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Montag, 13. Februar 2012
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„Deutschland feiert“ Horrido-Jo schallt es von überall

06.07.2005 ·  Zehn Tage im Juli ist Hannover der Nabel der Schützenwelt. Die Schützen feiern sich mit Pauken und Trompeten, üben sich in der Kunst des Lüttje-Lage-Trinkens, verschütten dabei Bier und Schnaps und ziehen mit stolz geschmückter Brust durch die Stradt.

Von Hans Zippert
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Noch vor einiger Zeit lag Hannover vollständig unter Wasser. Hier herrschte nicht der beliebte Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg, sondern es waren die Ammoniten, seltsame Kopffüßer, die in Schalen lebten und sich von noch viel seltsameren anderen Wesen ernährten. Die Ammoniten starben aus, ihre Überreste versanken im Kalkschlamm, der zu Kalkstein wurde, der wiederum zum Bau Hannovers benutzt wurde. Aber wer die Stadt und ihre Bewohner nur in der Kreidezeit vor fünfundsiebzig Millionen Jahren erlebt hat, wird sie 2005 nach Christus kaum wiedererkennen. Die Hannoveraner haben vor allem auf Lungenatmung umgestellt, und die brauchen sie auch, sonst könnten sie Posaunen, Schalmeien, Sousaphone und Tubas nicht zum Klingen bringen. Und dann würde auf dem Hannoverschen Schützenfest etwas fehlen, nämlich die Musik. Dann wäre es mit Sicherheit auch nicht mehr "Das größte Schützenfest der Welt".

Diese gigantische Veranstaltung besuchen jedes Jahr bis zu zwei Millionen Zuschauer, viermal soviel, wie Hannover Einwohner hat. Vielleicht geht aber auch jeder Bürger Hannovers viermal hin. Mindestens. Eine solche Mega-Veranstaltung muß geregelt ablaufen, deshalb steht das Schützenfest unter der Aufsicht von vier Bruchmeistern. Eine Institution, die 1303 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde. Bruchmeister waren schon damals für die Aufrechterhaltung der allgemeinen Ordnung zuständig. Wurden irgendwelche Verordnungen oder Bestimmungen gebrochen - meistens auf dem Gebiet der Kleider-, Hochzeits- und Eheordnung -, griffen sie unnachgiebig ein und konnten den Bestimmungsbrecher sogar der Stadt verweisen. Im Rathaus leisten sie noch heute einen Eid aus dem Jahr 1600 und versprechen dem Oberbürgermeister, Gutes für die Stadt zu tun und Schaden von ihr zu wenden.

Die Kunst des Lüttje-Lage-Trinkens

Bruchmeister müssen, wegen der Schwere des Amtes, männlich, ledig und von gutem Leumund sein. Sie tragen seit 1905 einen schwarzen Cut mit schwarzem Zylinder, weiße Handschuhe und dazu ein Kleeblatt. Während des Schützenfests sind sie überall da anzutreffen, wo Menschen sich danebenbenehmen könnten, und dazu gibt es leider nur allzu reichliche Gelegenheit. Häßliche Tätowierungen, bauchnabelfreie T-Shirts, Menschen, die sich nach einer Fahrt mit dem "Sky Train" übergeben müssen, oder Fremde, die sich bei der Einnahme der Lüttjen Lage nicht besonders geschickt anstellen.

Die Lüttje Lage ist, neben dem Schützenfest, die größte kulturelle Errungenschaft der Stadt, etwas, das es nur hier und nirgendwo anders gibt. Lüttje Lage besteht aus einem kleinen Weißbier (0,1 Liter) und einem leichten Korn (32 Prozent). Wichtig ist, daß man beides gleichzeitig trinkt. Man hält das Bierglas zwischen Daumen und Zeigefinger, und zwischen Mittel- und Ringfinger das Schnapsglas. Setzt man das Bierglas an die Lippen, läuft von oben der Schnaps in das Bier und die dabei entstehende Lüttje Lage in den Hannoveraner. Das sollte möglichst schwungvoll geschehen, sonst schüttet man sich die ersten drei Lagen übers Hemd. Die Bruchmeister unterweisen den Zugereisten gerne in der Kunst des Lüttje-Lage-Trinkens.

Antwort auf die FDP-Frage

Im Jahr 1977 verbot der Bundesrat die weitere Verwendung von Null-Komma-eins-Liter-Gläsern, doch der FDP-Abgeordnete Egon Franke kämpfte wie ein Löwe, unterstützt von Graf Lambsdorff, für den Erhalt des Brauchtums und triumphierte schließlich. Wenn Sie sich jemals gefragt haben sollten, wozu man die FDP eigentlich braucht, dann wissen Sie jetzt die Antwort.

