03.10.2011 · Südtirol zwischen Kuhstall und Komfort: Wer Ferien auf dem Bauernhof macht, kann zwischen Denkmalschutz und Design wählen. Neben Kuhweide und Hühnergehege können Stressgeplagte dort jetzt auch stilvoll wohnen.
Von Katharina MatzigNein, es heißt nicht „he“ und nicht „hott“. „Hüüüüüüsch“ ist das Zauberwort, mit dem die Kühe im September von der Alm in die Ställe getrieben werden. Zumindest klingt es bei Bauer Peter so, wenn er seine sechs gefleckten Tiere – übrigens ganz ohne albernen Blütenschmuck auf dem Schädel – von der Koppel oberhalb von Pemmern auf seinen Hof in Gebrack zu lenken versucht. Dem Fleckvieh kann es gar nicht schnell genug gehen, wieder nach Hause zu kommen, Peter, Knecht Simon, zwei Jungen und ein Mädchen aus München, die ihre Ferien auf dem Bauernhof mit dem Almabtrieb beenden dürfen, kommen ganz schön ins Schwitzen.
Vor allem, als drei der Kühe versuchen, an einem am Straßenrand geparkten Auto vorbeizukommen – was den Audi aus Gelsenkirchen verbeult. Peter zuckt dazu nur ganz cool nach Cowboy-Art mit den Schultern, Versicherungsfall, murmelt er, waren nervös heut, die Tiere. Dass es lila Kühe nur in der Werbung gibt und Milch nicht im Tetrapak entsteht, wussten die Stadtkinder natürlich. Wie schnell und dickköpfig die Vierbeiner sich ihren Weg bahnen, wird im Unterricht allerdings meist nicht erwähnt. Nervös – eine Kuh? Und wer hätte gedacht, dass ein Euter sich richtig heiß anfühlt, wenn man ihn melkt?
Natur liegt im Trend
Die Idee, Ferien auf dem Bauernhof anzubieten, ist nicht neu, seit Jahrzehnten vermieten Bauern Wohnungen, sichern sich damit ein Zubrot und ermöglichen ein echtes Natur- und erschwingliches Ferienerlebnis. Komfortabel oder besonders attraktiv waren die Apartments und Zimmer allerdings meist nicht, all inclusive hat den Bauernhöfen daher längst den Rang abgelaufen.
Doch glaubt man dem Zukunftsforscher Matthias Horx und einer vom Zukunftsinstitut 2008 herausgegebenen Studie namens „Neo-Nature“, dann steht Natur wieder hoch im Kurs: Sie ist, so heißt es, Entschleunigungsraum, Projektionsfläche für Spiritualität, Vorlage für Designer, Inspiration für Ingenieure und macht uns und unsere Kinder fit für Bildung und Kultur. Dabei versteht der Nature-Pleasurist als einer von insgesamt vier Typen die Neo-Nature als Lebensstil zu zelebrieren, Natur nicht als Askese, sondern als neuen Luxus mit allen Annehmlichkeiten. Während Work-Life-Naturisten nach möglichst authentischen Produkten und Services suchen.
Erholung auf hohem Niveau
Vermutlich würde Irmi Messner, Peters Frau, nur kurz die Locken schütteln, wenn man ihr mit Nature-Pleasure oder Nature-Avantgardisten kommen würde. Beim Thema „Bequemlichkeiten“ und „authentische Produkte und Services“ kann mit dem Ronacherhof allerdings kaum ein Vier-Sterne-Superior-Hotel konkurrieren: Die Eier darf man sich aus dem Hühnerstall holen, das Müsli ist frisch geschrotet, und wer Wellness braucht, bekommt von Irmi eine Einweisung in die Kneippsche Badelehre. Seit 1984 bewirtschaftet Familie Messner den Milchviehbetrieb auf dem Ritten in Südtirol, unweit von Klobenstein.
Sie versorgen Schweine, Kühe, Federvieh, bringen jeden Morgen pünktlich um 7.30 Uhr die Milch mit dem Traktor zum Tankwagen und kümmern sich darum, dass in der Rauchkuchl immer ausreichend Speck von der schwarzglänzenden Decke hängt, zu dessen Verköstigung die Gäste in die 800 Jahre alte holzvertäfelte Wohnstube eingeladen werden. Einst erholten sich hier auf 1220 Meter Höhe die Bischöfe von Trient, urkundlich wurde der Walmdachhof 1214 erstmals erwähnt. Seit der behutsamen Renovierung des Hauses im Jahr 2000 kommen besonders gern Architektenfamilien. Bleistiftzeichnungen im gotischen Hausflur zeugen von ihrer Begeisterung, Aquarelle bemühen sich, die grandiose Lage des Hofes und seine Architektur einzufangen. „Hir ist es toll, ich mag vor allen Irmi und die Kazen!“, bringt es eines der vielen bunten Blätter, die die Ferienkinder gemalt und in Irmis Küche ausgestellt haben, auf den Punkt.
