Home
http://www.faz.net/-gxi-x6fd
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

50 Jahre Interflug Was von der DDR-Staatsfluggesellschaft blieb

Vor fünfzig Jahren wurde die DDR-Fluggesellschaft Interflug gegründet, als Ergebnis eines Ost-West-Konflikts - geblieben ist wenig mehr als das Logo auf den T-Shirts von Berlin-Mitte-Menschen.

© picture-alliance / dpa Vergrößern Zwei Maschinen vom Typ „Iljuschin 62-M” am Rande eines Rollfeldes auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld, 1991.

Vergangenheit kann cool sein. Sehr cool sogar. Man kann in alten Sesseln aus dem ausgeweideten Ost-Berliner Palast der Republik herumschaukeln, sich diese fad-braunen Kartentaschen der Abschnittsbevollmächtigten der Volkspolizei umhängen oder sich bunt gemusterte Stehlampen in die Wohnung stellen, die in den siebziger Jahren in Läden mit dem schönen Namen "Behagliches Heim" angeboten wurden. Damit wäre man weder DDR-nostalgisch noch politisch verdächtig, sondern einfach nur angesagt. Jedenfalls in Berlin, wo gescheitertes Design immer noch hoch im Kurs steht.

Immer mal wieder entdeckt man im Retro-Taumel frischgenähte T-Shirts mit der Aufschrift "Interflug" über der gestärkten Brust. Man liest auch kyrillische Buchstaben, die "Aeroflot" ergeben, aber eben noch häufiger die leicht nach rechts driftenden, arbeiterfahnenroten Versalien der untergegangenen DDR-Staatsfluglinie. Daneben prangt das elliptische Wappen mit einem etwas verzerrten Fluggerät, das an einen Tarnkappenbomber erinnert. Wer kann, trägt zum T-Shirt noch die passende Sporttasche aus ganz heutigem Kunstleder.

Mehr zum Thema

Was geblieben ist

Wo ist die Interflug sonst? Der Schriftzug und das Logo sind in die Alltagskultur eingezogen, die Akten ins Bundesarchiv, einige Flugzeuge stehen auf ostdeutschen Äckern herum, und Stewardessblusen findet man manchmal auf Flohmärkten. Mehr ist nicht geblieben von der ostdeutschen Fluggesellschaft, die am 30. April 1991 mit einer TU-134 A zum letzten Mal abhob, und zwar in Wien mit Kurs auf Berlin-Schönefeld. Dorthin, wo in den fünfziger Jahren alles begann und der ehemalige Werkflugplatz der Henschel-Werke zum Zentralflughafen der DDR aufstieg. Der Rest ist eine Mischung aus Verbitterung, Verschwörungstheorien und Galgenhumor bei den ehemaligen Mitarbeitern, die sich in Internetforen darüber beklagen, wie die ostdeutsche Fluggeschichte im Zuge der Einheit gelöscht wurde.

Interflug standesamt © Vergrößern Die IL-62 mit dem Namen „Lady Agnes” in Stölln ist jetzt Museum und Standesamt

Nur wenige Piloten, Navigatoren oder Lotsen schafften den Sprung in das Billigflugzeitalter. Vielleicht gibt es für das Schicksal der Airline keine prägnanteren Bilder als die Fotos aus dem Herbst 1989. Immer wieder laufen Demonstranten, die Reisefreiheit fordern, ausgerechnet an Leuchtreklamen der Interflug vorbei, die für ihr Streckennetz auf allen Kontinenten wirbt. Wer weiß, dass nur der wirklich treueste DDR-Bürger bis nach Kopenhagen oder Larnaka, nach Amsterdam oder Wien kam, der ahnt, wie es um die Weltanschauung in der verriegelten Gesellschaft wirklich bestellt war. Die Interflug-Helden von damals kümmert das alles wenig. Larmoyanz, wie man sie von ausgemusterten Parteifunktionären kennt, vor sich hertragend, ziehen die ostdeutschen Luftbrüder gegen die westdeutschen Überflieger zu Felde. Im Internet tobt der vielleicht letzte Systemstreit der Geschichte.

Tupolews, Iljuschins und Antonows

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Dirigentenwettbewerb Der Funke in den Herzen des Publikums

Viellicht hat das Publikum in der Alten Oper in Frankfurt einen zukünftigen Maestro gesehen - oder zwei Maestri. Denn beim Dirigentenwettbewerb Sir Georg Solti gab es keinen Sieger, sondern zweimal Plätze zwei. Mehr Von Benedikt Stegemann

23.02.2015, 17:11 Uhr | Rhein-Main
Nach Streik Lufhansa fliegt erstmal wieder

Nach dem Ende des Pilotenstreiks bei der Lufthansa will die Fluggesellschaft wieder fast alle Verbindungen anbieten. Das könnte sich aber bald wieder ändern, denn die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit hatte weitere Arbeitsniederlegungen noch in dieser Woche nicht ausgeschlossen. Mehr

22.10.2014, 12:26 Uhr | Wirtschaft
Konzernumbau Lufthansa streicht die Dividende

Europas größte Fluggesellschaft spürt die Kosten des Konzernumbaus und heftiger Preiskämpfe. Das Unternehmen zahlt seinen Anteilseignern in diesem Jahr kein Geld aus. Mehr Von Ulrich Friese

20.02.2015, 17:51 Uhr | Wirtschaft
Sprengung 100 Jahre alter Stahlkoloss fliegt in die Luft

Ein 100 Jahre alter Hochofen bei Baltimore in den Vereinigten Staaten wurde kontrolliert gesprengt: Innerhalb von ein paar Sekunden sackt er in sich zusammen. Mehr

29.01.2015, 14:08 Uhr | Gesellschaft
Flughafen Manchester Pilot überschreitet Arbeitszeit – und landet frühzeitig

Weil sich der Start in New York um Stunden verzögerte, schaffte es ein Pilot nicht, in der maximal erlaubten Arbeitszeit bis nach Paris zu fliegen. Also landete er in Manchester. Mehr

25.02.2015, 09:19 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 23.06.2008, 14:58 Uhr