Wir sitzen im Flugzeug nach Glasgow, und die Kinder langweilen sich. Also gut, machen wir ein Quiz: Was zeichnet Schottland aus? Der, dem am meisten einfällt, hat gewonnen. Schroffe Berge mit weißer Schneekappe, die die Wolken ankratzen. Einsame Sandstrände, auf denen sich Robben sonnen. Eisiges, klares Meereswasser, in dem sich Delphine tummeln. Grüne Hügel, die dem Horizont entgegenrollen. Behagliche Dörfer voller Tearooms und Geschäfte, die Wollpullover verkaufen. Speisekarten mit den besten Meeresfrüchten Europas von Lachs bis Austern. Weitverzweigte Wanderwege durch Berg und Tal, auf denen man keiner Menschenseele begegnet. Trutzige Burgen, in denen stolze Adlige tausend Jahre lang Komplotte schmiedeten. Menhire aus der Jungsteinzeit. Fällt Papa noch etwas ein? Ach ja, natürlich: Golfplätze in allen Schwierigkeitsgraden. Und natürlich Whisky-Destillerien. Und Mama? Ein gestandener Mann im Kilt, mit Dudelsack über der Schulter.
Schottland ist eigentlich zu groß, um all das an einem einzigen Wochenende zu erleben. Doch es gibt Rettung: Die 400 Quadratkilometer kleine Isle of Arran vor der Westküste ist ein Schottland en miniature, in dem man alle Zutaten dieses schönen, wilden Landes findet. Direktzüge verbinden die Flughäfen Glasgow und Prestwick mit dem Hafen von Ardrossan, an dem die Fähre zur Isle of Arran übersetzt. Ein buntes Volk versammelt sich hier, Wanderer, Golfer, Gartenliebhaber, Kultururlauber, fahrende Händler samt Bauchladen und viele Familien, die für ein Wochenende das Leben etwas langsamer angehen lassen wollen. Schon bald wächst die Isle of Arran am Horizont aus dem Wasser. Ein Ring aus feinem, weißem Sand schmiegt sich um grüne Hügel, die vom 874 Meter hohen Berg Goatfell beherrscht werden. Dann legt das Schiff in Brodrick an, und es kann endlich losgehen.
Jagdtrophäen des Hochadels
Diese Insel ist alte Erde. 230 Millionen Jahre alte Fußabdrücke von Dinosauriern hat man hier gefunden. Viel später kamen die Wikinger und blieben wegen der strategisch günstigen Lage jahrhundertelang. Und noch später ließen sich die Herzöge von Montrose und Hamilton an der Bucht von Brodrick ein prachtvolles Jagdschloss errichten. Die Gärten mit der weltbekannten Rhododendren-Sammlung zeugen von der Reiselust des letzten Herzogs, der sich auch ein „Bavarian Summerhouse“ baute. Der Spaziergang hoch zum Schloss führt durch blühende, betörend duftende Korridore. Kontinentale, mediterrane und tropische Gewächse wuchern hier in kontrolliertem Wildwuchs und werden von Gartenliebhabern aus aller Welt mit der Lupe untersucht.
Drinnen im Schloss zeugen Tausende Trophäen von Jagdpartien unbeschreiblichen Ausmaßes, zu denen sich der schottische und internationale Hochadel hier versammelte. Jedes Gehörn ist heimisch, bis auf einen Hirschriesen, der in Ungarn erlegt wurde, den Spitznamen Ferencz trägt und den Kindern einen gewaltigen Schrecken einjagt. Als das „House“, wie die Briten ihre Paläste mit grandiosem Understatement nennen, 1958 dem National Trust übergeben wurde, geschah das mit dem gesamten Mobiliar darin - ganz so, als sollte der Geist der Montrose auf der Insel bleiben. Und auch die Letzte der Familie Montrose, die neunzigjährige Lady Jean, ist hier immer noch präsent. Sie kurvt gerne in ihrem verbeulten blauen Volvo über die 57 Kilometer lange Küstenstraße, die rund um die Isle of Arran führt.
