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Bulgarien Wir sind Europa

23.06.2005 ·  Herzland, nicht Hinterland und eine Goldgrube an Ideen, Kraft und Menschen: Bulgarien und der Traum vom europäischen Glück.

Von Jakob Strobel y Serra
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Europa ist gut. Alle wollen Europa. Das ganze Volk liebt Brüssel, Verfassung und Bürokratie inbegriffen. Europa ist sein Glücksversprechen. Übernächstes Jahr soll es endlich eingelöst werden. Übermorgen ist Parlamentswahl, und keine einzige der untereinander rettungslos zerstrittenen Parteien geht mit EU-Nörgeleien auf Stimmenfang. Das klingt nach einem Märchenwunderland für sentimentale Europa-Enthusiasten, die noch nicht vom Glauben an den vereinten Kontinent abgefallen sind. Doch dieses Land gibt es wirklich. Es liegt dort, wo Europa gerne seinen schmuddeligen Hinterhof vermutet.

*

Die bekannteste Seite des wenig bekannten Beitrittskandidaten Bulgarien ist seine Schwarzmeerküste, einst die Badewanne erholungsbedürftiger Klassenkämpfer, heute das preisgünstige Ausweichziel mallorcamüder Alt- und Neukapitalisten. Daß die beiden Systeme zumindest ästhetisch Frieden geschlossen haben, kann man entlang der Küste mit dem Erstaunen des ahnungslosen Alteuropäers feststellen. Am Strand dominiert nach wie vor die Platte mit Meerblick, während in der schönen, lebenslustigen Stadt Varna, der Herzkammer von Bulgariens Schwarzmeerstreifen, der pathetische Protzkoloß des Denkmals für die sowjetisch-bulgarische Freundschaft noch immer auf seinem hohen Hügel thront. Ein Bildersturm hat nach der eher beiläufigen Abschaffung des Sozialismus nicht stattgefunden - warum auch, man verstand sich ja nicht schlecht. Das ewige Freundschaftsfeuer ist jetzt allerdings ein vorübergehendes und wird nur noch an hohen kommunistischen Feiertagen angezündet.

Der Westen ist schon da

Die Bauten der Bourgeoisie, die prachtvollen neoklassizistischen Kaufmannshäuser mit applizierten Stucksäulen, hat Varna seit der Zeitenwende aber auch nicht vernachlässigt, sondern ihnen ein neues Kleid in freundlichen Pastellfarben verpaßt und so jede planwirtschaftliche Tristesse verscheucht. Varna ist ein herausgeputztes, von Kastanien und Linden beschattetes Schmuckkästlein, in dem es alles gibt, was auch Städte im Westen zu bieten haben, einschließlich einer ausgedehnten Fußgängerzone voller Fast-food-Filialen, Springbrunnen und Straßencafes. Wenn man es sich dort bequem macht und aus streng soziologischem Interesse der unaufhörlichen Parade nicht minder herausgeputzter Frauen mit laufstegtauglichen Figuren, lebensgefährlichen Absätzen und aerodynamischen Sonnenbrillen nachschaut, um sie anschließend mit den gepiercten, tätowierten, übergewichtigen, badeschlappenschlurfenden Touristinnen aus dem goldenen Westen zu vergleichen, gerät man ins Grübeln darüber, wo die Zukunft Europas liegt.

Darüber, daß es ein Europa ohne Bulgarien nicht geben kann, sind sich all die Herren und auch die wenigen Damen einig, die von ihren Plakaten auf Varnas Wahlvolk hinunterschauen - allen voran der Ministerpräsident und ehemalige Zar Simeon Sakskoburggotski, der eine Spanierin zur Frau hat, einen zweiten Lebensmittelpunkt in Madrid unterhält und schon allein deswegen ein Garant der bulgarischen Europazugehörigkeit ist. Um so besorgter sind die gescheiterten Verfassungsreferenden in Frankreich und den Niederlanden aufgenommen worden, mehr aber noch beunruhigen die Mahnschreiben aus Brüssel, in denen das schleppende Reformtempo bemängelt wird. Die Angst, nicht dabeisein zu dürfen, die Furcht, all die Anstrengungen und Entbehrungen der vergangenen Jahre könnten umsonst gewesen sein, ist so groß, daß dem deutschen Bundespräsidenten ein im Nebensatz fallengelassenes "Pacta sunt servanda" gleich eine dicke Schlagzeile in den bulgarischen Blättern einbringt.

