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El Hierro Sturmerprobt, schicksalserfahren

18.03.2005 ·  Die karge Heimat des Meridians: Das Leben ist nie leicht gewesen auf El Hierro, der westlichsten Kanaren-Insel. Doch heute ist die einst bettelarme Insel zu einem Sehnsuchtsziel geworden.

Von Barbara Schaefer
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„Mit echtem Karmin" steht auf dem Erdbeer-Joghurt. Das klingt besser als "mit E120", mag sich der Hersteller gedacht haben. Die ganze Wahrheit wollte er freilich nicht ins Kleingedruckte aufnehmen, sonst stünde dort: mit Farbstoff, gewonnen aus zerriebenen Läusen. Doch wer möchte so etwas lesen auf einem Joghurt. Echtes Karmin ist eine Seltenheit, es wird fast nur noch für Lippenstifte verwendet, seit 1897 die Badische Anilin- und Sodafabrik als Karmin-Ersatz synthetisches Anilin erfunden hat. Für die Menschheit war das ein Fortschritt. Für die Bewohner der kargen Kanaren-Insel El Hierro aber war es ein Desaster.

Die Zucht der färbenden Laus war so ziemlich das einzige, was auf der westlichsten der sieben kanarischen Inseln Geld brachte. Denn El Hierro hat ein kompliziertes Klima: Es ist sowohl feucht als auch dürr. Passatwinde prallen ungebremst an die steilen Abhänge und bleiben dort hängen wie Plakate an Bauzäunen, tage- und wochenlang. Andererseits verbrennt die Sonne auf der windabgewandten Seite den Boden mit afrikanischer Glut. Den wüstenähnlichen Charakter der Landschaft verstärken die Opuntien. Diese Kakteen waren aus Mexiko zur Zucht der Cochenille-Laus eingeführt worden - der Ohrenkaktus ist ihr Zuhause. Von ihm wurden die Läuse abgekratzt und zerrieben, um den kostbaren Farbstoff herzustellen. Als der Marktwert von Karmin ins Bodenlose stürzte, wanderte El Hierro aus, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal. Denn noch bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein ernährte El Hierro seine Bewohner mehr schlecht als recht.

Traumhafte Sicht über die langgezogene Bucht

"Wir könnten noch zum Mirador de Las Playas fahren", schlägt Jose Luis enthusiastisch vor. Im Bus stöhnen seine Passagiere verhalten. Jose Luis versieht seine Aufgabe als Fahrer und Führer mit dankenswertem Engagement. Aber die Gäste haben den Eindruck, schon viele Aussichtspunkte gesehen zu haben, die nur über sehr kurvige Straßen erreicht werden können. Jose Luis aber ist begeistert von diesen Tagen. So traumhaft sei die Sicht nur selten, versichert er, gerade hier sei es sonst immer neblig, doch heute liege die langgezogene Bucht klar wie selten da. Seine Begeisterung ist echt - und verständlich, denn der Dreißigjährige lebt erst seit zwei Jahren auf El Hierro. Er wurde in Venezuela geboren und teilt damit das Schicksal vieler Herrenos. So groß war die Emigration in das lateinamerikanische Land, daß es bis heute in einer kanarischen Tageszeitung eine Kolumne mit dem Titel "Die achte Insel" gibt - gemeint ist Venezuela.

Anfang der fünfziger Jahre, als die Zeiten auf El Hierro wieder einmal sehr schlecht waren, wanderte der Vater von Jose Luis nach Lateinamerika aus. Dürreperioden hatten El Hierro schon in den vierziger Jahren geradezu entvölkert, zwei Drittel der siebentausend Bewohner verließen damals ihre Heimat. Heute gibt es praktisch keine Familie auf der Insel, die nicht von Auswanderung - und Wiedereinwanderung - erzählen könnte. Das Museumsdorf Guinea zeigt anschaulich, welchem harten Leben die Herrenos entfliehen wollten. In winzigen, geduckten Häusern schliefen die Familien zusammengedrängt auf einer Bettstatt. Noch weit bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein war das üblich, denn die modernen Zeiten brauchten lange, bis sie diesen Außenposten Europas erreicht hatten. Wie weit er vom Festland entfernt liegt, wußte schon Ptolemäus, der den westlichsten Zipfel der Insel als Referenzpunkt für den Nullmeridian festlegte. Bis heute nennt sich El Hierro "Isla del Meridiano", Insel des Meridians. Wer zum Leuchtturm an der Westspitze fährt, bekommt eine Urkunde, die wahrheitsgemäß bestätigt, daß man den "südwestlichsten Punkt Spaniens" erreicht habe.

