04.01.2008 · Unzählige Unternehmen bieten mittlerweile Kundenkarten an, mit denen man Bonuspunkte sammeln kann. Gegen verschiedene Prämien kann man diese Treuepunkte dann eintauschen. Doch wieviel muss man eigentlich umsetzen, bis es soweit ist?
Von Fabian von PoserNeulich Abend an der Kasse meines Supermarkts. Es ist kurz vor acht. Ich lege die Waren aufs Band: ein paar Tomaten, ein Päckchen Nudeln, eine Flasche Rotwein. Die Verkäuferin fragt: "Haben Sie eine Kundenkarte?" Ja, antworte ich. Wie seit fünf Jahren beinahe täglich.
Die Dame ist eine sympathische Erscheinung, sie strahlt mich wie immer an. Ich reiche ihr meine Karte. Sie zieht sie über den Scanner. Ein kurzes Piepsen. "Ihre Punkte sind jetzt gutgeschrieben", sagt sie. "Einen schönen Abend noch." Ich verabschiede mich freundlich, dann piepst es auch in meinem Gehirn. Seit Jahren sammle ich diese Punkte. Doch was bekomme ich eigentlich dafür?
Was bekommt man eigentlich für Treuepunkte?
Zwei Stunden später zu Hause. Die Teller sind abgeräumt, der Wein steht auf dem Tisch. Ich google. "Willkommen bei Happy Digits." Irgendwo auf der Seite der Hinweis: "Prüfen Sie Ihren Kontostand." Ich krame meine Karte heraus und gebe die Kartennummer ein. Dann fragt das System nach einer PIN. Eine PIN, woher soll ich die haben? Kein Problem, heißt es auf der Website. Und tatsächlich: Bereits nach Sekunden trudelt eine E-Mail mit der Nummer ein. "Ihr aktueller Kontostand beträgt 6570 Punkte", heißt es. Ich sehe mich weiter auf der Seite um und finde im Bereich "Prämien" jede Menge Krimskrams: Uhrenradios, Eierwärmer, Haarföhne. Die Schnittmenge all dessen, was eigentlich niemand wirklich braucht. Schließlich stoße ich auf die Rubrik "Events & Reisen". Hotelgutscheine werden dort angeboten und "Event-Reisen", zum Beispiel eine Quad-Bike-Tour im Allgäu und ein Flug mit einer nostalgischen Antonow AN-2, dem größten einmotorigen Doppeldecker der Welt.
Es ist nicht so, dass ich schon immer von einem Doppeldeckerflug geträumt habe. Ganz im Gegenteil: Ich habe eigentlich Flugangst und vermeide das Fliegen, wo es nur geht. Aber zumindest scheint mir der Antonow-Flug die ungewöhnlichste Prämie unter dem ganzen Plastiktand zu sein. Dreißig Minuten soll das Vergnügen dauern, an sechs verschiedenen Orten in Deutschland finden die Flüge statt, auch in meiner Umgebung.
Bonuspunkte halten nicht ewig
Ich klicke weiter: 10 450 Punkte soll der Flug kosten, mein Konto weist aber nur 6570 auf. Ernüchterung. Dann sehe ich mir den Punktestand genauer an. Erst am 30. September wurden mir 2910 Punkte vom Guthaben abgezogen - weil Digits nun mal nach drei Jahren verfallen. Schade, es hätte um ein Haar gereicht. Doch was weg ist, ist weg, und so muss ich entweder noch ein Weilchen weiter Punkte horten oder mich nach einer anderen Prämie umsehen.
Bonuspunkte sammeln, das ist nur etwas für Hausfrauen: So lautet ein gängiges Vorurteil. Doch die Verbreitung von Kundenkarten nimmt mittlerweile gigantische Ausmaße an. Zwei große branchenübergreifende Marken dominieren den deutschen Markt: Payback mit angeschlossenen Unternehmen, wie der Tankstellenkette Aral, den DM-Drogeriemärkten, Galeria Kaufhof und dem Supermarktriesen Real, und das Happy-Digits-Programm, dem unter anderem die Supermarktketten Kaiser's und Tengelmann, die Warenhausriesen Karstadt und Hertie sowie die Deutsche Telekom angehören. Laut einer aktuellen Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hat Payback mit 61 Prozent Verbreitung in deutschen Haushalten die Nase deutlich vorn vor Happy Digits mit 42 Prozent. Fast zwei von drei Haushalten verfügen also über eine Payback-Karte. Auf den Plätzen drei und vier folgen Shell Clubsmart mit 13 Prozent und Miles & More, das Bonus-Programm der Lufthansa, mit zehn Prozent. Mich lassen diese Zahlen unbeeindruckt. Stattdessen setze ich die Suche nach meiner Traumreise fort. Doch schnell wird klar: Punkte sammeln und Punkte ausgeben sind zwei verschiedene Paar Schuhe.
