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Melbourne : Bleibt, wie ihr seid, und werdet bloß nicht so wie wir!

Arbeit ist höchstens das halbe Leben: Wie wichtig den Bewohnern Melbournes ihr Freizeitvergnügen ist, sieht man nicht nur an den Booten im Sankt-Kilda-Hafen. Bild: Getty

Ist Multikulti wirklich ein gescheitertes Gesellschaftsmodell? Melbourne, die Hauptstadt des australischen Bundesstaates Victoria, beweist das Gegenteil - und ist auch deswegen zum lebenswertesten Ort der Erde gewählt worden.

          Luzifer hat Giorgio Linguanti nichts als Glück gebracht. Und er musste noch nicht einmal seine Seele an den Höllenfürsten verkaufen. Nur das Leben, wie er es in seiner Kindheit und Jugend geliebt hatte, war der Preis dafür. Vor elf Jahren gab Giorgio es auf, verließ seine sizilianische Heimat und wanderte ans andere Ende der Welt nach Melbourne aus, mit Sack und Pack, doch ohne ein einziges Wort Englisch im Gepäck. Oft überkam ihn die Sehnsucht nach Italien, und am schlimmsten war es, wenn er im Supermarkt wieder einmal abgepackten Industriekäse kauften musste. Etwas anderes gab es damals in Melbourne nicht, doch dabei musste es ja nicht bleiben. Also lernte Giorgio die Kunst des Käsemachens, gründete eine Käserei, belieferte bald die besten Restaurants der Stadt und hat vor kurzem in Carlton, Melbournes Little Italy, ein Käsegeschäft namens „La Latteria“ eröffnet, das über Nacht zu einem Fixstern am lokalen Feinschmeckerhimmel geworden ist. Dort ruht nun Lucifero, ein Kuhmilchkäse mit teuflisch scharfen Chiliflocken, einträchtig neben Bergen von Mozzarella, Ricotta, Mascarpone, Caciocavallo, Scamorza und all den anderen Klassikern der italienischen Käsekultur, die bei Giorgio mit so viel sizilianisch sanguiner Leidenschaft verkauft werden, als läge der Ätna und nicht die Antarktis um die Ecke.

          Märchenpalast voller Marmor und Blattgold

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Diesen Eindruck hat man in Carlton ohnehin auf Schritt und Tritt, dem einstigen Arbeiterviertel mit seinen niedrigen Backsteinhäusern, das längst zur Beute der Boheme und der Hipster, der Gourmets und Gourmands geworden ist. In der Metzgerei Donati ist die Amtssprache Italienisch, der Gestenreichtum von Chef Leo felliniesk und die Dauerbeschallung von Puccini und Verdi, weil der Fleischverkauf als große Oper zelebriert wird. Im Café „Brunetti“, einem Märchenpalast voller Marmor, Blattgold und Travertin, hängen Sophia Loren und Marcello Mastroianni raumfüllend als Schwarzweißfotografien an der Wand, während die Bariste den Kaffee wie die Zeremonienmeister eines Hochamtes italienischer Authentizität zubereiten - nicht als Touristenattraktion oder Exotismustupfer für hinterwäldlerische Australier in kurzen Hosen und schon gar nicht als Schmierenkomödianten einer billigen Inszenierung falscher Europa-Sehnsucht. Nein, sie erfüllen nur ihre staatsbürgerliche Pflicht.

          Gucken, boxen, hüpfen : Zu Australien gehört natürlich auch das Känguruh

          In Australien ist Multikulturalismus kein Lippen-, sondern das offizielle politische Glaubensbekenntnis eines Staates, dessen Bevölkerung zu einem Viertel im Ausland geboren wurde und der in nächster Zukunft seine Einwohnerzahl durch Einwanderung verdoppeln will. Die kulturelle, sprachliche, ethnische Vielfalt sei der Kern der nationalen Identität und der ganze Stolz des Landes, heißt es in einem Grundsatzpapier der Regierung. Die Immigranten, ganz gleich, aus welcher Ecke der Erde sie kommen, sind also von Staats wegen verpflichtet, ihre Eigenheiten zu bewahren, anstatt sich zu assimilieren. Die Fremden werden nicht als Störenfriede des Vertrauten betrachtet, sondern als Bereicherung des Bestehenden, die anderen nicht ihres Andersseins verdächtigt, sondern gefragt, was sie mitbringen, um Australien zu verbessern. Und wir europäischen Besucher fragen uns ein wenig kleinlaut, ob dieses Toleranzverdikt wirklich nur das Privileg einer jungen Nation oder vielleicht doch der bessere Gesellschaftsvertrag ist.

          Toleranz geht durch den Magen

          Wie gut er funktioniert, ist nirgendwo eindrucksvoller zu besichtigen als in Melbourne, Australiens Musterknaben des Multikulturalismus, einer Vier-Millionen-Stadt, in der Altaustralier und Neuankömmlinge von Chinesen und Vietnamesen über Griechen und Kroaten bis zu Latinos und Äthiopiern so friedlich in ihren Vierteln nebeneinander leben wie in einer Menschenarche. Das liegt gewiss auch daran, dass nicht nur die Liebe, sondern auch die Toleranz durch den Magen geht und allein die kulinarische Bereicherung durch die Immigranten jeden Zweifel an der Sinnhaftigkeit von Australiens Vielvölkerphilosophie beiseitefegt. Einzig und allein den Einwanderern ist es zu verdanken, dass sich ein kompletter Kontinent aus dem Kerker der kulinarischen Finsternis befreien konnte, in den er einst von den britischen Kolonialherren gesperrt worden war. Mit Schrecken und Schaudern erzählen die Alteingesessenen heute ihren Gästen, welche Scheußlichkeiten sie noch vor zehn, fünfzehn Jahren essen mussten, bevor Melbournes Aufstieg zur gastronomischen Hauptstadt Australiens begann. Mit den Schultern zucken sie allerdings, wenn man sie - irregeleitet vom europäischen Assimilationsdenken - nach einer Verschmelzung der vielen Kochstile zu einer modernen, australischen Fusionsküche fragt. Die gibt es nicht, lautet die einmütige Antwort. Denn genau das will man ja nicht.

          Eine Stadt mit einer goldenen Zukunft: Sonnenaufgang über dem Geschäftsviertel von Melbourne.
          Eine Stadt mit einer goldenen Zukunft: Sonnenaufgang über dem Geschäftsviertel von Melbourne. : Bild: Picture-Alliance

          Ein Hispanoaustralier betreibt mit dem „Movida“ das beste Tapas-Restaurant der Stadt und serviert dort eine Anchovi aus Kantabrien mit einem Sorbet aus geräucherten Tomaten, die selbst in der ambitioniertesten Gastrobar Barcelonas oder Madrids eine blendende Figur machen würde. Zwei germanoaustralische Schwestern haben sich mit ihrem „Gewürzhaus“ selbständig gemacht und lassen dort dank „Oma Rosas Gulaschgewürz“ die ganze Stadt an ihren kulinarischen Kindheitserinnerungen teilhaben. Italiener, Schweizer, Franzosen, Deutsche sind für einen spektakulären Boom der Schokoladen- und Kaffeekultur verantwortlich. Sie haben dafür gesorgt, dass heute im Hafen von Melbourne achtmal so viel Kaffee gelöscht wird wie noch vor zehn Jahren und Macarons zur neuen Leibsüßspeise der Melbourner geworden sind - vor fünf Jahren wusste kein Mensch, was das ist. In einer Patisserie im Stadtzentrum hängt ein Meisterbrief in Schnörkelschrift an der Wand, verliehen an „Arno Backes, geboren in St. Wendel“. Und in einem Café hinter der Sankt-Pauls-Kathedrale kann man sehen, wie ernst man die kulinarische Weiter- und Weltbildung in Melbourne nimmt. Auf der Speisekarte wird eine Schwarzwälder Kirschtorte nicht nur mit allen Ingredienzien korrekt erklärt und nicht nur - eine Sensation so fern der Heimat - auch absolut richtig geschrieben, sondern sogar noch phonetisch tadellos transkribiert: „It’s pronounced Schvarts-Velder-Kearsh-Torta“.

