Einfach eine Tür öffnen und hinausmarschieren, wie jemand, der mal schnell Zigaretten holen geht und nie mehr wiederkommt. Einfach den Frankfurter Flughafen verlassen und schauen, wie es da draußen aussieht: Geht das überhaupt? Wie oft haben wir diese Terminals durchquert, wie oft die Aktentasche durchleuchten lassen und in den Airlinekaffee gestarrt. Wie viele Stunden gewartet, wie viel Lebenszeit verschwendet, in diesem geschlossenen Raum. Aber mag draußen vor seinen Fenstern sein? Stößt man auf Zäune, Mauern, Hindernisse? Oder wird man verhaftet? Gibt es eine Welt hinter dieser Tür?
Also umrundeten wir den Frankfurter Flughafen. Zu Fuß. Den meisten erscheint es viel plausibler, von hier nach Maputo oder Mauritius aufzubrechen. Aber nach Mörfelden und Kelsterbach? Die Umgebung des Airports wirkt exotischer als die Antarktis und unattraktiver als die Slums von Johannesburg. So uninteressant, dass kein gängiger Reiseführer den Trail behandelt oder gar empfiehlt. Im Jargon von Lonely Planet hieße diese Kategorie „Off the beaten track“, was man wahlweise als „des Sehens unwürdig“ oder „authentisch“ übersetzen könnte.
Der leckere Geschmack von Deutschland
Wir starten unsere Tour im Schwarzwaldstübchen in Terminal 1 und erhoffen uns typisch deutsche Gemütlichkeit, wie es auf der Website des Flughafens heißt. Denn wir wollen mental eingestimmt werden auf unseren Trip. „Vor dem Abflug“, heißt es da, „nehmen Sie einfach den leckeren Geschmack von Deutschland mit“. Deutschland, so stellen wir fest, schmeckt wie ledriger Fleischkäse, der offensichtlich so lange warmgehalten wurde, wie das Restaurant geöffnet hat: von 0 bis 24 Uhr. Doch zu den Vorzügen des Schwarzwaldstübchens gehört: Sie ist jederzeit verfügbar und von London oder Hamburg aus schneller zu erreichen als jede andere Stube im Schwarzwald. Das rustikale Kolorit stimmt auch: rot karierte Tischdecken, Holzvertäfelung und Bier.
Direkt vor der Stübchen-Tür sieht man schon Tageslicht. Wir stimmen unser Wanderlied an: „We’re close like never before, to the city you can’t ignore“. Die Zeile stammt aus dem „Frankfurt Airport City-Song“, eine Hymne, die ebenfalls im Internet zu genießen ist, auf der Website des Flughafens. Das Lied hätte Chancen auf den 17. Platz beim Grand Prix d’Eurovision und ist darüber hinaus noch lehrreich: Man erfährt, dass der Betreiber seinen Flughafen offenbar als „Stadt“ verstanden haben möchte.
Radfahrer und Fußgänger willkommen
Der Gedanke mag naheliegen angesichts der Vielzahl und Größe der Gebäude, wegen der Läden, des Verkehrs und der Anzahl der Mitarbeiter (es sind 68.000). Nur ein Detail wurde bei diesem Konzept vergessen: die Bewohner. Statt einer Stadt, die aus dem Zentrum heraus und auf das Zentrum hin gebaut ist, scheint der Flughafen eher so etwas zu sein wie ein Nicht-Ort. Ein Raum ohne Identität, dessen Zweck allein in seinen Zentrifugalkräften besteht: Hier will und soll man so schnell wie möglich weg. Der „Reisende“ wird auf diese Weise zum „Passagier“ – einer, für den nicht der Platz zählt, an dem er sich gerade aufhält, sondern die Strecke, die er zwischen zwei Nicht-Orten zurücklegt.
Wir verlassen das Terminal Richtung Walldorf. Erstaunlicherweise kann man einfach die Straße entlang gehen, bald gibt es sogar Wegweiser für Radfahrer und Fußgänger, die hier offenbar vorgesehen und willkommen sind. Ein Mitarbeiter der „Flughafen Erlebnisfahrten“, deren Terminal wir passieren, berichtet, dass die Strecke rund 22 Kilometer lang sein soll. Aber eine Wanderkarte des Areals gibt es hier nicht.
„Nicht viel, nur eine Fokker“
Aus einem für uns zusammenhanglos erscheinenden Gewirr von Gewerbebauten und Straßen führt der Weg zu einem Zaun, links die Autobahn A 5, rechts der Flughafen. Jede Minute soll hier ein Flugzeug starten oder landen. Aber die Autos sind eindeutig lauter als die Flugzeuge.
Nach einem Kilometer erhebt sich der Weg auf einen kleinen Hügel, der von den sogenannten „Planespottern“ als Aussichtspunkt benutzt wird. Die Menschen sitzen hier schweigend nebeneinander wie Angler. Nur ab und zu, wenn ein besonders interessantes Exemplar startet, werden Kameras und Fernstecher gezückt. Dann freut man sich, als hätte man einen Dorsch am Haken. Und es wird per Handy nach Hause berichtet: „Nicht viel, nur eine Fokker, die ich noch nicht hatte.“
Lehrpfad Fraport
Am Aussichtspunkt steht auch ein Schild – eines von vielen, die wir im Laufe unserer Wanderung noch sehen werden. Die Umgebung des Flughafens ist nicht nur eine technisierte und großflächig versiegelte Landschaft, sondern wird auch zur Weiterbildung des Publikums genutzt. Wie einst auf dem Trimmdichpfad oder etwas später bei den Waldschadenstafeln findet der interessierte Wanderer eine Art Lehrpfad vor. Hier ist es der Flughafenbetreiber Fraport, der den Flughafen erklärt und nicht vergisst, den Airport als größten Arbeitsplatz Deutschlands anzupreisen – das stärkste Argument für den Bau einer weiteren Landebahn.
Die soll bis 2011 fertig werden, aber erst einmal treffen wir an der Startbahn West auf die Relikte vergangener Auseinandersetzungen. In einer Art Archäologie westdeutscher Protestformen entziffern wir die gut erhaltene Inschrift: „Reggae statt Reagan“. Auch sehr ansprechend gedichtet: „Leut bleibt auf der Lauer, dann knacken wir die Mauer“. Gemeint ist wohl der Betonzaun, der tatsächlich ein bisschen nach innerdeutscher Grenze aussieht.
Haltet Ruhe im Erholungswald!
Das Verfahren um den erneuten Flughafenausbau verläuft bisher friedlich. Aber es hat Protestpotenzial: 127. 000 Einwendungen wurden zum Planfeststellungsverfahren abgegeben. Im Kelsterbacher Wald, der für die neue Nordwest-Startbahn abgeholzt werden soll, steht ein in Holz geschnitztes Statement: „Erholungswald“ heißt es da, und „Haltet Ruhe“. Natürlich ist es mit der Ruhe nahe der Landebahn nicht weit her - aber sofort einsichtig ist, dass man sich einen „Erholungswald!“ viel teurer abhandeln lassen kann als einen ordinären Wald mit Bäumen.
Nur einmal können wir der Argumentation auf unserem Lehrpfad entlang des Flughafens nicht folgen. „Zerschneidung Landschaft“, so beschreibt eine Hinweistafel das Offensichtliche. Uns erscheint es unverständlich defensiv, dass der Erlebnis- und Erholungswert durch Straßen, Landebahnen und Strommasten erheblich gemindert werde. Dafür haben wir schon viel erlebt auf unserer Tour. Wir haben über Geschichte und Gegenwart viel gelernt - und wir erholen uns minütlich besser. Vielleicht auch deshalb, weil man hier nicht so viele Menschen trifft wie etwa auf den Wanderwegen des Schwarzwaldes.
Das Hinterland
Doch anstrengend ist die Tour auch. Und gern will man sich mit deftigen Speisen und einem schönen Bier belohnen. Dafür wollen wir nicht an der Landebahn und im Wald bleiben, sondern machen einen Schlenker ins Hinterland of the Airport, nach Kelsterbach. Hier kehren wir im „Ibis Hotel“ ein. Interessant, wie sofort ein Gefühl von weiter Welt und großer Fremde eintritt. Fremdheit wird hier erzeugt, weil Deutschland gegen San Marino im Fernsehen Fußball spielt und die anderen Gäste in der Hotellobby offensichtlich überhaupt nichts mit dem Treiben anfangen können. Die meisten sind Stop-Over-Reisende. „Look, soccer, the german team“, sagt ein Mann zu seiner Begleiterin. Vor dem Hotel spielen Franzosen Tischtennis; der Hintergrund wird von der Spitzdachsilhouette gleich dreier Großmärkte ausgemalt: Aldi, Lidl und Plus.
Wer vom „Ibis-Hotel“ aus einen Ausflug machen möchte, findet Informationen dazu in einem Broschürenständer. Es wirbt das „Moulin Rouge“ in Mainz (Eintritt fünf Euro) und ein chinesisches Lokal in Frankfurt. Nach kurzem Zögern folgen wir dann doch unserem ursprünglichen Plan und erkunden die nähere Umgebung: Kelsterbach an einem Sonntagmorgen.
Spatzen, Kaninchen und das „Sheraton“
Sofort fragen wir uns, warum der Lonely Planet seinen Lesern nicht diesen Ort als typisch deutsch empfiehlt. Rund um das Ibis-Hotel jedenfalls gibt es keine herausragenden Gebäude und auch keine älteren - wenn man von den beiden Kirchtürmen in der Ferne absehen will. Alles ist proper und frisch verputzt, irgendwann zwischen 1950 und 1980 erbaut, und es gibt sogar noch etwas Einzelhandel wie die „Bijouterie Erika“ oder das Möbelhaus Grimm gleich bei der Polizeistation. Es duftet nach frischen Brötchen. Der herumstehende Sperrmüll zeugt vom Wohlstand der Einwohner. Im Vorübergehen bekommt man auch noch eine Vielzahl neuer Automodelle vorgeführt: In Kelsterbach parken die Mietwagenfirmen vom Frankfurter Flughafen ihre Fahrzeuge.
Danach kommt noch einmal ein Stück Wald, das ausnahmsweise wenig beschriftet ist, außer als Wasserschutzgebiet. Für einen Moment könnte man hier vergessen, dass man sich zwischen Schnellstraßen, Schienen, und unter Flugzeugen befindet, so grün und prächtig, so wunderbar bemoost und still sind die Wege. Sie führen auf etwas, was man in anderen Zusammenhängen als Weiler bezeichnen würde: eine Siedlung ohne geschlossene Bebauung und ohne Gebäude mit zentraler Funktion, wie Rathaus oder Kirche. Es ist der Flughafen.
Unter den organisch geschwungenen Formen der Auf- und Einfahrten wird die Wegführung nun doch etwas unübersichtlich. Dazwischen aber lädt uns freundlich eine Wiese zur Rast. Spatzen tschilpen, Kaninchen hoppeln, und majestätisch grüßt von gegenüber das „Sheraton Hotel“. Wir lassen uns auf einer Bank nieder und fragen uns, ob wir den nächsten runden Geburtstag nicht gleich um die Ecke feiern sollten - im Schwarzwaldstübchen.