Weil aber die Jugend die unselige Tendenz hat, irgendwelche süßlichen Trenddrinks in sich hineinzuschütten, ist die Lüttje Lage weiterhin bedroht. Hier könnten die Bruchmeister ruhig etwas massiver auftreten, um Menschen vom modischen Alkoholmischgetränk wegzuholen. Auch sollte man die Lüttje Lage zum Pflichtfach an allen Hannoverschen Schulen machen, denn auch durch die Beherrschung dieses schwierigen Trinkrituals unterscheidet sich der heutige Hannoveraner von seinen ammonitischen Vorfahren.

„Hannovers fünfte Jahreszeit“

Das Schützenfest beginnt mit der Vereidigung der Bruchmeister. Sie nehmen daraufhin die Standarten von ihren Vorgängern in Empfang und sind damit offizielle Ordnungsmacht während "Hannovers fünfter Jahreszeit". Zehntausende Schützenbrüder und Schützenschwestern nehmen anschließend am großen "Schützenausmarsch" teil. Im Pospekt heißt es: "Könnte man den Zug mit einer Elle messen, käme man auf zwölf Kilometer." Würde man das Ganze mit einem Zentimetermaß messen, wäre der Zug wahrscheinlich noch länger, jedenfalls ist er ellenlang.

Obwohl der Zug sich erst um zehn Uhr in Bewegung setzt, erbebt die Stadt seit sieben Uhr unter unerklärlichen Trommelschlägen. Sie scheinen aus allen Richtungen zu kommen, und irgendwann schält sich die Melodie von "Hoch auf dem Gelben Wagen" heraus. Zwischen Karstadt und McPaper taucht plötzlich ein rotgekleideter Spielmannszug auf, der auf eigene Faust schon einmal angefangen hat, weil er die Töne einfach nicht mehr halten kann. Auf der Tribüne am Ballhofplatz erwarten einige hundert Hannoveraner den Durchmarsch der weltgrößten Schützen. Man sitzt in einer Wolke aus beißenden Haarfestiger- und süßlichen Parfümdüften, die sich zu einem atemraubenden chemischen Kampfstoff zu verbinden scheinen. Die Damen haben sich nicht geschont, der Schützenausmarsch ist ein Ereignis von großem gesellschaftlichen Stellenwert, und da kommt man natürlich nicht unvorbereitet. Viele packen selbstgemachtes Essen und selbstgekaufte Getränke aus, schließlich müssen die nächsten drei Stunden ohne Hungerast und Energieabfall überstanden werden.

5000 Schützen und ausgefeilte Marschmusik

Etwa 5000 Schützen und ihre Vereine ziehen durch die Straßen der Innenstadt, vorwärtsgepeitscht von ausgefeilter Marschmusik, die von mehr als 5000 Musikern erzeugt wird, die überall im Zug verteilt sind. Das fordert den Zuschauern die Aktivierung der letzten Jubelreserven ab. Der Tribünensprecher übt mit uns die passenden Anfeuerungsrufe ein. Wenn ein Jagdzug vorbeikommt, ruft er "Horrido", und wir rufen "Jo", und das natürlich dreifach und kräftig. Bei Schützenverbänden wird ein "Fein" vorgegeben, und wir brüllen "Korn". Mit Horrido-Jo- und Fein-Korn-Rufen bringt man sich langsam in Stimmung, bis die Spitze des Zuges in Sicht kommt, bestehend aus zwei berittenen Polizisten, die einzigen, die bei diesem Schützenaufzug wirklich von ihrer Schußwaffe Gebrauch machen dürfen. Ihnen folgt der sogenannte "Vorzug", in dem neben diversen Präsidenten, Schützenkönigen und Rittern auch die Ehrengäste mitlaufen, unter anderen Herbert Schmalstieg, der seit dem Ende der Kreidezeit Stadtoberhaupt von Hannover ist, sowie Bildungsministerin Edelgard Bulmahn und Friedbert Pflüger, der außenpolitische Schützenexperte der CDU. Dann folgen Schützen, Kapellen, Schützen, Schützen, Kapellen und Schützen.

"Und immer noch dabei: die Senioren", ruft der Tribünensprecher fast ein wenig enttäuscht beim Anblick der Kutschen, die mit einer Handvoll älterer, heftig winkender Uniformierter besetzt sind und hinter den Aktiven der Vereine herfahren dürfen. Schützen tragen keine Phantasie-Uniformen. Vorherrschend ist ein vorsichtig abgestuftes Polizeigrün, manchmal auch Grau, die Bergmannsfanfarenzüge gehen dagegen in Schwarz, und die Trauer über zu erwartende Subventionskürzungen hört man ihrem Spiel an. Es ist ein brodelndes marschmusikalisches Inferno, manchmal scheinen sich mehrere Kapellen vermischt zu haben und spielen zwei bis drei Stücke gleichzeitig. Vielleicht liegt das auch nur an der Lüttjen Lage, der offiziellen Droge dieses Schützenfestes.

Die Fleischerinnung wirft Würstchen

Hin und wieder taucht ein Motivwagen auf. Die Fleischerinnung wirft Würstchen ins Publikum, die "Landbäckerei Bosselmann" feuert wenig später die Brötchen hinterher. Die "Hobbyköche Arnum" winken mit ihren Kochlöffeln, der Wagen der "Gilde-Brauerei" wird so hysterisch begrüßt, als könne das Bier tatsächlich knapp werden. Und immer wieder neue Schützenvereine. Die "Freihandschützengesellschaft Lindener Nachtwächter", der "Damen Schießclub Linden", die "Knüppelgarde des SZ St. Hubertus Borsum", die "Hildesheimer Junggesellenkompanie", die "Schützengilde Kirchrode v. 1836", alle verschwenderisch mit Orden und Ehrenketten geschmückt. In der Innenstadt Hannovers haben wir in diesem Moment wohl die größte Konzentration von Altmetall von ganz Niedersachsen.

Plötzlich werden rote Transparente sichtbar: der "Verein der chinesischen Wissenschaftler in Hannover e.V." hat sich ebenfalls in den Zug eingereiht und grüßt auf das herzlichste ins Publikum. "Man beachte die neuen Uniformen des Damenschießclubs", ruft der Moderator, und alle Zuschauer bewundern hingerissen die Jacken in eingetrocknetem Senfgelb mit abgesetztem Revers in der Farbe angebrannter Würstchen. Eine Riesenabteilung hannoverscher Kleingärtner kommt ins Bild. Sie tragen T-Shirts mit der Aufschrift "Kleingärten sind cool" und schwenken Blumen und Klappspaten. Dazwischen immer wieder Fanfarencorps, Spielmannszüge, Schalmeienorchester, Trommler- und Pfeifer-Corps, und der "Pipes and Drums Clan of Mc Leod" mit originalverkleideten Braunschweiger Schotten.

„Zehn Tage Spaß und Highlife“

Noch tagelang hallt die Stadt wider vom Echo der Paukenschläge und Fanfarenstöße. Auch wir können nicht anders, als im Takt zum Schützenplatz am Maschsee zu marschieren, an dem der "Eurostar", die "einzige transportable Inverted-Coaster-Bahn der Welt", und der "Power Tower II", der "größte transportable Freifallturm Europas", uns ungeahnte Körpererlebnisse verschaffen wollen. Die fünftausend Schützen und auch die mehr als fünftausend Musiker werden hier von einer amüsierwütigen Menge aufgesogen. Selbst im Schützenzelt trifft man kaum Uniformierte, und kein Bruchmeister ist in Sicht, der gegen die ständigen eklatanten Verletzungen der Schwerkraftgesetze einschreiten könnte.

"Schützenfest Hannover, das sind zehn Tage Spaß und Highlife", verspricht der offizielle Prospekt. "Voll angesagt das Gay-People-Zelt. Feiern bis fünf Uhr morgens mit Travestie und Topmusik." Das überrascht dann doch ein wenig, man fragt sich, warum eigentlich auf dem Zug keine schwule Schützenbrüderschaft mitmarschiert ist. Oder waren das die "Wunstorfer Hinterlader v. 1917"? Vielleicht haben wir doch ein wenig den Überblick verloren. Den verschafft man sich in Hannover am besten durch eine Fahrt mit dem einzigen Schrägaufzug Deutschlands, hinauf in die Kuppel des Neuen Hannoverschen Rathauses, des größten nichttransportablen Rathauses der Stadt.

Die Musik setzt Glückshormone frei

Von dort oben macht Hannover an diesem Tag des großen Schützenausmarsches einen genauso guten Eindruck wie von unten. Im Süden hupt und blinkt und kreischt es aus den Fahrgeschäften am Schützenplatz, im Norden ahnt man das Meer, und in den Straßen ist die Stimmung niedersächsisch ausgelassen und überhaupt nicht aggressiv. Marschmusik setzt im Körper möglicherweise unbekannte Glückshormone frei, die im Dreivierteltakt des Herzschlags durch die Blutbahnen fluten.

Die Schützen entfalten einen entwaffnenden Charme, und eigentlich gibt es ja wirklich nichts Erhabeneres als den Anblick gutgelaunter Männer und Frauen in prächtigen Uniformen. Einem Besucher aus Mainz, der anscheinend mit einigen Bedenken angereist ist, bleibt es dann vorbehalten, das endgültige Urteil zu fällen: "Ihr Hannoveraner", so sagt er beinahe ehrfüchtig, "ihr versteht wirklich zu feiern."

www.schuetzenfest-hannover.de

Quelle: F.A.Z., 07.07.2005, Nr. 155 / Seite R10
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