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Donnerstag, 23. Februar 2012
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Frankreich Die Zeitmaschine von Guédelon

23.11.2010 ·  So grandios wie das echte Mittelalter muss das falsche erst noch werden: Unterwegs zwischen erhabenen Steinen und großartigen Weinen im Nordwesten Burgunds.

Von Michael Bengel
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Wenn die Besucher die Kasse hinter sich gelassen haben, treten sie vom einundzwanzigsten Jahrhundert ohne Übergang ins dreizehnte. Der erste Eindruck: Damals ließ es sich leben! Es herrscht muntere Betriebsamkeit, Hämmer klingen hell auf Eisen, es wird gehackt, geklopft und zugerichtet. Schweine grunzen voll Behagen, Pferde schütteln ihr Geschirr, Räder knarren, und die Männer auf dem Dachstuhl in den blass gefärbten Kitteln sind beim Schaffen ganz bei sich, wie selbstversessen. Keine Spur von Fron und Furcht und dunkler Zeit.

Das späte Mittelalter hat im Wald von Guédelon Konjunktur. Hier, abseits der Route Départementale 955 im Département Yonne, wächst in einem aufgelassenen Steinbruch aus dem zehnten Jahrhundert die Wohnburg Guédelon, ein Neubau, wenn man so will, keine Kopie eines vergangenen oder bestehenden Chateaus, sondern eine Burg im Stil der philippinischen Festungsarchitektur. Dieser Stil ist nach Philippe-Auguste genannt, dem ersten Regenten, der sich "König von Frankreich" nannte und von 1180 bis 1223 regierte. Mit den philippinischen Burgen endete das Zeitalter der Nachbarschaftsfehden, und Frankreich, das damals nur so groß war wie die Île-de-France von heute, konnte wachsen.

Scharniereisen, Winkelmaß und Hamsterrad

Philippinisch ist der Bau auch deshalb, weil er einzig mit den Mitteln und den Möglichkeiten des dreizehnten Jahrhunderts errichtet wird: ohne Kräne, Bohrmaschinen oder Wasserwaagen, nur mit Eichen aus dem Wald, dem harten, eisenhaltigen Gestein des Steinbruchs, dem Sand aus der Grube, dem Wasser aus dem Fluss; und mit den Werkzeugen des Mittelalters, von Säge, Hammer und Scharriereisen über Bleiwaage und Winkelmaß bis hin zum großen Hamsterrad, das hier den Lastenkran ersetzt. Siebenundsechzig Bauleute wechseln morgens und abends die Epoche. Einer von ihnen ist der Holländer Hein Koenen, der den Besuchern alles erklärt. Anfangs ging die Lüge um, nachts bauten sie erst recht und dann mit modernem Gerät. Doch Guédelon ist ein Projekt der experimentellen Archäologie, und der Ehrgeiz gilt dem Weg weit eher als dem Ziel: der täglich neuen Einsicht in die Rätsel der Vergangenheit.

Die Idee dazu hatte der Architekt Michel Guyot, der selbst einst das nahegelegene Schloss Saint-Fargeau restaurierte und es nun bewohnt. Am Anfang trieb kaum mehr als bloße Leidenschaft den Bau voran. Ein Steinmetz und ein Zimmermann waren als Erste dabei. Im Jahr 1997 wurde der Grundstein gelegt, nachdem man zwei, drei Jahre recherchiert hatte, teils an anderen Objekten, teils anhand von Büchern oder Kirchenfenstern, vor allem jenen von Chartres. Seit 1998 ist das Mittelalterunternehmen offen für Besucher. Sie halten zwar die Arbeit auf mit ihren vielen Fragen, doch ihr Eintritt finanziert das Echtzeitexperiment. Ein paar hundert lassen sich auch jedes Jahr zur Mitarbeit gewinnen. Geld gibt es nicht dafür, im Gegenteil: Vier Euro zahlen sie am Tag an die Versicherung, fünf für die im Stil des Mittelalters zubereitete Kost. Ihr Lohn ist die Freude am Tun.

Siebenhundert Fachwerkhäuser stehen Spalier

In fünfzehn Jahren, wenn Burg Guédelon fertig sein soll, dürfte sich der Bau nur wenig von den vielen Burgen der Umgebung unterscheiden, die man wiederhergestellt hat. Etwa Ratilly, das aus demselben Stein gebaut ist, der hier im Boden liegt. Deswegen ist jetzt die beste Zeit für die Besucher. Mehr als dreihunderttausend waren es im vergangenen Jahr. Sie können lernen, dass man Eichenholz nur frisch zu Balken hauen kann, trocken ist es zu hart. Sie sehen, wie man Nägel schmiedet oder Türbeschläge, Mauerwerk mit Mist abdichtet, Ziegel brennt und Keilsteine und Kämpfer für Gewölbebögen aus dem Kalkstein schlägt, dass sie so glatt sind, als seien sie geschnitten worden. Weltflucht, sagt Hein Koenen, treibt hier keinen um. "Abends setze ich mich in mein Auto und fahre nach Hause." Niemand wohne auf der Baustelle, und einen Fernseher, betont er, habe er auch.

