12.10.2004 · Es heißt Berge machen ausgeglichen, gesund und schlank - aber nur, wenn man sich auf der „idealen Urlaubshöhe“ befindet.
Von Andreas LestiAuf dem kurzen Weg vom Landeplatz zum Hotelzimmer ging dem japanischen Ehepaar die Luft aus. Erst war noch ein Keuchen und Japsen zu hören, dann gar nichts mehr. Ohnmacht wegen Sauerstoffmangels. Die Sherpas hatten alle paar Meter gefragt: "How are you?" - "Everything all right?" - "Oxygen okay?" Und doch sackten die beiden, wenige Minuten nachdem sie den Hubschrauber verlassen hatten, in den kalten und staubigen Steinschutt.
Den beiden Japanern wurde schwarz vor Augen, ehe sie nur einen Blick auf den Mount Everest werfen konnten - den Blick, der sie dazu gebracht hatte, zum "Everest View Hotel" zu fliegen, auf 4000 Meter Höhe. Und bis zum Hotel, dem höchsten der Welt angeblich, wo die Zimmer mit künstlichem Sauerstoff versorgt werden, bis zum Ziel hat es das japanische Ehepaar nicht mehr geschafft.
Das richtige Maß macht's
Daß Superlative nicht gesund sind, gilt auch für die Höhe. Mit einem Glas Wein täglich wird man sehr alt, mit einer ganzen Kiste als Tagesration eher nicht. In den Bergen kann es vorkommen, daß die Luft den Flachlandbewohner wie ein Klitschko-Haken zu Boden schmettert. Wo eigentlich liegt die ideale Urlaubshöhe? Und: Was bewirkt sie? Sie liegt zwischen 1500 und 2000 Metern über dem Meeresspiegel - das belegt die "Austrian Moderate Altitude Study" (AMAS) der Universität Innsbruck aus dem Jahr 2000. Die Studie untersuchte, welchen Effekt die Höhe auf zwei Urlaubergruppen hatte - die einen erholten sich auf 200 Meter Höhe im Burgenland, die anderen auf 1700 Metern in Obertauern.
So sollte die normale Wirkung des Urlaubs vom echten Höheneffekt unterschieden werden. Und siehe da, in den Bergen des Salzburger Lands geschah etwas mit den Probanden, was im flachen Burgenland nicht passierte. Die Versuchspersonen paßten sich an die veränderte Luftdichte und den Sauerstoffmangel an. Schnellere Atmung, höherer Puls, höherer Energieverbrauch. "Das ist fast so, wie wenn man im Flachland Sport betreibt", erklärt Professor Egon Humpeler, der die Untersuchung geleitet hat. "Auch wenn Sie nichts tun, zwingen Sie Ihren Körper in dieser Höhe, etwas zu tun. Sie aktivieren die Reserven, obwohl Sie die noch nicht brauchen." Ab 2000 Metern jedoch müsse der Körper schon wieder zu viele Reserven mobilisieren. "Auch da ist es ähnlich wie beim Sport: Wenn sie immer an die körperlichen Grenzen gehen, dann haben sie keinen Trainingseffekt."
Über das Ziel hinausgeschossen
Die beiden Japaner, die vor dem "Everest View Hotel" bewußtlos wurden, konnten nicht wissen, daß sie 2000 Meter über die "ideale Urlaubshöhe" hinausgeflogen waren. Daß der kurze Fußmarsch zum Hotel hier einem 800-Meter-Sprint gleicht. Daß diese Maximalbelastung noch nicht mal einen "Trainingseffekt" hat. Und daß es eine wundersame Höhe gibt, in der man joggt, ohne zu joggen.
Die medizinischen Ergebnisse der AMAS-Studie erklären aber nicht nur, warum das Ehepaar das Bewußtsein verloren hat. Sie lesen sich erschreckenderweise auch so, als wäre jeder Mensch, der sich unterhalb von 1500 Metern befindet, schwer krank; und man wird sehr dankbar dafür, daß das Jahr 2004 noch einen schönen Wanderherbst hervorzaubert. Drei Wochen Aufenthalt in der "idealen Urlaubshöhe" bewirken Wundersames im Körper - sagt jedenfalls die Studie: Ökonomisierung des Blutdrucks, der Pulsfrequenz und des Blutzucker- und Blutfettstoffwechsels, Optimierung des Erythropoetins (eines blutbildenden Hormons), der Retikulozyten (junger roter Blutkörperchen, die den Sauerstoff transportieren) und Reduzierung des Fibrinogens (einer thrombosefördernden Substanz) und des Körpergewichts. Man könnte es auch so sagen: Diese Höhe macht ausgeglichen, gesund und schlank.
