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Montag, 13. Februar 2012
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Da Vinci Code Der große Bluff

15.05.2006 ·  Paris ist empört und London verstört: Die Verfilmung des „Da Vinci Codes“ erregt die Gemüter an den Drehorten, die seit der Veröffentlichung des Bestsellers von Zigtausenden heimgesucht werden.

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Bitte alle mal mit zur Toilette kommen, sagt Patricia sehr bestimmt und hält die schwere Toilettentür im Westflügel des Louvre mit beiden Händen geöffnet. Seit 25 Jahren führt die Französin Touristen durch den Louvre. Ein paar Japaner bleiben stehen und gucken ungläubig.

"Alors? Sehen Sie ein Fenster? Non!" Aus dem Fenster, das wir nicht sehen können, soll in Dan Browns Bestseller "Da Vinci Code", in der deutschen Übersetzung "Sakrileg", der gerade verfilmt wurde und im Mai weltweit in die Kinos kommt, der Protagonist Robert Langdon einen Peilsender geworfen haben. Der anschließend auf einem vorbeifahrenden Lastwagen landet und so die Polizei in die Irre führt.

Der Amerikaner habe gleich doppelt geflunkert, sagt Patricia: erstens gebe es hier gar kein Fenster, und zweitens sei die nächste Straße, die Place du Carousel, fast hundert Meter entfernt. "Kann man einen Peilsender so weit werfen?" Patricias Stimme klingt nun fast hysterisch: "Non, c'est impossible, impossible!"

Set-Jetter nerven im Ritz

So kann man Paris nicht verstümmeln. Und ein Amerikaner darf das schon gar nicht. Der französische Verlag hat Dan Brown soviel dichterische Freiheit nicht durchgehen lassen und eine eigene Version der Geschichte herausgebracht. Darin fährt Langdon nicht mehr zum Gare St. Lazare und kauft dort eine Fahrkarte nach Lille, sondern zum Gare du Nord. Tatsächlich fahren vom St. Lazare keine Züge nach Lille. Doch bei aller Kritik an Browns geographischen Kenntnissen, der Louvre verdient mit "Sakrileg" viel Geld: Die "Da Vinci Code"-Touren laufen prächtig und haben dem Museum im vergangenen Jahr viele zusätzliche Besucher beschert.

Im "Ritz" an der Place Vendome ist man über die "Set-Jetter", wie Touristen, die zu Film oder Buchschauplätzen reisen, genannt werden, weniger glücklich. "Stellen Sie sich vor, die kommen einfach zum Empfang und wollen das Zimmer von Robert Langdon sehen", erzählt der Pressesprecher Matthieu Goffard mit leicht bebender Stimme. Ins "Ritz". Einfach so!

Nachher fehlt die Hälfte

Auch wir dürfen das Zimmer von Langdon nicht sehen - gerade wohnt jemand darin -, aber einen Blick in die 150 Quadratmeter große Coco-Chanel-Suite werfen. Noch ist sie unbewohnt, aber auf dem Boden liegen schon Reisetaschen, und Todds hat Schuhe geschickt. Heute abend komme jemand Berühmtes, sagt Goffard, er dürfe aber nicht sagen, wer, das sei die Politik des Hauses. Das ist nicht schlimm, wir können lesen, auf einem der Schuhkartons klebt ein kleiner Zettel: "Für Sharon Stone".

Ein Mitarbeiter des "Ritz" mit sichtbar schlechter Laune betritt die Suite, vielleicht hat ihm niemand von den Journalisten bei Sharon Stone erzählt. "Ich weiß doch, wie das ist", sagt er in gedämpftem Französisch zu Goffard. "Wenn die nachher weg sind, fehlt hier die Hälfte." Natürlich kann das "Ritz" auf Set-Jetter und neugierige Journalisten gut verzichten, der Mythos des Luxushotels ist größer als jeder Roman, der ihn beschwört.

