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Bosnien-Hercegovina : Im Land der Wunden und der Wunder

Neubeginn samt Warnung wider das Vergessen: die im Krieg zerstörte und dann wieder errichtete Brücke von Mostar. Bild: Ziyah Gafic/laif

Bosnien-Hercegovina geht unter die Haut. Wie ein offenes Buch, das Geschichten von Tragik und Hoffnung erzählt, liegt das Land vor seinen Besuchern - und beschenkt sie mit unvergesslichen Momenten.

          Unbefangen kommt man als Tourist nach Bosnien-Hercegovina nicht hinein - und warum sollte man auch? Schon bei der Ankunft auf dem Flughafen geht einem die Begrüßungsformel „Welcome to Sarajevo“ durch den Kopf, sofort hat man die Kriegsbilder aus dem gleichnamigen Film von Michael Winterbottom wieder vor Augen. Unbefangen wirkt auch Aida nicht, die Reiseleiterin, die hinter der Schiebetür nach dem Zoll auf uns wartet. In ihrer Begrüßungsmiene kann man die Frage lesen: Haben wir hier genug zu bieten?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Fahrt vom Flughafen in die Stadtmitte ist dann fast so etwas wie eine Kurzeinführung in die Geschichte des Landes - und zwar von vorne nach hinten. Da ist zunächst der Flughafen, der eines der Kernprobleme des bosnischen Tourismus darstellt. Denn paradoxerweise führen in das derzeit wohl preisgünstigste Land Europas keine günstigen Flüge. Weil die Teilrepubliken sich nicht über die Modalitäten einigen können, hat das Land keine eigene Fluggesellschaft, Billigfluglinien haben bisher nicht angebissen, und zu allem Überfluss gibt es im Winter wegen der Kessellage oft Flugausfälle. Nicht hoffnungsfroher stimmen die Außenbezirke mit ihren unzähligen, teils zerstörten Betonklötzen, die übersät sind mit Einschusslöchern. Hier hat sich in den vergangenen fünfzehn Jahren kaum etwas getan. Die Straße ins Zentrum wurde während der Belagerung „Sniper Alley“ genannt, Scharfschützenallee, was die hohen Berge rings um Sarajevo, denen man in jugoslawischer Zeit die Olympischen Winterspiele von 1984 verdankte, nur umso bedrückender erscheinen lässt.

          Vorbei an der kommunistischen Architektur der sechziger Jahre und ersten österreichisch-ungarischen Gebäuden, immer am etwas rötlich gefärbten Fluss Miljacka entlang, gelangen wir zum Hotel Europa, in dessen Café der Literaturnobelpreisträger Ivo Andric gerne geschrieben hat. Im Zentrum der Stadt markiert das Gebäude eine virtuelle Trennlinie: Während im Westen, architektonisch gesehen, Kakanien liegt, das frühere Österreich-Ungarn, breitet sich im Osten das Osmanische Reich aus. Wir gehen mitten hinein in diese geheimnisvolle, geschichtsträchtige Welt, in der schon mehrfach die Entwicklung Europas eine unerwartete Wendung erfahren hat. Die Lateinerbrücke, auf der Gavrilo Princip den Erzherzog Franz Ferdinand erschoss, ist nur wenige hundert Meter weit entfernt. 2014 jährt sich das Ereignis, ein Auslöser des Ersten Weltkriegs, zum hundertsten Mal.

          Der Muezzin ruft, die Kirchturmglocken läuten: friedliche Abendstimmung in Sarajewo.
          Der Muezzin ruft, die Kirchturmglocken läuten: friedliche Abendstimmung in Sarajewo. : Bild: © Christian Kober/Robert Harding

          Bald schon sind wir eingerahmt von Natursteinen. Wir kommen an der Gazi-Husrev-Beg-Moschee mit ihrem einladenden Vorhof vorbei und fühlen uns an der einen Ecke der Stadt fast in die Türkei versetzt, während wir in der nächsten Straße mit ihren flachen, fast mittelalterlich aussehenden, aber schon merklich auf Tourismus eingestellten Handwerkerläden diffuse Balkan-Gefühle entwickeln. In der Nähe des zentralen Taubenplatzes liegt das Restaurant Pod Lipom mit seinen rustikalen Bänken, eingehüllt in eine duftende Wolke aus gegrilltem Fleisch. Als Aperitif gibt es Pflaumen-Rakija, schnell steigt die Stimmung in der Gaststätte. Eine junge Frau singt traurige bosnische Lieder und einschlägige amerikanische Pop-Balladen, am Keyboard begleitet von einem älteren, dünnen Mann mit melancholischen Augen. Burek und Pita sind köstlich, die anschließende Hühnersuppe kombiniert ein ursprünglich kakanisches Rezept mit Okra und Zitrone.

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