19.11.2007 · Silbrig-grün liegt er in der Früh da, kaltblau glänzt er in der Nachmittagssonne, schwarz glimmt er im letzten Licht: Der Mummelsee im Schwarzwald hat eigene Gesetze. Von tanzenden Nixen ist die Rede.
Von Claudia DiemarGünther Weissinger legt Wert darauf, ein „durch und durch rationaler Mensch“ zu sein. Da können die Leute noch so viele Sagen und Mythen über den Mummelsee erzählen - Weissinger hat logische Erklärungen parat. Mit dem See kennt er sich aus, auch wenn er offiziell nicht der Förster vom Mummelsee ist, sondern der von Seebach, einer unterhalb gelegenen Gemeinde, die sich gern das „Mummelseedorf“ nennt.
Der See liegt einsam, gut zwanzig Kilometer südlich von Baden-Baden an der Schwarzwaldhochstraße, die als eine der schönsten Panoramastrecken Europas gilt. Das einzige Haus am Seeufer ist das „Berghotel Mummelsee“, 1893 eingeweiht, als das „dunkle Auge des Schwarzwaldes“ bereits ein Sehnsuchtsort für reisende Romantiker war. Auch die Kaiserin von Österreich zog der Mummelsee an - kurz vor der Eröffnung der Herberge war Sisi mehrmals von Baden-Baden aus zum See geritten. „Sein Umriß ist nahezu kreisförmig, gegen Süden etwas verlängert. Die Länge des Sees beträgt 240 Meter, die Tiefe ist 18 Meter“, steht im „Führer durch das Achertal“ aus dem Jahre 1890. Also eher ein Weiher, der auf gut tausend Meter Höhe unter hohen Tannen und Fichten liegt. Eine blaue Blume soll an seinem Ufer wachsen. Wer sie in der linken Hand halte, könne sich unsichtbar machen, heißt es.
„Wenn man Fische hineinbringt, wirft er sie wieder hinaus“
Schon die Römer spürten den Genius Loci und nannten das still ruhende Gewässer Lacus Mirabilis - See der Wunder. Von „seltsamen Historien“ um den „unergründlichen See auf hohem Berg“ berichtet Grimmelshausen im „Simplicissimus“. Ein Gewässer hoch oben statt im Tal, knapp unter dem Gipfel der Hornigsrinde, dem Wächter des Nordschwarzwaldes, ist nur eine der Merkwürdigkeiten. „Dieser See hat und duldet keine Fische, und wenn man welche hineinbringt, wirft er sie wieder hinaus, wie das Meer die Leichen“, schreibt der Jesuit Athanasius Kircher im Jahr 1678. Förster Weissinger hat für derlei Phänomene natürlich eine vernünftige Begründung. Der Mummelsee ist nur einer, wenn auch der höchst gelegene, von vielen Karseen des Schwarzwaldes. Normalerweise liegen diese allerdings auf der Schattenseite der Hänge. Nur der Mummelsee ist nach Südwesten ausgerichtet, das „dunkle Auge“ spiegelt sich in der Sonne. Gletscher haben die Mulde in der Würmeiszeit geformt. Forstmann Weissinger weiß auch, warum im See keine Fische schwimmen. Das Wasser hat einen pH-Wert unter fünf, ist also sauer-torfig, da es von dem Hochmoor unterhalb der Hornigsrinde stammt.
Leblos haben sich die Menschen den See dennoch nie vorgestellt. Denn der Mummelsee, so heißt es in einer Sage, ist die Heimat von Wassernymphen, die am Seegrund unter der strengen Obhut ihres Vaters und Nixenkönigs leben. In der Trinkhalle der Kurstadt Baden-Baden kann man die Wasserweibchen auf einem Fresko bewundern. Die Bauern aus Seebach wollen immer wieder den Besuch von fleißigen, ganz in sphärischem Weiß gekleideten Jungfern erlebt haben, die in den Spinnstuben bei der Arbeit halfen oder Hochzeitsgesellschaften mit ihrer Anwesenheit adelten. Nur aufhalten durfte man die feengleichen Schönen auf keinen Fall.
Dieser See hat eigene Gesetze
Die Legenden um die merkwürdigen Begegnungen mit den Nixen sind zahlreich, doch das Grundmuster ist immer gleich: ein männliches Menschenwesen, meist ein Hirte, Bauernbub oder auch tapferer Ritter, begegnet den liliengleichen Geschöpfen, verliebt sich und lungert daraufhin am Seeufer herum. Natürlich bricht er das Versprechen, die Nymphen in freiem Willen in ihr Reich entschwinden zu lassen. Doch die Wasserweibchen werden prompt vom Nixenkönig zurück in die Tiefe gerissen und schicken sterbend eine blutrote Welle ans Ufer.
Jedenfalls, so warnen Chronisten, sei davon abzuraten, Steine in das Seewasser zu werfen, wenn man nicht mit einem Sturm und hohen Wellen gestraft werden will. Reines Gerede? 1888 entstand an einem schönen Sommertag aus dem Nichts eine Wasserhose über dem Mummelsee, raste als Mini-Tsunami auf das Ufer zu, flutete eine Schutzhütte, durchnässte und erschreckte eine Gesellschaft von Wanderern. Als aber der Jahrhundertsturm Lothar kurz vor der Jahrtausendwende den halben Nordschwarzwald kahl rasierte, krümmte er den hohen Tannen am Mummelsee keine einzige Nadel. Dieser See hat eigene Gesetze.