Widerstand in London

In Lincoln, einer Kleinstadt rund 240 Kilometer nördlich von London, sieht man das ein bißchen anders, viele haben vom Besucheransturm während und nach den Dreharbeiten zum "Da Vinci Code" profitiert: Das bodenständige "White Hart Hotel", in dem Tom Hanks und Audrey Tatou (Amelie) während der Dreharbeiten wohnten, verzeichnet seitdem dreißig Prozent mehr Übernachtungen, und in der "Old Bakery", dessen Besitzer Alan Ritson das einzige von allen Schauspielern und Autor Brown signierte Exemplar von "Sakrileg" besitzt, muß man jetzt lange im voraus einen Tisch reservieren.

Eigentlich wollte Regisseur Ron Howard in der Londoner Westminster Abbey drehen, dort spielt auch Browns Roman. Aber die Londoner reagierten verschnupft, man werde sich für die Verfilmung eines Romans, der aus theologischer Sicht nicht nur unseriös sei, sondern zudem auch fragwürdige religiöse und geschichtliche Behauptungen aufstelle, nicht hergeben, hieß es in einer Erklärung.

Fast an Sister Mary Michael gescheitert

Den für die Lincoln Cathedral zuständigen Stellen war das egal, und nicht einmal der Kirchendiener John Campbell hatte ein Problem mit den Dreharbeiten auf heiligem Boden. "Die Produktionsfirma hat alle Kronleuchter abgehängt, gereinigt und wieder angebracht. Das hätte uns viel Geld gekostet; Geld, das wir nicht haben", sagt er.

Fast aber wären die Dreharbeiten an Sister Mary Michael gescheitert. Die Nonne protestierte mit einer zwölfstündigen Mahnwache vor der Kirche gegen Dan Browns Version der Schöpfungsgeschichte, das Buch entspreche einfach nicht dem, was "wir glauben", so die Nonne. "Natürlich war Sister Mary Michael ein gefundenes Fressen für die Medien", sagt Campbell und fügt giftig an: "Ich vermute, sie hatte sogar ein paar Minuten auf dem ,Disney Channel'." Erst als die Ordensschwester mit einem zufällig anwesenden Mitglied der Hells Angels ein paar Runden auf dessen Harley gedreht habe, sei ihre Glaubwürdigkeit dahin gewesen. "Sie hat den Journalisten zugewunken. Dann sind beide davongebraust", erinnert sich Campbell.

Sturm auf Schottland

Rosslyn ist ein kleines Dorf, zehn Kilometer südlich der schottischen Hauptstadt Edinburgh. Am Rosslyn Institute wurde 1996 das Klonschaf Dolly geboren, danach kehrte wieder Ruhe in den Ort ein. Bis Dan Brown die Rosslyn Chapel in "Sakrileg" als letzten Handlungsort gewählt hat. Seitdem ist die kleine Kapelle zur Pilgerstätte Tausender Fans geworden.

An diesem kalten Morgen verzieht sich der Nebel nur langsam über den schottischen Highlands, auf den Gipfeln der Bergkuppen liegt Neuschnee. Eine Hundertschaft Rentner hat das Gotteshaus bereits gestürmt und bewegt sich nun in Wurmformation durch die engen Gänge. Kirchenführer Simon Beaty sagt, seit der Roman erschienen sei, häuften sich die bizarren Vorfälle in der Kirche. Einige hörten Stimmen aus der Tiefe, andere wüßten, daß die Rosslyn Chapel in Wahrheit ein Raumschiff sei. Einmal habe ein Besucher ein großes Kreuz aus der Kirche gestohlen und sei damit einfach hinausspaziert. Die Kapelle wird nun vom Museumsshop aus videoüberwacht. Dort geht es zu wie auf einem Flohmarkt, rund um den Tisch, auf dem allerlei Devotionalien zum "Da Vinci Code" feilgeboten werden, drängeln sich die Besucher, greifen zu und kaufen: Einen Schlüsselanhänger in Kruzifixform, das "Da Vinci Code"-Quiz und natürlich die Biographie des Autors: Dan Brown, the man behind the Da Vinci Code. In Rosslyn laufen die Geschäfte gut - dank der blühenden Phantasie eines amerikanischen Autors. Genau wie in Paris und Lincoln. PHILIP KUHN

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.04.2006, Nr. 17 / Seite V3
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