09.05.2010 · Manchmal ist weniger mehr. Darum setzt sich der Österreichische Alpenverein dafür ein, kleine Ortschaften vor Urlauberströmen zu bewahren. Doch es ist schwer, die Geister, die der Verein einst rief, nun wieder loszuwerden.
Von Andreas LestiGinzling im Zemmgrund ist ein kleiner Ort in einem Seitental des Zillertals. Wer dorthin will, muss den Ski- und Partywahnsinn Mayrhofens hinter sich lassen und durch einen langen, dunklen und einspurigen Tunnel in eine andere Welt fahren, hinein in ein sehr ursprüngliches und tief eingeschnittenes Seitental des Zillertals, das sich zu diesem ungefähr so verhält wie eine Almhütte zu einer Hotelburg.
Es ist die Welt von Ginzling, einem Dorf mit einem Wirtshaus, einer Brücke über den plätschernden Bach, einer Kirche mit Friedhof und einer Jausenstation. Ganz wie früher, könnte man sagen, und genau das ist der Grund, warum Ginzling ein sogenanntes Bergsteigerdorf ist, wie es der Österreichische Alpenverein (OeAV) zusammen mit 16 weiteren Dörfern nun auch touristisch vermarktet.
Plötzlich zog es auch Flachländer in die Berge
Um diesen für einen Verein eher ungewöhnlichen Schritt nachvollziehen zu können, muss man in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückblicken. Die damals gegründeten Alpenvereine waren zu jener Zeit dafür verantwortlich, dass sich nach Forschern, Künstlern und Abenteurern auch Touristen in die Berge trauten. Geldgeber aus den Städten ließen Schutzhütten bauen, Wege ebnen, Bergbahnen planen. Die Berliner Hütte beispielsweise wurde 1879 oberhalb von Ginzling eröffnet und zog erstmals auch Flachländer in die Zillertaler Alpen.
Dass sich aus dieser alpinen Begeisterung dann allerdings ab den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein nicht mehr zu kontrollierender Tourismuszweig entwickelte und sich, wie es heute in einer Broschüre des OeAV heißt, „von den Wertesystemen der Alpenvereine emanzipierte“, liegt in der Ironie der Alpenhistorie. Plötzlich gab es Hotelanlagen, Bergbahnen und Skigebiete, und die Alpenvereine wurden die Geister, die sie riefen, nicht mehr los.
Nun muss der Alpenverein für nachhaltigen Tourismus stehen
Es blieb ihnen also gar nichts anderes übrig, als sich kritisch gegen diese Ausschlachtung aufzulehnen und sich fortan für Naturschutz und die Bewahrung der Berge, deren Zugang sie der breiten Masse erst ermöglicht hatten, einzusetzen. „Seither war der Alpenverein immer dagegen. Und das ist auf Dauer nur mäßig attraktiv“, sagt Roland Kals, der passenderweise so heißt wie eines der Bergsteigerdörfer (Kals am Großglockner).
Kals war beim OeAV zusammen mit Peter Haßlacher einer der Vordenker für die Initiative „Bergsteigerdörfer“. Seitdem wählt der Alpenverein gemeinsam mit dem österreichischen Umweltministerium Ortschaften oder Täler aus, die „sanften und nachhaltigen Sommer- und Wintertourismus mit Tradition“ praktizieren. Der Verein tritt also als Marketingagentur auf, die sich ihren Kunden aussucht - und nicht umgekehrt, wie in der Tourismusbranche normalerweise üblich.
Keine Großindustrie, keine Autobahnen, keine Lifte
An 17 österreichischen Orten wird seither Alpenurlaub „fernab der großen Tourismuszentren“ über eine eigene Broschüre beworben. Und das heißt, dass 17 Mal strenge Auflagen erfüllt werden mussten: Ein Bergsteigerdorf darf nämlich nicht mehr als 2500 Einwohner haben, keine Großindustrie, Autobahnen oder Schnellstraßen aufweisen, und Seilbahnen und Skilifte sollten die umliegende Bergwelt nicht verunstalten. Im Ort selbst müssen „dörfliche Strukturen und alpine Kulturen erhalten“ sein, das heißt, es muss einen Laden, eine Apotheke, eine Kirche und ein Gasthaus geben. Und natürlich sollen Gäste dort auch wandern und bergsteigen, klettern und Rad fahren können.
