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Deutschland Die wildwestfälische Pause

06.03.2010 ·  Wer von Westfalen aus mit dem Zug nach Süden fährt, der macht im Bahnhof Altenbeken Station. Die Zeit dort scheint stehengeblieben zu sein - das Verweilen beginnt man zu lieben.

Von Jan Wiele
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Wenn der Zug, aus dem man ausgestiegen ist, in der Ferne verschwindet, dann wird es ganz still auf dem Bahnsteig. Es ist eine Stille, die man aus alten Wildwestfilmen kennt, wenn der Sheriff den Saloon verlassen hat und misstrauisch die leere Straße beäugt. Man fragt sich, ob der Ausstieg aus dem Zug ein Fehler war. Man sieht schon förmlich Clint Eastwood am Gleis gegenüber stehen - dann ist es aber doch nur ein westfälischer Rentner. Der Wind kann hier bisweilen rauh sein, doch es hilft nichts. Wenn man von Westfalen aus mit der Bahn nach Süden möchte, bloß irgendwohin nach Süden, nicht einmal gerade bis zu den Tigern: In Altenbeken wird man wieder ausgespuckt, bevor die Reise überhaupt richtig begonnen hat.

Das war schon immer so. Reisen der Schulzeit etwa begannen mit der Zwangspause in Altenbeken, bei der man gleich gegen alle elterlichen Verbote und Resolutionen sein Geld am Bahnhofskiosk auf den Kopf haute, oder noch schlimmer: Man ruinierte zu Beginn einer Interrailtour schon beim Verlassen des Regionalzugs den Glasschirm einer Camping-Gaslaterne, die doch vier Wochen lang französische Nächte erhellen sollte. Da lagen sie dann auf dem Altenbekener Bahnsteig, die Scherben dieser Laterne, nur eine Stunde nach dem Aufbruch, und die französische Nacht blieb dunkel.

Lustige Musikantengruppe

Bis zu vierunddreißig Minuten muss man in Altenbeken auch heute noch warten, wenn man beispielsweise von Herford Richtung Kassel unterwegs ist oder umgekehrt - daran kann wohl auch der modernste Fahrplan nichts ändern. Das Schöne aber ist: Mit der Zeit gewöhnt man sich an diese Pause, ja, man beginnt sie zu schätzen. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen gesteht man sich ein, dass bei der Bahn durch verpasste Anschlüsse oft ungeplant weitaus längere Wartezeiten entstehen - hier dagegen weiß man wenigstens, was auf einen zukommt, und kann angesichts dessen jene Gelassenheit demonstrieren, die so vielen Bahnreisenden heute fehlt. Man beginnt schon vor Erreichen des Bahnhofs, sich in die wildwestfälische Pause hineinzudenken. Und das zaubert einem ein Lächeln ins Gesicht.

Zum anderen gibt es in Altenbeken ein Bahnhofslokal zu entdecken, in dem sprichwörtlich die Zeit stehengeblieben ist. Jeden Moment, so denkt man beim Anblick des Mobiliars aus den fünfziger Jahren, könnte etwa eine lustige Musikantengruppe wie jene aus dem Heimatfilm "Wenn die Heide blüht" auftauchen, um den Wirt von den Vorzügen handgemachter Musik gegenüber einer Jukebox zu überzeugen. Vom Linoleumfußboden über Stühle und Tische bis zu den Kleiderhaken und der alten Registrierkasse ist hier noch alles aus einem Guss, für die grazilen weißen Zylinderlampen würde mancher ein Vermögen geben. Die der riesigen Theke gegenüberliegende Wand, auch das hat man lange nicht mehr gesehen, ist eine Ziehharmonikatür, deren Öffnung bei Bedarf das Etablissement in einen doppelt so großen Tanzsaal verwandeln kann.

Gäste mit literarischen Ambitionen

Beim Kaffee hat man hier nicht nur die Wahl zwischen Tasse oder Kännchen, sondern auch dem noch größeren "Pott", der dem Nichtwestfalen als etwas derb erscheinen mag. Die Tasse kommt dafür auf einem kleinen Silbertablett mit Spitzendeckchen aus Papier, die Milch dazu in einem klitzekleinen Ein-Portionen-Milchgießer. Das ist aber noch nicht alles. Wer möchte, kann "bei Kaffee und Kuchen eine Reise buchen", wie auf einer Tafel steht: Direkt neben der Theke befindet sich nämlich das vielleicht kleinste Bahn-Reisezentrum Deutschlands, der Betreiber ist Wirt und Schalterbeamter in Personalunion. Mit Hingabe berät er, der eben noch den Skatspielern in der Ecke Bier serviert hat, eine Dame mit Hündchen hinsichtlich einer Reise in die Schweiz - und da ist weiß Gott viel zu bedenken: das Tier und seine Vorlieben, die Ermäßigungen unter bestimmten Umständen, die Möglichkeit eines Nachtzugs. Die Dame ist hartnäckig unentschlossen, so dass er ihr zweimal Zeit zum Überlegen gibt, während er vorne am Kiosk Bockwurst oder Nappo verkauft. Ja, tatsächlich gibt es hier auch noch Nappo, dieses rautenförmige Süßwarenrelikt aus vergangenen Zeiten. Denen, die er gerade nicht betreut, ruft der Wirt jeweils flötend zu: "Sekunde, bin gleich wieder da!". Der Kartoffelsalat zur Bockwurst ist hausgemacht wie der Kuchen des Tages; die Familie wird bis zu den jüngsten Mitgliedern hin verschiedentlich mit eingespannt. In dritter Generation wird die Bahnhofsgaststätte schon betrieben. Solange der Fahrplan sich nicht ändert, könnte es noch viele Jahre lang so weitergehen.

Altenbeken weckt offensichtlich bei vielen Reisenden nostalgische Gefühle - und oft auch literarische Ambitionen. So verfügt das Lokal über ein Gästebuch, in das die Menschen seit Jahren mit dem immer gleichen Tenor hineinschreiben: Lange lieb' ich dich schon. Sie schreiben, wie wunderbar der Ort doch sei und dass sie dort gern pausierten und sogar Umwege in Kauf nähmen, um Station zu machen. Manche dichten auch. Die einen traditionell, die anderen gewollt oder ungewollt reimlos, die Kegelvereine und Vatertagswanderer gerne auch etwas anzüglich. Nicht wenige schreiben in das Buch jedoch auch bewegende Erinnerungen oder Schicksalsgeschichten, die in irgendeiner Weise mit Altenbeken verbunden sind oder von diesem Ort hervorgerufen werden.

Geflunkerte Wehen

Der halbstündige Aufenthalt in dieser Zwischenwelt scheint, zumal in der dunkleren Jahreszeit, prädestiniert für Assoziationen mit unglücklichen Liebesgeschichten. Etwa jener aus dem Filmklassiker "Brief Encounter" von David Lean aus dem Jahr 1945, in dem sich ein verheirateter Mann und eine verheiratete Frau in einem britischen Bahnhofswarteraum kennenlernen und sich dort wöchentlich treffen, dann jedoch aus Vernunftgründen von einer Affäre absehen und sich schließlich unter dramatischen Umständen Lebewohl sagen. Der Stil der Kneipeneinrichtung ist in Altenbeken zwar ein ganz anderer, aber ein Tisch- oder Thekenflirt ist auch in Westfalen denkbar.

Altenbeken hat auch schon auf einige Schriftsteller Eindruck gemacht, allerdings nicht nur guten. Zu den bösartigen Zeugnissen zählt eine Kurzgeschichte des in Ostwestfalen geborenen Wiglaf Droste mit dem Titel "Ich schulde einem Lokführer eine Geburt". Der Erzähler fürchtet darin einen längeren Aufenthalt an dem ihm verhassten Umsteigebahnhof und treibt den Lokführer seines verspäteten Zuges deshalb mit der Lüge, seine Frau zu Hause bekomme ein Kind, zur Eile an. Mit Erfolg: "Ich dankte ihm so ernsthaft, dass ich die geflunkerten Wehen beinahe selbst zu spüren glaubte. In Altenbeken wartete tatsächlich der Interregio."

Dorfschönheiten auf dem Bahnsteig

Was Drostes hastig umsteigendem Erzähler dabei entgehen musste, ist der unvergleichliche Blick vom Perron auf die liebliche Hügellandschaft. Den haben dafür wohl einige jüngere Ansässige des Ortes entdeckt, die man ohne jede Ironie als Dorfschönheiten bezeichnen könnte. Sie verbringen ihre Nachmittage gern auf den Sitzbänken der Bahnsteige, auf denen man ungestört stundenlang Nachrichten ins Handy tippen kann. Ab und zu gibt es auch hier kleine Flirts zu bezeugen - die Dorfschönheiten rufen dann, ausnahmsweise ganz ohne Einsatz eines Telefons, den Jungs auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig ein herzliches "Ey, woher kommt ihr?" zu, und ein paar Minuten später schon sind die Gleise überschritten, und man sitzt gemeinsam auf einer Bank. Ob die Jungen auch Dorfschönheiten sind, ist schwer zu sagen, da sie zu jeder Jahreszeit Mützen tragen, die bis tief über die Ohren gezogen sind.

Die Jugendlichen auf den Bänken haben offenbar alle Zeit der Welt. Man beneidet sie darum, auch wenn man sich vorstellen kann, dass sie selbst ihre provinzielle Heimat vielleicht nicht immer lieben. Irgendwann aber werden auch sie zu denen gehören, die in Altenbeken nur noch umsteigen. Spätestens dann ist es so weit.

Informationen: Die Bahnhofsgaststätte Klüter finden Reisende auf Gleis 21, Bahnhof Altenbeken, 33184 Altenbeken, Telefon: 05255/930015.

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