          Bob Dylans melancholischer Wiedergänger

          Diese gastronomische Weltoffenheit wird ihren Teil dazu beigetragen haben, dass Melbourne von der britischen Zeitschrift „The Economist“ vor Wien und Vancouver zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt wurde. Man mag von solchen Ranglisten halten, was man will, völliger Unfug sind sie nicht. Das ahnt man selbst als flüchtiger Besucher, wenn man ein paar Stunden lang durch Melbourne schlendert und sich die vielen Gesichter der Stadt betrachtet. An der meerbusengroßen Bucht, an der sich Dutzende von Kitesurfern am Himmel und Hunderte von Pinguinen am Strand tummeln, wird sie zum Strandbad. In den breiten, von Ulmen, Platanen, Zypressen und viktorianischen Villen gesäumten Vorortstraßen verwandelt sie sich in ein urbanes Idyll der gepflegten Sorgenfreiheit. Und in ihrem Zentrum liefert sie den Beweis dafür, dass vier Millionen Menschen in einer Atmosphäre der Entspanntheit und Gelassenheit zusammenleben können, die fast schon die Grenze zur Unverschämtheit überschreitet.

          Niemand scheint hier schwer an seinem Schicksal zu tragen, keiner vom Leben gehetzt zu sein, kaum einmal sieht man einen Bettler, Penner, Spinner. Die Standardkleidung sind Flipflops und Shorts, die beliebtesten Fortbewegungsmittel das Fahrrad und die nicht gerade Großstadthektik symbolisierende Straßenbahn - Melbourne ist stolz darauf, die Stadt mit dem größten Tramnetz der Erde zu sein - und die Lieblingsbeschäftigungen der Einwohner wahlweise das Kaffeetrinken, das Häkeln bunter Kleidchen für die Stämme der Bäume oder das Musizieren auf der Straße. Alle fünfzig Meter spielt ein Gehsteigorpheus auf, mal in Gestalt eines Dudelsackpfeifers, mal als Tonnentrommler, dann wieder als Stehgeiger oder als melancholischer Wiedergänger des Weltenschmerzenmannes Bob Dylan. Und bei allen hat man den Eindruck, dass es ihnen nicht nur ums Groschensammeln geht.

          Kunstmuseen statt Bankpaläste

          Besonders voll ist es am Federation Square, dem Herzen der Stadt, an dem der Yarra River wie eine Seine en miniature vorbeifließt. Und besonders stolz sind die Melbourner darauf, dass ihr prominentester Platz nicht von Banktürmen oder staatstragenden Prunkbauten umstanden wird, sondern von Kunstmuseen und Konzertsälen. Dass Melbourne Australiens kultivierteste Stadt ist, steht für seine Bewohner sowieso außer Frage, die für den ungeliebten Bruder Sydney nur milden Spott übrighaben. Sydney mag mit Hafen, Oper und Brücke das ikonographische Panorama des fünften Kontinents schlechthin besitzen. Doch ansonsten sei die Stadt oberflächlich und flatterhaft, „Body and Botox“ statt Geist und Hirn. In Sydney, sagen die Leute hier, werde man auf einer Party gefragt, wie viel man verdiene, in Melbourne hingegen, was man denke. In Sydney stolziere man mit dem Surfbrett am Bondi Beach entlang, in Melbourne könne man tausend sinnvollere Dinge unternehmen, und zwar nicht nur kulturell. Denn wo fänden die Australian Open im Tennis statt, wo das australische Formel-1-Rennen? Natürlich alles in Melbourne! Wobei den stolzen Melbournern auch einmal gesagt werden muss, dass das lebenswerteste Leben seine Preise fordert. Sie nähern sich allmählich dem Schweizer Niveau.

          Melbourne mangelt es keineswegs an Selbstbewusstsein - und das nicht nur, weil hier mit dem 388 Meter hohen Wolkenkratzer „Australia 108“ das höchste Gebäude der südlichen Hemisphäre steht.
          Melbourne mangelt es keineswegs an Selbstbewusstsein - und das nicht nur, weil hier mit dem 388 Meter hohen Wolkenkratzer „Australia 108“ das höchste Gebäude der südlichen Hemisphäre steht. : Bild: AFP

          Sydney ist Stagnation, Melbourne ist die Zukunft. Da ist man sich in der Stadt am Yarra River sicher, die ihre ewige Rivalin in wenigen Jahren an Einwohnern überholt haben wird. Und die Vergangenheit spielt nicht nur in den Köpfen, sondern auch im Stadtbild Melbournes eine verblüffend zweitrangige Rolle. Natürlich gibt es viktorianische Repräsentationsbauten aus majestätischem Granit, Tudor-Paläste mit filigranem Fachwerk, Kirchen im neogotischen Gewand und einen pompösen Bahnhof, der die exakte Kopie seiner imperialen Schwester in Kalkutta ist. Und natürlich ist The Block Arcade bis heute ein Lieblingsgebäude aller Melbourner, eine Galerie im Mailänder Stil voller klassizistischer Pracht und schmiedeeisernem Prunk mit dem größten Mosaik der südlichen Hemisphäre. All das sind Hinterlassenschaften des Goldrausches von 1851, der aus der sechzehn Jahre zuvor gegründeten Bretterbude Melbourne schlagartig eine Stadt von midasgleichem Reichtum machte - und einen Ort der rauschhaften Dekadenz, in dem zwischen 1865 und 1875 mehr Champagner als irgendwo sonst auf Erden getrunken wurde.

          Weiße Haie jagen junge Robben

          Doch diese Erbstücke der Geschichte sind nur Antiquitäten in einer Vielvölkerstadt, die sich ein bedingungsloses Fortschrittsversprechen gegeben und, passend dazu, das eklektizistische Gewand der architektonischen Globalisierung angezogen hat, ein „anything goes“ aus viel Stahl, Glas und Glamour. Vielleicht ist diese Zukunftszuversicht das stärkste Gefühl, das Melbourne seinen europäischen Gästen gibt: Die Stadt hat alle Sehnsucht nach der fernen britischen Heimat und allen Schrecken vor der tyrannischen Distanz zu ihren früheren Wurzeln verloren. Jetzt ist Melbourne sich selbst zur Heimat geworden, das einzige Zuhause seiner vielen neuen Bewohner, die wissen, dass das lebenswerte Leben nicht am anderen Ende der Welt, sondern vor ihrer Haustür beginnt - und längst nicht an der Stadtgrenze aufhört.

          Kein anderer Ort auf diesem leeren, öden, wüsten Kontinent kann sich mit einer schöneren Umgebung schmücken als Melbourne. Nur anderthalb Stunden sind es bis zur Great Ocean Road, Australiens dramatischster Küstenstraße, die von Veteranen des Ersten Weltkriegs nach dem Vorbild des Highway 101 in Kalifornien gebaut wurde. Todesmutig mäandert die Straße auf den Klippen einer kalksteinernen Steilküste entlang, verschwindet immer wieder in Wäldern voller Eukalyptus, Akazien und Teebäumen, taucht an verschwiegenen Buchten, wilden Stränden und vorgelagerten Felsen wieder auf, auf denen sich Robbenkolonien tummeln, umkreist von Weißen Haien, die auf unvorsichtige Jungtiere lauern. Kaum einen Badenden sieht man im Wasser, doch nicht wegen der Haifische, sondern wegen der Kälte des Südmeeres und der Wucht seiner Stürme, dafür umso mehr Surfer, die wie Möwen in der Dünung auf ihre Welle warten. Es ist eine Küste der Wetterextreme, an der die höllenheiße Luft aus dem Outback und die Eiseskälte aus der Antarktis permanent zerren, ein Paradies für Wassersportler, ein Inferno für Schiffe, die in der aufgewühlten See der „Roaring Forties“ zu Hunderten an den Riffen zerschellten.

          Erinnerungen an die blutige Vergangenheit

          Doch es ist kein einsames Weltenende. Der Verkehr auf der Great Ocean Road erreicht während des Südsommers fast die Dimensionen der Côte d’Azur, denn jeder Campingtourist aus Übersee erweist ihr die Ehre und muss eigens auf Verkehrsschildern darauf hingewiesen werden, dass er sich in einem Land des Linksverkehrs befindet. Und in den ehemaligen Walfängerstädtchen entlang der Küste einen Parkplatz zu finden, kann in der Hochsaison zu einer Odyssee werden, kaum weniger kompliziert als Kapitän Ahabs Suche nach Moby Dick. Die Norfolktannen, die von den Walfängern einst gepflanzt wurden, um aus den kerzengeraden Ästen Harpunen zu schnitzen, erinnern noch an die blutige Vergangenheit dieser pittoresken Orte, in denen heute Touristen aus allen Erdteilen und Ferienhausbesitzer aus Melbourne einträchtig und - ein buntes Völkergemisch diese wie jene - kaum unterscheidbar in den Strandcafés nebeneinander sitzen. Oder aber sie besorgen sich in der Fischerkooperative von Apollo Bay einen phantastischen Südmeerhummer fürs Picknick, wenn nicht gerade der ganze Fang für ein paar hunderttausend Dollar direkt nach Hongkong geflogen worden ist.