„Horrorwood“ am Schwarzmeerstrand

Fest verankert im Koordinatensystem des europäischen Tourismus sind schon jetzt die Seebäder an der Schwarzmeerküste, fast ausnahmslos Retortensiedlungen aus der Zeit der Fünf-Jahres-Pläne, die auf unterschiedliche Art mit ihrer Vergangenheit umgehen. Für den Weg der Austreibung des sozialistischen Geistes hat sich der Ort mit dem sprechenden Namen Goldstrand entschieden. Nach einer radikalen Verhübschungskur, die vor keiner Hotelfassade und keiner Strandbude haltmachte, präsentiert sich Goldstrand jetzt als adrette, aufgeräumte Massentourismusmaschinerie mit allen Insignien des globalisierten, industrialisierten Urlaubs. Es gibt Steakhäuser, Pizzerien, Tandoori-Küchen, Hüpfburgen, Oben-ohne-Clubs, Alles-inklusive-Resorts, Zopfflecht- und Name-auf-dem-Reiskorn-Stände, Go-Kart-Bahnen, Karaoke-Kneipen, Kosaken-Chöre, für Zocker Casinos, für Nostalgiker Leibchen der DDR-Fußballnationalmannschaft und für Freunde des gepflegten Grusels ein Plastikgeisterschloß mit dem originellen Namen "Horrorwood", vor dem zwei übermüdete Aliens Handzettel verteilen. Darauf steht unter anderem der Hinweis: "Personen in betrunkenem Zustand werden in das Schreckenshaus nicht zugelassen."

Eine subtilere Art des Schreckens vermitteln Ferienorte wie Sunny Days oder Albena, die sich wenig Mühe geben, ihre planwirtschaftliche Vergangenheit zu leugnen. Die Sonnigen Tage sind das ehemalige ZK-Erholungsheim, eine geschlossene Anlage aus einer Handvoll Hotels, die immer noch bewacht wird, als erwarte man Väterchen Schiwkow zum Kurzurlaub. Statt seiner kommt jetzt der Klassenfeind, doch der spezielle Geist sozialistischer Luxusbauten weht bis heute durchs teuer renovierte Foyer - diese Prunksucht des konvertierten Kleinbürgers, der viel zu große Lüster an viel zu niedrige Decken hängt und mit Marmor so sinnlos um sich wirft wie ein neureicher Bauunternehmer. Auch der Service will nicht ganz von den alten Idealen einer klassenlosen Gesellschaft lassen, in der es keine Könige gab und keine Kunden.

Wolfgang Neuss macht üble Scherze

Den Triumph des Betons als Werkstoff der Werktätigen feiert das benachbarte Albena, das den maritimen Plattenbau zum alleinigen Gestaltungsprinzip erhoben hat. Die Hotels, die sich 1969 zwischen einem herrlichen Sandstrand und einem Buchenzauberwald eingerichtet haben, tragen mit trotzigem Stolz ihre Patina zur Schau - offensichtlich mit dem Einverständnis des Publikums, das in seiner Mehrzahl Sandalen aus Kunstleder trägt und wahrscheinlich bei der Landung klatscht. Und beim Anblick der Balkone in Form terrassierter Betonwaben muß man unweigerlich an den unvergessenen Wolfgang Neuss und seinen Sketch vom Onkel Paul aus dem Westen denken, der am Schwarzmeer Urlaub macht, seinen ostdeutschen Mitbrüdern vom Balkon Fünfzig-Pfennig-Stücke hinunterwirft, um sich dann an der Devisensuche im Sand zu erfreuen: "Hey, war das eine Balgerei!"

