13.08.2011 · Was dran ist am Mythos Neukölln, an den Gruselgeschichten vom Problembezirk, Prügelschulen, angeblich integrationsunfähigen Migranten? Aynur, Rima und Rascha zeigen Besuchern der Hauptstadt ein Viertel mit Problemen, aber auch eines mit Herz.
Von David SchelpDer Weg ins Krisengebiet führt vorbei an der alten Schmiede und einem Kräutergarten, in dem manchmal Babyradieschen wachsen. Er führt die Gruppe über Kopfsteinpflaster, bevor er auf einem unscheinbaren Stück Wiese endet, das sich zwischen greuliche Altbauten duckt. An seinem Rand einige Obstbäume. Irgendwo kräht ein Hahn. „Macht eher so’n idyllischen Eindruck hier“, murrt einer. Nach Getto sieht es hier jedenfalls nicht aus. Eher nach Dorfplatz, nach 22 Uhr Zapfenstreich. Nichts erinnert daran, dass die Gruppe sich nun durch Deutschlands berüchtigsten Stadtbezirk bewegt, durch Krisengebiet sozusagen. Durch Berlin-Neukölln. Wären da nicht die Bissspuren.
„Was ist mit dem Baum passiert?“, fragt Timo. Er und seine Mitschüler, zwanzig Schweizer Wirtschaftsgymnasiasten auf Berlinfahrt, stehen auf der Wiese und betrachten die gerupfte Ruine eines der Obstbäume. Fragend blicken sie zu Gül-Aynur Uzun. „Die trainieren ihre Pitbulls an den Bäumen“, sagt sie. Die Augen der Teenager weiten sich. Wer die? „Na, die Jungs aus der Gegend“, sagt Gül-Aynur, „Training für nachts, für die Hundekämpfe.“ Betretenes Schweigen auf der Schweizer Seite. „Aber unternimmt die Polizei denn nichts dagegen...“, setzt Timo an. „Bis die kommt, sind die Jungs längst abgehauen“, sagt Gül-Aynur.
Die Stationen der Führung haben haben sie selber ausgewählt
Die Schüler wirken jetzt beunruhigt. Aber eigentlich sind es genau diese Geschichten, die sie in den Süden Berlins gelockt haben. Sie wollen wissen, was dran ist am Mythos Neukölln. An den Gruselgeschichten vom Problembezirk, seinen Prügelschulen, seinen Heerscharen angeblich integrationsunfähiger Migranten, seiner Armut. Sie wollten diese Gegend mit eigenen Augen sehen.
Gemeinsam mit den Schwestern Rima und Rascha Akil wird Gül-Aynur die Schüler deshalb in den kommenden zwei Stunden herumführen. Seit etwa drei Jahren zeigen die Frauen Besuchern Neukölln. Ein Viertel mit Problemen, aber auch eines mit Herz, eines, das sie für seine Vielfalt lieben. „Wir wollen, dass sich die Leute ein eigenes Bild machen“, sagt Rascha. „Ihnen unsere Realität zeigen“, fügt Gül-Aynur an.
Die Frauen sind in Neukölln aufgewachsen. Die Stationen der Stadtteilführung haben sie selber ausgewählt. Sie haben sich für eine Tour durch Böhmisch-Rixdorf entschieden, einen Ortsteil Neuköllns, den auch mancher Berliner nicht kennt, in dem sich statt heruntergekommener Mietskasernen an Fachwerk erinnernde Einfamilienhäuser aneinanderreihen. Die Episode mit den Hundekämpfen soll die einzige bleiben, die an diesem Tag die These vom Problembezirk füttert.
Damals gab es in der Gegend kaum Ausländer
Stattdessen sehen die Schüler einen alten Fuhrbetrieb, in dessen Ställen neben den Stuten Gisa und Anne und Hengst Gustav einige schnörkelig verzierte Kutschen stehen. Sie fotografieren Schilder, die auf Deutsch und auf Türkisch das Ausführen von Hunden verbieten. Sie besuchen die Schmiede, die heute keine Schmiede mehr ist, sondern ein Treffpunkt für Frauen mit Migrationshintergrund. „Damit sie zu Hause rauskommen, andere Frauen kennenlernen“, erklärt Rima. Sonst blieben Russinnen, Türkinnen, Afrikanerinnen meist unter sich.
