13.08.2006 · Seit zehn Jahren verwandelt sich die deutsche Hauptstadt Anfang August in den „längsten Biergarten der Welt“. Vom Kronkorkensammler über Nonnen bis zum langhaarigen Antifaschisten: Szenen vom Berliner Bierfestival.
Von Anne-Dore Krohn„Auf uns Männer und die Frauen, die uns später abholen!“ Ihren Trinkspruch haben sie vorhin am Heineken-Stand aufgeschnappt, weiter vorne, in Richtung Frankfurter Tor. Es ist später Nachmittag. Gelegenheiten zum Anstoßen hatten Heinz, Silvio und Markus schon viele. Jetzt lehnen sie am Tresen von Maisel's Weiße und stoßen wieder an. Auf die Männer und die Frauen, die sie später abholen. Oktoberfest? Braucht kein Mensch. Heinz, 53 Jahre alt, wischt sich den Schaum von den Lippen. Sein Hemd spannt, der 200-Milliliter-Krug sieht in seiner Hand wie ein Spielzeug aus.
Den kleinen „ProBierKrug“ tragen fast alle Besucher des Berliner Bierfestivals mit sich herum, für möglichst viele Kostproben von 1750 Biersorten. Seetangbier, belgisches Kirschbier, Reisbier, afrikanisches Palmenfruchtbier - einmal Auffüllen für 1,50 Euro, an allen Ständen mit dem Biermeilen-Logo: Ein Teddy hebt einen Bierhumpen, im Hintergrund die Silhouetten vom Fernsehturm und Brandenburger Tor.
„Bier formte diesen wunderschönen Körper“
Seit zehn Jahren verwandelt sich beim Berliner Bierfestival die Karl-Marx-Allee in Friedrichshain zwischen Strausberger Platz und Frankfurter Tor am ersten Augustwochenende in den „längsten Biergarten der Welt“ (andere würden Saufmeile dazu sagen). Wo man einst Militärparaden zwischen Arbeiterpalästen im Zuckerbäckerstil zusah, drängen sich heute 700.000 Besucher im Bier- und Fleischdampf: Thüringer, Rostbratwurst, Pferdewurst und Nürnberger, gebrüht und ungebrüht.
Auf Bühne 3 stampft DJ Luis Alpin mit den Stiefeln den Takt auf die Holzbohlen: „Erste Liebe beginnt wie ein Spiel“, singt er dem Publikum entgegen. Von nebenan erklingen ähnliche Schunkelklassiker: „Marmor, Stein und Eisen bricht“, „Viva Colonia“ und „So ein Tag“. Die Zuhörer zeigen sich eher unbeeindruckt. Viele sitzen stumm und kippen ihren Blick ins Glas. Anders als die vielen verschiedenen Biersorten tritt das Publikum eher homogen auf: Die üblichen T-Shirts mit Aufdrucken wie „Bier formte diesen wunderschönen Körper“ oder „Two beer or not two beer“, abgelatschte Turnschuhe, rote Gesichter und Bäuche. Gewaltige Bäuche.
Wohnungswände mit Bierdosen zutapeziert
Hinter dem Brauhaus Spandau liegt das kleine Reich der Sammler. Auf Tapetentischen stapeln sich Bierdeckel und nostalgische Blech-Bierdosen. Wer hier in den Kronkorken wühlt, ist Mitglied in der „Fördergemeinschaft von Brauerei-Werbemittel-Sammlern“ (FvB) oder im „Internationalen Brauereikultur Verband“ (IBV), und denkt bei „BDM“ zuerst an das „Bierdeckel-Magazin“. Für Hans-Jürgen Steffin ist dies ein guter Tag, er hat viele neue Stücke ergattert. 20.000 Bierdosen hat der Berliner schon gesammelt, stolz zeigt er Fotos von seiner Wohnung: Die Wände hat er komplett mit Dosen zutapeziert. Auf Sammler wie ihn sind die Brauereien vorbereitet, auf den Tresen stehen kleine Körbe mit Sammlergut bereit.
Inmitten der Trinkfestspiele hat die Antifa dieses Jahr einen Info-Stand aufgebaut. Hinter Handzetteln über ausländerfeindliche Übergriffe und verbotene germanische Symbole sitzen drei Mittzwanziger, nippen am Kaffee, und natürlich wollen sie mit diesem Stand provozieren, klar. Ihre Namen möchten sie nicht nennen. Auch klar. In den letzten Jahren kam es oft zu Schlägereien auf der Biermeile, es gab Platzwunden und grölende Neonazis. Das bestätigen Pressearchive und die Berliner Polizei. Vor allem ein inzwischen verbotener Stand des brandenburgischen „Odin-Trunks“ zog strammdeutsche Stammtischler an.
