Home
http://www.faz.net/-gxi-72yyz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Familienreisen Schmatzen ausnahmsweise erlaubt

 ·  Sohlen sind doch nur etwas für Weicheier: Wer mit Kindern auf dem Appenzeller Barfußweg unterwegs ist, dem ältesten und längsten seiner Art in der Schweiz, wird lauter kleine Helden erleben.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (1)
© Sven Weniger Zeigt her eure Füße: Alles wieder sauber nach der Wanderung durch den Matsch des Barfußweges.

Nicht nur die Kühe furzen. Wenn der Junge seine Beine wie ein Storch hebt und senkt, klingt es genauso wie bei den Rindviechern gleich nebenan auf der Weide. Manchmal schmatzt es auch vernehmlich, wenn er versucht, sich mit staksenden Schritten aus dem Modder zu befreien. Der Junge findet all diese Geräusche toll, die man sonst nicht von sich geben darf. Auch die anderen Kinder lachen und machen es ihm nach. Wie eine seltsame Prozession ziehen sie im Gänsemarsch durch den hundert Meter langen Graben, einige stumm und konzentriert, um nicht im Morast zu straucheln, andere grinsend und blödelnd. Die Kleinsten stehen manchmal bis zum Bauchnabel im Matsch. Nur gut, dass es gleich links diese Balustrade aus Holz gibt, an der sie sich festhalten können. Wer weiß, sonst gäbe es vielleicht noch ein Vollbad im Dreck. Aber das wäre auch eigentlich nicht so schlimm.

Keine Frage, für die Kinder sind die Schlammstrecken der Höhepunkt des Barfußweges von Gonten im Schweizer Kanton Appenzell. Sie haben keine Augen für die blumenübersäten Almen, die schneebetupften Gipfel des Alpstein, die feuerwehrrote Appenzeller Bahn, die gerade pfeifend an ihnen vorbei durchs Tal rollt. Ihnen genügt es vollkommen, ihren Spaß im Schlamm des Appenzeller Barfußweges zu haben, des Urvaters aller Themenwanderwege.

Die alten Torfstecher sind das Vorbild

Vor vierzig Jahren wollte ein Gontener Stationsvorsteher die Leute der Natur wieder näherbringen. Er bot ihnen an, ihre Schuhe mit den Bahn von Gonten bis zum zehn Minuten entfernten Kantonshauptort Appenzell zu transportieren, damit die Gäste diese Strecke barfuß absolvieren konnten. Die Idee wurde sofort ein Erfolg. Nun hatte es der Mann aber auch leicht. Das Gontenmoos, das große Teile des Appenzeller Tals umfasst, ist von jeher feucht und tief. Schon vor fünfzehntausend Jahren entstanden durch dem Rückzug des nahen Sitter-Gletschers riesige Torfvorkommen. Jahrhundertelang gingen die Torfstecher barfuß hinaus zur Arbeit. Ohne Schuhe herumzulaufen war also normal im Appenzell. Erst als die Moore unter Naturschutz gestellt wurden, war es mit dem Torfabbau und dem Latschen querfeldein durch die sumpfige Landschaft vorbei. Und so schlägt der Barfußweg zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Einheimischen können mit ihm die Tradition des bloßfüßigen Laufens bewahren und die Urlauber eine exotische Wandervariante ausprobieren.

Schon früh erkannten die Appenzeller, dass ihre mittelhohen Berge nicht würden mithalten können mit den hochalpinen Skigebieten im Land. Wandern wurde deswegen zum Hauptthema der Tourismusentwicklung im kleinen Käsekanton. Sechshundert Kilometer misst heute das Wegenetz, es ist das dichteste in der Schweiz. Außerdem ist der Appenzeller Barfußweg mit fünf Kilometern der längste im deutschsprachigen Raum. Heute führt er zwar nicht mehr nach Appenzell - dafür hat die starke Bebauung gesorgt -, sondern geht von Gonten in die Nachbarorte Jakobsbad und Gontenbad, die beide ihren verträumten Charme bewahrt haben. Wer sich in Appenzell Unterkunft sucht, ist in wenigen Minuten mit dem roten Zug an einer der drei Haltestellen und kann mit seiner Ferienkarte, die jeder Logiergast bei drei Übernachtungen kostenlos erhält, ganz nach Belieben ein- und aussteigen. Doch Vorsicht: Jakobsbad und Gontenbad sind so unbedeutend im regionalen Verkehrsnetz, dass man im Waggon den Halt an beiden Stationen per Knopfdruck anfordern muss. Sonst rauscht der Lokführer einfach vorbei.

Morast so zäh wie Kuchenteig

Die Kinder stapfen inzwischen durch die taufeuchte Morgenweide ohne die geringste Vorsicht vor dem, was unter den ungeschützten Füßen sein könnte - jedenfalls wenn es einheimische Kinder sind. Sie lernen, dass sich das Gras weich wie Samt anfühlt, dass große Steine pieksen, kleine kitzeln, Erdboden im Schatten feucht und kühl wie Ton ist, in der Sonne aber trocken und warm. Sie gehen auf dem Schotter der Fahrwege ebenso flott wie über die am Wegrand aufgestellten Holzbalken, auf Baumrindenstücken so locker wie durch eiskalte Bäche. Nur im Morast steigt man wie durch zähen Kuchenteig und in Zeitlupe. Deshalb ist das immer etwas Besonderes.

