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Der Mummelsee im Schwarzwald : Ich See was, was du nicht siehst

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Die Römer nannten ihn „See der Wunder”: der Mummelsee Bild: picture-alliance/ dpa

Silbrig-grün liegt er in der Früh da, kaltblau glänzt er in der Nachmittagssonne, schwarz glimmt er im letzten Licht: Der Mummelsee im Schwarzwald hat eigene Gesetze. Von tanzenden Nixen ist die Rede.

          Günther Weissinger legt Wert darauf, ein „durch und durch rationaler Mensch“ zu sein. Da können die Leute noch so viele Sagen und Mythen über den Mummelsee erzählen - Weissinger hat logische Erklärungen parat. Mit dem See kennt er sich aus, auch wenn er offiziell nicht der Förster vom Mummelsee ist, sondern der von Seebach, einer unterhalb gelegenen Gemeinde, die sich gern das „Mummelseedorf“ nennt.

          Der See liegt einsam, gut zwanzig Kilometer südlich von Baden-Baden an der Schwarzwaldhochstraße, die als eine der schönsten Panoramastrecken Europas gilt. Das einzige Haus am Seeufer ist das „Berghotel Mummelsee“, 1893 eingeweiht, als das „dunkle Auge des Schwarzwaldes“ bereits ein Sehnsuchtsort für reisende Romantiker war. Auch die Kaiserin von Österreich zog der Mummelsee an - kurz vor der Eröffnung der Herberge war Sisi mehrmals von Baden-Baden aus zum See geritten. „Sein Umriß ist nahezu kreisförmig, gegen Süden etwas verlängert. Die Länge des Sees beträgt 240 Meter, die Tiefe ist 18 Meter“, steht im „Führer durch das Achertal“ aus dem Jahre 1890. Also eher ein Weiher, der auf gut tausend Meter Höhe unter hohen Tannen und Fichten liegt. Eine blaue Blume soll an seinem Ufer wachsen. Wer sie in der linken Hand halte, könne sich unsichtbar machen, heißt es.

          „Wenn man Fische hineinbringt, wirft er sie wieder hinaus“

          Schon die Römer spürten den Genius Loci und nannten das still ruhende Gewässer Lacus Mirabilis - See der Wunder. Von „seltsamen Historien“ um den „unergründlichen See auf hohem Berg“ berichtet Grimmelshausen im „Simplicissimus“. Ein Gewässer hoch oben statt im Tal, knapp unter dem Gipfel der Hornigsrinde, dem Wächter des Nordschwarzwaldes, ist nur eine der Merkwürdigkeiten. „Dieser See hat und duldet keine Fische, und wenn man welche hineinbringt, wirft er sie wieder hinaus, wie das Meer die Leichen“, schreibt der Jesuit Athanasius Kircher im Jahr 1678. Förster Weissinger hat für derlei Phänomene natürlich eine vernünftige Begründung. Der Mummelsee ist nur einer, wenn auch der höchst gelegene, von vielen Karseen des Schwarzwaldes. Normalerweise liegen diese allerdings auf der Schattenseite der Hänge. Nur der Mummelsee ist nach Südwesten ausgerichtet, das „dunkle Auge“ spiegelt sich in der Sonne. Gletscher haben die Mulde in der Würmeiszeit geformt. Forstmann Weissinger weiß auch, warum im See keine Fische schwimmen. Das Wasser hat einen pH-Wert unter fünf, ist also sauer-torfig, da es von dem Hochmoor unterhalb der Hornigsrinde stammt.

          Leblos haben sich die Menschen den See dennoch nie vorgestellt. Denn der Mummelsee, so heißt es in einer Sage, ist die Heimat von Wassernymphen, die am Seegrund unter der strengen Obhut ihres Vaters und Nixenkönigs leben. In der Trinkhalle der Kurstadt Baden-Baden kann man die Wasserweibchen auf einem Fresko bewundern. Die Bauern aus Seebach wollen immer wieder den Besuch von fleißigen, ganz in sphärischem Weiß gekleideten Jungfern erlebt haben, die in den Spinnstuben bei der Arbeit halfen oder Hochzeitsgesellschaften mit ihrer Anwesenheit adelten. Nur aufhalten durfte man die feengleichen Schönen auf keinen Fall.

          Dieser See hat eigene Gesetze

          Die Legenden um die merkwürdigen Begegnungen mit den Nixen sind zahlreich, doch das Grundmuster ist immer gleich: ein männliches Menschenwesen, meist ein Hirte, Bauernbub oder auch tapferer Ritter, begegnet den liliengleichen Geschöpfen, verliebt sich und lungert daraufhin am Seeufer herum. Natürlich bricht er das Versprechen, die Nymphen in freiem Willen in ihr Reich entschwinden zu lassen. Doch die Wasserweibchen werden prompt vom Nixenkönig zurück in die Tiefe gerissen und schicken sterbend eine blutrote Welle ans Ufer.

          Jedenfalls, so warnen Chronisten, sei davon abzuraten, Steine in das Seewasser zu werfen, wenn man nicht mit einem Sturm und hohen Wellen gestraft werden will. Reines Gerede? 1888 entstand an einem schönen Sommertag aus dem Nichts eine Wasserhose über dem Mummelsee, raste als Mini-Tsunami auf das Ufer zu, flutete eine Schutzhütte, durchnässte und erschreckte eine Gesellschaft von Wanderern. Als aber der Jahrhundertsturm Lothar kurz vor der Jahrtausendwende den halben Nordschwarzwald kahl rasierte, krümmte er den hohen Tannen am Mummelsee keine einzige Nadel. Dieser See hat eigene Gesetze.

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