„Die Antifas sollen ruhig Fahne zeigen“
Einige Besucher bleiben stehen. „Wat soll'n das hier?“ fragt ein Mann mit bunter Windjacke, „det paßt doch nicht hierher!“ Das ist noch milde. An diesem Stand zu sitzen härtet ab. Einer klopft mit dem Zeigefinger auf den Zettel über verbotene Symbole. „Das Kreuz hier“, beharrt er, „ist nicht verboten, das kann ich euch aber mal sagen.“ Die drei reagieren nur mit Achselzucken. Bis zum Einbruch der Dunkelheit werden sie noch die Stellung halten. Klar.
„Die Antifas sollen ruhig Fahne zeigen“, sagt Lothar Grasnick, der Betreiber des Bierfestivals von der Präsenta Messe GmbH. Den Stand habe er unterstützt. Es stört ihn, daß sein Bierfest als Plattform für Rechte wahrgenommen wird. Auf Volksfesten versammele sich nun mal ein gemischtes Publikum, er will keine Extreme, egal, ob recht oder links. Dieses Jahr habe er schon vorher gehandelt, um „rechte Tendenzen auszumerzen“. Teilweise sei er sogar zu den Brauereien hingefahren, um sich anzuschauen, was das „für welche sind“. Er spricht von einem Fest für Bierfreunde, von einer Probiermeile.
„Wir stehen hier, damit es keinen Streß gibt“
Die Betreiber des vietnamesischen Biergartens, des größten des Festes, haben vorsichtshalber eine private Sicherheitsfirma bestellt. Alle paar Meter thront ein schwarzgekleideter Breitschultriger mit Kabel hinter dem Ohr und läßt seinen Blick über die vietnamesischen Familien schweifen, die Saigon-Bier trinken und Hühnchen mit Zitronengras essen. „Die hatten Ehrengäste da“, sagt Grasnick später, „da wollten sie sich doppelt absichern.“ Die Sicherheitskräfte dürfen keine Auskunft geben, aber als der Chef nicht guckt, sagt einer der Männer: „Wir stehen hier, damit es keinen Streß gibt.“ Mit wem? „Na, mit den Rechten.“
Später hat es dann doch keinen Streß gegeben, dieses Jahr nicht. Die Polizisten haben Besoffene beruhigt oder verlorene Kinder betreut, mehr nicht. Der Langhaarige an der knallroten Bude „Roter Oktober“ erzählt, daß vor einem Jahr an seinem Stand gepöbelt wurde. Er wiegelt aber gleich wieder ab: „Die Polizei, das muß ich denen mal lassen, hat gleich deeskaliert.“ Der Langhaarige heißt Gunter Reimann, seit fünf Jahren verkauft er hier „Roter-Oktober-Bier“ und CDs mit Arbeiterliedern, die „Trotz alledem“ heißen.
„Berlin ist halt 'ne Proletenstadt“
Reimann ist gut gelaunt, einem Lieferanten spendiert er ein Bier. Ihm gefällt das Festival. Hier erreicht er die Menschen, sagt er, diskutiert mit ihnen über Kommunismus, die DDR und Politik allgemein. Über andere Linke ärgert er sich manchmal, „die quatschen immer nur untereinander“. Seine Freunde weigern sich, ihn hier zu besuchen. Dabei sei die Biermeile ein schöner Querschnitt der Berliner Bevölkerung. Er zuckt mit den Schultern. „Berlin ist halt 'ne Proletenstadt, da kann man nix dran drehen.“
Ob Deutsch-Amerikanisches Volksfest oder die Weihnachtsmärkte - Volksfeste in Berlin tun sich schwer, allen zu gefallen. Das findet auch Helmut Russ, der Betreiber des Weihnachtsmarktes am Gendarmenmarkt. Der ist das Gegenteil vom lauten Budenzauber am Ku'damm: Sterneköche kochen in Nachbarschaft vom Restaurant „Lutter und Wegener“, man zahlt einen Euro Eintritt, an den Eingängen wird kontrolliert. Russ besucht selten Volksfeste, aber dieses Jahr hat er sich erstmals auf die Biermeile gewagt. Zwei seiner Bier-Vertragspartner standen dort. „Ich fand's nicht so schlimm wie erwartet“, sagt er später, Sturzbesoffene hat er nicht gesehen, allerdings war er auch nachmittags da.
„Schnaps ist hier verboten“
Abends, erzählt die Nonne am Katharinenbier-Stand, sei sie schon manchmal froh über den massiven Holztresen zwischen sich und manchen Besuchern. An der Wand klebt ein Luther-Filmplakat, das Habit ist nur Kostüm: Ludwiga Zerbs, Luther-Nachfahrin in 14. Generation, besitzt das alleinige Braurecht der Katharina von Bora, Luthers Ehefrau. Ein wenig bedauert sie, daß sie ihre Liköre nicht verkaufen darf. „Schnaps ist hier verboten“, sagt sie.
Auf dem Mittelstreifen der Karl-Marx-Allee lächeln riesige Politikergesichter starr in Richtung Trinkerkarawane, keiner beachtet sie in diesen Tagen. Es ist Wahlkampf in Berlin, auch hier. Der Wirtschaftssenator von der Linkspartei hat zwar am Freitag das Faß angestochen, auf der Meile ist jedoch nur die Bezirks-CDU vertreten: Am Strausberger Platz verteilt sie Flugblätter, ausgerechnet hinter dem bayerischen Festzelt. Drinnen auf der Bühne schunkeln „Rico und seine Musikanten“, der Schlager „Für mein Schatz gibt's kein Ersatz“ klingt bis nach draußen. Nur wenige Passanten lassen sich die Wahlkampfzettel in die Hand drücken. Das Wahlmotto der CDU heißt „Berlin kann mehr“.
Doppelbock, Bierbestattung und Gambrinus - Bierfeste in Deutschland
Biermeile Das „Internationale Berliner Bierfestival“ findet im nächsten Jahr zum elften Mal statt: vom 3. bis 5. August 2007. Weitere Informationen unter www.bierfestival-berlin.de.
Die Maß aller Bierfeste Das bekannteste Bierfest ist das Oktoberfest in München, das am vorletzten Septemberwochenende beginnt. Jährlich werden auf der „Wiesn“ fünf Millionen Maß Bier getrunken. Ausschenken dürfen ausschließlich sechs bayerische Brauhäuser. Das Oktoberfest hat eine lange Tradition: Dieses Jahr wird es zum 173. Mal gefeiert. Etwa 2000 andere Bierfeste in aller Welt nennen sich nach dem Münchner Vorbild, zum Beispiel in Brasilien, Jamaika oder Thailand. Auch in Deutschland feiern viele Städte ihr eigenes Oktoberfest, ob in Berlin, Hannover oder Lüdenscheid.
Volksfeste Beim Schützenfest, Karneval oder Altstadtfest - wo ein Volksfest ist, wird Bier getrunken. Als zweitgrößtes Bierfest gilt das Cannstatter Volksfest in Stuttgart, das ebenfalls Ende September bis Anfang Oktober gefeiert wird. Das erste größere Bierfest des Jahres ist die Pütt in Jever kurz nach dem Dreikönigsfest. In München überbrückt man die Zeit bis September mit Doppelbock auf dem Starkbierfest im März. Das Gambrinusfest in Mendig ehrt den angeblichen Erfinder der Braukunst. Als ältestes Bierfest gilt die Erlanger Bergkirchweih, seit dem Jahr 1755 zu Pfingsten gefeiert. Es schließt mit der feierlichen Beisetzung des letzten Bierfasses.
Bierbörsen Neben den Bierfesten gibt es eine Vielzahl von Bierbörsen. Auch auf Messen wie „Brau“ in Nürnberg, „Internorga“ in Hamburg oder „Anuga“ in Köln kann man Biersorten probieren. Der Eintritt wird hier aber oft nur Fachbesuchern gestattet.
Bierkonsum Nur die Tschechen trinken mehr: Deutschland liegt beim Bierkonsum weltweit auf Platz zwei. Der Pro-Kopf-Verbrauch lag 2005 bei 115 Litern. Das entspricht einer täglichen Menge von etwas weniger als einer 0,33-Liter-Dose. Der Verbrauch sinkt aber seit Jahren
Tag des deutschen Bieres Traditionell wird überall in Deutschland der 23. April als Erinnerung an das Reinheitsgebot von 1516 gefeiert. Seitdem gilt per Gesetz: Ins Bier gehören nur Hopfen, Malz und Wasser. akro