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„Deutschland feiert“ Erbeben, erheben, leben

 ·  Bauernente, Knödel, Weizenbier: Die „Landshuter Hochzeit“ wird nur alle vier Jahre gefeiert, und je moderner die Zeit, desto ausgiebiger und „mittelalterlicher“ das Fest. Noch bis zum 17. Juli gibt es jeden Sonntag einen großen Ritterumzug.

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Bauernente, Knödel, Weizenbier. Es ist elf Uhr, und im Garten des Restaurants "Zur goldenen Sonne" schmeckt der Morgen schon so, wie der Tag noch werden soll. Nicht Nouvelle cuisine, sondern Portionen a l'ancienne. Wie das Essen, so das Fest.

Wir sind bereits Zeugen davon, wie großer Sog entsteht und jeden mit sich in das Zentrum einer Zeitverschiebung zieht. Wie nach den Regeln der Strömungslehre beginnt die Landshuter Hochzeit, lange bevor das Brautpaar durch die Stadt zieht, eingerahmt von Spielmännern, Fahnenschwenkern, Bogenschützen und anderem Volk.

Die Elementarteilchen des großen Fests

Einzeln, zu zweit oder in kleinen Gruppen treffen sie ein, die Elementarteilchen des großen Fests, und lassen sich irgendwo im Koordinatensystem zwischen dem Zehrplatz an der Isar und den beiden städtischen Hauptachsen "Altstadt" und "Neustadt" nieder. Gerade ruft einer seinen Zug von sechs oder acht Trommlern zur Ordnung, und wie zur Probe ziehen sie dann trommelnd am Rathaus vorbei.

Da sitzt man schon auf mitgebrachten Klappstühlen, auf umgedrehten Bierkästen oder auf einem alten Ledersofa, das der Kebab-Laden nach draußen gestellt hat. Die Sonne scheint, und die frühen Hochzeitler rufen ein langgezogenes "Halloooo" - das akustische Erkennungszeichen, das in den nächsten drei Wochen jeden willkommen heißt, der beim größten mittelalterlichen Fest Europas mitfeiern möchte.

Eine Königin unter Deutschlands Festen

Die Landshuter Hochzeit, die alle vier Jahre drei Wochen lang von zweitausend Menschen nachgestellt und nachgespielt und von weit mehr als einer halben Million miterlebt wird, ist unter Deutschlands historischen Festen eine Königin. Nachgestellt und gefeiert wird die Hochzeit von Herzog Georg von Landshut mit der polnischen Königstochter Hedwig im November des Jahres 1475. Der Ehevertrag war ein Jahr zuvor ausgehandelt worden - Hedwig brachte ihrem Vater 32000 Gulden ein, das wären heute umgerechnet sechseinhalb Millionen Euro. Es war eine strategisch wichtige Verbindung in Zeiten der beginnenden "Türkengefahr". Konstantinopel war 1453 dem Ansturm der Türken erlegen, da traf es sich gut, das "christliche Abendland" auf diese Weise enger miteinander verbinden zu können.

So referiert es der Festprospekt nicht ohne leichte Anspielung auf die Gegenwart. Der Kaiser und der deutsche Hochadel gaben sich die Ehre. Die achtzehn Jahre alte Braut reiste aus Krakau über Berlin und Wittenberg an und traf am 14. November in Landshut ein, begeistert begrüßt von den Landshuter Bürgern. Freilich soll sie während der Hochzeit viel geweint haben, weil der Bräutigam so häßlich war; vielleicht waren aber auch nur die Nerven von der langen Reise und dem großen Empfang angespannt. Den Bürgern dagegen lachte das Herz, weil der Herzog sie eine ganze Woche lang freihielt - während der geizige Kaiser sich nur mit Mühe ein Hochzeitsgeschenk abringen konnte.

Stoiber ist Schirmherr der Hochzeit

Der Kaiser ist 2005 nicht dabei, um das Brautpaar zu empfangen, wohl aber seine Königliche Hoheit Herzog Franz von Bayern und Ministerpräsident Edmund Stoiber, die gemeinsam mit dem Oberbürgermeister die Schirmherren der Landshuter Hochzeit sind und zu Beginn der Festlichkeiten zum Staatsempfang auf Burg Trausnitz zusammenkommen. Das zeigt deutlich genug den hohen Stellenwert der "Landshuter Hochzeit" in Bayern an: Man feiert hier nicht bloß ein spätmittelalterliches Fest, sondern zelebriert vor allem sich selbst, seine Traditionen - und sein Traditionsbewußtsein.

Das Fest wurde im Jahr 1902 von einer Handvoll historischer Enthusiasten angeregt, als zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bei der Renovierung des Prunksaals im Rathaus alte Fresken entdeckt wurden, auf denen die Hochzeitsszenen zu sehen waren. Daß daraufhin spontan der Wunsch entstand, dieses Fest nachzuspielen, liegt noch ganz in der Tradition des neunzehnten Jahrhunderts begründet, die das neue nationale deutsche Selbstverständnis mit lokalen und regionalen Traditionen zusammenband. Als man also zu Beginn des Jahrhunderts diese lange zurückliegende Hochzeit nachfeierte, war das auch wie ein ferner Spiegel, in dem man sehen konnte, wie Altbayern sich zugleich verjüngte, Fremdes aufnahm und sich doch in seiner Eigenart bewahrte.

Für das Zusammengehörigkeitsgefühl

Mag sein, daß die Gefühlslage heute gar nicht unähnlich ist: Mit der Europäischen Union ist man unzufrieden, mit dem ganzen deutschen Staat auch, mit Bayern geht es leidlich, mit Landshut aber kann man sich voll und ganz identifizieren. Auch wenn manches wie anderswo auch nicht so sein sollte, wie es ist - die Landshuter haben ihr Fest, und sie haben sich und einander.

Das ist in der Gegenwart gar nicht wenig, so trägt die historische Reminiszenz zum Zusammengehörigkeitsgefühl der Landshuter einiges bei. Allein die langen Familientraditionen bis in die dritte und vierte Generation, die sich daran geknüpft haben, sprechen dafür, aber auch die persönliche Bindung an das Fest bei all denen, die sich an seiner Gestaltung beteiligen. So wirkt der Chef des Vereins der Förderer, der Trägerorganisation der "Landshuter Hochzeit", Rudi Wohlgemuth, seit 1953 an den Hochzeiten mit, seit drei Jahrzehnten ist er im Vorstand. Ebenso gilt dies für die Familien, in denen sich Genealogien von Brautjungfern, Edeldamen oder Knappen gebildet haben.

Ein Hochzeits-Etat von dreieinhalb Millionen

All das tritt aber in dem Moment, da das Fest lebendig wird, in den Hintergrund. Es sind Wurzeln, aus denen eine Stadt von sechzigtausend Einwohnern die Kraft nimmt, alle vier Jahre Gäste aus aller Welt zu empfangen. Immerhin liegt der Etat für die Hochzeit bei dreieinhalb Millionen Euro, die zum größten Teil von den "Förderern" und Sponsoren aufgebracht werden. Aber auch die Stadt beteiligt sich an den Kosten, die wegen des großen Besucherandrangs und der Werbewirkung gut angelegt sind.

Wie aber wird denn nun gefeiert, nach allen Präliminarien, nach allen detailgenauen Vorbereitungen der Kostüme, der Rüstungen und der Wagen? Wer sich am ersten Samstagabend nicht schon verausgabt hat, wird schon Sonntag früh hineingesogen in die Stadt, die tief einatmet, um Luft zu holen und dann das Feuer der Festlichkeiten anzufachen. Das erste Bier vor dem Rathaus ist ein meditativer Akt, eine Einstimmung, ohne die man nichts verstünde von dem, was sich in den nächsten Stunden in der Stadt abspielen wird. Man feiert, gewiß, aber auf den ersten Blick sieht es, ehrlich gesagt, nur so aus, als trinke und esse man viel, - viel zuviel, genaugenommen. Wozu und warum? Was zieht die Menschen zu Hunderttausenden hierhin? Und was heißt denn "feiern"?

Das Wichtigste: Voller Erwartung sein

Um den Brandherd der Riesenfeier, fast fünfzig Kilometer im Umkreis, sorgt die Freiwillige Feuerwehr vor, leitet die Autofahrer um und gibt freundlich zum hundertsten Mal Auskunft. Sanitätswagen fahren in Position, aber so weit ist es noch nicht. Auf einer der Isarbrücken sieht man sie alle passieren, erst noch schlendernd, dann, noch mehr als eine Stunde vor Beginn des Festzugs, mit Ungeduld in den Füßen, der gedrosselten Eile des Dabeisein-Wollens. Dort, wo sie hinwollen, auf die Altstadtstraße, sind schon alle, und es ist, als laufe ein Kessel voll, der langsam zu köcheln beginnt.

Und der Zustrom hört nicht auf, wird mächtiger und mächtiger: Die Stadt ist ein Stehplatz und jeder ein Fan. Aber wovon? Derjenige, der nur wie auf einer Stippvisite vorbeischaut und dann bald weiterfährt, kann es kaum begreifen. Denn das Wichtigste ist erst einmal: dazubleiben, wo man gerade steht oder sitzt, "hallooo" zu rufen, zu essen, zu trinken - und vor allem voller Erwartung zu sein. Voller Erwartung auf den Zug, der tatsächlich so gestaltet ist und ein solches Ambiente herstellt, daß viele andere sogenannte "Mittelalterfeste" sich doch ziemlich neuzeitlich vorkommen dürften, überwuchert von Kommerz.

Je moderner die Zeit, desto mittelalterlicher das Fest

Wie der Zug vorüberzieht, vollzieht sich ein Wandel: Er führt von der Feierlichkeit politischer Repräsentation, den Fahnenschwenkern und wackeren Recken über das huldvolle Winken des Brautpaars hin zu den "Jokulatores", den Spaßmachern am Ende des Zugs, den Zigeunern und anderem fahrenden Volk.

Dabei durchläuft der Zuschauer eine ganze Skala seelischer Zustände, die ihn erst erbeben, dann erheben und schließlich leben lassen in einem Gefühl sorgloser Fülle. Und nur, wer sich in diese Stimmung zu versetzen vermag und sich von da an wie unter Freunden fühlt, dem wird die große Anstrengung gar nicht auffallen, in der Sonne der Hochzeit zu sitzen und bald wirklich in einer mittelalterlichen Laune zu sein, die das Morgen eine gute Weile Morgen sein lassen konnte und den seltenen Genuß des Lebens dort sich nahm, wo er sich bot. Je moderner die Zeiten, desto ausgiebiger und "mittelalterlicher" übrigens wurde das Fest, aber die Zeiten scheinen wieder so zu werden, daß man den Überfluß als nicht alltäglich begreift.

Man wird trotz der ausgeprägten Liebe der Landshuter zur Authentizität auch künftig nicht gerade im November heiraten, aber warum im Zuge des europäischen Miteinanders nicht einmal eine echte Polin zur Braut machen? Die Freude wäre wohl doppelt so groß, schon bevor alle Gäste am frühen Morgen in ihren Träumen nach langer Nacht alle gleich sind.

Die Landshuter Hochzeit wird in diesem Jahr bis zum 17. Juli gefeiert. Der große Umzug findet jeden Sonntag statt. Informationen im Internet: www.landshuter-hochzeit.de

Quelle: F.A.Z., 30.06.2005, Nr. 149 / Seite R10
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