26.06.2008 · Bei Bozen dachte man bisher vor allem an Ötzi und Speckfeste der deutschsprachigen Bevölkerung. Jetzt hat die Südtiroler Landeshauptstadt zeitgenössische Kunst und Architektur als neue Aushängeschilder für sich entdeckt.
Von Gabriele DettererBevor der Rosengarten, das Bergmassiv östlich von Bozen, im Dunkel versinkt, taucht die Abendsonne den Schnee, das Eis und den Felsen in rotes Licht. Die illuminierten Gipfel sind das Aushängeschild der Stadt, und jeder, der sie besucht, bekommt irgendwann die zu dem abendlichen Lichtspiel passende Legende zu hören: Der Zwergenkönig Laurin war so wütend über seine Niederlage beim Werben um die Königstochter Simhilde, dass er seinen mit Rosen bepflanzten Felsengarten in Stein verwandelte. "Niemand soll mehr, weder am Tag noch in der Nacht, meine Rosen erblicken!", rief Laurin und schwang den Zauberstab - die blaue Stunde der Dämmerung jedoch vergaß er zu erwähnen. Und so flammt und glüht das Rosenrot gescheiterter Liebesträume noch eine Weile auf den Höhen, wenn die Sonne über der Südtiroler Hauptstadt schon fast untergegangen ist.
Zur selben Stunde leuchtet seit Ende Mai im Zentrum von Bozen ein ungewöhnlicher Kubus auf: der an der Talfer gelegene Neubau des Museion, des Museums für moderne und zeitgenössische Kunst. Von dem Berliner Architekturbüro KSV in Form eines kantigen Guckkastens entworfen, dient die Glasfassade des Museums als Projektionsfläche für Videokunst und ist gleichzeitig ein offen zugänglicher Schauraum unter freiem Himmel.
Ein Kunstmuseum als Akzent
Wer abends am Fluss entlangspaziert oder -radelt, wird unweigerlich von den auf das Museion projizierten Bildern in Bann gezogen. Derzeit ist dort die Video-Performance von Anri Sala über James Joyce und dessen Roman "Ulysses" zu sehen. Das muss der Betrachter erst mal ergründen und verstehen. Und auch der übrige Teil der Ausstellung "Peripherer Blick. Kollektiver Körper" im Innern des Museum gibt uns Rätsel auf. Werke von mehr als zweihundert Künstlern fügen sich zu einer Gegenwelt, die im Wechselspiel zwischen der Mystifizierung des Banalen und der Entweihung des Sakrosankten unsere Sehgewohnheiten attackiert.
Bodenständige Südtiroler fragen skeptisch, was die internationale Kunstschau im dreißig Millionen Euro teuren Museumsneubau mit ihrer Region zu tun haben soll. Tatsächlich wird der Besucher auf der letzten Etage des Museums mit einem Ausblick über Baumwipfel auf Bozen belohnt: Im Norden umschließen die Vorberge der Dolomiten den Talkessel, nach Süden hin geht die hunderttausend Einwohner zählende Stadt in das von Obstplantagen und Rebhügeln begrünte Etsch-Tal über.
Die mitteleuropäische Alpenstadt
Natürlich hat der Museumsneubau viel mit der Entwicklung und dem Wandel der autonomen Provinz Bozen-Südtirol zu tun. Vor allem mit Persönlichkeiten wie Alois Lageder, dem Präsidenten der Stiftung Museion, der über die engen Grenzen des Tals hinausdenkt und die überregionale Bedeutung eines neuen Kunstmuseums erkannt hat. Auch Luis Durnwalder, der Landeshauptmann Südtirols, versteht das Museion als Ressource, die es neben der traditionellen Kultur zu nutzen gilt. Aus seiner Sicht ist das Museum ein Meilenstein in der Transformation Bozens: Die früher vor allem auf sich selbst bezogene Hauptstadt Südtirols wandelt sich immer mehr in eine mitteleuropäische Alpenstadt, die Kultur und Wissenschaft fördert. Da mag der pausbäckige Bozner Engel, ein beliebter Souvenir-Artikel, noch so sehr den Kussmund spitzen, um für Bozens Image als Handwerkerstadt zu werben: Die Zukunft liegt woanders, Bozen strebt nach Hightech und Kultur. Statt Wandersmännern und Wellnessfrauen sollen Kulturtouristen mit Neugier auf zeitgenössische Kunst angezogen werden.
Im Vergleich zu vielen anderen Städten Italiens gibt Bozen großzügig Geld für Kultur und Bildung aus. Dank der Autonomie Südtirols bleiben mehr als neunzig Prozent der Steuereinnahmen in den Kassen der Kommunen. Für öffentliche Neubauten holt man gerne namhafte Architekten in die Landeshauptstadt. Das Bozner Theater wurde im Jahr 1999 nach einem Entwurf des Mailänder Architekten und Designers Marco Zanuso gebaut. In der Altstadt stehen die vom Züricher Architekturbüro Bischoff & Azzola entworfenen Lehrgebäude der Universität und bilden einen scharfen Kontrast zur Silhouette der Südtiroler Giebelhäuser.