Eine weniger harmlose Balgerei führte dazu, daß Bulgarien 1913 im sogenannten Verbündetenkrieg seine nördliche Schwarzmeerküste an Rumänien verlor - sehr zur Freude der rumänischen Königin Maria, der es dort derart gut gefiel, daß sie in dem Städtchen Baltschik ihre Lieblingssommerresidenz errichtete. Die Dame reiste viel, fand leicht Inspiration und bastelte sich eine entzückende, synkretistische Strandvilla mit Dekorations-Minaretten, orientalischen Bädern, altbulgarischen Holzbalkonen, Wasserspielen im Stil des Generalife und einem labyrinthischen Garten, dessen Vorbild Knossos war. Maria, die an die Gleichheit aller Religionen glaubte und sich - vorgelebte Aussöhnung - einen türkischen Fischer als Geliebten gehalten haben soll, starb tragisch, als ihre beiden Söhne wegen Frauengeschichten stritten, der eine auf den anderen feuerte und sich die liebende Mutter in den Schuß warf.

Kein Trost der Nostalgie

Das alles hat die Bulgaren nicht daran gehindert, sich die rumänische Königin mitsamt ihrem eigenwilligen Schlößchen als eine der Ihren einzuverleiben - was wiederum bezeichnend für die beneidenswerte bulgarische Gabe der selektiven Geschichtswahrnehmung ist. Sie lassen mit einem unerschütterlichen Patriotismus ihre glorreichen Epochen hochleben, die sich hauptsächlich im Früh- und Spätmittelalter abgespielt haben, bejubeln ihre "nationale Wiedergeburt" im späten neunzehnten Jahrhundert und subsumieren die lange Zeit dazwischen unter dem Generalbegriff "türkisches Joch", der allen Bulgaren mit einer ähnlich befremdlichen Leichtigkeit über die Lippen geht wie das Wort vom "byzantinischen Joch". Ein "sowjetisches Joch" hat es übrigens nie gegeben.

Die Kleinstadt Baltschik ist eine verblaßte Schönheit an einer steilen Kalksteinküste, die erst langsam die Flecken von ihren Fassaden entfernt und stoisch den Anblick maroder Hafensilos aus sozialistischer Zeit erträgt. Anders als in so vielen südosteuropäischen Städten bestäubt in Baltschik kein süßer Trost der Nostalgie, keine k. u. k. Patina, keine Joseph-Roth-Elegie den morschen Charme, denn Bulgarien gehörte nie dazu. Die Donau, schrieb der im nordbulgarischen Russe geborene Elias Canetti, sei immer eine geistige Grenze gewesen, erst dahinter, jenseits des großen Flusses, habe Europa begonnen. Mit dieser Geisteshaltung würde sich Canetti heute keine Freunde machen. Denn für die Bulgaren ist Bulgarien kein krummsäbelschwingender Orient, sondern das Land von Orpheus und Eurydike, die Heimat der Thraker und des Dionysos, überhaupt der älteste Staat Europas, 681 von Zar Asparuch gegründet, von seinen Nachfolgern ausgedehnt bis zu den drei Meeren, dem Schwarzen, Ägäischen und Adriatischen, dann unglücklicherweise in den Wirren der Geschichte zu Staub zerfallen, bis er 1878 glorios wiedererstand. Das ist Bulgarien für die Bulgaren: europäisches Herz-, nicht Hinterland.

Der Tod hängt an der Haustür

Unendlich weit weg aber ist Europa in den apathischen Dörfern des Hinterlandes, die jetzt im Nirgendwo der Geschichte liegen, verstoßen von der Vergangenheit, vergessen von der Gegenwart, ausgeschlossen von der Zukunft - in Orten wie Kessarevo irgendwo zwischen Varna und Sofia. Auf seinem viel zu großen Dorfplatz, einer betonierten Einöde, die von keiner Kirche, sondern von der verrottenden Filiale der früheren Einheitspartei beherrscht wird, sitzen Frauen und Männer getrennt auf Plastikstühlen, die einen mit Limonade, die anderen mit Bier, und warten, vielleicht auf das Jahr 2007, vielleicht auf den Tod. Der Tod hängt hier an jeder Tür, im Format DIN A4 mit schwarzem Rand. Es sind die Gedenkanschläge für die Verstorbenen, eine gespenstische Galerie der traurigen Ahnen, die fast ausnahmslos mit ernsten, verhärmten Gesichtern auf die Lebenden schauen, als hätten sie es kommen sehen. Dazwischen hängen Wahlplakate mit illusorischen Versprechungen wie jenes der Zaren-Partei, das zwei lächelnde alte Bauern auf einem Bänkchen zeigt, sie strickend, er mit dem Rosenkranz spielend, ein Lämmchen und ein Rosenstrauß im Hintergrund. In Kessarevo lächelt niemand. Mit hundert Lewa Rente im Monat, keinen fünfzig Euro, fällt das Lächeln schwer.

