08.05.2008 · Die Hebung des Fremdenverkehrs gehört von jeher zum Selbstverständnis der Alpenrepublik. Nach Amstetten aber ist das sorgfältig gepflegte Image beschädigt. Bleibt die Frage, ob die Europameisterschaft den medialen Schaden wird reparieren können. Eine Glosse von Jakob Strobel Y Serra.
Von Jakob Strobel Y SerraSeit zwei Jahren geht's uns richtig gut. Und das, obwohl wir nur Dritter geworden sind. In Wahrheit sind wir nämlich Erster. Seit dem rauschhaften Weltmeisterschaftssommer 2006 trotzen wir allen Weltwirtschaftskrisen, glauben wieder an die Zukunft, mögen uns selbst, und das Beste ist: Alle mögen uns. So hell hat Deutschlands Stern in der Welt lange nicht gestrahlt. Noch mehr strahlt nur die Chefin der Deutschen Zentrale für Tourismus, wenn sie ihre Bilanzen vorlegt. Der Ansturm ausländischer Besucher auf Deutschland reißt seit der WM nicht ab, ein Rekordjahr folgt dem nächsten, und in der Weltrangliste der Reiseländer mit dem positivsten Image liegt Deutschland jetzt sensationell auf Platz eins - tu F. Germania, dem Fußball sei Dank!
Tu pauper Austria, was kann der Fußball noch retten! Unser Mitleid ist aufrichtig. Genauso wie die Deutschen wollten es die Österreicher mit ihrer Europameisterschaft machen, der ganze Erdball sollte auf ihr kleines Land blicken und lauter glückliche Menschen sehen. Doch jetzt macht er es früher als geplant, fünf Wochen vor Beginn des Turniers, und blickt in Abgründe - in Kellerverliese, auf ein menschliches Monstrum, auf unfassbare Verbrechen, für deren Erklärung eine junge Frau bemüht werden kann, die selbst viele Jahre lang in der Gewalt eines anderen Psychopathen war.
Muss das Österreich sein?
Mit voller Wucht spürt Österreich die Kehrseite der medialien Globalisierung: So wie im Sommer die Kunde von der guten deutschen Laune in die fernsten Winkel getragen wurde, so geschieht es nun mit den Verbrechen des Josef F. Bundeskanzler Gusenbauer hat sich schon öffentlich und gramgebeugt um das Image seines Landes Sorgen gemacht, während es die österreichischen Tourismuswerber tapfer mit dem Pfeifen im Walde versuchen. Langfristige Auswirkungen seien selbstverständlich nicht zu befürchten, man werde weiterhin als Qualitätstourismusland wahrgenommen, heißt es bei der Österreich-Werbung. Jack the Ripper habe den Ruf Großbritanniens im Übrigen auch nicht angekratzt, beschwichtigt das Österreichische Institut für Marketing - ein Vergleich der hinkt; eine viel plausiblere Parallele ist der Fall des Kinderschänders Marc Dutroux, der das Renommee Belgiens so gründlich ruiniert hat wie kaum ein Zweiter vor ihm.
"Das muss Österreich sein" lautet der aktuelle Slogan der nationalen Fremdenverkehrsbehörde. Das klingt in diesen Tagen wie Hohn, und wie Sisyphos müssen sich die Tourismusverantwortlichen fühlen, die jahrelang am Image ihres Landes gefeilt und um jede wohlwollende Erwähnung in den Medien gekämpft haben - und jetzt das. Natürlich haben sie recht, wenn sie es absurd nennen, Amstetten mit Österreich gleichzusetzen. Früher wäre auch niemand auf diesen Gedanken gekommen. In Zeiten der Informationssinflut aber ist die Vereinfachung und Stereotypisierung für die Menschen ein verlockender Rettungsanker. Genau darin liegt die Chance der Österreicher: Sie haben drei Wochen lang Zeit, das momentane mediale Zerrbild nach deutschem Vorbild zurechtzurücken. Die Frist läuft am 29. Juni ab, dem Tag des Endspiels in Wien.