Burgund als das geistige Zentrum des mittelalterlichen Europa ist für ein Projekt des Mittelalters eine passende Umgebung. Die malerischen Dörfer wie Noyers, die Kirchen und Klöster, die vielen Burgen aus derselben Zeit: Sie heißen Guédelon willkommen. Die siebenhundert Fachwerkhäuser in Auxerre, das einmal vierzig Kirchen hatte, stehen Spalier auf dem Weg in die Ferne der Zeit. Die Gründungen des frühen Mittelalters hatten marodierende Normannen, die die Flüsse hinaufgerudert waren, hier wie überall zerstört. So ist Burgund, von Cluny bis Pontigny, ein Schatzhaus der romanischen Baukunst. Für die modischeren Stile später ließ der Hundertjährige Krieg kaum Mittel übrig. Das wunderbare Renaissance-Schloss Ancy-le-Franc des Herzogs von Tonnère bleibt eine Ausnahme: Es ist das einzige Schloss in ganz Frankreich im beliebten italienischen Stil seiner Zeit, das auch einen italienischen Architekten hatte: den berühmten Sebastiano Serlio.

Die Hocharistoratie des Chablis

Während sich der bekannte Teil Burgunds von Dijon nach Süden entlang der Saône erstreckt, die über die Rhône ins Mittelmeer fließt, ist der Nordteil durch drei Flüsse geprägt, die dem Atlantik zustreben: Seine, Loire und Yonne. Das Département Yonne, das nördlichste und westlichste des Burgund, wirkt heute wie tiefste Provinz. Dabei war es bis ins späte neunzehnte Jahrhundert, auch wegen der Nähe zur Hauptstadt, im ganzen Land das Departement mit dem größten Weinanbau: Vierzigtausend Hektar waren bis zur Reblausinvasion des Jahres 1887 bepflanzt. Fünftausenddreihundert sind es heute. Und das Chablis, auf das der größte Teil der Rebflächen entfällt, zählen selbst Kenner weinbaugeographisch häufig zur Region Loire. Doch Chablis ist Burgund, wenn auch sein nördlichstes Weinbaugebiet.

Von den knapp siebentausend Hektar Chablis-Weinland sind derzeit viertausendfünfhundert tatsächlich bestockt. Neunundsiebzig Premier Crus gedeihen dort, jeder mit einer eigenen "AOC", die nach dem unerforschlichen Ratschluss zu Brüssel nunmehr "AOP" zu heißen haben: "Appellation d'Origine Protégée". "Geschützt" klingt wohl politisch eleganter als "Contrôlée". Im Chablis aber hat man Regulierung nicht zu fürchten und bleibt im Sprachgebrauch bei "AOC". Und schon gar keine Angst müssen die sieben Grand Crus haben, die Hocharistokratie des Chablis, deren Namen man wie lateinische Vokabeln memoriert: Blanchot, Bougros, Les Clos, Les Grenouilles, Preuses, Valmur und Vaudésir. Sie werden mit Heizanlagen vor den kalten Spätfrösten behütet, die trotzdem schon mehrfach ganze Ernten vernichtet haben.

Der süße Tod im Weinkeller

In Saint-Bris betritt man abermals das Mittelalter, dieses Mal aber das authentische. Der Winzer Jean-François Bersan lässt seine Schätze in Kalksteingewölben aus dem elften bis dreizehnten Jahrhundert reifen und präsentiert sie auch hier. Da ist manche Kopfnuss auf den Treppengängen unausweichlich. Unter Bersans Boutique erstreckt sich ein Labyrinth aus Gewölben und Verbindungsgängen, ein zweites Dorf unter dem Dorf mit Zugängen zu Nachbarhäusern und zum Platz vor der Kirche. Auch die Gänge zwischen den Tonnengewölben der Keller stammen aus der Zeit der hundertjährigen kriegerischen Auseinandersetzungen. Sie dienten der Verteidigung, erst in der Revolution mussten sie zugeschüttet werden. In seiner Kindheit hat Bersan mit seinem Vater diese Gänge wieder freigegraben. Das war die Zeit der Wiedereinführung des Weinbaus nach der Reblauskatastrophe. In ungezählten Eichenfässern ohne feste Korken gärt der frische Pinot Noir vor sich hin: Nicht bedrohlich für Besucher, sagt Bersan, aber schlafen legen sollte man sich hier dann doch nicht. Man wacht vielleicht nicht wieder auf.

