Home
http://www.faz.net/-gxi-qey8
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Montag, 13. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

„Deutschland feiert“ Rhoihessewoiwollemer

11.08.2005 ·  Auf rheinhessischen Hoffesten herrscht nicht die Pappbecherferöhlichkeit gewöhnlicher Volksfeste. Sie ähneln eher perfekt organisierten Familienfesten. Und der Weinkunde schätzt sie: Immer mehr Weinfreunde suchen den Kontakt zur Winzerfamilie und ihrem Umfeld.

Von Brigitte Scherer
Artikel Bilder (12) Lesermeinungen (0)

Wenn Winzermeister Ortwin Schmitt in seinen Weinbergen oberhalb von Guntersblum hoch auf dem Traktor mit ausholender Bewegung in den Gestus des Imperators fällt, um beim Programmpunkt "Weinbergfahrt" seines Hoffests die vierundzwanzig Millionen Jahre alte Erdgeschichte des Terroirs zu erklären, hat er vor seinen Augen ein Reich, in dem es antipodisch zur Stimmungslage in Deutschland rundherum aufwärts geht. Der Wein von den akkurat in schnurgeraden Linien aufgereihten Stöcken des rheinhessischen Reblands, das sich in weiten, im Tertiär geformten Kalksteinterrassen zum Rhein hinabschwingt, ist nach dem Absturz von Image und Qualität in den achtziger Jahren auf einem neuen Siegeszug - längst schwärmen Kenner von einem "Weinwunder".

Junge rheinhessische Winzer sehen sich in der Welt um und nehmen Ideen mit, etwa die, nach dem Vorbild südafrikanischer Winzer Weinproben zu festen Zeiten und Preisen anzubieten. Und Ortwin Schmitts Sohn Carl-Christian, der seit zehn Jahren den Betrieb führt, vervollständigte wie selbstverständlich sein Weinstudium in Australien. Der Patron des Schloßguts Schmitt, dessen Vorfahren seit 1123 Wein anbauen, steht hier inmitten der Weinstöcke unter einer Aussichtsplattform im Stil römischer Wachttürme und erhebt seine Stimme vor einer Hundertschaft gebannt lauschender Weinfreunde, denen man anhört, daß sie aus Thüringen und Sachsen kommen.

Keine Angst vor Alkoholkontrollen

Viele von ihnen sind Kinder und Enkel der traditionellen Klientel seiner Familie, die schon vor achtzig Jahren Wein in Rheinhessen kauften. Als nach der Wende Anrufer aus Erfurt und Leipzig in Guntersblum nach dem Weingut fragten, knüpfte Schmitt die alten Geschäftsbeziehungen wieder neu. Zum Hoffest reiste eine mehrhundertköpfige Abordnung aus den neuen Bundesländern an, alles Stammkunden, die bei der Heimfahrt kistenweise Wein in ihre Autos laden. Hundertsechzig Zimmer hat Schmitts Schwiegertochter, eine Leipzigerin, in der Umgebung für sie gebucht. Bis in die Nacht pendeln Kleinbusse kostenlos zwischen Hoffest und Unterkünften, damit jeder Besucher unbeschwert von der Angst vor Alkoholkontrollen Wein probieren kann.

Das Hoffest der Schmitts ist eine von einhundertfünfzig derartigen Veranstaltungen, die jeden Sommer in Rheinhessen stattfinden, freilich eine der größten mit ihren zweitausend Besuchern, denen Schloßhof, Garten und Weinkeller offenstehen. Nach Einschätzung von Stefan Herzog, dem Geschäftsführer der Rheinhessen-Information, besuchen hundertfünfzigtausend Menschen irgendwann an einem Sommerwochenende das Hoffest eines Weingutes.

Die meisten davon reisen von außerhalb an und nehmen ihren Weinvorrat für die nächsten Monate mit: Direktvertrieb in seiner idealtypischen Form. Daß so viele Winzer seit den ersten zaghaften Anfängen Ende der achtziger Jahre einmal im Jahr Haus, Hof und Keller öffnen, alles dekorieren, für Unterhaltung, Essen und Trinken sorgen, ist allein schon bemerkenswert in einer Gegend, in der man noch immer oft in zur Straße abgeschlossenen Gehöften lebt.