Strand aus zerriebener schwarzer und roter Lava

Immerhin hatte der Vater von Jose Luis genügend Geld, um sich für seine Auswanderung zum Hafen von El Estaca durchzuschlagen, damals dem einzigen Verbindungsposten zur Außenwelt. Einen Flughafen gibt es erst seit 1972. Wer es nicht nach El Estaca schaffte, dem blieb nur eine Möglichkeit: Er traf sich mit Gleichgesinnten an der Playa del Verodal, um von dort aus auf ein vorbeifahrendes Schiff zu gelangen. Hier, an der Westküste, brandet der Atlantik ungestüm heran. Verodal ist heute der einzig nennenswerte Strand El Hierros. Hinter der kleinen Bucht, deren Sand zerriebene schwarze und rote Lava bildet, steigt eine Felswand empor, der Rest eines Kraterrandes, so vermuten Geologen. Es ist eine düstere Szenerie, karg und unwirtlich, Besucher mit Sinn für wilde Romantik finden sie nicht ohne Charme. In dieser Bucht warteten die Männer, die nach Südamerika wollten, bis ein Transatlantik-Dampfer nahte. Das Auswandererschiff fuhr so dicht wie möglich an die Küste heran, und die Männer schwammen los. So zumindest wird es bis heute auf El Hierro erzählt. Groß muß die Not sein, soviel Mühen und Gefahren auf sich zu nehmen, seine Heimat und seine Familie zu verlassen, mit der vagen Hoffnung, auf der anderen Seite des Ozeans ein besseres Leben zu finden.

Keiner dieser Wirtschaftsflüchtlinge hätte es sich vorstellen können, daß ihre bitterarme Heimat selbst einmal zum Sehnsuchtsziel werden sollte - für Touristen, die für ein paar Tage die Einsamkeit der Insel spüren wollen, aber auch für Menschen, die sie nie wieder missen möchten. Allein zweihundert deutsche Familien leben inzwischen hier. Gabriella Kauffmann zum Beispiel zog es nach El Hierro, nachdem sie entlang des Äquators nach dem Ort ihrer Träume gesucht hatte. Nun hat ihn die Fünfunddreißigjährige gefunden. "Hier ist es heiß genug, und das Leben hat etwas von einem Dasein am Rand der Welt", sagt sie. Beruf, Geld, Karriere, danach frage keiner.

Wenn der Kalima weht, wächst kein Gras mehr

Wie die meisten schlägt sie sich so durch, vermittelt Ferienwohnungen, geht putzen und arbeitet manchmal sogar in ihrem ursprünglichen Beruf als Logopädin mit Schlaganfall-Patienten. Ihr Haus steht nahe an der Küste. Gebaut aus schwarzem Lavagestein, duckt es sich in der kargen Umgebung, an einer der heißesten Stellen der Insel. "Wenn die Kalima, der Wind aus Afrika, ein paar Tage lang herüberweht, wächst im Garten kein Gras mehr", sagt Kauffmann. Ihr ist es trotzdem so lieber, sie könne nicht verstehen, daß viele der Deutschen sich an den Hängen der Insel angesiedelt hätten. Grüner sei es dort, keine Frage, aber manchmal klebe dort wochenlang der Passatnebel fest.

Viele Deutsche schätzen die Insel auch wegen der Hilfsbereitschaft der Einheimischen. Zur Erntezeit brächten Nachbarn Tüten voll Avocados und Ananas vorbei, und der Kramladen erfülle noch die bizarrsten Wünsche der Zugewanderten, sagt Kauffmann. Eine Deutsche habe - das Leben im Süden hin oder her - auf eine bestimmte Müsli-Sorte nicht verzichten wollen, nun stehe sie im Regal. Und der Inselfranzose, es gibt nur einen, fühlte sich verloren ohne Blauschimmelkäse und "Le Monde". Auch dies verkauft nun der Dorfladen von Frontera.

Alle vier Jahre, zwei Wochen des Rausches

Doch alle vier Jahre, zur "Bajada de la Virgen", gehört El Hierro allein den Herrenos und Exil-Herrenos. Die Virgen de los Reyes, die Jungfrau der Könige, die bei diesem religiösen Fest über die Insel getragen wird, ist eine anmutige, italienische Muttergottesstatue. Ein Schiff schenkte sie 1564 den Bewohnern als Dank für die Rettung aus Seenot. Die Prozession zieht sechsundzwanzig Kilometer weit von der Eremitage der Virgen bis zur Hauptstadt Valverde und wieder zurück. Die ganze Insel ist dann auf den Beinen. Das wollen sich auch die "Venezolaner" nicht entgehen lassen, die mit Charterflügen aus Caracas wie die Heuschreckenschwärme einfallen. Wer klug ist, füllt vor der Prozession Kühlschrank und Keller, denn die Bajada fegt die Regale der Supermärkte leer.

Nach zwei Wochen des Rausches liegt El Hierro dann wieder so einsam da wie zuvor. "Und dann leben die Venezolaner wieder in ihren eingezäunten Reichen-Gettos auf der achten Insel", sagen die Männer in der Bar am Dorfplatz von Frontera. Es sind Heimkehrer, die nie mehr wegwollen von ihrer kleinen Insel. In Venezuela sei es nicht mehr auszuhalten gewesen, sagen sie, ohne Waffe habe man nicht aus dem Haus gehen können, das sei doch kein Leben. Hier lassen sie den Zündschlüssel stecken, wenn sie in ein Cafe gehen, und die Geldbörse liegt im Auto offen herum. Allerdings sei es schwer, Freundschaften zu schließen. Die Insulaner seien verschlossen und unzugänglich, sagen die Venezolaner, die unter sich bleiben, weiter ihr weiches Latino-Spanisch sprechen und unbeirrt "guagua" sagen statt "autobus" oder "papas" statt "patatas".

Biosphärenreservat der Unesco

An sonnigen Tagen, wenn sich die Küsten El Hierros von allen Aussichtspunkten aus malerisch darbieten, vergißt man gerne, welches dramatische Wetter hier oft herrscht. Entsetzliche Stürme suchen die Insel alle Winter heim, wie damals im sechzehnten Jahrhundert, als das Schiff mit der Virgen de los Reyes in Seenot geriet. Besonders schlimm war es zuletzt am 7. Januar 1999. Stürme und dazu noch ein Seebeben warfen Winde und Wasser auf El Hierro und zerstörten das einzig respektable Hotel, den Parador. Fünfzig Gäste wurden in Sicherheit gebracht. Längst ist das Hotel wieder renoviert. In der Lobby liegt ein Fotoalbum aus, das von der Zerstörungsnacht zeugt: Der Pool war auseinandergebrochen, kopfgroße Kiesel fuhren wie Kugelblitze durch die Bar.

Die zweihundertfünfzig Hotelbetten des Parador repräsentieren die Hälfte der gesamten Übernachtungskapazität auf El Hierro. Mehr Bedarf herrscht auch nicht, denn mangels Stränden kann sich die Insel, die von der Unesco zum Biosphärenreservat erklärt wurde, nur als Ziel für Naturtouristen vermarkten. Für sie ist El Hierro wunderbar einsam. Sie können sich in einem der vier Zimmer des Puntagrande einquartieren, des kleinsten Hotels der Welt laut Guinness-Buch der Rekorde, windumtost von allen Seiten, umgeben von schwarzen Basaltsäulen, die so hart sind, daß nicht einmal das Meer sie abschleifen kann. Die Landschaft erinnert an Island, trotzt vulkanisch, schroff und wild dem Atlantik, nur Agaven und Palmen zeugen von den wärmeren Breitengraden. Man kann aber auch in einem Privatzimmer logieren oder im einzigen Kurhotel, bei den wundertätigen Wassern des Pozo de la Salud.

Der Tourismus entwickelt sich langsam

Der Tourismus auf El Hierro entwickelt sich erst langsam, nach und nach werden staubige Pisten durch Teerstraßen ersetzt. Doch des einen Freud ist des anderen Leid. So führt seit kurzem eine geteerte Straße von Frontera aus an der westlichen Küste entlang, zur Freude einiger kleiner Ansiedlungen und Hotels am Meer, zum Ärger der Bewohner des Bergdorfes Sabinosa, das an der ehemaligen Verbindungsstraße liegt. "Die Straße da unten hat das Dorf umgebracht", sagt der alte Holzschnitzer Juan Gutierrez Machin. Auch er war, natürlich, lange in Venezuela. Aber über diese Jahre mag er nicht mehr reden, "keine gute Zeit", sagt er. Nie habe er weggewollt, doch es habe keine andere Möglichkeit gegeben.