Uralte Klöster auf winzigen Inseln
Erforschen lässt sich die Insel nach Lady Jeans Vorbild am besten im Uhrzeigersinn von Brodrick aus. Die charmanten, altmodischen Busse halten vor dem Fährterminal und bringen ihre Passagiere einfach, schnell und günstig an jeden Ort. Erste Haltestelle sollten schon nach wenigen Minuten nahe dem Dorf Whiting Bay die Glenashdale Falls mit den Giants Graves sein. Der Rundwanderweg steigt durch üppigen Laubwald steil an und führt hoch über die Bucht von Whiting zu den Menhiren der Giants Graves. Ob sie Grenzmaß oder Hügelgrab waren, ist heute ungewiss. Bei der Öffnung der Kammern fand man ein Sammelsurium an Knochen, jedoch keinerlei Grabbeigaben. Niemand, weder Eltern noch Kinder, kann sich der besonderen Atmosphäre des Ortes entziehen. Die Luft ist so klar, dass sie in die Lungen schneidet, der Atem hängt in Wolken vor den Lippen. Überall wuchern Fingerhut und Ginster, während man in der Ferne schon den Wasserfall rauschen hört und die winzige Holy Isle sieht, einen grauen Felsen im Meer mit einem uralten Kloster darauf.
Zurück an der Küstenstraße, geht es mit dem Bus weiter nach Kildonan. Zunächst kommt man durch das Dorf Catacol, in dem nahe der Haltestelle eine auffällige und doch malerischen Reihe von ehemaligen Fischerhütten liegt, die „Zwölf Apostel“. Jedes Haus hat anders geformte Fenster, die im Notfall hell erleuchtet wurden und den Fischern auf See so zeigten, welcher Mann daheim gebraucht wurde. Der Anblick der niedrigen Häuser lässt auch die Kinder erahnen, wie hart und karg das Leben hier vor den Segnungen der Moderne war. Kildonan selbst liegt an der Südspitze der Insel und ist für die Tierliebhaber unter den Familienmitgliedern der Höhepunkt der Reise. Denn der kilometerlanger Sandstrand heißt „Seal Shore“ und ist, nomen est omen, der Lieblingsort der Robben auf der Isle of Arran. Im Dutzend liegen sie am Strand, zu fett oder zu faul, um sich zu bewegen, und doch jeden Spaziergänger aufmerksam aus großen Augen musternd. Andere Robben umschwimmen die zackigen Felsen, die nur einige Meter entfernt aus den Fluten ragen. Das Fell ihrer Jungen ist so weiß, dass man sie auf den ersten Blick für Meerschaum hält.
Von der Spinne lernen, heißt Siegen lernen
Die Isle of Arran spielte auch in der schottischen Geschichte eine wichtige Rolle, weil sie vor vielen Jahrhunderten einem berühmten Flüchtling Zuflucht gewährte, dem schottischen Thronanwärter Robert The Bruce, und so zum Geburtsort einer der bekanntesten Parabeln Britanniens wurde. Fährt man auf der Küstenstraße weiter, kommt man zwischen Blackwaterfoot und Machrie zu den Kings Caves. In diesen vom Meer ausgewaschenen Kalksteinhöhlen soll sich Bruce im frühen 14. Jahrhundert verborgen haben, als er auf der Flucht vor dem englischen König Edward Longshanks war. Sechsmal hatte er vergeblich versucht, die Engländer aus Schottland zu vertreiben. Er war nahe daran, den Mut aufzugeben. Da sah er, wie eine Spinne am Höhleneingang ihr Netz wob. Sechsmal warf sie ihren Faden erfolglos von Fels zu Fels. Beim siebten Mal aber fand sie Halt. Bruce nahm sich ein Beispiel an ihr und besiegte Edward Longshanks endgültig im siebten Anlauf in der Battle of Bannockburn. Heute kennt jedes britische Schulkind diese Legende und den Spruch: „If at first you don’t succeed, try, try again!“ Und nun kennen ihn auch unsere Kinder.
Hinter den Kings Caves liegt das Machrie-Moor mit seinen sechs Menhir-Ringen aus der Jungsteinzeit und frühen Bronzezeit. Dort finden wir noch viele Spuren einer frühen Besiedlung von Hüttenkreisen bis hin zu Grabkammern. Viele der Granitbrocken sind umgefallen, und einige wurden später noch an Ort und Stelle unsentimental in Mühlsteine umgewandelt. Und wieder eine Quizfrage: Weshalb hat wohl der größte aller Steine ein Loch in der Mitte? Die Kinder schweigen, und wir triumphieren dank unseres angelesenen Wissens: Hier soll der Sage nach der Riese Fingal seinen Hund Ban angebunden haben, während er in Ruhe sein Mittagessen zu sich nahm.
