20.12.2004 · Im Brandenburger Cargolifter-Werk, einstmals geplant für den Bau von Zeppelinen für Schwerlasttransporte, wurde der „Tropical Islands“-Park eröffnet - ein Tropenliliput auf 66.000 Quadratmetern.
Von Julia VossDer Korrespondent der japanischen Tageszeitung "Sekai Nippo" brachte zur Eröffnung eine Badehose mit. Er hatte von Berlin den Zug nach Brand in Brandenburg genommen, war vom Bahnhof aus fast eine halbe Stunde durch die Kälte gelaufen, vorbei an 2000 Parkplätzen für Pkws, 100 Stellplätzen für Busse und riesigen dampfenden Entlüftungsschächten. Aus der Entfernung sah man am Abend von der Halle nur fünf gleißende Rippen, durch die sich das Licht brach. Den Rest verschluckte die Dunkelheit. Wie unglaublich groß das Gebäude sein muß, dessen Pfeiler fast den Himmel zu berühren schienen, ahnte er trotzdem.
Bei seiner Ankunft fragte man den Korrespondenten, ob denn "Tropical Islands" für einen Japaner etwas Besonderes sei. Vielleicht existiere ein ähnlich großes Hallenparadies bereits in seiner Heimat? Nein, antwortete er, die Japaner könnten schließlich die Okinawa-Inseln besuchen, dort gebe es echten Strand und Palmen. Dann fahren die Japaner wenigstens in Hallen Ski? Nein, lautete auch diesmal die Auskunft, Schnee und Berge habe man auch, dafür brauche es ebenfalls keine Halle. Die überdachten 66.000 Quadratmeter mit Wasser, Palmen und Tropendorf seien einzigartig auf der Welt. Eben deshalb würde "Sekai Nippo" ja darüber berichten.
Kampf dem Leerstand
Brandenburg wird also der Ruf seines Regenwalds bis nach Japan vorauseilen. Vor fünf Jahren noch wollte man anders von sich reden machen, 1999, als die Firma Cargolifter AG das Areal des ehemaligen sowjetischen Luftwaffenstützpunktes erwarb, um dort Zeppeline für Schwerlasttransporte zu bauen. Drei Jahre später kam die Pleite. Die weltweit größte freitragende Halle stand leer.
Bis 2002 der malaysische Investor Colin Au auf die Idee kam, den Brandenburgern die Tropen vor die Haustür zu stellen: zusammen mit der börsennotierten Gesellschaft Tanjong PLC kaufte Au die ehemalige Luftschiffhalle und investierte 70 Millionen Euro. Zur Zeit arbeiten 500 Angestellte in "Tropical Islands". Seitdem kann man in Brandenburg 365 Tage im Jahr das schlechte Wetter einfach ausknipsen.
Übernachtung am Strand
Per Knopfdruck versinkt abends die Sonne auf einer riesigen Leinwand am Horizont. Die Temperaturen fallen nie unter 25 Grad. Ab 15 Euro liegt man auf einem fußbodenbeheizten Sandstrand, schwimmt in der 4000 Quadratmeter großen Südsee, besucht einen balinesischen Pavillon oder rutscht durch einen mit Palmen bepflanzten Hügel in die Lagune. Wer will, kann sich für zehn Euro ein Zelt mieten und am Strand übernachten.
Noch wenige Tage vor der Eröffnung herrscht im Tropenliliput der Ausnahmezustand. Die über hundert Meter hohe Kuppel läßt das geschäftige Treiben zum Gewusel in Zwergengröße schrumpfen. Während auf der Wasserbühne im Südseebecken schon das Musical "Viva Brasil" aufgeführt wird, rasen auf der anderen Seite der Halle Bagger entlang der Lagune. Staub wirbelt durch die Luft. Maschinen hämmern. Handwerker krabbeln auf den Dächern des Hüttendorfs. Gärtner flitzen über den in der Mitte der Halle aufgeschütteten Erdhügel.
Palmen aus Florida
Die durchsichtige Folie für das Dach, durch das am Tag echtes Licht scheinen soll, ist zu spät geliefert worden. Bisher verkleidet die Kuppel eine blickdichte Membran. Die Palmen aus Florida und auch der 140 Jahre alte thailändische Feigenbaum vertragen vorübergehend Schatten. Die empfindlicheren tropischen Pflanzen aber, deren Wurzeln im Erdreich mit einem vollautomatischen Bewässerungssystem verbunden sind, schicken klingelnd Fehlermeldungen auf die Handys der Gärtner. Zu naß. Zu kalt. Zu wenig Sonne. Aus den als Granitblöcke getarnten Lautsprecherwürfeln gluckst leise die Stimme eines tropischen Vogels.
In Deutschlands Norden hat die künstliche Schöpfung bereits Tradition. Beim gekauften Eden handelt es sich keineswegs um das jüngste Produkt aus den Traumfabriken des 21. Jahrhunderts, sondern eigentlich um eine Wiederauflage. In Berlin, Unter den Linden, baute Alfred Edmund Brehm schon 1869 das "Aquavivarium", ein dreistöckiges Höhlenlabyrinth mit Krokodilgrotte, Schlangengang, Vogelhaus und Fischbecken. Jeden Tag rührte dort ein Chemiker frisches Meerwasser an. Im Siebengebirge ließ Tiervater Brehm für den Innenausbau Basaltsäulen sprengen und nach Berlin transportieren.
Sonnenuntergang auf einer Leinwand
Als sich Brehms Kunstgrotte nach knapp zehn Jahren wegen Schimmelpilz und Schulden ausgeträumt hatte, eröffnete Carl Hagenbeck in Hamburg den Tierpark Stellingen. Auf künstlichen Felsenburgen und vor bemaltem Hintergrund sprangen nun vor den Augen der Zoobesucher Gemsen umher. Eisbären verbummelten sich die Zeit in den Gletscherattrappen des Nordlandpanoramas, und aus Hagenbecks Tierpark wurde ein Exportschlager. Auf der ganzen Welt sieht man seitdem die Tiere am liebsten in beheizten Kulissen, vor bemalten Panoramen und importierten Topfpflanzen.
So gesehen sind Colin Aus "Tropical Islands" die Verlängerung eines norddeutschen Traums aus dem 19. Jahrhundert. Nur gibt es diesmal keine Tiere, die Menschen bleiben unter sich. Daß die Realität in Brandenburgs Kulissenreich dabei verlorengeht, muß keiner befürchten. Ein Sonnenuntergang auf einer Leinwand sieht ziemlich genau so aus wie ein Sonnenuntergang auf einer Leinwand. Wenn die Kellner den Gästen lächelnd Fruchtcocktails servieren, glaubt wohl niemand, auf eine Südseeinsel gespült worden zu sein. Dafür kann man die Aussicht auf eine riesige Badelandschaft mit Strand genießen, inmitten eines gigantischen Gewächshauses.