Sven Becker, eigentlich in der Küche des Berghotels beschäftigt, muss an den Wochenenden manchmal den Mummelseegeist geben. Dann schnallt er hölzerne Beinverlängerungen an, die an Prothesen erinnern, und steigt in das Theaterkostüm aus echt falschem Schilf, schminkt das Gesicht algengrün und drückt die Krone auf den Perückenschopf. Dann stakst der junge Mann mit einen Dreizack in der Hand stundenlang am Ufer herum, bringt kleine Kinder zum Staunen und lächelt für die abgeklärten Erwachsenen auf Kommando in die Kameras.
Die Magie des Sees
Reinhard Schmälzle, Bürgermeister von Seebach, hat als Kind fest an die Existenz des Mummelseegeistes geglaubt. „Mummeln“ werden im Volksmund Wasserlilien genannt, die es früher im See gegeben haben soll, und „Mümmlein“ ist ein Schwarzwälder Synonym für Wassergeister.
An Sonn- und Feiertagen, vor allem in der warmen Jahreszeit, gleicht der Mummelsee oft eher einem Rummelsee. Hundertschaften von Ausflüglern wimmeln an seinen Ufern, drehen Runden mit dem Tretboot und stärken sich auf der Seeterrasse. Förster Weissinger sieht das nur als weiteren Beweis für die Magie des Sees: „Muss ja einen Grund haben, wenn die Menschen in Scharen hierherströmen.“ Die Seebacher erkannten schon im 19. Jahrhundert den touristischen Wert des Sees und verlangten zur „Beförderung des Fremdenverkehrs“ den Bau einer Straße. Die konnten sie gleichzeitig auch gut gebrauchen, um im Winter den Handel mit aus dem See geschnittenen Eisblöcken zu erleichtern - die Blöcke wurden bis in die Restaurants von Paris geliefert.
Unausgeschlafene Hinterwäldler sind die Seebacher jedenfalls nicht. Schon seit 1804 gehört der „Waldgenossenschaft Seebach“ das gesamte Mummelseegebiet, nachdem sie es vor Gericht einem Adelspotentaten von und zu Schauenburg abgejagt hatten. Bis heute fließt den 104 ältesten Gemeindebürgern der Erlös aus dem Holzschlag sowie die Pacht des Berghotels als Altenteil zu.
Ein See der vielen Farben
Anita Dieterle, Pächterin des Berghotels, findet den See „magnetisch“, auch wenn sie die Nixen noch nie zu sehen bekommen hat. Auch ihr Mann Roland konnte noch keine Undinen ausmachen, wohl aber dessen Freund Tomi Ungerer. Der kam von seiner nahen Elsässer Heimat zum See und sah sie sofort vor sich, wenigstens im Geist. Herausgekommen ist ein ganzer Bilderzyklus über die Nixen, der in der Tomi-Ungerer-Stube des Hotels zu sehen ist: dralle, sinnenfrohe Fischweiber, die ihren König längst in die Wüste geschickt haben und nicht davor zurückschrecken, selbst Mummelgreise vor den Augen ihrer Gattinnen aus dem Ruderboot in die Tiefe zu reißen.
Die Dieterles haben auch den „Kunstparcours“ mit bislang 15 Installationen rund um den See angeregt - immer in der Woche vor Pfingsten laden die Hoteliers Maler und Bildhauer zur Werkwoche in ihre Herberge ein. Künstler hat der See schon vor Jahrhunderten inspiriert. Schon 1678 verewigte ihn Elias Georgius Loretus in einer Lithographie und ließ die harmlosen Bergmolche, die noch heute in ihm leben, als riesige Drachen auf ihm treiben. August Schnetzler und Eduard Mörike schrieben Gedichte über das geheimnisvolle Gewässer. 1972 wurde der See sogar zur Kulisse für die „Tatort“-Folge „Cherchez la Femme oder Die Geister am Mummelsee“.
Anita Dieterle kann sich an dem See vor ihrer Haustür nicht sattsehen. Silbrig-grün liegt er in der Früh da, kaltblau glänzt er in der Nachmittagssonne, schwarz glimmt er im letzten Licht. Im Winter liegt er dick eingemummelt unter einem Federbett aus Eis und Schnee, die Tannen rundum vom Rauhreif wie kandiert. Wer den Mummelsee bei einem Abend- oder Morgenspaziergang still ruhen sehen will, muss im Berghotel übernachten. Die Zimmer sind groß und komfortabel, die Küche ist gutbürgerlich bis gediegen. Bäcker Anton Ohnmachts Bauernbrot aus dem Steinofen oder seine Schwarzwälder Kirschtorte sind legendär, einige Gäste kommen dafür selbst aus Frankreich angefahren. Manchmal geht sogar Förster Weissinger, der „durch und durch rationale Mensch“, um den See spazieren. Am liebsten ganz frühmorgens, wenn der Nebel noch über dem Wasser liegt und die Nixen hinter den Schleiern tanzen.
Anfahrt mit der Bahn bis Baden-Baden, von dort fährt ein Linienbus in etwa fünfzig Minuten weiter auf der Schwarzwaldhochstraße B 500 bis Seebach. Am ruhigsten ist es am Mummelsee unter der Woche.
Unterkunft in Seebach im „Berghotel Mummelsee“ (Schwarzwaldhochstraße 11, 77889 Seebach). Übernachtung mit Frühstück ab 43 Euro pro Person im Doppelzimmer. Mehr unter Telefon 0 78 42/9 92 86 oder unter www.berghotel-mummelsee.de.
Reiseliteratur „Der geheimnisvolle Mummelsee“ von Willi Keller (Baden-Verlag, nur antiquarisch erhältlich, zum Beispiel unter www.zvab.de). Das Buch kann auch im Berghotel geliehen werden.
Weitere Informationen bei der Touristeninformation in Seebach unter Telefon 0 78 42/94 83 20 oder www.seebach.de.