Das klarste Whiskywasser in ganz Schottland
Die Küstenstraße um die Nordspitze der Insel zurück nach Brodrick führt dann durch den siebten Himmel für Golfer und Whisky-Liebhaber, also für den Pater familias. Golf wurde in Schottland erfunden, und hier, den frischen Wind um die Nase und das unprätentiöse Naturell der Menschen im Herzen, gehört dieser Sport auch hin. Gleich sieben Golfplätze gibt es auf der kleinen Isle of Arran, von denen sechs achtzehn Loch haben. Die Anlagen sind so vielseitig wie die Insel selbst und bieten auch versierten Golfern viel Abwechslung. Niemand kümmert sich hier ums perfekte Outfit, Jeans-Träger sind selbstverständlich willkommen, nur die Schuhe müssen stimmen. Und belohnen für eine gute Runde kann man sich dann in Lochranza kurz vor Brodrick. Dort steht die letzte Destillerie der Insel, die vom Mikroklima ebenso profitiert wie vom Wasser des Bergs Goatfell - es wird vom Granit gereinigt und von der Torferde weich gemacht. Und aus der Quelle Loch na Davie soll das klarste Wasser in ganz Schottland sprudeln. Im frühen 18. Jahrhundert gab es auf Arran noch mehr als fünfzig Destillerien. Die meisten davon waren illegal, ihre Existenz wurde sorgsam vor den königlichen Steuereintreibern verborgen. Das aufs Festland geschmuggelte „Arran Wasser“ ließ sich auch der schottische Hochadel gerne mit einem Augenzwinkern schmecken. Heute gibt das von Königin Elisabeth II. persönlich eröffnete Visitors Centre Einblick in die Whisky-Herstellung, was auch für Kinder hochinteressant ist. Und ohne eine Flasche des Isle of Arran Single Malt kommt niemand von der Insel weg.
Nun, da wir wieder in Brodrick sind, führt kein Weg mehr am Berg vorbei, der Arran beherrscht. Um den 874 Meter hohen Goatfell zu besteigen, benötigt man unbedingt gute Ausrüstung, denn das Wetter hier ist unberechenbar. Wie auch Brodrick Castle gehört der Goatfell dem National Trust. Sein Name bedeutet „der Berg Gottes“, was nicht erstaunt, wenn man sieht, wie er sich unvermittelt aus der Insel in den Himmel hebt. Aufstiegsrouten zum Gipfel gibt es mehrere, doch die am Cadach Car Park beginnende ist mit ihren fünf Kilometer Länge die einfachste und kinderfreundlichste. Zunächst windet sich der Weg durch die Wälder des Parks von Brodrick Castle, dann erreicht er eine offene Moorlandschaft, in der Wacholder, Frauenmantel und Kreuzweide wachsen. Den Gipfel erklimmt man über den östlichen Rücken des Berges, und bei guter Sicht kann man im Südwesten Irland erkennen und im Norden den Loch Lomond. In Brodrick zieht Nebel auf. Ein Passagier im Kilt mit lässig um die Schulter geschlungenem Dudelsack wird melancholisch und spielt am Fährterminal eine Weise. Der Tartan seines Kilts leuchtet rot vor dem Grau der Meerenge und dem Grün der Isle of Arran, die sich jetzt vollständig in Nebel hüllt und vor den Augen der Passagiere verschwindet, als sei sie viel zu schön, um wahr zu sein.
Unterkunft: Das erste Haus am Platz ist das The Douglas Hotel mit großzügigen Familien- und Doppelzimmern, inspirierender Aussicht sowie erlesener und doch kinderfreundlicher Küche (www.thedouglashotel.com). In Brodrick gibt es viele Bed & Breakfast, den schönsten Blick über Bucht und Berg Goatfell bietet The Glenartney (www.glenartney-arran.co.uk). Selbstversorger finden eine große Auswahl an Cottages unter www.cottagesonarran.co.uk; hier kann man sich auch in den Zwölf Aposteln einmieten. Zeltplätze sind auf der ganzen Insel verteilt (www.arran-campsite.com).
Informationen: Touristische Auskünfte über Anreise, Transport auf der Insel, Aktivitäten und Sehenswürdigkeiten gibt es im Internet unter www.visitarran.co.uk.
Schön geschriebener Artikel, eine kleine Korrektur:
Thomas Mirbach (lurkius)
- 30.11.2012, 16:34 Uhr