Die Jugendlichen legen ihre Köpfe in den Nacken und blinzeln in die Vormittagssonne. Vor ihnen ragt die nächste Neuköllner Sehenswürdigkeit in den Himmel. Ein bronzener Friedrich Wilhelm I., ein Preußenkönig im Kiez. Am Sockel, auf dem die Reiterstatue steht, ist eine Plakette angebracht. „Die dankbaren Nachkommen der hier aufgenommenen Böhmen“ steht darauf. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts hatte der Soldatenkönig protestantischen Glaubensflüchtlingen erlaubt, sich hier niederzulassen. „Ich mag die Parallele zu heute“, sagt Rascha. „Neukölln war schon immer ein Zufluchtsort für Menschen in Not.“
Sie selbst haben es so erlebt. Rascha und Rima, die Töchter libanesischer Bürgerkriegsflüchtlinge. Gül-Aynur, deren Mutter 1969 als Gastarbeiterin aus Istanbul nach Berlin kam, um Schichten im Werk des Glühlampenherstellers Osram zu schieben. Drei Jahre später holte sie ihre Tochter nach, zu sich in den Altbau, den Gül-Aynur jetzt den Schweizer Gymnasiasten zeigt. „Hier bin ich aufgewachsen“, sagt sie. Damals habe es in der Gegend kaum Ausländer gegeben, dafür freie, günstige Wohnungen, weil immer mehr deutsche Einwohner in modernere Häuser, in andere Bezirke gezogen waren.
„Was haltet ihr denn nun von Neukölln?“
Irgendwann waren sie in der Mehrheit. In den Schulen der Umgebung ist ein Migrantenanteil von achtzig Prozent normal. Auch auf Raschas und Rimas Schule, an der die Gruppe nun vorbeikommt, war es so. Vor einiger Zeit hat sie es in die Schlagzeilen geschafft, weil ein Jugendlicher auf dem Hof einen Lehrer verprügelt hatte. Jetzt kontrollieren uniformierte Sicherheitsbeamte die Schülerausweise, rauchend stehen sie am Eingangstor. Die Schwestern sind zwei der wenigen Abgänger, die es an die Universität geschafft haben. Rascha, mit den langen dunkelbraunen Haaren, studiert Jura; Rima, die sich mit zwölf Jahren entschied, ein Kopftuch zu tragen, Wirtschaft und Informatik.
Die Tour durch Neukölln ist nun fast vorbei. Zur letzten Station geht es durch einen typischen Berliner Innenhof vor ein Hinterhaus, das früher einmal Knopffabrik war. Heute muss man die Schuhe ausziehen, bevor man eintritt. Die Knopffabrik ist jetzt eine Moschee. „Hinterhofmoschee nennen wir das“, sagt Gül-Aynur. In Neukölln, Kreuzberg und Wedding, den Stadtteilen, in denen viele Muslime leben, gebe es Dutzende davon. Eine schmale Treppe führt hinauf in einen Gebetsraum mit bunten Kacheln an den Wänden.
Auf einem rotblau gemusterten Teppich lassen sich die Schüler nur mit Socken an den Füßen nieder. „Was haltet ihr denn nun von Neukölln?“, will Rascha von ihnen wissen. Die Jugendlichen hatten sich den Bezirk anders vorgestellt. Gefährlicher, verkommener irgendwie. „Bei uns sehen Problemviertel krasser aus“, sagt ein Mädchen, die anderen nicken. Sie wirken nachdenklich, aber zufrieden. Ihnen hat gefallen, was sie gesehen haben. Den zerbissenen Obstbaum haben sie schon fast vergessen.
Anfahrt
Mit der U-Bahn-Linie 7 bis zum U-Bahnhof Karl-Marx-Straße oder mit der Ringbahn bis zum S-Bahnhof Neukölln fahren. Von beiden Stationen sind es zu Fuß etwa fünf Minuten zum Treffpunkt, einem Imbiss mitten auf dem Richardplatz. Preis: 3 Euro / 1,50 Euro pro Person.
Neukölln-Führungen
Termine für private Führungen können telefonisch mit den Mitarbeitern von „kulturbewegt e.V.“ vereinbart werden (Telefon 0 30/70 22 20 23), einem Nachbarschaftsverein, der die Idee zu den Kieztouren hatte. Außerdem finden immer wieder öffentliche Führungen statt. Die nächsten Termine sind im Internet aufgelistet. Weitere Angebote gibt es auf der Seite von „kulturbewegt“, zum Beispiel eine Rapper-Tour durch den wilden Wedding.
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