Viele Möglichkeiten zum Sammeln, wenige zum Einlösen
Zwar wirbt Payback damit, dass dem Programm unter anderem die Ferienfluggesellschaft Condor, die Hotelkette Marriott, die spanischen NH-Hotels, der Parkbetreiber Center Parcs, die Online-Reisebüros Expedia.de und Opodo.de sowie der Autovermieter Europcar angeschlossen sind. Zu Happy Digits gehören neben dem Autovermieter Sixt auch der Internet-Reiseanbieter Travelscout24.de und die Reisebüro-Ketten Neckermann-Urlaubswelt, Reise-Quelle und Karstadt-Reisen. Bei den meisten Mitgliedern können Kunden aber lediglich Punkte sammeln und nicht einlösen.
Angebote nicht mehr verfügbar
Die Auswahl an Reiseangeboten, die gegen Punkte buchbar sind, ist dagegen sehr gering. So finden sich bei Happy Digits in der Rubrik "Events & Reisen" gerade mal drei dürftige Einträge: einige Hotel-Gutscheine des Happy-Digits-Partners Holiday Plus, verschiedene Erlebnispakete des Geschenkeanbieters Yamando, darunter auch der Doppeldeckerflug, und Übernachtungsvoucher für ein knappes Dutzend Häuser von Lindner-Stadthotels. Schade nur, dass das Angebot laut Website bereits seit 30. September abgelaufen ist. Bei Payback sieht es ein wenig besser aus: Dort stehen immerhin Condor-Fluggutscheine zu verschiedenen europäischen Zielen wie Mallorca und Istanbul zur Auswahl (9999 Punkte für Hin- und Rückflug). Außerdem im Angebot sind diverse Wochenend-Arrangements in verschiedenen deutschen Städten. So gibt es ab 11 900 gesammelten Punkten zum Beispiel einen dreitägigen Aufenthalt im Fünf-Sterne-Hotel "Schloss Reinhartshausen Kempinski" bei Eltville im Rheingau, die Nutzung des Wellnessbereiches ist bereits im Preis inklusive.
Für attraktive Prämien ist Einsatz gefragt
Wie man als Kunde zu seiner Prämie kommt, das rechnen einem die Anbieter auf ihren Websites gerne vor: So vergütet die Supermarktkette Real jeweils zwei Euro Umsatz mit einem Payback-Punkt, Galeria Kaufhof jeden Euro. Die Tankstellenkette Aral schreibt einen Punkt für zwei getankte Liter Kraftstoff gut. Für die beiden Hotelübernachtungen in Eltville müssen also bei Kaufhof insgesamt 11 900 Euro umgesetzt werden, bei Real sogar 23 800 Euro. Bei Aral müsste man gar 23 800 Liter tanken, um an das Wochenendpaket zu kommen.
Ähnlich läuft das Zahlenspiel bei den Happy-Digits-Partnern: Tengelmann und T-Home vergüten pro zwei umgesetzten Euro ein Digit, bei Karstadt ist es ein Digit pro Euro. 10 450 Digits für den nostalgischen Antonow-Rundflug entsprechen also 10 450 Euro Umsatz bei Karstadt oder 20 900 Euro bei Tengelmann und der Telekom. Da reicht die Treue beim täglichen Einkauf natürlich nicht für eine Prämie aus.
Küchengeräte für jahrelange Treue
Ich beschließe, mich nicht länger mit derlei Rechenspielchen zu beschäftigen, sondern will meine Punkte jetzt einfach nur noch eintauschen. Mit dem Doppeldecker-Flug wird es in absehbarer Zeit nichts mehr, das schlage ich mir aus dem Kopf. Stattdessen sehe ich mich auf der Seite mit den Haushaltsgeräten um: Saftpressen, Staubsauger, Bohrmaschinen. Irgendwann stoße ich auf die Toaströster. Kaum zwei Wochen ist es her, dass mein Gerät zu Bruch gegangen ist. Ein Kurzschluss. Ich entschließe mich für das preiswerteste Modell und nehme statt mehr Komfort lieber noch einen farblich perfekt abgestimmten Wasserkocher dazu: Auch er ist knallrot. Dann sende ich die Bestellung ab. Artig bedankt sich das System, auch die Bestätigungs-E-Mail trifft nach wenigen Minuten ein. Mit der Traumreise für meine langjährige Treue ist es am Ende also leider nichts geworden. Dafür bin ich jetzt stolzer Besitzer zweier brandneuer Küchengeräte. Nach fast fünf Jahren Punktesammeln. Immerhin.
Weitere Informationen zu den - laut Gesellschaft für Konsumforschung - drei am weitesten verbreiteten Bonusprogrammen und sämtliche Details zum Punktesammeln und -ausgeben finden sich im Internet unter www.payback.de, www. happydigits.de und www.shellsmart.com.