15.04.2008 · Es ist schwer, denn Lockungen der Billigflieger zu widerstehen, wenn die Alternativen so viel teurer sind. Vom Versuch, klimafreundlich zu reisen und die phantasievolle Preispolitik von Fluggesellschaften und der Bahn noch zu verstehen.
Von Klaus BetzZur Beruhigung der Gemüter dies vorneweg: Gegenwärtig habe ich 2259 Bahn-Comfort-Punkte. Heißt also, ich bin ziemlich häufig in Zügen unterwegs und bezahle fürs Bahnfahren relativ viel Geld. Trotz des mich wenig überzeugenden Bahnvorstands. Ohne meine Bahncard 50 würde mein Jahresumsatz statt 2259 Euro (entsprechend den genannten Comfort-Punkten) 4518 Euro betragen. Doch neben meiner notorisch praktizierten Bahnfahrerei fliege ich natürlich auch. Ein- oder zweimal pro Monat und meist nur auf der Strecke Stuttgart-Berlin. Bei fast allen anderen Städteverbindungen ist die Bahn kaum zu schlagen, wenn man den tatsächlichen Zeitaufwand rechnet.
Da ich für meine Berlin-Flüge ab Stuttgart vier Fluggesellschaften zur Auswahl habe und die Tickets alle in null Komma nix via Internet gebucht werden können, habe ich enorm viele Möglichkeiten. Ich muss nur herausfinden, wer wann wen unterbietet, und dann noch schnell prüfen, wie welche Angebote zu meinen Terminen passen.
Einschließlich Spendenquittung
Doch selbst das kann mir inzwischen völlig egal sein, weil es mitunter Flugtickets gibt, die inklusive aller Steuern und Abgaben einen Euro kosten; plus einer Kreditkartengebühr von 1,50 Euro. Von solchen Superschnäppchen habe ich zugegebenermaßen Ende Oktober letzten Jahres bei Tuifly.com gleich vier Flüge auf Vorrat gebunkert und sie auf die Monate Dezember bis Februar verteilt. Einfach so, auf Verdacht. Warum auch nicht, wenn vier Tickets zusammen gerade mal zehn Euro kosten. Allerdings habe ich dann auch noch, man weiß ja, was sich gehört, Zertifikate "zur Minimierung des Kohlendioxidausstoßes" für je einen weiteren Euro gekauft, einschließlich einer steuerlich absetzbaren Spendenquittung.
Wahrgenommen habe ich lediglich einen Flug im Februar (hat tatsächlich geklappt, ohne Haken und Ösen), alle anderen Tickets habe ich verfallen lassen beziehungsweise als Beitrag zur Verbesserung der Rendite von Tuifly.com beigesteuert. Was soll ich auch einem Flug nachweinen, der mit allen Nebenkosten 2,50 Euro kostet, während ich für die einfache Fahrt mit der S-Bahn zum Stuttgarter Flughafen bereits 5,30 Euro zahlen muss.
Nur die Steuern sind hoch
Aber das ist noch lange nicht das Ende (m)einer zunehmend bizarren Mobilitätslage. Fest steht, das so praktizierte Vorgehen ist weder wirtschafts- noch klimapolitisch tragbar, geschweige denn nachhaltig. Und dennoch habe ich, trotz meiner Vielfahrerei mit der Bahn, immer wieder nachgegeben. Die Verlockungen, die sich durch die angeblich von Angebot und Nachfrage gesteuerten (Billig-)Flugpreise ergeben, sind größer als die klimapolitische Vernunft, geschweige denn die Einsicht.
Beispiel: Vor ein paar Tagen habe ich für den 23. April bei Germanwings zu humanen Abflug- und Ankunftszeiten ein Hin- und Rückflugticket Stuttgart-Berlin gebucht, das mich halbwegs "normale" 46,72 Euro kosten wird. Der reine Flugpreis beträgt laut Buchungsbestätigung 0,01 Euro, an Steuern und Gebühren sind 46,71 Euro fällig. Für die gleiche Strecke hätte ich bei der (wesentlich klimafreundlicheren) Bahn mit Bahncard 50 hin und zurück 122 Euro in der zweiten Klasse und 195 in der ersten Klasse bezahlen müssen. Ohne Bahncard das Doppelte. Das ergibt in konkreten Zahlen: 244 respektive 390 Euro.
Mehrwertsteuer auf nichts
Zu alledem habe ich eine Woche später erneut einen Termin in Berlin, und bei Germanwings hätte ich wiederum ein Schnäppchen wahrnehmen können. Habe ich aber nicht. Der Grund: Der Hinflug am 28. April wäre bei einem Abflug um 19.40 Uhr tatsächlich zu einem Nettopreis von 0,00 Euro zu haben gewesen, der Rückflug am 29. April genauso. An Steuern und Gebühren wären insgesamt 70,45 Euro fällig gewesen (während für die gleiche Flugstrecke eine Woche zuvor, siehe oben, nur 46,71 an Steuern und Gebühren berechnet wurden).
Doch das ist immer noch nicht das Ende der Schräglage. Was sich hinter dem Posten "70,45" verbirgt, wird im Internet durch einen weiteren Mausklick deutlich - sofern man auf der Germanwings-Homepage auf "Details" drückt. Er setzt sich aus den bekannten Größen wie Kerosinzuschlag, Abfertigungs- und Luftsicherheitsgebühren zusammen. Doch das eigentlich Wundersame ist, dass für ein Ticket, das 0,00 Euro kostet, auf dem Hinflug 4,81 Euro Mehrwertsteuer berechnet werden und auf dem Rückflug 6,44 Euro Mehrwertsteuer fällig sind. Wie kann man, frage ich mich, für eine gleich bleibende Leistung, die laut Angebot nichts kostet, Mehrwertsteuer berechnen dürfen und dann auch noch in unterschiedlicher Höhe?
Wer versteht das alles noch?
Nicht genug, verkündete die Deutsche Bahn zuletzt freudestrahlend ihren Einstieg in den britischen Schienenpersonenverkehr. "Damit stärken wir unsere Position im europäischen Markt deutlich und legen gleichzeitig die Basis für weiteres Wachstum." Denn, so heißt es weiter "wir verbreitern unsere Geschäftsbasis und werden damit unabhängiger von den Entwicklungen eines einzelnen Marktes."
Ich hätte durchaus ein paar gute Ideen für mehr DB-Wachstum in Deutschland, aber da müsste man wohl auf der politischen Seite den Willen aufbringen, das Billigfliegerprinzip durch den Entzug von offenen und verdeckten Subventionen auszutrocknen. Denn immerhin - europäischer Markt war das Stichwort - für einen Hin- und Rückflug von Stuttgart nach Paris zahle ich sowohl bei Lufthansa wie auch bei Air France jetzt schon nur etwas mehr als die Hälfte eines mit Bahncard 50 rabattierten TGV-Tickets. Zu gerne würde ich mal wieder jemanden kennenlernen, der dies alles noch versteht.