Die „ideale Urlaubshöhe“
Sehr erfreulich, all das. Zunächst für Probanden und Mediziner, wenig später für ein paar Arlberger Alpenhoteliers, die feststellen durften, daß ihr Haus genau in der "idealen Urlaubshöhe" steht, und in Zukunft vielleicht sogar für die gesamte Bergtourismusbranche. Zumindest, wenn es nach Egon Humpeler geht, der, für einen Mediziner, ein bemerkenswert ausgeprägtes Gespür für die touristische Verwertbarkeit hat. "Es war immer unser Ziel, die positiven medizinischen Ergebnisse in ein Urlaubsprodukt umzusetzen", sagt er und nennt gleich die blödsinnige Wortneuschöpfung, welche, in sieben Hotels in den Vorarlberger Skidörfern Lech und Zürs, die optimale kommerzielle Verwertung der Erkenntnisse befördern soll.
"Welltain", eine Kombination aus "Wellness" und "Mountain", soll gesundheitsbewußte Urlauber auch dann zum Arlberg locken, wenn dort kein Schnee liegt. Auf der Basis der AMAS-Studie bieten die Hotels Pauschalangebote an - Fitneßcheck, Trainingseinheiten, Physiotherapie und einen persönlichen "Welltain-Coach". Zugleich fließen die Effekte, die sich bei Touristen einstellen, wieder in die Studie ein. "Nur durch einen Schulterschluß zwischen Touristikern und Medizinern kann man ein brauchbares Produkt anbieten." Und das nicht nur in Österreich. Man arbeite daran, daß "Welltain" bald in den entsprechenden Höhenlagen Deutschlands und der Schweiz angeboten werde.
Drei Wochen müssen schon sein
Der größte Kompromiß, den Medizin und Tourismus dabei eingehen, liege in der Aufenthaltsdauer der Gäste. "Das ist momentan der Knackpunkt", so Humpeler, da die drei Wochen der Studie für die meisten Urlauber zu lang seien. Man habe sich auf zwei Wochen geeinigt; zur Zeit laufe ein Projekt, das klären soll, wie sich einzelne Wochenenden in den Bergen auf die Gesundheit auswirken.
Daß Höhe die Leistungsfähigkeit steigern kann, ist ja nichts Neues. Man erinnere sich: 1968, Olympische Sommerspiele, Mexiko-Stadt, 2134 Meter. Die Athleten stellten damals 34 Welt- und 38 Olympiarekorde auf: ein wenig Sauerstoffmangel kann so ganz schlecht nicht sein. Und als 1975 Reinhold Messner und Peter Habeler ohne künstlichen Sauerstoff auf den Mount Everest stiegen, auf 8848 Meter, war klar, daß sich der menschliche Körper sogar an extreme Höhen anpassen kann. Allerdings nur, wenn gewisse Regeln beachtet werden, wie Egon Humpeler betont. "Wenn man in die Höhe geht, muß man dies ab 3000 Metern stufenweise machen."
Was macht der Berg mit unseren Köpfen?
Völlig unakklimatisiert setzte sich das japanische Ehepaar in Katmandu, in 1300 Meter Höhe, in den Hubschrauber und flog los. Auf 2000 Metern ließen sie AMAS unter sich. Auf 3500 Metern Namche Bazaar, wo sich ein ganzes Tourismuszentrum mit Internet-Cafe, Pizzeria und Bäckerei gebildet hat, weil sich die Bergsteiger und Wanderer hier einen Tag akklimatisieren. Auf 3800 Metern den Ort, in dem die erste Übernachtung nach dem Ruhetag empfohlen wird. Das "Everest View Hotel" - und immer wieder mal ein paar Touristen - liegen 200 Meter darüber. Bleibt noch zu klären, was der Berg mit unseren Köpfen macht.