Beim kleinen Toobemuseum, einer Hütte, die die Geschichte des Torfabbaus beschreibt, tauchen zwei Mädchen ihre Arme in den eiskalten Armtrog, den der Wildbach speist. Sechs bis dreißig Sekunden, steht auf einer Tafel, sind nach Pfarrer Kneipp, dem Pionier der Wasserkur, die gesunde Zeit zur Kühlung. Die Mädchen halten zwei Minuten lang aus. Hinter ihnen spritzen sich derweil die anderen den angetrockneten Schlamm von den Beinen. Dafür gibt es ein Becken und einen Schlauch. Da stehen sie also, warten, bis sie drankommen, und sehen dabei aus, als hätten sie alle schwarze Gummistiefel an; die Mädchen sind ein bisschen sauberer, die Jungs weniger. Einige müssen sich gegenseitig die kurzen Hosen und die T-Shirts abspülen. Und mancher sieht danach aus, als habe er ein Vollbad genommen.

Ungewohntes Gespür für das eigene Gewicht

Der Appenzeller Barfußweg will weniger den Kopf als vielmehr die Sinne ansprechen. Zu den Gerüchen nach frischem Gras, der Kälte abziehender Winde, zum Klang von Kuhglocken und dem Hintergrundrauschen der Bäche gesellt sich das Gefühl abrupt wechselnder Untergründe und ein ungewohntes Gespür für das eigene Gewicht, das sich nicht mehr auf Gummisohlen stützt, sondern auf Zehen, Ballen oder Fersen verteilt. Damit unterscheidet er sich von vielen anderen Barfußwegen, die in den vergangenen Jahren entstanden und oft Trimmpfade mit stramm abzuarbeitender Erlebnisliste sind und keine Wege zurück in die Ursprünglichkeit der Fortbewegung. Dass dies beim Appenzeller Barfußweg nicht der Fall ist, ist sein größter Verdienst. Er führt ganz einfach unaufgeregt durch Kuhwiesen und Felder, in denen schon im Mai mit langen Rechen geheut wird; an Bauernhöfen, einem Campingplatz, einem Golfplatz vorbei; an den Toobeschopfen, jenen Hütten, in denen früher Torf getrocknet wurde, ebenso wie an einem Schweinestall, in dem sich Sauen räkeln. Trotz der kleinen Barfußweg-Schilder muss man sich gelegentlich umschauen, wo es weitergeht. Verlaufen kann sich in dem übersichtlichen Tal indes niemand.

Wie viel Wert Appenzell auf sein Wandergebiet legt, zeigt sich auch daran, dass es sich sogar einen eigenen Wegmacher leistet. Das ist wohl einzigartig im Alpenland. Patric Hautle ist ganzjährig im Kanton unterwegs, um die Wanderpfade in Schuss zu halten. Erst im Sommer, wenn der Schnee sich verzogen hat, kümmert er sich um die hochalpinen Steige. Im Winter streicht er die roten Rastbänke neu, von denen sich siebenhundert über die Region verteilen. Im Frühling wartet er Wippen, Holzstege und Balustraden oder schüttet neue Baumrinde auf den Barfußweg. Da dieser in landwirtschaftlichem Gelände liegt, gibt es gelegentlich Konflikte mit Bauern, die Müll auf ihren Weiden finden oder unverschlossene Gatter, durch die das Vieh sich vom Acker macht. Da kommt es dann schon mal vor, dass einer von ihnen das Richtungsschild des Wanderwegs von seinem Grund und Boden weg anderswohin dreht oder gar einen Absperrdraht spannt, obwohl das natürlich verboten ist. Dann muss das Patric Hautle wieder richten.

Barfußwandern in Appenzell

Anreise: Am besten und bequemsten über Zürich mit der Bahn. Mit dem „Swiss Flexi Pass“ kosten vier frei wählbare Tage innerhalb eines Monats für Bahn- und Busnetz in der gesamten Schweiz 308 Franken pro Person (www.swiss-pass.ch).

Gästekarte: Von drei Übernachtungen an in Hotels, Bed & Breakfasts oder Ferienwohnungen in Appenzell gibt es die „Ferienkarte Gold“, die zur Gratisnutzung vieler touristischer Einrichtungen berechtigt.

Barfußweg: Der Barfußweg ist fünf Kilometer lang und führt übers Gontner Hochmoor von Jakobsbad nach Gontenbad. Die Gehzeit beträgt knapp zwei Stunden.

Informationen: Appenzell ist die beliebteste Wanderregion der Schweiz. Die beste Wanderzeit ist von Mai bis Oktober. Informationen zu den Themenwegen gibt es unter www.appenzell.info. Allgemeine touristische Informationen im Netz unter www.appenzell.ch.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitersagen