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Berchtesgadener Land : Ein Leben zwischen Staffelei und Wirtshaus

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Es war ein klassischer Fall von Glück im Unglück: Eine mächtige Lawine zerstörte 1862 das alte Wirtshaus am Hintersee, an einem idyllischen Bergsee im abgelegensten Winkel des Berchtesgadener Landes.

          Es war ein klassischer Fall von Glück im Unglück: Eine mächtige Lawine zerstörte 1862 das alte Wirtshaus am Hintersee, an einem idyllischen Bergsee im abgelegensten Winkel des Berchtesgadener Landes. Doch eine Kiste mit Wein, die aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen "Düsseldorfer Künstlersaft" hieß, blieb unversehrt. Eine Gruppe Wiener Künstler fand die Flaschen in der Ruine, sagte sich, daß ihr Broterwerb gut zum Etikett passe, und so gipfelte die Entsorgung der Fundstücke in einem intensiven Trinkgelage, von dem - wie es in der Chronik heißt - die Beteiligten am folgenden Tag schwer gezeichnet waren.

          Rauschende Feste waren an dem stillen See nichts Ungewöhnliches. Denn von den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts bis zur Jahrhundertwende war der Hintersee von einer bunten Künstlerkolonie bevölkert, deren Mitglieder sich freilich mindestens genauso gerne im Wirtshaus wie an der Staffelei aufhielten. Neben dem malenden Dichter Adalbert ließen sich insbesondere Vertreter der Münchner und Wiener Schule, darunter so prominente wie der Hofmaler Carl Rottmann, und zwischendurch auch Wilhelm Busch und Künstler aus Dänemark und Norwegen, vom Hintersee inspirieren. Und natürlich wurde das unverzichtbare Wirtshaus wieder aufgebaut, um von der resoluten Babette Auzinger übernommen zu werden. "Meine Großmutter war eine tüchtige Wirtin, kaufte ein Klavier für die Maler und ließ eine Kegelbahn bauen", erinnert sich der heutige Wirt Anton Hillebrand an seine Urgroßmutter.

          Romantische Landschaftsbilder mit monumentalen Berggipfeln und pittoresken Almhütten sind aus der Mode gekommen. Anstelle der Maler mit Staffelei und Pinsel kommen nun künstlerisch eher weniger ambitionierte Gäste mit Camcorder oder Digitalkamera in die Gegend. Und weil sie sich die Mühe nicht antun wollen, unwegsames Gelände zur Motivsuche zu erklimmen, hat man für sie einen Maler-Rundwanderweg eingerichtet, der den Spuren der Künstler folgt. Von Ramsau, dem verträumten Dorf mit seiner berühmten Kirche, schlängelt sich dieser Weg bis zum Hintersee und zurück. Vom Dorf aus geht man am Ufer der Ramsauer Ache nach Osten, bis der Pfad nach Norden abzweigt und mit der Kalvarienbergkapelle, einer Rokokokirche aus dem achtzehnten Jahrhundert, und der im Wald verborgenen Kunterwegkirche gleichen Stils und Alters zwei bemerkenswerte Bauwerke passiert. Am Lattenbach entlang wandert man leicht bergwärts über Almwiesen und vorbei an stattlichen Bauernhöfen und Landsitzen. In einer der Villen, in der früher ein österreichischer Graf residierte, wohnt heute ein Reeder aus Norddeutschland - der Hintersee hatte schon immer illustre Liebhaber. Der Weg stößt schließlich an das nördliche Seeufer, an dem einige Gasthäuser und Pensionen die Straße säumen. Einmal umrundet man das Gewässer und wandert dann durch den schattigen Zauberwald und vorbei an den Gletscherquellen bergab entlang der Ache wieder zurück nach Ramsau.

          Der Weg ist keine Bergwanderung alpinen Zuschnitts, sondern eine gemütliche Tour, bei der die Schönheit der Landschaft und die Geschichte der Maler im Vordergrund stehen. Dazu hat man zweiundzwanzig Bildtafeln am Rundwanderweg aufgestellt, die das Schaffen der einstigen Künstlerkolonie dokumentieren. Und dabei kann man feststellen, daß sich die Landschaft in den vergangenen hundert Jahren kaum verändert hat, weil der Hintersee noch immer ein verträumter Flecken geblieben ist - für die Tagesausflügler ein Ort der Muße und Entspannung und für die Ortsansässigen einer der wenigen Winkel im Berchtesgadener Land ohne Hektik und Staus, in dem sich der Erlebnistourismus im wesentlichen auf Pferdekutschenfahrten zur Wildfütterung im Nationalpark beschränkt. Und wie von jeher ist der Auzinger für den besten Schweinsbraten weit und breit bekannt. In der alten Gaststube findet man noch einige Arbeiten der Malerkolonie. Der Großteil ihrer Bilder hängt allerdings in Museen und Galerien, denn trotz allen Durstes haben sie sich auch Mühe gegeben, bleibende Kunstwerke zu schaffen.

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