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Astrid Lindgrens Stockholm Die Stadt der Dämmerung

 ·  Vergesst Bullerbü: In Stockholm hat die Schriftstellerin Astrid Lindgren fast ihr gesamtes Leben verbracht. Und dabei den Zauber der Großstadt festgehalten.

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© Marit Törnqvist Vergrößern Stockholm im Zwielicht: Von die Altstadt, hinten links Södermalm und rechts das Klaraviertel

Ein Herbstabend, es nieselt, und der Junge, der dort auf einer dunklen Parkbank sitzt, sollte eigentlich schleunigst nach Hause gehen. Dass er lieber bleibt, hat mit Onkel Sixten und Tante Edla zu tun, die es schon längst bereuen, dass sie den Jungen nach dem Tod der Mutter bei sich aufgenommen haben - „Du da, geh nach draußen, damit ich dich nicht sehen muss“, sagt Onkel Sixten meist zu seinem Adoptivsohn. Bo Vilhelm aber, den alle nur Bosse nennen, träumt von seinem Vater, dem richtigen, der irgendwie verschwunden ist. Bis dann an jenem Oktoberabend aus einer Bierflasche unter der Parkbank ein Geist schlüpft, der den Jungen ins „Land der Ferne“ trägt, wo der verschollene Vater König ist und sich vor Sehnsucht nach seinem Sohn verzehrt.

So beginnt „Mio, mein Mio“ von Astrid Lindgren, eine Art Fantasyroman aus dem Jahr 1954. Doch so nebulös dieses „Land der Ferne“ ist, so exakt benennt Astrid Lindgren den Ort, von dem der Junge aufbricht: Es ist der Tegnérpark in Stockholms ruhigem Vasaviertel, eine überschaubare quadratische Grünfläche mit einem kargen Spielplatz und einem künstlichen Bachlauf, der auf der Spitze eines Hügels in der Parkmitte entspringt und in ein Wasserbecken mündet.

Ein guter Ort für Flaschengeister

Ringsum schließen die Fronten der fünfstöckigen Wohnhäuser den Park ein. Onkel Sixten und Tante Edla wohnen in der Upplandsgatan 13, und aus dem sandfarben gestrichenen, klotzigen Haus lässt sich über den Straßenverkehr hinweg die vordere Hälfte der Anlage bestens beobachten. Auch wenn man den Jungen eigentlich gar nicht sehen will.

Mag sein, dass Astrid Lindgren genau deshalb die Adresse so exakt angegeben hat, dass sie Haus und Park nennt, damit man auch sechzig Jahre später die missmutigen Augen von Onkel Sixten auf sich ruhen fühlt, wenn man tagsüber im Tegnérpark auf der Bank sitzt und den Kindern beim Schaukeln zuschaut. Später, wenn es dämmert, ist man dann meist allein, nur ein paar hastige Passanten nehmen die Abkürzung quer über den Hügel, und von der nahen Kreuzung der Tegnérgatan mit der Drottninggatan dringt das Gelächter der Gäste herüber, die immer noch draußen vor den Kneipen sitzen und dem sanften Regen aus dem hellgrauen Himmel trotzen. Sonst ist es still, mitten in der Großstadt. Ein guter Ort für Flaschengeister.

Wer an Astrid Lindgren denkt, hat zuallererst Bullerbü vor Augen, wahrscheinlich auch Michel aus Lönneberga und Madita. Und mit ihnen ländliche Mittsommerfeste, Krebsefangen im See, Kühe, rote Holzhäuser und die ganze Herrlichkeit der schwedischen Provinz. Dass die Autorin aber die allermeiste Zeit ihres Lebens in Stockholm verbrachte, nachdem sie ihrer dörflichen Heimat den Rücken gekehrt hatte, fällt dabei unter den Tisch.

Nur eine Spuckweite entfernt

Astrid Ericsson, geboren 1907 im idyllischen Småland, hatte sehr jung ein Kind von einem verheirateten Mann bekommen und war nach Stockholm geflüchtet, wo sie Arbeit als Sekretärin fand. Ihren Sohn Lars aber hatte sie zu Pflegeeltern nach Dänemark geben müssen, bis sie nach ihrer Heirat mit Sture Lindgren den Vierjährigen zu sich nehmen konnte.

Das Ehepaar Lindgren wohnte immer im Vasaviertel: Zunächst in der Vulcanusgatan 12, einer winzigen Querstraße, die in einer Sackgasse endet - Karlsson vom Dachs Behausung, jene kleine Hütte hinter dem Schornstein, kann man sich kaum woanders vorstellen als in den irgendwie zusammengewachsenen Giebeln dieser Straße. Und es mag sein, dass die Anwohner es gar nicht so seltsam fänden, wenn ein „schöner und grundgescheiter und gerade richtig dicker Mann“ (Karlsson über Karlsson) mit einem Propeller auf dem Rücken geradewegs durch ihre geöffneten Wohnzimmerfenster flöge - schließlich ist das Vasaviertel seit Astrid Lindgrens Romantrilogie um „Karlsson vom Dach“ (1955/68) berühmt für diesen sonderbaren Gast und seinen kleinen Freund Lillebror, der mit seinen Eltern und Geschwistern im selben Haus wohnt, auf dessen Dach Karlsson lebt.

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