Der TÜV für dem Bauernhof
Der Denkmalschutz sorgt auf dem Ronacherhof dafür, dass alles beim schönen Alten bleibt. Doch auf vielen anderen Bauernhöfen hat sich herumgesprochen, dass moderne Architektur die Gästezahlen steigen lässt. Auf dem Oberglunigerhof in Tscherms hat sich die Obstbauernfamilie Platter daher entschlossen, den 450 Jahre alten Hof zeitgemäß zu erweitern: Vier Wohnungen wurden 2009 gebaut, unter baubiologischen Kriterien. Aus dem Holz der Scheune entstanden mit Hilfe des Schreiners minimalistische Möbel, die von kunstvollen goldgelben Lampenskulpturen in Szene gesetzt werden und viele gesichts- und seelenlose Designhotels fade und blass aussehen lassen.
Es ist ein wenig wie mit der Frage nach dem Huhn und dem Ei, die sich nicht einmal in Irmis Hühnerstall beantworten lässt: Wuchs erst unsere Sehnsucht nach Natur, nach Luxus, ansprechender Gestaltung und Komfort – oder sorgen stilvolle Bauernhöfe dafür, dass der Urlaub neben dem Kuhstall oder mitten in der Obstplantage anspruchsvolle Städter anspricht? Fakt ist: Ferien auf dem Bauernhof boomen, Nachfrage und Angebot steigen. Der Südtiroler Bauernbund etwa, der unter der Bezeichnung „Roter Hahn“ Schankbetriebe, Qualitätsprodukte vom Bauern und auch Urlaub auf dem Bauernhof prüft und vermarktet, wächst Jahr für Jahr, obwohl jeder Hof, der sich bewirbt, genauestens unter die Lupe genommen wird. 98 Kriterien – darunter die Frage nach Safe, Bidet und stilvoller Einrichtung – werden abgehakt, ehe ein Bauernhof die quadratische Porzellantafel mit dem roten Hahn an der Fassade anbringen darf. Eine, zwei, drei oder vier Blumen geben dann Auskunft darüber, wie der Hof eingestuft wurde.
Heimatliche Idylle für Nature-Pragmatiker
Auch der Sandwiesnhof gehört zu den momentan 2668 Höfen des Roten Hahn. Vier Blumen hat er, preisgekrönt ist er außerdem: Der 2011 fertiggestellte Hof wurde mit dem Prädikat „Klimahaus“ als erste Hofstelle mit dem Umweltpreis der Region Trentino Südtirol ausgezeichnet. Beseelt führt Obstbäuerin Magdalena Thuile, deren Kette farblich exakt dem Ton ihres Pullovers entspricht, durch das inmitten von Apfelbäumen gelegene Wohnhaus, durch das Nebengebäude mit zwei großzügigen Ferienwohnungen, durch die Kellerei, in dem Apfelsekt entsteht und den üppigen Kräuter- und Gemüsegarten. Klarheit und Verantwortung waren der Familie wichtig, als sie vor einiger Zeit nach Gargazon zurückkehrte, etwas Neues wagen wollte man auch. Das grasbewachsene, gerundete Pultdach über dem Wohnhaus verschafft die gewünschte Erdung, die reduzierten Formen und Materialien, Holz, Stein, Edelstahl und Beton, sorgen dafür, dass genau die Gäste kommen, die Magdalena sich auch wünschen würde. Menschen mit Sensibilität für die Umwelt und einem besonderen Anspruch an die Gestaltung.
Vor allem letztere sind auch im Falatschhof bestens aufgehoben. Unerschrocken haben Hans und Doris Bayer ihrem Architekten Manfred Pegger freie Hand gelassen. Vier Ferienwohnungen wurden in einem zweigeschossigen, leicht abgeknickten und in der Höhe vorspringenden Riegel neben dem Hof untergebracht. Großzügig öffnet sich die Fassade, die aus den Natursteinen der alten Umgrenzungsmauern geschichtet wurde, vom Bett aus sind hinter den Apfelgärten die mittelalterlichen Stadtmauern des Städtchens Glurns und der Schnee am Ortlergipfel zu sehen. Mehr können sich nicht einmal Nature-Pragmatiker wünschen: Natur, meint das Zukunftsinstitut, wird von ihnen gezielt genutzt, um Abstand vom täglichen Trott zu gewinnen. Und sollte selbst die Natur einmal scheitern, den Alltag zu bewältigen, dann kann Irmi helfen. Sie lässt niemanden abreisen, ohne ihn mit Weihwasser aus einer alten Plastiksprudelflasche gesegnet zu haben.
Im Katalog „Urlaub auf dem Bauernhof“ des Roten Hahn (www.roterhahn.it) werden die Südtiroler Bauernhöfe vorgestellt, die Buchung erfolgt direkt über die Höfe.
Ronacherhof, Familie Messner, Gebrack 16, 39054 Klobenstein, www.ronacherhof.com, Wohnung ab 40 Euro pro Tag
Biohof Obergluniger Hof, Familie Platter, Lebenbergerstr. 9, 39010 Tscherms, www.oberglunigerhof.it, Wohnung ab 70 Euro pro Tag
Sandwiesn-Hof, Familie Thuile, Bahnhofstr. 23, 39010 Gargazon, www.sandwiesn.it, Wohnung ab 80 Euro pro Tag
Falatschhof, Familie Bayer, Falatschweg 4, 39020 Glurns, www.falatschhof.it, Wohnung ab 75 Euro pro Tag