremde Menschen greifen ihm an die Kehle, doch Muffin lässt es einfach geschehen. Er knurrt nicht, beißt nicht. Der Terrier vor dem Pfarrhaus rührt sich nicht vom Fleck. Bis wir das Metallplättchen, das neben der Hundemarke am Halsband hängt, entdeckt und gelesen haben: Muffin ist Träger eines Travelbugs, einer "Reisewanze" - so nennt man die Anhänger, mit denen beim Geocache Informationen an die Mitspieler weitergegeben werden. Das Herrchen des Hundes ist Mathias Dittmar, der Inselpastor von Helgoland. "Muffin ist sich seiner wichtigen Aufgabe bewusst", beteuert er.

Der evangelische Geistliche ist von zwei Leidenschaften beseelt: Theologie und Technik. Die erste erwartet man von ihm, mit der zweiten überrascht er seine kirchliche, aber auch eine weltweite Gemeinde. Vor allem, weil Pastor Dittmar beides geschickt miteinander verzahnt, und sein Hobby als Wegweiser zum Gotteshaus zu nutzen weiß. Geocaching heißt die elektronische Schnitzeljagd, mit der er Besucher bis zur St.Nicolai-Kirche im Oberland lotst - auf Pfaden, gespickt mit Rätseln, die zum Innehalten anregen.

Jogi-Bär geht voraus

"Ich zeige Ihnen Helgoland mal aus einer neuen Perspektive", sagt er, drückt uns ein GPS-Gerät in die Hand, und geht los. Wir folgen. Einundzwanzig sogenannte Cache-Strecken, deren Koordinaten man per GPS ermittelt, gibt es auf der nur ein Quadratkilometer großen Insel und dem vorgelagerten Eiland Düne. Es ist eine enorme Dichte, wenn man bedenkt, dass die Verstecke einen Abstand von einhundertfünfzig Metern zueinander haben sollen. Drei Pfade hat der ehemalige Marinepastor seit seiner Benennung 2008 auf Helgoland gelegt. Andere - quasi in ökumenischer Solidarität - stammen von Jörg Kessels von der katholischen Kirchengemeinde. Er trägt den Geocacher-Namen "Jogi-Bär". Pastor Dittmar nennt sich "Aestiva".

Er hat seine Pfade Helgoländer Micro-Pilgerpfad, Helgoländer Sommernachtstraum und Stop for getauft. Wir nehmen den Pilgerpfad, er ist registriert unter der Einloggnummer GC1P2EX. Sechshundert Meter ist er lang, der Weg von der Fähre zum Start nicht mitgezählt. Der Pfad ist ein "Multi" mit Aufgaben, die es zu lösen gilt. Die Koordinaten führen uns zur ersten Station, einem Findling an der Westklippe. Nicht immer haben Geocacher das Glück, von demjenigen, der das Versteck gelegt hat, direkt geführt zu werden. Noch seltener handelt es sich dabei um einen Pastor, der auch gleich noch die passende Stelle aus dem Alten Testament vorliest, die von einem Vorgänger in den Stein eingraviert wurde: "Lobet Gott, der Himmel und Erde schuf, Klippe und Meer, so spricht Gott der Herr, Ihr sollt mein Eigentum sein, denn die ganze Erde ist mein." An der Klippe, zerzaust vom Wind, verfehlen die Worte ihre Wirkung nicht.

Weiter geht's, das GPS-Gerät führt uns jetzt vor die St. Nicolai-Kirche. Dort sollen wir die Leute in den Booten zählen. Welche Boote? Ratlos blicken wir uns um, da ist kein Hafen, nur die Grabsteine des Friedhofs, der die Backsteinkirche säumt - von Booten keine Spur. Der Pastor lächelt. Lektion Nummer eins: Beim Geocaching gibt es immer eine zweite Ebene, die es zu entdecken gilt. Und so findet sich die Lösung schließlich auf dem Relief an der Kirchentür: Jesus und seine Jünger in einem Boot in stürmischer See.

Muffin tollt durch die Landschaft

Eine Besonderheit birgt der sogenannte Final des Pilgerpfads. Es ist der mobile Travelbug Muffin. Wer die Plakette am Halsband sichtet, darf die darauf eingestanzte Nummer als "discovered" einloggen. "Damit man ihn finden kann, muss Muffin sich möglichst oft draußen aufhalten. Das kommt der ganzen Familie zugute", sagt Pastor Dittmar. Weil der Terrier so putzig ist, mutierte er zu einem der meistfotografierten Hunde innerhalb der Geocaching-Community.

Vor dem Pfarrhaus treffen wir ein Paar aus Hannover. Sie machen Urlaub auf Helgoland, das Jagdfieber hat auch sie gepackt. Möglichst alle Caches wollen sie knacken. Der Micro-Pilgerpfad ist Nummer 11, mit einem Hund als Travelbug hatten sie nicht gerechnet. Dass auch sein Herrchen mit auftaucht, noch dazu ein Pastor, ist eine weitere Überraschung: Durch Geocaching wird man zu besonderen Orten geführt, lernt aber auch Menschen kennen, denen man normalerweise nicht begegnet wäre. Einfach so hätten sie die Kirche wahrscheinlich nicht besucht. Das sei zwar schön, doch nicht ausschließliches Ziel seiner virtuellen Lehrpfade, sagt Dittmar: "Ich mache Geocaching nicht, um Leute an die Kirche zu binden, sondern bin ein Pastor, der Geocaching macht." Tatsächlich aber besuchen durch die virtuellen Pfade Menschen die Insel, die sonst gar nicht hergekommen wären - Helgoland hat sich in den vergangenen Jahren zu einer Hochburg für norddeutsche Geocacher entwickelt - auch wegen Dittmars Engagement.