Aus dem gleichen Kalkstein wie das Souterrain von Saint-Bris sind die Gewölbe der Basilika von Vézelay errichtet - nur sind sie viel kunstvoller. Die Basilika ist der einzige Überlebende der Klosteranlage von einst. Sie überragt den Hügel, an dessen Hang das gleichnamige Dorf gewachsen ist. Seit 1979 schmückt sich auch die Unesco mit diesem einzigartigen romanischen Sakralbau als Weltkulturerbe. Im Mittelalter zählte Vézelay - neben Rom und Santiago de Compostela - wegen einer Grabreliquie Maria Magdalenas zu den bedeutendsten Pilgerstätten Europas. Der schöne Ort hatte damals bis zu zehntausend Bewohner, heute spielen hier ganze fünfhundert Mittelaltererben. Als spät im dreizehnten Jahrhundert in der Provence, unter der Herrschaft wie dem Nachdruck eines anderes Geschlechts, die "echte" Maria Magdalena gesucht und gefunden worden war, büßte Vézelay seine Vormachtstellung ein.

Eine Messe ganz aus Licht

Von weitem schon begrüßt, nähern wir uns der Basilika demütig wie Pilger, aufwärts durch den Ort, über den Platz, ins Innere und doch nicht in die eigentliche Kirche: Die Vorhalle war die Stätte für die Sammlung der Pilger, wörtlich wie bildlich gesprochen. Ob sie aus der Ferne kamen oder dem Gewölbekeller ihrer Herberge, aus der Taverne oder einem der drei Bordelle im Dorf - hier legten sie alles Profane ab und gaben sich ganz dem Sakralen hin, dessen architektonische Inszenierung heute noch so wirkungsvoll ist wie im fernen Mittelalter. Die Lichtregie des Sonnenlaufs wirft durch die kleinen, klar verglasten Fenster im südlichen Obergaden Innenlicht auf die Gemäuer, das im Lauf des Tags altarwärts wandert. Am Tag des höchsten Sonnenstands gipfelt diese heilsgeschichtlich leicht zu deutende Erscheinung. Dann wandern die Lichtreflexe genau entlang der Mittelachse durch das Hauptschiff.

Ein Brand in der Krypta machte um das Jahr 1200 den Neubau des Chors notwendig. Er wurde schon im Stil der Gotik ausgeführt und feiert, vormittags zumindest, für den Betrachter in den dämmrig-wuchtigen, romanischen Gewölben eine Messe ganz aus Licht. Ein Rundgang durch den Chorumgang führt aus der imposanten Gewölbearchitektur der Romanik, die im zweifarbigen Stein der Gurtbögen maurischen Einfluss verraten, in die gotisch lichte Baukunst unter Kreuzrippengewölben und zurück in die Vierung, an die sich mit beinahe archaischer Wucht die dunklen romanischen Seitenschiffe anschließen.

Versöhnung von Altem und Neuem Testament

Das zweite, gänzlich mittelalterliche Element in Vézelay sind die neunundneunzig Würfelkapitelle auf den gewaltigen Pfeilerbündeln, auf denen die Gurtbögen fußen. Sie erzählen auf ihren drei sichtbaren Seiten, jeweils von links nach rechts, kleine, jedem offensichtliche Geschichten, die symbolisch eine zweite bergen wie eine Schale die Nuss. Es ist ein Bilderkatechismus, den man nicht durchblättert, sondern Schritt für Schritt durchmisst. Und weil wir nach ihr suchen, finden wir am vierten Pfeilerbündel zwischen Haupt- und Seitenschiff im Süden das berühmteste Beispiel für den mehrfachen Schriftsinn der Comic Strips im Stein: die "mystische" Mühle. Man sieht einen Mann, der Korn in eine Mühle schüttet, und einen zweiten, der in einem Sack das Mehl auffängt. Jeder kannte das und konnte es verstehen als ein Bild aus seinem Leben. Symbolisch aber trifft die Darstellung den Punkt, in dem das Alte und das Neue Testament eschatologisch versöhnt werden können: Schon Moses, der Mann mit dem Korn, ging um mit der christlichen Wahrheit, jenem Mehl, das unverwandelt schon im Korn enthalten war und das dann doch erst Paulus, der Mann mit dem Mehl, als Brot verbreiten konnte, weil Christus es gemahlen, sich am Kreuz geopfert hatte.

Information: Atout France - Französische Zentrale für Tourismus, Zeppelinallee 37, 60325 Frankfurt, Telefon: 0900/1570025, E-Mail: info.de@franceguide.com, Internet: www.franceguide.com

Quelle: F.A.Z.
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