Ab und zu rumpelt ein Bus aus sowjetischer Zeit auf den Platz, spuckt ein paar scheue Gestalten aus, lädt ein paar andere ein, die nicht aussehen, als gingen sie auf große Fahrt. In den langen Pausen dazwischen klappern Fuhrwerke mit Heu vorbei, gezogen von rachitischen Pferden und Eseln, während die Traktoren in den Scheunen der LPGs verrosten. Es herrscht eine Stille, als sei der Puls des Dorfes fast zum Stillstand gekommen, ein erstickendes, lähmendes Schweigen, das nur heisere Hunde, schreckhafte Hühner und vorlaute Schwalben manchmal brechen. Und wie eine Befreiung, wie ein kaum mehr erwarteter Lebensbeweis ist das plötzlich anhebende Geschrei der Schulkinder, die in ihrem Klassenraum im Chor das Zählen üben. Es ist der fröhliche Lärm der Generation EU.

Der Zar rollt mit den Augen

Ein paar Kilometer weiter, in Veliko Tarnovo, ist die Union schon angekommen. Ihre Fahne prangt auf Schildern, die vom "Beautiful Bulgaria Project" künden. Mit viereinhalb Millionen Euro werden Häuser in der alten Hauptstadt des Bulgarenreiches restauriert, die längst schon wieder im alten Glanz strahlt. Auf drei dramatisch von der mäandernden Jantra in den Fels geschnittenen Hügeln klebt Veliko Tarnovo, ein geschlossenes Ensemble aus Dutzenden Gebäuden im Stil der "Wiedergeburtsarchitektur" mit weit überkragenden Dächern, Holzveranden und Fachwerkverzierungen. In den Gassen mit den wiedergeborenen Häusern vibriert das Leben, und auf dem exponiertesten Hügel thront herrisch die Kirche des Patriarchen über den Ruinen des Zarenschlosses. Hinter dem ersten Festungstor hat ein Mann ein Kabinett aus lebensgroßen Puppen aufgebaut, Zar und Zarin, Edelmann und Hofnarr, die ihre Arme heben und ihre Augen verdrehen und bei einer kleinen Spende in zehn Sprachen solche Sätze sagen: "Jeder weiß, daß wir eine sehr berühmte, historische Vergangenheit haben."

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Europa wird von Bulgarien profitieren, nicht nur wegen der historischen Historie. Das ist eine Grundüberzeugung des Landes, das sich nicht als Last, sondern als Bereicherung sieht, nicht als Kostgänger, sondern als Goldgrube an Ideen, an Kraft, an Menschen, die Europa neuen Schwung gegen können. Rückständigkeit ist dabei kein Hindernis. Der Alentejo und die Extremadura waren 1986, als Portugal und Spanien der Europäischen Gemeinschaft beitraten, genauso hoffnungslos rückständig wie das bulgarische Hinterland des Jahres 2005. Die Zeit ist reif. Die Bulgaren sind soweit. Denn sie wissen, was die meisten Europäer vergessen haben: Europa ist gut.

Informationen: Varna wird von vielen deutschen Flughäfen aus mehrmals pro Woche im Charterdienst angeflogen, unter anderem von Condor. Für die Einreise genügt ein Reisepaß, der noch mindestens sechs Monate lang gültig sein muß. Pauschalarrangements an der Schwarzmeerküste und Studienreisen durch Bulgarien haben alle großen deutschen Veranstalter im Programm. Touristische Auskünfte gibt es im Internet unter www.visitbg.de oder bei der Bulgarischen Handelsvertretung, Eckenheimer Landstraße 101, 60318 Frankfurt, Telefon: 069/295284, Mail: stiv_frankfurt@web.de.

Quelle: F.A.Z., 23.06.2005, Nr. 143 / Seite R1
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Jahrgang 1966, Redakteur im „Reiseblatt“.

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