Power-Cacher jedoch, die möglichst viele Verstecke an einem Tag abhaken wollen und dadurch den Blick für anderes verlieren, verpassen auf Helgoland die schönsten Ecken. Etwa beim "Klippenrand-Quickie", einem Cache, von dem aus man einen wunderbaren Blick zur Düne genießen kann. Er wurde allerdings nicht von Pastor Dittmar, sondern von der Gartenlaubenkolonie angelegt - deshalb der frivole Name. "Für mich als Pastor ist Geocaching nicht zuletzt deswegen hochinteressant, weil es einen Blick für die Schönheit der Schöpfung schafft", sagt der Pfarrer. "Wer in der Dämmerung hierherkommt und aufs Meer blickt, der bleibt meistens eine Weile und genießt."

Kein Hahn auf dem Dach

Auch mit den Konfirmanden geht der Pastor manchmal zum Geocaching. Er vermittelt ihnen damit, wie wichtig es ist, anderen Menschen genau zuzuhören - und zwar nicht nur dem, was sie sagen: "Ich muss die Botschaft des Menschen, der mich zum Versteck führen möchte, erkennen. So entsteht eine Kommunikation. Virtuell zwar, aber doch ganz direkt."

Seine Schäfchen sind dem Geistlichen, der Seelsorge häufig auf der Gartenbank erteilt, näher als es in vielen Gemeinden auf dem Festland üblich ist. Etwa tausenddreihundert Einwohner zählt Helgoland, 730 von ihnen gehören der evangelisch-lutherischen und 120 der katholischen Gemeinde an. Im Sommer besuchen bis zu 150 Menschen den Gottesdienst von St. Nicolai - Kirchen auf dem Festland können von solchen Zahlen nur träumen.

Unerschrocken ist er, dieser Gottesmann und ehemalige Marinepastor, und das erwartet er auch von der Cachergemeinde. Auf dem zwei Kilometer langen Helgoländer "Sommernachtscache", führt er uns in gereimten Rätseln über den nächtlichen Friedhof zur Kirche: "Folg dem Licht, und Du wirst sehen, wohin auf Lun die Winde wehen. Dort kräht kein Hahn zur Morgenstunde, nur ein Schiff dreht still die Runde." In der sternenklaren Nacht fällt es nicht schwer, die Lösung zu finden: Statt des üblichen Hahns steht auf dem Turm der Nicolai-Kirche, die im April 1945 durch einen Bombenangriff zerstört wurde, ein Schiff. Und "Lun" nennen die Insulaner Helgoland.

Im Dunkeln laufen wir weiter, das Cache führt uns jetzt zum Schaukasten der Gemeinde - ein wenig Schleichwerbung, was sie sich alles einfallen lässt. Auf den heiligen Nikolaus hat der Pastor winzige Reflektoren geklebt, die aufleuchten, als wir sie mit der Taschenlampe anstrahlen. Die Anzahl der Fische auf dem Hemd des Heiligen ist wiederum ein Hinweis, wie es weitergeht für uns. Einer der Gründe, warum er auf die Kirche aufmerksam machen will, sei die Finanzierung eines neuen Kirchturms, "ein permanenter Hilferuf für ein Denkmal von nationaler Tragweite", sagt Dittmar. Etwa dreihunderttausend Euro soll er kosten.

„Hallo Karkhijar!“

Die letzte Station der Sommernachtscaches hat der Pastor in einen der Häfen gelegt. Hier dümpelt sein Boot, die "Aestiva". Leinen los zum Helgoland-Törn! "Hallo Karkhijar!", grüßt es von umliegenden Booten: Das ist Hallunder, die Helgoländer Sprache, und bedeutet "Hallo Pastor". So begrüßt zu werden, sei wie ein Ehrentitel für ihn, sagt der Pfarrer. Bedeute es doch, dass er schon fat mit dazugehöre. Er bedankt sich mit einer Geste, seinem "kleinen Taschensegen", nimmt dazu eine Hand in die Jeanstasche und schlägt mit dem Daumen der anderen ein Kreuz in der Luft: "Das habe ich als Pastor bei der Marine erfunden. Wenn ich die Leute wie hier im Hafen segnen will, kann ich das schlecht mit einem groß durchgezogenen kirchlichen Segen tun."

Der seefeste Prediger segelt hoch am Wind. Kreuzpeilung im doppelten Sinne bis auf die andere Seite. Immer kleiner wird das Wahrzeichen Helgolands, der Felsen "Lange Anna". Auch für die Mitsegler gibt es alle Hände voll zu tun. Weniger Einsatz zeigt nur der dösende Muffin. Als Travelbug hat er sich jedoch bewährt.

Informationen: Unter www.geocaching.com findet man auch Informationen zu Helgoland. Wer sich einloggt, erhält die Koordinaten von Pastor Dittmar. Nach seiner demnächst anstehenden Versetzung werden die von ihm gelegten Caches vom katholischen Kollegen Jörn Kessels weiter gepflegt.

Quelle: F.A.Z.
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