          In diesem Fall muss man sich mit anderen Tieren zufriedengeben. Man erkennt ihre Anwesenheit immer an wild parkenden Autos entlang der Great Ocean Road und an noch wilder fotografierenden Menschentrauben unter Bäumen. Dort sitzt dann zuverlässig ein Koala im Geäst und posiert für die Touristen. Oder freche Papageien lassen sich von den Besuchern füttern, denen sie zum Dank auf Kopf und Schulter fürs Piratenerinnerungsfoto steigen. Nur der Lachende Hans bewahrt seine Vogelehre und geht weiterhin traditionell auf Jagd nach Tigerschlangen, die er am Wickel packt, um sie dann aus tödlicher Höhe auf die Erde fallen und zerplatzen zu lassen.

          Das jähe Ende des göttlichen Gefolgsmannes

          Nichts erinnert an der Great Ocean Road an den heißesten, trockensten aller Kontinente, und schon gar nicht der Dschungel bei Cape Otway, ein Märchenregenwald ohne Dampf und Hitze voller filigraner Farnbüsche und gigantischer Eukalyptusbäume. Hundert Meter hoch ragen manche von ihnen in den Himmel, als seien sie die Verbindungssäulen zwischen Erde und Firmament. Sie häuten sich wie hölzerne Reptilien, werfen ihre Rinde in langen Streifen ab und stürzen irgendwann um, gefällt von heulenden Winden und der Last der Jahrhunderte. Dann liegen sie, prähistorischen Ruinen gleich, auf dem Waldboden, werden von Farnen, Sträuchern, Moos in Beschlag genommen wie einst Gulliver von den Liliputanern und verrotten in unendlicher Langsamkeit, als gäbe es hier keine Zeit - ein Bild, das der größte denkbare Kontrast zur Rasanz von Melbournes Häutungen ist und vielleicht gerade deshalb so sehr verstört.

          Das berühmteste Naturschauspiel Victorias: Zwanzig Millionen Jahre hat es gedauert, bis die zwölf Apostel aus der Steilküste gemeißelt waren.
          Das berühmteste Naturschauspiel Victorias: Zwanzig Millionen Jahre hat es gedauert, bis die zwölf Apostel aus der Steilküste gemeißelt waren. : Bild: LAIF

          Der Höhepunkt der Great Ocean Road aber, das grandioseste Gegenstück zu Melbournes Gegenwärtigkeit, kommt erst ein paar Kilometer weiter: die zwölf Apostel, ein Dutzend sechzig Meter hoher Kalksteinfelsen in leuchtendem Gelb, die von Wind und Wellen aus der Steilküste gemeißelt wurden und jetzt einsam im Ozean stehen, stoisch auf ihr Ende wartend. Zwanzig Millionen Jahre hat es gedauert, bis dieser steinerne Skulpturenpark geschaffen war, bis all die kahlen Totempfähle, schiefen Türme, spitzen Grate ihre Gestalt angenommen hatten. Und dass der Kampf der Elemente noch lange nicht zu Ende ist, spürt man hier sofort mit dem Schaudern des Menschen, der der Schöpfung bei der Arbeit zuschaut. Denn noch immer stürmt das Meer, aufgepeitscht vom jaulenden Wind, im Wutrausch gegen das Land, als wolle es sich für schrecklich erlittenes Unrecht rächen, nagt Jahr für Jahr zwei Zentimeter von ihm ab, lässt manchen Apostel nur noch auf einem schmalen Podest balancieren und wird bald wieder einen göttlichen Gefolgsmann zum Einsturz bringen, so wie zuletzt 2005.

