http://www.faz.net/-gxh-9041a

Südafrika : Nächster Halt Teufelsinsel

  • -Aktualisiert am

Museum der Entrechtung: Fährableger unterm Tafelberg. Bild: Sven Weniger

Das Fährhaus Jetty 1, von dem aus die Fähren nach Robben Island ablegten, verfällt an der Kapstädter Waterfront inmitten von Einkaufszentren und Unterhaltungsmöglichkeiten.

          Eines der wichtigen Mahnmale südafrikanischer Geschichte steht ganz im Schatten einer der großen Touristenattraktionen des Landes. Ein kleines, hellgrau gestrichenes Ziegelhaus am Rand der Glitzer- und Shoppingwelt der Kapstadter Waterfront. Eines der wenigen alten Gebäude abseits lauter, moderner Urlaubsarchitektur: die Jetty 1. Wer etwas über die Waterfront wissen will, findet alles übers Entertainment, jedoch kaum einen Hinweis auf das Fährhaus. Auch Einheimische, die Urlaubern gerne bei der Orientierung im Gewirr aus Fußgängerzonen, Plätzen und Brücken helfen, kennen Jetty 1 oft nicht. So, als sei es ein bedauerlicher Fauxpas der Umstände, dass ausgerechnet dort, wo man sich mit Blick auf den Tafelberg entlang der Kanäle des Hafens mit seinen Marinas, Kneipen und Restaurants so trefflich vergnügen kann, einst die Gefangenentransporte nach Robben Island starteten.

          Auf der berüchtigten Gefängnisinsel war Nelson Mandela achtzehn Jahre lang eingekerkert. So wie Tausende anderer, fast ausschließlich schwarzer Südafrikaner, die dem weißen Apartheid-Regime im Weg standen. Von der Jetty 1 legten alle Fähren nach Robben Island ab. Hier wurden die Menschen zusammengetrieben und aufgereiht, um in ihr Martyrium verfrachtet zu werden. Zwei schmale, blaue Schilder mit Mandelas Foto machen die Jetty 1 von außen kenntlich; sonst hielte man den zweistöckigen, länglichen Bau für eine alte Lagerhalle.

          Durch ein Garagentor tritt der Besucher ein und steht in einer Durchfahrt, die nach wenigen Metern auf der anderen Seite wieder hinaus zum Pier führt. Dort warteten die Schiffe. Geschäftsmäßig kurz und bündig wurden die Gefangenen hier umgeschlagen. Schon im siebzehnten Jahrhundert hatten europäische Kolonialherren, erst die Holländer, dann die Briten, Robben Island für Verbannungen genutzt. Und auch wenn Jetty 1 erst 1904 ihren heutigen Namen erhielt, so war sie doch schon dreihundert Jahre zuvor Ausgangspunkt für eine Reise, die für viele ohne Rückkehr blieb.

          Nur wenige Besucher finden überhaupt hierher

          Drei Tableaus neben dem alten Fahrkartenschalter illustrieren die Chronologie des Fähranlegers. Es ist eine Geschichte der Entrechtung. Holländische Siedler nahmen das Land der Stämme der gesamten Kapregion in Besitz. Trafen sie auf Widerstand, wurden deren Führer gefangen genommen und verbannt. Diese Praxis wurde von Buren und Engländern übernommen. Schwarzweißfotos des neunzehnten Jahrhunderts zeigen die Deportation von Chiefs der Xhosa, Khoikhoi, Korana und Hlubi in erniedrigender Pose. Später wurden auf Jetty 1 Leprakranke verladen und nach Robben Island in ein dafür eingerichtetes Quarantäne-Hospital verbracht. So zeigen die Bilder neben Deportierten auch Zeugnisse des Personals, das auf der Verbannungsinsel arbeitete. Auffällig das älteste Bild, von Krotoa, einer jungen Frau der Khoikhoi, die als Übersetzerin der Stammessprachen auf Robben Island stationiert und mit einem Weißen verheiratet war, damals eine Sensation. Sie starb 1674.

          Seinen schlimmsten Ausdruck fand das Herrenmenschentum während der Apartheid. Bevor sie übersetzten, posierten die Gefängniswärter in Khakishorts und Kniestrümpfen mit ihren Schäferhunden. Gefangene hingegen mussten in Eisenketten an Füßen und Händen auf die Fähre zur „Teufelsinsel“ warten, wie ein Zeitungsausschnitt von 1959 titelt. Jetty 1 hat zwei kleine Zellen mit Pritschen, Waschbecken und Klo, in denen die Gefangenen auf ihren Transport warteten. Im ersten Stock liegt ein Wartesaal. Angehörigen war es erlaubt, die Gefangenen zu besuchen. Dazu schrieben sie Briefe, in denen sie den Kommandanten um Genehmigung ersuchten. Dutzende Schreiben im Faksimile bedecken hier oben die Wände; oft unterwürfig im Ton, niemand wollte es sich mit der Obrigkeit verderben. Eingangsstempel und ein lapidares „O. K.“ unterstreichen den abschätzigen Umgang der Behörden mit den Antragstellern.

          Auf nur hundertfünfzig Quadratmetern Fläche erweckt Jetty 1 als Museum und Gedenkstätte das dunkle Kapitel des südafrikanischen Rassismus facettenreich zum Leben. Zusammen mit Robben Island wurde sie 1999 Weltkulturerbe. Umso trauriger ist es, zu sehen, wie vernachlässigt das Gebäude wirkt. Kaputte Glühbirnen überall, die Audioerklärungen funktionieren nicht. Ein Video bläkt in Endlosschleife, ein Aufseher langweilt sich in seinem Büro und kann keinerlei Auskunft geben. Nur wenige Besucher finden überhaupt hierher. Man wünscht sich, es wären mehr. Viel mehr.

          Fähre zur Hölle

          Jetty 1, Victoria & Alfred Waterfront, Kapstadt; täglich geöffnet von 9 bis 20 Uhr, Eintritt frei.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sondierung gescheitert : Liberale brechen Jamaika-Verhandlungen ab

          Die Verhandlungen von CDU, CSU, FDP und Grünen über ein Jamaika-Bündnis sind gescheitert. Die Liberalen ziehen sich aus den Gesprächen zurück. „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren“, sagt FDP-Chef Cristian Lindner.
          Flüchtlingskrise: Gabriel besucht das Lager Kutupalong, in dem aus Burma vertriebene Rohingya leben.

          Gabriel in Bangladesch : Der Albtraum von Kutupalong

          Sigmar Gabriel besucht ein Lager der Rohingya im Süden von Bangladesch. Die Bedingungen hier sind katastrophal, doch es werden noch mehr Flüchtlinge erwartet.
          Vorzeitiger Abschied: Thomas Ebeling verlässt Pro Sieben Sat.1

          Pro Sieben Sat.1 : Vorzeitiger Abschied von den Fetten und Armen

          Der langjährige Pro-Sieben-Sat.1-Chef Thomas Ebeling verlässt im Februar 2018 vorzeitig den Medienkonzern. Zuletzt hatte er mit abschätzigen Bemerkungen über die Zuschauer der eigenen Sender Kritik auf sich gezogen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.