Seltsame Sprüche auf der Tischdecke

Noch erstaunlicher aber sind die Zusammenschlüsse konkurrierender Winzer zu Interessengemeinschaften wie etwa die "Vin-novativen" in Guntersblum. Diese zwölf Winzer geben ihren Hoffesten nicht nur jedes Jahr ein neues gemeinsames Motto - diesmal dreht sich alles um das Thema "Geologisches Schaufester" -, sie helfen sich auch tatkräftig gegenseitig. Fünf von ihnen steuern die Traktoren mit angehängtem Wagen bei Schmitts Weinbergrundfahrt in atemraubender Präzision durch enge Hohlwege.

Kaum kommen die Insassen dazu, die exotischen Sprüche von "Ichunnmoiböbbchertrinkerhoihessewoischöppcher" (Ich und meine Püppchen trinken Rheinhessenwein-Schöppchen) bis "Rhoihessewoiwollermerwennsewissewollewasmerwolle" (Rheinhessenwein wollen wir, wenn Sie wissen wollen, was wir wollen) auf der Tischdecke zu übersetzen. Fünfmal an diesem Samstag, jeweils für zweieinhalb Stunden, rückt Ortwin Schmitt aus, abends leicht heiser. Nächstes Wochenende, beim Hoffest des Weinguts Karl-Heinz Frey, ist er auch wieder dabei.

Weder Remmidemmi noch Pappbecherfröhlichkeit

Mit Remmidemmi und Pappbecherfröhlichkeit gewöhnlicher Volksfeste hat ein Hoffest ganz und gar nichts zu tun. Was sich im eindrucksvollen Ambiente des Schloßguts Schmitt abspielt, ist die logistisch perfektionierte Form eines Familienfestes mit Nachbarschaftshilfe. Im Innenhof wurden die Pflanztröge mit den überbordenden Fleißigen Ließchen und die großen Oleanderbäume, die in Terrakottatöpfen aufschäumend rosa und weiß blühen, zur Seite gerückt, damit Zeltdächer, Tische, Stühle, Musikkapelle, Tanzboden, Kinderhüpfburg und Weinausschank Platz finden.

Die gleiche Möblierung, die sich die Winzer bei ihren Hoffesten gegenseitig ausleihen, überzieht samt bunter Lämpchenketten auch den parkartigen, verwunschenen Garten, in dem an der Flora Interessierte die Schilder an Stauden und Bäumen studieren können, die der gartenliebende Patron an jeder größeren Pflanze angebracht hat. Auf den Tischdecken aus Lackfolie stehen Sonnenblumensträuße, hinter dem Tresen des Weinausschanks steht ein pensionierter Lebensmittelchemiker mit Frau, dessen Institut jahrzehntelang die Schmittschen Weine prüfte.

Die Speisung der hungrigen Mäuler

Derweil vollzieht sich im Gewölbekeller zwischen den Barriques die generalstabsgemäß organisierte Weinprobe. Wie man es schafft, Hunderte von Besuchern kostenlos achtundfünfzig Sorten Wein probieren zu lassen, ohne daß es zu Gedränge, Besäufnis oder sonstigen Mißhelligkeiten kommt, ist eine reife Leistung und geht so vor sich: An der Kellertür kanalisiert Helfer Nummer eins, in roter Schürze und aus Sachsen, die Menge: "Die nächsten bitte erst nach einer Viertelstunde." Helfer Nummer zwei gibt das Probierglas für ein Pfand von einem Euro heraus, das Helfer Nummer eins bei Verlassen des Kellers wieder entgegennimmt, wobei er aus einer mit Geldstücken gefüllten Kasse den Euro zurückgibt.

Die Speisung der hungrigen Mäuler vollzieht sich ebenso ausgeklügelt. Alle Gerichte, vom Wurstsalat über die Russischen Eier und den hausgebackenen Kuchen bis zum pochierten Lachs, haben die Frauen der Winzerfamilie portionsweise vorbereitet. Von der provisorischen Warmhalteküche, die zum Hoffest in einem Nebengebäude untergebracht ist, geben sie den mit Teller und Besteck Anstehenden das Essen heraus und richten es fertig an. Vorn am Eingang kassiert eine elegante Dame in einem Kleid-Mantel-Complet mit passendem Hut. Und wo man geht und steht, huschen junge Leute mit Körben gebrauchten Geschirrs oder frischen Gläsern umher. Auch der Gastgeber ist ständig auf den Beinen, um möglichst mit jedem Gast ein Wort zu wechseln.