Das Dorf sollte also über eine, wie es heißt, „relevante Reliefenergie“ verfügen, das bedeutet, die Höhendifferenz zwischen Dorfplatz und Gipfelkreuz sollte mindestens 1200 Meter betragen. Das bedeutet wiederum, dass auch das mit nur 509 Meter Höhe eher flach gelegene Steinbach am Attersee Bergsteigerdorf sein darf, weil sich direkt hinter dem Ortsschild der 1862 Meter hohe Höllkogel erhebt. Und es bedeutet auch, dass diese 17 Orte nun offenbar mit eigenwilligen Sprachkreationen umgehen müssen.
Nicht jede alpine Perle kann ein Bergsteigerdorf werden
Wie streng die Kriterien sind, zeigt auch, dass seit 2005 nur zwei Kandidaten dazugekommen sind: das Maltatal in Kärnten und das Villgratental in Osttirol. „Es gibt auch jetzt wieder eine ganze Reihe Kandidaten, die wir nun prüfen müssen, über die wir Ende des Jahres entscheiden“, kündigt Christina Schwann an, die beim OeAV für die Bergsteiger zuständig ist. Es würden aber nicht mehr viele dazukommen, „auch langfristig werden es sicher nicht mehr als 25“.
Auch jenen Orten, die unter dem Titel „Alpine Pearls“, also alpine Perlen, auftreten, geht es um die Bewahrung von alpiner Kultur und Tradition. Im Gegensatz zu den Bergsteigerdörfern steht bei dieser Kooperation aus zwanzig Tourismusgemeinden aus sechs Ländern die umweltfreundliche Anreise mit Bus oder Bahn und die Verkehrsberuhigung der Orte im Zentrum - nach diesen Kriterien vergibt die Dachorganisation auch die Titel. In Deutschland sind Berchtesgaden und Bad Reichenhall mit dabei, in Österreich Mallnitz, Hinterstoder, Neukirchen und Werfenweng. „Nicht jeder Alpine-Pearl-Ort kann ein Bergsteigerdorf werden“, sagt Christina Schwann und räumt damit jedes Konkurrenzdenken aus dem Weg. Neukirchen im Salzburger Land beispielsweise hätte auch beim Alpenverein angefragt, aber der Ort halte wegen seines Skitourismus den Kriterien nicht stand. Nur Mallnitz in Kärnten darf sich als Alpine Pearl und Bergsteigerdorf bezeichnen.
Die Erderwärmung zwingt zur Suche nach Alternativen
Der OeAV will das Konzept der Bergsteigerdörfer in den nächsten Jahren auch auf andere Länder ausweiten, und so könnten sich bald auch deutsche Orte bewerben. Derzeit allerdings, sagt Thomas Bucher, Sprecher des Deutschen Alpenvereins, würde kein Ort die Kriterien dafür erfüllen. Für die Zukunft des Alpentourismus sei die Initiative aber der richtige Ansatz, meint er. Erderwärmungsszenarien sagen voraus, dass die eher flach gelegenen deutschen Skigebiete in zwanzig Jahren nicht mehr existieren können. Man braucht also allmählich Alternativen.
„Wir wollen mit der Initiative den Sommer aufwerten“, sagt Schwann und deutet an, dass das Problem Österreichs exzessiver Wintertourismus sei. Von Dezember bis April konzentriert er alles auf einige wenige Orte, und von Mai bis November lässt er die meisten davon sehr unattraktiv erscheinen: In den Tälern prägen Baustellen und leerstehende Häuser, in den Bergen Pistenschneisen und Speicherseen das Bild. Das ist auch der Grund, warum der OeAV kritisch verfolgt, was in Kals passiert. Seit zwei Wintern gehört der Ort in Osttirol zum „Großglockner Resort“, einem großen neuen Skiverbund, der nun gar nicht mehr den Bergsteigerdorf-Kriterien entspricht. Der Titel kann auch wieder aberkannt werden.
Die Ursprünglichkeit, die hier vermarktet wird, scheint vor allem in den Großstädten gut anzukommen. Die Mitgliederzahlen der Alpenvereine sind vor allem in den Städten seit einigen Jahren so steil wie ein alpiner Wanderweg angestiegen. Ähnlich wie im 19. Jahrhundert ist die ruhige und natürliche Bergwelt als Gegenbild zum lauten und hektischen Stadtleben wieder attraktiv geworden. Da passt es ganz gut, dass sich auch die Alpenvereine wieder auf ihre Geschichte besinnen und sich daran erinnern, wie die ersten Bergtouristen aus den Städten das Zillertal erkundet, über Wege, Pfade und Felsstufen schließlich Ginzling erreicht und sich dort für den langen Anstieg hinauf zur Berliner Hütte ausgestattet hatten.