          Weinprobe ist besser als Bierbesäufnis

          Als 1838 ein Großsegler mit einer Handvoll Schweizer Immigranten an Bord an den Aposteln vorbeifuhr, waren es noch dreizehn, vierzehn, vielleicht auch fünfzehn. Die See muss ruhig gewesen sein, das Schiff kam heil ans Ziel in Melbourne, im Gegensatz zu so vielen anderen, was für die nachgeborenen Generationen bis zum heutigen Tag ein großes Glück ist. Denn sonst gäbe es das Weinbaugebiet Yarra Valley vielleicht gar nicht. Die Schweizer erkannten, wie gut sich dieses Tal für den Weinbau eignet, und pflanzten schon drei Jahre nach der Gründung von Melbourne die ersten Weinstöcke, ohne zu ahnen, dass daraus die schönste Rebenlandschaft Australiens werden sollte. Sie beginnt gleich hinter den letzten Vororten von Melbourne, schmiegt sich schutzsuchend an die Hänge des Tals, teilt es sich mit Pferdekoppeln, Viehweiden und den Parks hochherrschaftlicher Landsitze und profitiert davon, dass sich die Weingüter einen erbitterten Wettkampf um die Krone der schönsten Kellerei liefern. Sie machen sich mit Zypressenwäldchen, Pappelalleen und manikürtem Rasen hübsch, setzen exzentrische Kellereigebäude aus Sichtbeton, poliertem Stahl und riesigen Glasfronten in die Landschaft oder - wie Tarrawarra, das Gut einer steinreichen Verlegerfamilie - gleich ein ganzes Museum mit einer erlesenen Privatsammlung australischer Gegenwartskunst.

          Die jüngste Blüte des Yarra Valley, das eine Geschichte mit vielen Höhen und Tiefen hinter sich hat, ist genauso frisch wie die kulinarische Erweckung Melbournes. Und ihr Symbolort ist die Kleinstadt Healesville, vor ein paar Jahren noch ein Holzfällernest, in dem derbe Kerle in derben Pubs ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgingen: „Pint and fight at Friday night“, ein anständiges Bierbesäufnis samt zünftiger Schlägerei als ritueller Wochenendspaß. Dann aber erlebte Healesville eine märchenhafte Metamorphose vom Hinterwäldlerkaff zur Trendytown, in der jetzt alle Insignien des schönen Lebens versammelt sind: Boutiquebrauereien und Chocolaterien à la parisienne, Geschäfte mit handgemachter Pasta und Bäckereien mit kunsthandwerklicher Ambition, eines der besten Restaurants im Staate Victoria und das extravagante Kellereigebäude des Weinguts Giant Steps, das Healesvilles Zentrum wie eine avantgardistische Kathedrale des gepflegten Lasters beherrscht.

          Luzifer fühlt sich pudelwohl

          In diesem Glaskubus mit Holzlamellenfassade sitzt nun „tout Melbourne“, schaut den Kellermeistern durch eine Glaswand bei der Arbeit und dem Rotwein in französischen Eichenfässern beim Reifen zu, trinkt selbstgerösteten Kaffee, isst selbstgebackenes Brot, degustiert handgeschöpften Käse, verkostet den handgepflückten Wein des Hauses und bestellt sich dazu beim teigschwingenden Pizzabäcker hinter dem Tresen eine Pizza mit San-Daniele-Schinken, San-Marzano-Tomaten und reichlich Käse, der wahrscheinlich von San Giorgio aus Melbournes Little Italy stammt. Mitten im Raum steht der passende Ofen, eine kuppelförmige, Spezialanfertigung, direkt aus Italien importiert, damit die Pizza auch ja wie in Neapel schmeckt, gebaut für eine Maximaltemperatur von höllenheißen vierhundert Grad, damit sich Luzifer hier drinnen auch pudelwohl fühlt.

          Besser Leben am Ende der Welt

          Anreise: Singapore Airlines (www.singaporeair.com) fliegt zweimal täglich von Frankfurt und einmal pro Tag von München über Singapur nach Melbourne. Die Preise beginnen in der Economy Class bei 1250 Euro und in der Business Class bei 5340 Euro. Für Fluggäste, die ihre Reise in der Stadt unterbrechen wollen, bietet die Gesellschaft ein umfangreiches Stop-over-Programm an. Für die Einreise nach Australien ist ein Visum erforderlich, das kostenlos unter www.immi.gov.au beantragt werden kann.

          Reisen in Victoria: Für die Great Ocean Road sollte man einen Wagen mieten, da es dort kaum öffentliche Verkehrsmittel gibt. Sehr beliebt ist die Verlängerung der Route bis nach Adelaide. Ausflüge in das Weinbaugebiet Yarra Valley organisiert die Australian Wine Tour Company (100 Rokeby Street, Collingwood VIC 3066, Telefon: 0061/3/ 94194444, www.austwinetourco.com.au).

          Informationen: Touristische Auskünfte über Melbourne und seine Umgebung gibt es unter http://de. visitmelbourne.com.

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