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Fotoausstellung Träume süß, Kleines

13.12.2010 ·  Die Schweizer Fotografin Corinne Rusch entdeckt die Grand Hotels der Alpen als Kulisse für ihre unheimlichen Bildideen. In Innsbruck sind die Arbeiten jetzt zu sehen.

Von Freddy Langer
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Alfred Hitchcock war Stammgast im Badrutt's Palace. Fast ein halbes Jahrhundert lang kam der Regisseur von 1926 an jeden Januar nach St. Moritz und mietete sich in dem Grand Hotel ein, stets in der Suite 501. Er habe die Mischung aus Grandezza und Intimität geliebt, heißt es, aber er kam wohl auch der Gäste wegen, deren Gespräche er von behaglichen Sesseln aus belauschte. So ließ er sich tagsüber zu den Stoffen seiner Filme inspirieren, erzählt die Hausfolklore und fügt hinzu, dass er die Ideen am Abend immer erst noch mit den Brüdern Badrutt besprochen habe, den Besitzern des Hauses. Nach einigen Wochen reiste Hitchcock wieder heim, anfangs nach England, später nach Amerika, und drehte dort seine gruseligen Filme. Von Erlebnissen in Hotels erzählen die wenigsten, doch findet sich unter ihnen immerhin sein berühmtester.

Corinne Rusch macht es umgekehrt. Sie blättert sich durchs Internet und durch die Kataloge der Schweizer Grand Hotels, vor allem der mit Türmchen, Erkern und Zinnen verzierten Märchenschlösser der Belle Époque, die stets sehr bombastisch und oft ein bisschen dekadent sind und die fast allesamt hoch oben in der rauhen Bergwildnis thronen. Dann wählt sie Zimmer aus, Korridore und Bars, Treppenhäuser oder eine Eingangshalle und zeichnet in ihrem Atelier kleine Story Boards: Entwürfe für gruselige Szenen, die sie an Ort und Stelle umsetzen will. Dass sie bei den Hotels mit ihren Ideen fast immer auf offene Ohren stößt und herzlich eingeladen wird, wundert sie manchmal selbst. Denn mit der "Atmosphäre sonniger Sorglosigkeit", wie Stefan Zweig die Luxuswelt des Oberengadins in seinem Roman "Rausch der Verwandlung" beschrieb, als wollte er das Zitat für einen Werbeprospekt liefern, haben Corinne Ruschs Arbeiten nichts zu tun. "Aber Leichen", entschärft sie die offensichtlichen Dramen ihrer Fotografien, "liegen ja nun auch nicht auf jedem meiner Bilder herum - und wer weiß: Vielleicht sind all die Frauen angesichts von so viel Glanz und Pracht ganz einfach nur in Ohnmacht gefallen?" Wohl kaum.

Ich habe Angst ...

Die düstere Stimmung, die Corinne Rusch mit einer ausgeklügelten Lichtregie über die Räume legt, macht sie zur Enkelin Hitchcocks. Und von ihm hat sie auch die Erkenntnis übernommen, dass eine Szene umso so unwirklicher und gespenstischer wirkt, je präziser sie dargestellt ist. Dann lässt sich Spannung mit den einfachsten Mitteln erreichen, und noch die banalsten Dinge werden zur Bedrohung. Ein Telefon, von dem man nicht weiß, ob es gerade klingelt. Ein tätowiertes Quadrat auf dem Rücken einer Frau. Ein Stück Stoff auf dem Boden eines Badezimmers.

Es ist, als arrangiere Corinne Rusch Standfotos zu Filmen, die nie gedreht worden sind, deren Szenen der Betrachter dennoch augenblicklich erkennt und deren Handlungen man meint erzählen zu können. Es sind Geschichten von Betrug und Mord, von Leidenschaft und verbotener Liebe oder einfach nur vom Wahnsinn. Man kennt sie aus dem Kino. Auch aus der Literatur. Tatsächlich stammen sie aus unseren Albträumen.

... aber es ist wunderbar

Corinne Rusch spielt mit der Lust an der Angst. Ihre Bilder vermitteln ein unbestimmtes Gefühl der Beklemmung, geradeso, als wage man sich ganz dicht an die Grenze des Erträglichen und Erlaubten. Wie in einem schweißtreibenden Albtraum, aus dem man trotzdem nicht aufwachen möchte, um zu sehen, wie viel schlimmer es noch kommen kann. Ganz unbekümmert erzählt sie denn auch von ihren eigenen Träumen, von Begegnungen mit dem Teufel, Besuchen in der Hölle und sogar dem Erlebnis des eigenen Todes. Dafür, dass sie sich in fast all ihren Bildern selbst Modell steht, sitzt und liegt, gibt es womöglich nicht nur finanzielle Gründe. "I am Scared, but it is Wonderful", heißt es in einer Neonschrift, die Corinne Rusch für ihre Ausstellung hat anfertigen lassen.

Abgezogen im großen Format sind ihre Fotografien jetzt im Stadtforum in Innsbruck zu sehen. Die Bilderschau wird gleichermaßen zum Spaziergang durch die erschreckende Welt des Traums wie durch die elegante Welt der Schweizer Luxushotellerie zwischen Blümchenmustern und Ritterburgarchitektur. Nur ein Haus vermisst man: Badrutt's Palace in St. Moritz. Angefragt hatte Corinne Rusch auch dort. Aber die Direktion konnte sich mit ihren unheimlichen Motiven nicht anfreunden.

„Corinne Rusch: I am Scared, but it is Wonderful“. Ausstellung im Foto Kunst Stadtforum, Gilmstraße, 6020 Innsbruck, Österreich; bis 15. Januar. Geöffnet: Montag bis Freitag 11 bis 18 Uhr, Samstag 11 bis 15 Uhr. Information im Internet: www.btv- fokus.at. Kein Katalog.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1957, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

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