Ein knallroter Turm
Ein Blickpunkt ist auch die Europäische Akademie für angewandte Forschung an der Drususbrücke. Sie hat im Jahr 2002 einen Gebäudekomplex rationalistischer Architektur aus den dreißiger Jahren bezogen, der von dem Wiener Architekten Klaus Kada umgebaut worden ist. Der knallrote Turm des Baus mit dem Wissenschaftscafé auf der Dachterrasse ist ein sichtbarer Ausdruck dafür, dass die Akademie mit ihren Forschungsschwerpunkten Regionalentwicklung, Minderheitenrechte und Mehrsprachigkeit in Grenzregionen ein offenes Haus pflegt. Bis Mitte Juli lädt die Akademie einmal wöchentlich dazu ein, auf der Dachterrasse Wissenschaft und Fragen des alltäglichen Lebens zu verbinden.
Auch die Kunst kommt im Turm nicht zu kurz. Unter dem Motto "Wissen schaf(f)t Kunst" stellen junge Südtiroler Künstler Projekte aus, die sie zusammen mit Wissenschaftlern entwickelt haben. Die Präsentationen tragen Titel wie "Brave new Alps" und spiegeln das Selbstbewusstsein der Südtiroler Kreativen wider. Deren Zahl nimmt seit der Einrichtung des Fachbereichs Kunst und Design an der Universität zu. Heimlich oder explizit träumen alle davon, wie Rudolf Stingel, Walter Niedermayr, Matteo Thun, Martino Gamper vom kleinen Alpental aus aufzubrechen und die internationalen Kunst- und Designwelt zu erobern. Mit dem Museion weht ihnen das Flair der internationalen Kunstwelt um die Nase, auch die Galerie Ar/ge und der private Kunstraum Dalle Nogare geben Einblicke in global erfolgreiche Kunstproduktionen.
Kunst in der ehemaligen Aluminiumfabrik
Ein Höhepunkt der Sammlung von Josef Dalle Nogare ist die Installation von Monika Sosnowska: Am Ende eines Korridorschlauchs mit Sogwirkung führt ein Ausgang scheinbar ins Freie - das Licht am Ende des Tunnels ist schlichte Täuschung. Die Aufhellung des Bozner Kulturlebens durch Gegenwartskunst hingegen ist Realität. Und mit der diesjährigen, in Südtirol und im Trentino stattfindenden europäischen Biennale für zeitgenössische Kunst, der "Manifesta 7", erweitert sich in Bozen der Erfahrungsraum Kunst noch einmal ganz beträchtlich.
Die Kuratoren der Manifesta haben sich als Standort ein Gebäude im Industriegebiet ausgesucht: die stillgelegte Aluminiumfabrik Alu-Mix. Die Fabrik ist kein abbruchreifer Schrottbau, sondern ein im Jahr 1936 errichtetes Bauwerk, das beispielhaft für die "Architettura razionalista" ist. Die Übereckverglasungen, die Fensterbänder, der Mosaikboden in der Eingangshalle und das Halbsäulendekor an der Hauptfassade der Elektrolysehalle vergegenwärtigen typische Stilmerkmale der Baumoderne der dreißiger Jahre.
Mit der Buslinie 6 gelangt man von der Alu-Mix im Süden Bozens in das Stadtzentrum zurück. Der Bus fährt durch Straßen, die die Namen italienischer Städte tragen. Hier wurden im Faschismus sogenannte Kolonisten angesiedelt, die nach dem Plan Mussolinis Bozen italianisieren sollten. An der Haltestelle Via Sorrento vor der Max-Valier-Gewerbeoberschule füllt sich der Bus mit Jugendlichen; sie sprechen den Südtiroler Dialekt. Der Name ihrer Schule erinnert an den Südtiroler Astronomen und Raketenkonstrukteur. Auch der Erfinder der im Jahr 1908 erbauten Kohlerer Bahn, der ersten Schwebeseilbahn der Welt, war ein Bozner Tüftler: Josef Staffler, im Hauptberuf Hotelier, verkürzte mit der Seilbahn den Weg hinauf auf die Hausberge der Stadt.
Symbolischer Brückenschlag
Früher hatten die italienischstämmigen Händler ihre Geschäfte auf der Südseite der Laubengasse, die deutschsprachigen dagegen auf der Nordseite. Diese harmlos anmutende räumliche Trennung der Sprachgruppen hat sich durch die politische Entwicklung nach den Weltkriegen verfestigt. Einwohner mit italienischer Muttersprache und deutschsprachige Südtiroler stehen einander gegenüber. Aus Angst vor dem Verschwinden des identitätsstiftenden Südtiroler Dialekts hält die Südtiroler Volkspartei dogmatisch an den Prinzipien der Separierung der Sprachgruppen fest. Doch sie bemüht sich auch um Verbindendes. Dass zusammen mit dem neuen Museion eine Brücke über die Etsch gebaut wurde, hat in Bozen somit auch eine symbolische Bedeutung, denn über die beiden parallel laufenden Brücken gelangt man in die Città nuova, in die Via Venezia und auf die Piazza Vittoria.