Rotweine wie aus dem Burgund

Fünfundzwanzig Menschen, fast alle aus der Familie, Verwandte, Freunde, Geschäftspartner und neuerdings auch die "vin-novativen" Winzer-Konkurrenten, stemmen das Fest. Es zahlt sich für alle aus. Denn die Weinkunden suchen zunehmend Authentizität, den Kontakt zur Winzerfamilie und ihrem Umfeld. So treibt als erstes die Neugier nach der Familie und dem zweihundert Jahre alten Schloß mit seinen vierunddreißig - allerdings verschlossenen - Zimmern die Besucher zu Ortwin Schmitt. Der Urgroßvater der Familie kaufte das Schloß mit seinem eindrucksvollen Innenhof und allen Wirtschaftsgebäuden dem Grafen von Leiningen ab, als Napoleon 1804 den Adel aus seinem Herrschaftsgebiet verwies, das er zu diesem Zeitpunkt bis zum linken Rheinufer ausgedehnt hatte.

Das Schloßgut Schmitt zählt mit fünfunddreißig Hektar Rebland zu den größeren Betrieben in Rheinhessen und schafft es, die gesamte Produktion im Direktvertrieb zu verkaufen, an Pivatleute oder Restaurants. Spezialität des Weingutes sind seit Anfang der sechziger Jahre die Rotweine. Die tiefgründigen Lößböden ließen die Weine in einer Güte gedeihen, wie sie aus dem Burgund bekannt sei, sagt Altwinzer Ortwin Schmitt bei der Weinbergfahrt.

Feiern unter dem Feigenbaum

Rheinhessen ist das größte und älteste deutsche Weinanbaugebiet, seine Geschichte war wechselhaft. Die Römer hatten die Kulturrebe mitgebracht, die Hunnen rissen alles nieder, die Mönche bauten wieder auf und brachten den Weinanbau zur Blüte. Wein aus Rheinhessen genoß Weltgeltung, im "Urfaust" verlangt Frosch in Auerbachs Keller "ein Glas Rheinwein, ächten Niersteiner" von Mephisto. In der Nachkriegszeit dann kam der Abstieg zum geschmähten "Liebfrauenmilchparadies". Jetzt gilt Rheinhessen als die dynamischste deutsche Weinbauregion.

In den Augen der Touristen gab sich die Gegend gleichwohl lange Zeit spröde, ohne einladende Wirtshäuser, lauschige Hotels, offene Weingutstüren. Gastronomie und Hotellerie hatte die über Jahrhunderte florierende Weinbauregion einfach nicht nötig. Erst jetzt, bei den Hoffesten, können Besucher sehen, wieviel großbürgerliche Behaglichkeit sich hinter dem oft düster wirkenden, kalkhaltigen Feldstein der Gehöfte verbirgt. Immer mehr Hoftüren stehen inzwischen offen, unter Feigenbäumen und Oleander sind Tische und Sonnenschirme aufgestellt. Straußwirtschaften und nette Landhotels entstehen, ehrgeizige junge Gastronomen versuchen, den gerühmten Spitzenweinen gastronomische Glanzpunkte zuzugesellen. Aber das Erstaunlichste ist, daß es ausgerechnet den Rheinhessen, den Fußkranken der Völkerwanderung, die hier hängengeblieben sind, wie böse Zungen zu scherzen pflegen, nun gelingt, die Chancen der Weltpolitik von Wiedervereinigung bis Globalisierung zu nutzen, anstatt die neue Zeit zu beklagen - bis hin zu ihrer Institution des Hoffests.

Informationen: Über alle Hoffeste informiert die Rheinhessen-Information, Wilhelm-Leuschner-Straße 44, 55218 Ingelheim am Rhein, Telefon: 06132/441750, Fax: 06132/ 441744, Internet: www.rheinhessen-info.de.

Quelle: F.A.Z., 11.08.2005, Nr. 185 / Seite R6
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen