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Deutsche Utopien (3) Die Stadt träumen oder: O wie schön ist Karlsruhe

 ·  In der Fächerstadt Karlsruhe soll man von jedem gegebenen Punkt aus jeden anderen planmäßig erreichen können. Trotzdem kann man sich verirren, Nicht selten landet man dabei gleich in der nächsten Utopie.

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Es heißt, dem Markgrafen von Baden-Durlach wäre die Idee der „Fächerstadt“ im Schlaf gekommen: Karl Wilhelm habe sich im Wald verirrt, wäre erschöpft unter einer Eiche eingenickt und habe im Traum den Befehl gegeben, an dieser Stelle seinen Schlossturm zu errichten und zweiunddreißig radikale Schneisen schlagen zu lassen. „Die Fiktionen schlagen zurück“ könnte ein Filmtitel über Karlsruhe heißen, denn so geschah es, und am 17. Juni 1715 legte der Markgraf den Grundstein für ein neues Jagschloss im Hardtwald, von dem aus sich die Straßen fächerförmig wegbewegten.

Diese „Verwandlung der virtuellen Welt in die reelle, die Straßen der künftigen Stadt, deren Muster Unverirrbarkeit garantierte“, diese „fast noch mittelalterliche und schon neuzeitliche“ Gründungslegende der Residenzstadt Karlsruhe, illustriert laut dem Philosophen Hans Blumenberg, dass „der Begriff die Konstruktion erlaubt“, dass „der Ort der Weglosigkeit“ als „ein Zentrum von Radien zu betrachten“ sei, deren jeder durch Entschlusskraft zum „Weg“ gemacht werden könne; der Wald, dieser mythische aus römischen und romantischen Federn beschriebene bevorzugte Aufenthaltsort der Deutschen, wäre also durchzogen von virtuellen Wegen. Schon die Götterträume der Höhlenbewohner bei Aristoteles zeigen ja, dass es darum geht, zum Höhlenausgang den Begriff für die Anschauung mitzubringen, die ihnen erst bevorsteht.

Rückkehr mit dem größten Vergnügen

Noch heute ist der Fächer unverändert aufgeklappt, begeh- und befahrbar. Annette Ludwig und Hansgeorg Schmidt-Bergmann führen in ihrem Buch „Karlsruhe - Architektur im Blick“ die Idee dieser Städtegründung zurück auf erste Entwürfe für Plan- und Idealstädte aus der Zeit des Humanismus, wie sie der italienische Baumeister und Kunsttheoretiker Leon Battista Alberti (1404-1472) darlegte: der Anspruch, die Stadt als ein Kunstwerk zu konstruieren und sie als Lebensraum für alle Einwohner zu begreifen. Städtebaulich markieren Albertis Theorien einen radikalen Wandel: In Anlehnung an die Antike soll die politische Struktur des modernen Staates mit der Planung der idealen Stadt der Renaissance einhergehen.

In den Achtzigern und Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als ich in der Stadt und später dem Landkreis Karlsruhe aufwuchs, waren mir weder Blumenberg noch Hinweise auf die ideale Renaissance-Stadt ein Trost. Mit siebzehn war ich nicht daran interessiert, „von jedem gegebenen Punkt den anderen planmäßig zu erreichen“, wie Blumenberg jubelt; vielmehr wollte ich mich verirren, vom Weg abkommen, Menschen und Dinge erleben, die so nicht vorgesehen waren. Doch wie bei Descartes „die Verirrten den Ausweg mittels des Begriffes der Endlichkeit“ finden, denn „sie verbürgt, dass alle geraden Wege aus dem Wald herausführen“ (Blumenberg), fand ich, immerhin, an einem der Wegenden den Hauptbahnhof und flüchtete. Und blieb zwanzig lange Jahre relativ konsequent fort. Erst der zeitliche Abstand, nachdem ich mich in Kyoto genauso gründlich verlaufen und verfahren hatte wie in New York, Kopenhagen, Beirut oder Schanghai, ließen mich dann mit dem allergrößten Vergnügen zurückkommen. Und endlich über das staunen, was die badische Stadt zu bieten hat.

Das Eisbärgehege des 21. Jahrhunderts

Wer heute am Hauptbahnhof - einem der wenigen Jugendstil-Bahnhöfe Deutschlands - aus dem Zug steigt, dessen Blick fällt gegenüber dem Bahnhofsvorplatz auf die Säulen zum Tierpark, wo mit blauer Schreibschrift „Stadtgarten - Zoo“ angeschrieben steht. Sonnige Cafés reihen sich aneinander, und in einem Wasserbecken stehen, vorzugsweise auf einem Bein, himbeereisfarbene Flamingos. Wo in anderen Städten das Bahnhofsviertel für erste Ernüchterung sorgt, lädt es hier zum Verweilen ein. Durch den Tierpark führt, immer geradeaus, der schönste Weg direkt ins Zentrum der Stadt, zum Schloss, dem Fächerknotenpunkt. Man schlendert vorbei an Löwen, an denen Blumenberg seinen Spaß gehabt hätte, und einem supermodernen Eisbärengehege, das sich der Tierpark zur Jahrtausendwende angeschafft hat, nachdem vier Tiere, die während der Renovierung ihres Geheges im Nürnberger Zoo Unterschlupf gefunden hatten, dort aus dem Gehege ausgebrochen waren, flüchteten und aus Sicherheitsgründen, da nicht mehr knutig-klein, erschossen werden mussten. Ob sie auf dem Weg nach Karlsruhe waren, lässt sich im Nachhinein schwer ermitteln. Jetzt, immerhin, ist das Gehege mit Mutter-Kind-Bereich und Eisberg-Nachbildungen der ganze Stolz des Zoos. Vitus, Nika und Larissa leben darin gut; sie sind strahlend weiß, wie Eisbären sein sollten und sehen zufrieden aus - wie so ziemlich alle in Karlsruhe an diesem Sommerwochenende.

Doch nicht nur Markgrafen träumten von Karlsruhe als der idealen Stadt, auch die berühmten Architekten der zwanziger Jahre: Wendet man sich vom Bahnhof aus in die zum Zoo entgegengesetzte Richtung nach Süden, lohnt sich ein Ausflug zu den weißen Quadern der 1928/1929 errichteten „Siedlung Dammerstock“, die im Kontext des „Neuen Bauens“ zwischen zwei bereits bestehenden Wohngebieten entstand. Unter den acht Architekten, die sich am ersten Bauabschnitt beteiligten, waren Otto Haesler und Wilhelm Riphahn sowie der Bauhaus-Gründer Walter Gropius, Letzterer in der Rolle des Chefplaners.

Ein digitales Bauhaus

Gropius’ Konzept orientierte sich an einer durchgängigen Zeilenbauweise, die einen optimalen Lichteinfall ermöglicht. Morgens sollte die Sonne ins Schlafzimmer scheinen, mittags in die Wohnräume. Die Zimmer waren so verteilt, dass unabhängig von der Zahl der Bewohner pro Wohnfläche eine subjektive Trennung der Funktionsbereiche möglich sein sollte. Heute haben viele Dammerstocker eine jahrzehntelange Bindung an die Häuser, deren identisch geschnittene Gärten sie mit Rosensträuchern, Steinfiguren, parkenden Vespas jeweils ihre individuelle Note geben; es herrscht geringe Fluktuation, auch wenn die Wohnräume nach heutigen Maßstäben klein sind.

Zum achtzigjährigen Jubiläum der Siedlung vor drei Jahren bekam das Viertel Besuch aus den Instituten einer wohl zeitgemässen Karlsruher Utopie: von den Studenten der Hochschule für Gestaltung im Zentrum für Kunst- und Medientechnologie (ZKM). Das ZKM stelle ein „digitales Bauhaus“ dar, sagte der Gründungsdirektor Heinrich Klotz ehemals. Heute sind es der Kunst- und Medientheoretiker Peter Weibel und der Philosoph Peter Sloterdijk, die das Haus leiten. Die Kulturinstitution ist weltweit einzigartig: ein Museum mit Archiven und Sammlungen der Kunst des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts, außerdem ein Ort für Ausstellungen und Veranstaltungen und zuletzt eine Forschungs- und Produktionsstätte mit Instituten und Labors.

Da lockt mein Zebra Muse

„Wir haben uns in einem Seminar mit künstlerischen Entwürfen zu Dammerstock beschäftigt“, sagt Stephan Krass, Autor und langjähriger Dozent der Hochschule, den ich im futuristischen Foyer des ZKM treffe. Angelehnt an den Dada-Künstler Kurt Schwitters, der das gesamte grafische Erscheinungsbild der Siedlung gestaltet hat, einschließlich Signets und Briefpapier, schuf Krass, unterstützt von dem Grafiker-Zwillingspaar Goldstein, vier Anagramm-Plakate, die phantasievoll mit den Buchstaben von „Zeilenbau Dammerstock“ spielen: „Zeilenbau Dammerstock/Zaubersack leimt Monde/Also zuckte Abend immer“ oder „Zeilenbau Dammerstock/Oedes Zimmer, nackt blau/Da lockt mein Zebra Muse“ heißt es da höchst vergnüglich. Krass’ Studenten wiederum fragten im Rahmen des Projekts bei Siedlungsbewohnern nach, ob sie in den Häusern fotografieren dürften - und stießen dort „auf die ganze Spanne von den Puristen, die alles wie ehedem behalten wollten bis zu eher kleinbürgerlichen Transformationen“, wie Krass lächelnd sagt.

Es ist merkwürdig und schön, das ZKM durch seinen aufregenden architektonischen Eingang, den gläsernen Kubus, zu besuchen und zu besichtigen: Als Schülerin hatte ich immer wieder davon sprechen, davon schwärmen hören, was dort entstehen sollte. Es ist bezeichnend, dass die Idee zum ZKM in den frühen achtziger Jahren entstand, in einer Zeit, als es weder Mobiltelefone noch private Computer oder Internet für jedermann gab. In Karlsruhe, sonst eher für sein Savoir vivre in der Nähe zum Elsass und eine gewisse Gemütlichkeit bekannt, hatte man offensichtlich ein besonderes Gespür für diese Entwicklung gehabt. 1989 wurde die entsprechende Stiftung öffentlichen Rechts gegründet.

Benutzen Sie dieses Kunstwerk!

Die Eröffnung bekam ich, weggelaufen auf dem geraden Weg den Fächer hinaus, schon nicht mehr mit: Seit 1997 befindet sich das Zentrum im historischen, 312 Meter langen Industriebau einer ehemaligen Munitionsfabrik; wer derzeit auf den „Schreitbahnen“ des Installationskünstlers Franz Erhard Walther entlangmarschiert - der mit seinen Objekten schon in den Sechzigern den Betrachter aufforderte, das Kunstwerk zu „benutzen“ -, sieht am Boden noch die Schienen, auf denen einst die Transportwagen fuhren.

Dieses Verständnis von Kunst sowie das Verhältnis von Kunst und Rezipient gilt heute längst als neu bewertet und erweitert. Der Homo ludens Krass arbeitet derzeit mit einem Seminar an einem „Bücherautomaten“; ein ehemaliger Süßigkeitenautomat, den eine Stutenseer Firma gespendet hat, wird so umgerüstet, dass sich anstelle von Schokoriegeln und Gummibärchen für einen Euro Bücher-Unikate herausziehen lassen werden. Nahrhafte Kost für inspirierte Geister, wie sie in Karlsruhe allerorts zu finden sind.

Feminismus, Regionalismus, Postmodernismus

Ich verabschiede mich von Stephan Krass und dem ZKM, um nun endlich doch in die Stadtmitte zu gehen - und dort ins Café im Prinz-Max-Palais. Auf dem Weg überall Baustellen. Nicht nur im Osten, wo bis 2015 ein weiteres großes kulturelles Zentrum auf dem ehemaligen Schlachthofgelände entstehen soll und die Bagger an den alten Schweineställen im Einsatz sind. Nein, überall sollen es Flaneure und Fahrradfahrer noch besser haben, indem die Straßenbahn unterirdisch verlegt wird. „U-Stra“ nennen die Karlsruher das Projekt halb genervt, halb voller Stolz. Später, im „Café Max“ auf der sonnenbeschienen Veranda des Palais, erfahre ich doch noch von einem kleinen Splitter in der schönen, utopischen Karlsruher Fassade, einer Fassade, wie aus der feinen, hierzulande hergestellten Majolika Keramik gefertigt. Hansgeorg Schmidt-Bergmann, der Leiter des Literaturhauses Prinz-Max-Palais, kann zwar stolz auf die prächtige Ausstellung „Literatur in Baden-Württemberg 1970 - 2010“ anlässlich des sechzigsten Geburtstags des Ländles hinweisen. Die umfassende Dokumentation geht ein auf die Politisierung der Literatur der Achtundsechziger, auf Feminismus, Regionalismus, Postmoderne und das Religiöse; neben den „großen“ Autoren wie Wilhelm Genazino, Martin Walser und zahlreichen anderen der literarischen Landschaft sollen die regionalen Entwicklungen von Mannheim bis Konstanz dokumentiert werden, darunter auch die sogenannte „Migrationsliteratur“ - womit nicht jene Autoren gemeint sind, die jugendlich aus der Stadt geflohen sind. Deutlich soll werden, dass Baden-Württemberg auch im einundzwanzigsten Jahrhundert das Land der „Dichter und Denker“ bleibt. Dies ist das eine, auf das der Professor gerne hinweist.

Andererseits ist er dieser Tage verstimmt darüber, dass man womöglich aus dem schönen Palais - ehemals der Wohnsitz des Prinzen Max von Baden, des letzten Reichskanzlers unter Wilhelm II. - ausziehen muss. Dabei ist das Palais ein idealer Ort für Lesungen und bietet ein attraktives Programm. Aber dass es als Herberge für die Kinder- und Jugendbibliothek, das Stadtmuseum, das Museum für Literatur am Oberrhein, die Literarische Gesellschaft/Scheffelbund und das „Café Max“ aus allen Nähten platzt, macht schon allein die Aufzählung all dieser Institutionen deutlich.

Viel utopisches Potential

„Die Literarische Gesellschaft möchte diesen Ort für die Karlsruher erhalten. Leider hat das Kulturamt der Stadt andere Pläne - aber wir hoffen natürlich, dass diese noch abgeändert werden können“, sagt Schmidt-Bergmann. In der örtlichen Presse wehren sich bereits Bürger, fest steht noch nichts, und man kann nur hoffen, dass die Vernunft letztlich die Verantwortlichen zur Einsicht bringt und das Gebäude weiter für die Literatur zur Verfügung steht. Einer Stadt, die so viel utopisches Potential bereits genutzt hat, stünde dies nicht schlecht an. Denn „Utopie“ heißt zwar, aus den griechischen Ursprüngen übersetzt, „ohne Ort“ oder auch „Nicht-Ort“, aber so ortlos dazustehen, hat das Karlsruher Literaturhaus nicht verdient. Schließlich sind es die Träume, die diese Stadt zu dem gemacht haben, was sie ist.

Silke Scheuermann, 1973 in Karlsruhe geboren, lebt heute In Offenbach. Für August ist ihr neuer Roman „Die Häuser der anderen“ angekündigt.

Bisher erschienen: Bauhaus in Dessau (14. Juni), der Garten von Wörlitz (21. Juni).

Quelle: F.A.Z.
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