Der Bau der Piazza Vittoria mit ihrem Triumphbogen, den Mussolini während der Italianisierung veranlasste, war ein radikaler Einschnitt in das historische Stadtbild Bozens und ein Schlag für freiheitsliebende Südtiroler. Bis heute gibt das im Jahr 1926 erbaute Monument immer wieder Anlass zu Konflikten zwischen den beiden Sprachgruppen. Bei Jahresfeiern des einen oder des anderen Lagers wird der mit Geschichte und Ideologie überfrachtete Platz immer wieder zum Streitpunkt öffentlicher Diskussion. Seine kalte Machtarchitektur und das Pathos der Inschriften auf dem Denkmal nimmt man kaum wahr, wenn Wochenmarkt ist und die Händler den Platz in einen bunten Teppich verwandeln. Der Markt ist ein italienisches Kaufparadies: Geschiebe und Gedränge, Stimmengewirr, Marktgeschrei, Schleuderpreise für Jeans, Schuhe, Handtaschen und Sonnenbrillen.
Folklore und neue Kunst
Das deutsche Bozen hält dem Markttreiben im italienischen Stadtteil den wohlgeordneten Obstmarkt in der Altstadt entgegen. Bei Veranstaltungen wie dem Speckfest richtet sich die deutschsprachige Minderheit den Waltherplatz, benannt nach Walther von der Vogelweide, wie eine heimelige Tiroler Stube ein. Gerade mal zehn Gehminuten trennen das nostalgische Brauchtumsfest von dem nach Internationalität strebenden Kunstbetrieb des Museions.
So verschieben sich auf kleinstem Radius die Perspektiven. Das Museion lenkt den Blick auf unvermutete Formgebungen und offene Deutungen von Gegenwartskunst, die Zurschaustellung von Brauchtum pocht dagegen auf Riten, die längst zu tourismuswirksamen Klischees Südtiroler Folklore erstarrt sind. Die erwünschte Garderobe auf dem Fest sind Dirndl und Lederhosen - inszenierte Südtiroler Seligkeit. Bozen wirbt mit kultureller Vielfalt, die Schnittpunkte zwischen kleinräumig Begrenztem und weitläufig Entgrenztem machen allerdings sichtbar, dass der Bozner Kulturmix von spannungsreichen Gegensätzen gefärbt wird.
Besuch beim Ötzi
Auch mit dem hohen Schallpegel der Blasmusik, die als Stimmungsmacher das Volksfest auf dem Waltherplatz in Schwung bringt, lassen sich unterschwellige Dissonanzen nicht übertönen. Schuhplattler stampfen über die Bühne, in Trachten gekleidete Paare drehen sich im Kreis und schauen sich - so will es der Brauch - dabei unentwegt tief in die Augen. Danach stärkt man sich mit Speck vom Brett oder mit einer warmen Mahlzeit: Drüben im italienischen Stadtteil heißt sie "Pasta", auf dem Waltherplatz dagegen "Nudeln".
Das Fest lockt Südtirol-Urlauber auf den Platz - an ihrem festen Schuhwerk sind sie leicht zu erkennen. Die meisten der Feriengäste kommen nach Bozen, um den prominentesten Bergsteiger der Region zu bewundern - nicht Reinhold Messner, sondern Ötzi, den man im Archäologiemuseum bestaunen kann. Die Burg Runkelstein lockt mit mittelalterlichen Fresken höfischen Lebens. Es ist jedoch vor allem der Eismumie zu verdanken, dass Bozen im Jahr 2007 über 300000 Museumsbesucher zählte. Es könnten noch mehr werden, wenn der eine oder andere von den Südtiroler Wanderpfaden auf die Kunsttour umstiege. Genug zu bieten hat die Stadt in Sachen Kunst allemal.
Information Das Museion liegt im Stadtzentrum von Bozen, Dantestraße 6, 39100 Bozen, Telefon: 0039/471/ 223411, im Internet: www.museion.it . Die Ausstellung „Peripherer Blick. Kollektiver Körper“ läuft noch bis zum 21. September. Im Eurac-Tower ist vom 10. Juli an die Ausstellung „Jacopo Candotti: No man is an island“ zu sehen. Mehr Informationen sind beim Eurac-Tower, Drususallee 1, 39100 Bozen, Telefon: 0039/471/055031, erhältlich. Die Europäische Biennale für zeitgenössische Kunst „Manifesta 7“ findet vom 19. Juli bis zum 2. September statt, nähere Informationen im Internet unter: www.manifesta7.it.
Galerien Ar/ge Kunst Bozen, Museumstraße 29, 39100 Bozen, Telefon: 0039/471/971601, im Internet: www.argekunst.it, Kunstraum Dalle Nogare, Telefon: 0039/471/959999