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Brügge Auch die Nonne schaut auf den Gulden

18.03.2007 ·  Brügge in Westflandern wirkt wie ein Freilichtmuseum - aber eines mit viel Leben darin. Die Bürger sind stolz auf ihre Geschichte als Handels- und Hafenstadt. Die Architektur spiegelt diese große Vergangenheit wider.

Von Nicolas van Ryk
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Schwester Marie-Christine ist die Bescheidenheit in Person. Zumindest solange die Benediktinernonne nicht Pfortendienst im Haus Nummer 1 am Beginenhof in Brügge hat. Denn dort dreht sie ein wenig auf und kann ihren Stolz kaum verbergen, Kontakt mit der Außenwelt der Besucher zu haben. Besonders stolz ist sie, wenn junge Männer ihr und dem Beginenhof einen Besuch abstatten. „Eintritt frei, aber eine Spende darf es schon sein“, funkelt die Nonne am Eingang.

Die Besucher kommen, um mehr über das frühere Leben frommer Frauen in einer Welt für sich zu erfahren. Nicht ganz abgeschottet von der Welt, nicht immer geliebt von den Klerikern, haben sich in Brügge und einigen weiteren flandrischen Orten Frauen jahrhundertelang zusammengetan, um ein frommes und karitatives Leben zu führen. Dabei waren sie stets auf wirtschaftliche Unabhängigkeit bedacht. So wie Schwester Marie beim Pfortendienst, schauten die Beginen auch sonst auf den Gulden. Etwa mit Spitzenarbeiten. Dafür haben die wenigen Nonnen heute eine Frau engagiert, die an den alten Klöppeln im Beginenmuseum Tischdecken herstellt. 1998 hat die Kulturorganisation Unesco die Leistungen der frommen Beginen auf ihre Liste des Weltkulturerbes gesetzt.

Kein Schlachtfeld der Weltkriege

Weil sie schon immer etwas aus dem Rahmen fielen, passt der Beginenhof sehr gut zu Brügge. Auch diese Stadt fiel auf. Nicht nur den Unesco-Funktionären, die zwei Jahre nach dem Beginenhof ganz Brügge in die Welterbeliste aufnahmen. Es war der mittelalterliche Hanse-Handel, der die Einwohner erst reich und dann stolz machte. Entlang der Kanäle entstanden Wohnhäuser der wohlhabenden Handelsfamilien. Gebäude mit zackigen Renaissance-Giebeln und Kronleuchtern in den Haupthallen. Gleich den toskanischen Geschlechtertürmen - nur größer und prächtiger -, bauten sich die Ratsherren einen Belfried auf den Marktplatz. Und der ragt heute noch weit sichtbar aus dem feucht-sandigen Flachland hervor.

Die Lage am Meer begünstigte die Handelsstadt so lange, bis die Hafenanlagen im Sand der Polderlandschaft versandeten und Schiffe nicht mehr anlegen konnten. Die Stadt geriet in Vergessenheit. Das große Geld wanderte nach Gent ab. Erst vor hundert Jahren, am 23. Juli 1907, wurde ein neuer Hafen weit außerhalb der Altstadt angelegt. Doch gerade diese Entwicklung begründete den heutigen Erfolg der Stadt als touristische Attraktion. Eine komplette Altstadt fiel weder der industriellen Entwicklung zum Opfer, noch wurde das fast vergessene Brügge ein hartumkämpftes Schlachtfeld der Weltkriege wie im nahen Zeebrugge und Ypern.

Brügger lieben Tand und Trödel

In der heutigen Freizeitgesellschaft hingegen fanden die Stadtoberen ein nahezu intaktes Freilichtmuseum fast zum Nulltarif. Die Ratsherren pflegten den Schatz, und die Einwohner machten mit. Die alte Stadt ist heute auch eine moderne Einkaufsstadt. Fast alle Läden in den Einkaufsstraßen haben sich mehr auf die Bewohner eingestellt und weniger auf Touristen. Ein Lebensmittelmarkt ist genauso zu finden wie eine Buchhandlung, Schuhgeschäfte oder die Filialen der Modehändler.

Ein Spaziergang in den ruhigen Osten der Stadt beginnt am Van-Eyck-Denkmal, führt entlang der Spiegelrei-Gracht vorbei am englischen Kloster zu den Windmühlen am Kruisvest-Kanal und wieder zurück zum Fischmarkt. Auch hier herrscht an Werktagen normales Geschäftsleben. Nur sonntags wirkt es dort auf dem Flohmarkt touristischer. Aber weil die Brügger Tand und Trödel lieben, bleiben die Besucher nicht allein.

Handelsstadt als Heimathafen

Mitten in der Altstadt bieten Hotels und Pensionen aller Kategorien ihre Dienste an. Auch Annie Degraeve und ihr Mann Pavel Balys haben ihr altes Haus in der Peerdenstraat zu einer Bed-and-breakfast-Herberge umgebaut. „Nummer 11“ nennen die beiden ihr liebevoll restauriertes Anwesen aus dem 16. Jahrhundert, weil es die Hausnummer 11 in einer der verkehrsfreien Altstadtgassen mit Sicht auf den schönen Groene-Rei-Kanal hat. Das Ehepaar nutzt die drei Gästezimmer und den Frühstücksraum gleichzeitig als Ausstellungsraum für die surrealistischen Gemälde von Maler Pavel.

Der 1946 in Prag geborene Balys fand in Brügge eine seine Kunst inspirierende Atmosphäre: „Die Stadt ist klein genug, um ihre Persönlichkeit nicht zu verlieren, und auf malerische Art wirkt sie ein wenig traurig-schön.“ Pavel reiste wie ein Handelsreisender in der Welt herum, um die alte Handelsstadt als seinen Heimathafen zu entdecken.

Den Spaniern ein Denkmal gesetzt

Nur drei Minuten liegt die „Nummer 11“ vom Rathausplatz entfernt, den die Brügger „Burg“ nennen. Wer Reliquien verehrt, findet dort in einer Seitenkapelle einen besonderen Schatz. Im Jahr 1150 brachte der flandrische Graf Dietrich von Elsass nach einem Kreuzzug ins Heilige Land ein Fläschchen mit, das Blutstropfen von Jesus enthalten soll. Das bedeutete eine Kostbarkeit für das reiche Brügge.

Für die meisten Besucher noch interessanter ist jedoch der Kaiser-Karl-Kamin im Renaissance-Saal des Rathauses aus dem Jahre 1528. Den damals in Flandern regierenden Spaniern wurde damit ein Denkmal gesetzt. Der Kamin ist so groß, dass man unter der Feuerstelle herumlaufen kann, und so prächtig, dass er am besten gar nicht angezündet wird.

Geschichte der Stadt in Stein gehauen

Das Schönste jedoch sind die vier Putten an den Ecken des Kaminmantels. Sie stellen die Tugenden dar: Die Putte mit zwei Feuersteinen in der Hand steht für die Geduld, die zweite mit dem Horn des Überflusses symbolisiert die Vorsicht, das dritte Dickerchen schaut mitleidsvoll auf eine Steinigung, um die Gerechtigkeit zu verdeutlichen. Und das vierte Wesen mit dem Löwen stellt die Stärke dar. Alle vier standen hier als Mahnung an die Ratsherren, die vor diesem Kamin fast drei Jahrhunderte lang Recht sprachen und die Geschicke der Stadt entschieden.

Die Rathausburg ist über die Preydelstraat mit dem Großen Marktplatz und seinem Belfried verbunden. Dort ist die Geschichte der Stadt noch einmal prachtvoll in Stein gehauen. Doch der monumentale Belfried wirkt nicht bedrohlich. Vor Einbruch der Dunkelheit, wenn die Lichter der Restaurants am Platz angehen, wirkt er sogar heimelig; vor allem in der kälteren Jahreszeit, wenn die Wirte hier ihre offenen Feuer im Gastraum anzünden. Schon der Anblick von draußen wärmt das Herz. Und ein Leffe-Bier stillt den ersten Durst.

Bei Brügges Beginen

Das Besinnungshaus der Beginen bietet Gästen Unterkunft, die geistliche Vertiefung suchen: Monasterium De Wijngaard, Begijnhof 30, B-8000 Brugge, Telefon: 0032/ 50 330011.

Übernachtung: Arttist's House 11, Peerdenstraat 11, B-8000 Brugge, Tel.: 0032/ 50330675, E-mail: atnumber11@hotmail. com, Internet: www.number11.be; Doppelzimmer 110 bis 215 Euro.

Informationen: Toerisme Brugge, Burg 11, B-8000 Brugge, Telefon: 00 32/504486 86, E-mail: toerisme@brugge.be, Internet: www.brugge.be.

Quelle: F.A.Z., 15.03.2007, Nr. 63 / Seite R6
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