Home
http://www.faz.net/-gxi-73rkm
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Leserreisen

Anti-Gravity-Yoga Schwebe lieber ungewöhnlich

Neues aus des Welt des Om: Wer „Anti-Gravity-Yoga“ in Hamburg besucht, lässt die Schwerkraft hinter sich.

© Illustration Kera Till Vergrößern

Es ist hart, sich einen Aspekt des Lebens vorzustellen, der allgegenwärtiger und fundamentaler wäre als die Schwerkraft. Alles wiegt Tonnen. Die Einkaufstüten mit dem Biogemüse, die spätgeborenen Zwillinge, die neue Installation im Wohnzimmer, ach, jede Entscheidung, die einem in diesem Jahrtausend im Sekundentakt abverlangt wird: schwer, schwer, schwer.

Mit bemerkenswertem Timing hat die Yoga-Industrie nun etwas erfunden, wovon selbst Newton schwindlig geworden wäre: das Anti-Gravity-Yoga oder Aerial-Yoga.

Wie Fledermäuse an der Decke hängen

Entwickelt von Christopher Harrison, einem alternden New Yorker Akrobaten, legt Anti-Gravity-Yoga den Schwerpunkt auf die Öffnung der Hüften, Rückbeugen und Umkehrhaltungen und schont dabei extrem Rücken und Gelenke, ein Grund dafür, warum die Nachfrage nach dem neuen Trend aus Amerika in Europa überall schlagartig steigt.

So hängen auch im Dachgeschoss des „Meridian Spa“ in Eppendorf fünfzehn Kursteilnehmer in großen Tüchern von der Decke wie Fledermäuse oder, besser gesagt, zumindest die letzte Reihe, in der sich auch die Reporterin versteckt hat, wie Schinken, etwas unförmig, ungläubig, die eigene Sterblichkeit noch allzu deutlich spürend.

Zu Beginn stehen wir alle noch auf einer Matte, wie man sie aus herkömmlichen Yoga-Klassen kennt, über uns ein meterlanges, breites Tuch, das an festen Metallhaken an der Decke angebracht ist. Zunächst schwingen wir zaghaft, das Tuch unter die Schultern geklemmt, die Füße fest am Boden, von Seite zu Seite. Doch langsam wird die Bewegung größer, kreisförmiger, saftiger und gewinnt an Tempo. Die Fortgeschritteneren schwingen fast manisch im Kreis, von der letzten Reihe voller Respekt beobachtet.

Die Hüfte in die Lüfte

Dann verlassen wir den Boden der Tatsachen, die für alle, die sich in diesem Luxusgym den Monatsbeitrag leisten können, nicht allzu hart sein dürften, müssen in das Tuch wie eine Schaukel hineinklettern, die Beine anwinkeln und die Fußsohlen zusammenbringen. Wir erfahren, dass wir auf diese Weise die Hüften öffnen, wogegen niemand Einspruch erhebt. Ein mühsames Unterfangen zunächst, doch sitzt man erst mal, ist es bequem, und leichter Übermut setzt ein. Wenn einen jetzt noch jemand anschubsen würde?

Doch danach wird es wirklich ernst. In kleinen, einfachen Schritten sollen wir nun auf Anweisung der Lehrerin, den Po noch im Tuch, die Beine nach oben schwingen, die Schienbeine zur Sicherheit um die Enden des Stoffes winden, den Kopf nach unten hängen und, als sei das noch nicht genug, auch noch die Arme nach unten baumeln lassen. Als habe sich jemand eine Illustration für die kopflose Politik dieser Tage ausgedacht, hängen wir wie nasse Säcke von der Decke, jämmerlich.

Loslassen und Freiwerden

“Es geht ums Loslassen“, hat uns die Yoga-Lehrerin, eine zarte, gleichwohl energische Frau, vorher gewarnt. Das Tuch, das nur ganz wenig nach dem Loslassen der vorherigen Kursteilnehmer riecht, sei nun „unser Partner“. Wir sollten uns darauf einstellen, dass „tiefe Empfindungen frei werden“ könnten. Manchen würde sogar übel. Da dies die üblichen Risiken und Nebenwirkungen sind, mit der jede Yoga-Methode für ihre befreiende Wirkung wirbt, hat uns das nicht abgeschreckt. Theoretisch.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Seychellen In der Ruhe liegt das Glück

Wie auf den Seychellen könnte es einst im Garten Eden ausgesehen haben. Doch Ruhe, Schönheit und tropische Opulenz werden immer stärker von protziger Investorenarchitektur bedrängt. Mehr Von Judith Lembke

19.12.2014, 18:35 Uhr | Reise
Raumfahrt "Philae" steht vermutlich gekippt auf dem Kometen

Erste Bilder lassen darauf schließen, dass ein Bein des Minilabors ins All ragt. Das Forscherteam zeigt sich dennoch zuversichtlich. Mehr

14.11.2014, 11:59 Uhr | Wissen
Denkmalschutz in den Bergen Schätze im Hochgebirge

Die Schutzhütten in den Alpen stehen nun selbst unter Schutz: Seit Jahrzehnten nicht verändert, sind sie wertvolle Dokumente der Architektur geworden. Mehr Von Stephanie Geiger

10.12.2014, 09:24 Uhr | Stil
Trotz abschreckender Urteile Iran will Touristen locken

Seit dem jüngsten Tauwetter im Verhältnis des Irans zum Westen steigen allmählich die Besucherzahlen in dem von Sanktionen gebeutelten Land. Doch inwieweit sich das Land als Tourismus-Ziel etabliert, hängt weiter von der Politik ab - jüngste Gerichtsurteile sorgten weltweit für Empörung. Mehr

04.11.2014, 14:07 Uhr | Reise
Aufkleber übersprüht Anti-Nazi-Aktivist soll Schadenersatz zahlen

Weil er von Rechtsextremisten angebrachte Aufkleber entfernt und übersprüht hat, ist ein Mann vom Amtsgericht Limburg zu Schadenersatz verurteilt worden. Der Lehrer kündigte Rechtsmittel gegen das Urteil an. Mehr

09.12.2014, 11:06 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 23.10.2012, 08:00 Uhr