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Fußball überall Wuchtl, flieg!

30.05.2008 ·  „Wuchtl“, gerne auch „Lawerl“ oder „Frucht“, meint auf österreichisch den Fußball, um den sich demnächst alles drehen wird. Nicht zuletzt natürlich in Österreich, wo man zu allem entschlossen scheint und selbst das Burgtheater nicht verschont. Eine Glosse von Georg Weindl.

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Bei der Fußball-Europameisterschaft wird vor allem Fußball gespielt. Das ist eine ebenso banale wie falsche Erkenntnis. Denn wenn am 7. Juni das Turnier der 16 besten europäischen Fußballteams in Österreich und der Schweiz angepfiffen wird, geht es längst auch darum, dass möglichst viele Touristen möglichst viel Geld in den Kassen der Gastronomen, Hoteliers, Souvenirläden und Würstlstände lassen. Und weil die Stadien viel zu klein sind für den erwünschten Massenansturm, suchen die Österreicher und Schweizer nach dem deutschen Weltmeisterschafts-Vorbild Rettung beim „Public Viewing“, der sozialverträglichen Variante des teuren Stadiontickets mit Großbildschirm, Partystimmung und einem breit gefächerten Spirituosensortiment.

Da aber mittlerweile in jeder Dorfturnhalle und jeder Kleinstadtfußgängerzone publicgeviewt wird, muss in den Gastgeberländern etwas Besonderes her. Am Achensee im Tiroler Land zum Beispiel können maximal vierhundertfünfzig Fans auf dem Motorschiff „Stadt Innsbruck“ die Spiele am Bildschirm verfolgen. Das ist aber nichts gegen die Schweizer, die in Liestal bei Basel eigens ein „Public Viewing“-Stadion für achttausend Leute gebaut haben - ein Stadion ganz ohne echte Fußballer. Die besseren Stände hingegen treffen sich standesgemäß im Wiener Burgtheater zum „Exclusive Viewing“ bei Häppchen und Champagner.

Eine Kulturnation eben

Zuschauen ist schön, selber spielen aber noch viel schöner. Deshalb haben manche Orte eigene Turniere organisiert, darunter exotische Unternehmungen wie die erste Fußball-Europameisterschaft der sprachlichen Minderheiten in Graubünden oder die Bergdorf-Europameisterschaft auf dem angeblich am höchsten gelegenen regulären Fußballplatz Europas; er liegt in luftigen 2008 Meter Höhe in Gspon im Wallis.

In St. Anton am Arlberg wiederum findet die „Women Soccer World“ statt, ein Damen-Fußballturnier mit alpinem Rahmenprogramm. Und da die Gastgeberländer Kulturnationen sind, bitten sie auf dem Wiener Rathausplatz zum Eröffnungskonzert mit den Wiener Sängerknaben und den Wiener Symphonikern oder zum Galakonzert mit Anna Netrebko, Plácido Domingo und Rolando Villazón in Schloss Schönbrunn. Die Eintrittspreise liegen zwischen 168 und 443 Euro, wofür man locker ein paar hundert Bierdosen oder Panini-Bilder bekommt.

Das Herz rast, der Ball fliegt

Selbst die Museen lassen sich nicht lumpen. Bei der Ausstellung „Wo die Wuchtl fliegt“ im Wiener Stadtmuseum wird die soziale Topographie der Fußballkultur präsentiert, wobei man wissen sollte, dass der Wiener als „Wuchtl“ den Ball bezeichnet. Gepflegt intellektuell ist auch die Ausstellung „herz rasen“ im Künstlerhaus in Wien, eine Auseinandersetzung mit dem popkulturellen Phänomen Fußball. Das Anatomische Museum in Basel spricht dafür den orthopädisch ambitionierten Fan an.

„Bein 2008“ ist der Titel einer Schau, die kaputte Knie, Kreuzbänder und Achillessehnen zeigt. Und in Österreich hat man in stiller Boshaftigkeit wieder das „Wunder von Córdoba“ ausgegraben. Das legendäre Weltmeisterschaftsspiel, bei dem Österreich die deutschen Favoriten in Argentinien unerwartet mit 3:2 aus dem Wettbewerb kickte, fand vor genau dreißig Jahren statt und wurde als DVD neu aufgelegt. Für die Rot-Weiß-Roten war das damals ungefähr so, als würde ein Senegalese das Hahnenkammrennen gewinnen. Und sollte die Fußballwirklichkeit des Jahres 2008 allzu trostlos sein, kann man sich ja mit „Public Wonder Viewing“ trösten.

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