Erst seit einigen Jahren kann er zu Hause wieder von seiner Hände Arbeit leben, dank der Touristen, die seine Erzeugnisse kaufen - jedenfalls ist das bisher so gewesen. In mühseliger Handarbeit stellt er aus hartem Maulbeer-Holz Alltagsgegenstände her, Kastagnetten etwa, klobige Weinkrüge und traditionelle Flöten. So etwas, sagt er und nimmt einen Pflug in die Hand, habe das Überleben auf der Insel früher gesichert, "und die Jungen wissen gar nicht mehr, was das ist". Er werkelt gegen das Vergessen und muß nun mit ansehen, wie sein ganzes Dorf vergessen wird. "Von hier oben", sagt er, "sehen wir unten die Autos entlangfahren zum Strand, zur Playa del Verodal. Früher kamen sie alle auch zu uns. Nun kommt manchmal tagelang niemand."

Ein Flickenteppich aus Weiden

Oberhalb des Dörfchens Sabinosa beginnt ein Wanderweg, der auf die Hochebene La Dehesa und dabei immer wieder über niedrige Trockenmauern führt; wie "land art" überziehen sie den Flickenteppich aus Weiden hier oben. Der Weg geht am hohen Felsrand entlang, der mehr als tausend Meter tief fast senkrecht abfällt bis hinunter zur Ebene von El Golfo. Dort unten glänzen die Planen der Bananenplantagen unter der Abendsonne. Neben dem bescheidenen Tourismus ist die Landwirtschaft wieder eine Verdienstmöglichkeit geworden, dank der Subventionen aus Europa. Berühmt sind El Hierros kleine, zuckersüße Ananas. Diese zu ernten ist eine harte, stachlige Arbeit, die heute keiner der Herrenos mehr machen möchte. Dafür holen sie sich Gastarbeiter aus Lateinamerika, Ecuadorianer vor allem, die in den Bars von Frontera an separaten Tischen sitzen - geradeso wie damals die bettelarmen Auswanderer von El Hierro auf ihrer "achten Insel".

Anreise: Verschiedene Gesellschaften wie Air Berlin bieten Direktflüge von vielen deutschen Flughäfen nach Teneriffa, Gran Canaria oder La Palma an. Von dort geht es mit Binter Canarias (www.bintercanarias.es/aleman) weiter mit kleinen Propellermaschinen nach El Hierro.

Unterkunft: Balneario Pozo De la Salud, Sabinosa (Telefon: 0034/922/ 559561, Internet: www.el-meridiano.com/balneario) - direkt am Meer gelegen, kein Ort weit und breit, mit Kuranwendungen; Parador Nacional de El Hierro, Las Playas (Telefon: 0034/922/558036, E-mail: hierro@parador.es, Internet: www.parador.es) - ebenfalls direkt am Meer in einer weiten Bucht, das beste Hotel der Insel; Hotel Puntagrande, Frontera (Telefon: 0034/ 922/559081) - meer- und windumtost, das kleinste Hotel nicht nur der Insel; Ferienwohnung Apartado 55, Frontera, (Telefon: 0034/922/555145) - ein großartiger Blick aufs Meer.

Pauschalarrangements: Wander- und Trekkingreisen nach El Hierro bietet unter anderem Gomera Trekking Tours an (Sandstraße 1a, 90443 Nürnberg, Telefonnummer: 0911/20787, Internet: www.trekkingreisen.de). Die einwöchige Reise kostet ohne Flug 540 Euro.

Literatur: "La Gomera/El Hierro" von Michael Leibl, erschienen im MarcoPolo Verlag, 7,95 Euro.

Informationen: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt, Telefon: 069/ 725033 und 06123/99134, Mail: frankfurt@tourspain.es, Internet: www.tourspain.es; Tourismusbüro El Hierro, Calle Dr. Quintero 4, 38900 Valverde, El Hierro, Telefon: 0034/922/550302, Web: www. cistia.es/cabildohierro.

Quelle: F.A.Z., 17.03.2005, Nr. 64 / Seite R7
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