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Montenegro Platz für Hundertmeteryachten

 ·  Als James Bond in „Casino Royale“ seine Spielchips setzte, musste ein Großteil der Sets noch von mondäneren Orten gedoubelt werden. Inzwischen bietet das Land Luxus für Großverdiener und Yachtbesitzer.

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© Andrea Diener Marmorne Stadt vor schwarzen Bergen: Die Altstadt von Budva.

„Was heißt: zu früh?“ fragt Daniel Vincek, und damit hat er natürlich recht, und so fragen wir uns das nun auch. Es ist halb neun, als wir den Garten des Hobbybotanikers und Bergwanderers betreten, der sein Geld mit dem Import elektrischer Artikel verdient hat, aber das ist völlig unwichtig. Wichtig ist, dass er vierhundert Pflanzen aus dem nördlichen Montenegro in seinem Garten gesammelt hat, auf sechshundertvierzig Quadratmetern um sein kleines, vollgestelltes Haus herum, in dem er und Frau Zora sowie der Kater Darwin wohnen und aus dem nun Zora, egal wie früh es ist, ein Tablett mit Spitzendeckchen bringt - darauf dicht gedrängt viele Gläser und eine Flasche ohne Etikett. Es ist Calvados. Freunde von Vincek haben ihn gebrannt. Es ist der beste, den es gibt. Selbstredend. Ein guter Tag fängt in Montenegro hochprozentig an, und charmanten sechsundachtzigjährigen Herren versagt man nicht, mit ihnen anzustoßen, das wäre grob unhöflich.

In Daniel Vinceks Garten bei Kolasin findet sich der lange übersehene Reichtum des kleinen Staates mit der fünftgrößten Artenvielfalt der Welt. Gleich neben der mediterranen Küste erhebt sich das Land, erst waldig, hügelig, dann bergig, schließlich karg und, ganz hinten an der Grenze zu Serbien und Albanien, mit schroffen Gipfeln. Auf einer Fläche, die etwa der von Schleswig-Holstein entspricht, und mit der Einwohnerzahl ungefähr von Stuttgart drängen sich Strand, Seen und alpine Panoramen mit schneebedeckten Zweitausendern. Biogradska Gora zum Beispiel ist der zweitälteste Nationalpark der Welt (nach dem Yellowstone), die Schlucht des Tara-Flusses ist der zweittiefste Canyon (nach dem Grand Canyon), und am südlichsten Fjord Europas liegt die alte Stadt Kotor, ein Unesco-Kulturerbe. Es ist nicht so, als gäbe es hier nichts.

Die Hammondorgel orgelt und der Glanzanzug säuselt

Aus irgendwelchen Gründen wird Montenegro dennoch dauernd entweder übersehen oder verwechselt, und man muss erst einmal erklären, wo das eigentlich liegt: nein, nicht Mazedonien. Montenegro, Crna Gora, der schwarze Berg, ganz dunkel von dichten Kiefernwäldern. Die Hauptstadt heißt Podgorica, eine eher uninteressante Ansammlung von sozialistischen Betonklötzen neben modernen Wohnbauten und irgendwie übriggeblieben aussehenden, weinumrankten Einfamilienhäuschen. Gehörte früher zu Österreich-Ungarn, die Küste den Venezianern, dann zu Jugoslawien und zu Serbien, machte sich 2006 selbständig, man zahlte zunächst mit der Deutschen Mark und jetzt mit dem Euro und will auch sonst gern in die Europäische Union. Im Juni dieses Jahres werden die Beitrittsverhandlungen aufgenommen. Es wäre also an der Zeit, dass wir Kerneuropäer langsam einmal dieses Balkanland wahrzunehmen begännen, es wird unser Schaden nicht sein. Es lohnt sich sogar sehr, wenn man zunächst einmal die üblichen Urlauberzentren aus dem Blickfeld räumt.

Der Tourismus in Montenegro konzentrierte sich lange Zeit auf günstige Strandferien für Familien - mit Bergen von Cevapcici in einem Restaurant mit staubigen Fischernetzen an der Decke und Plastikmeeresfrüchten überall, der klassische Jugoslawien-Urlaub der achtziger Jahre. Natürlich gibt es das noch, in Budva zum Beispiel, dem trubeligen Badeort, in dem sich rund um die schöne, marmorne Altstadt die Familienhotels drängen und wo am Hafen im Restaurant der Alleinunterhalter im glänzenden Anzug an der Hammondorgel Tom-Jones-Lieder auf Montenegrinisch singt, während draußen ein Weltuntergangsgewitter niedergeht. Doch früher, sagt der Wirt, wäre der Strom beim ersten Blitzschlag schon weggewesen. Heute ist es nur ein kurzes Flackern, dann sind alle Lichter wieder da, und die Hammondorgel orgelt weiter, und der Glanzanzug säuselt dazu, und es gibt Wein aus Flaschen ohne Etikett. So rührend gestrig die Szenerie ist, so spürbar ist dennoch der Fortschritt.

Oligarchensöhne in Bermudashorts

Dann kam James Bond. Genauer: der Film „Casino Royale“, der zum Teil in Montenegro spielt, wo es das gleichnamige Casino gibt, das im Film aber ganz anders aussieht. Und das Hotel Splendide, in dem das Casino untergebracht ist, das im Film aber auch ganz anders aussieht, nämlich sehr viel mondäner als die unglamouröse Wirklichkeit. Die wird dominiert von Hotelkitsch und Oligarchensöhnen in Bermudashorts und Hawaiihemd und von schwankenden Leopardenkleidanhängseln auf Plateaupumps, daneben italienische Fabrikantensöhne, die im Markenpoloshirt auf dicke Hose machen und am Roulettetisch das Vermögen des Vaters durchzubringen bemüht sind. Rien ne va plus, grazie, spasiba, sagt der Croupier, immer in dieser Reihenfolge. Kein Bond-Girl weit und breit.

Nur Montenegro sieht wirklich aus wie im Film, nämlich schön. Und so begann sich ganz allmählich im Kielwasser des Filmes eine James-Bond-Version dieses Landes zu entwickeln, in der es nicht nur Bettenburgen gibt, sondern tatsächlich luxuriöse Hotels. Die vermutlich luxuriöseste Unterkunft in Montenegro ist die Hotelinsel Sveti Stefan, also Heiliger Stefan, ein paar Kilometer südlich von Budva. Im Mittelalter besiedelte eine Fischerfamilie diese kleine, verwinkelte Insel, dicht bebaut mit ungefähr dreißig Häuschen. Enge Gassen bahnen sich ihren Weg zwischen den krummen Mauern, Kiefern klammern sich an die Felsen über dem Strand, auf dem Dorfplatz ist heute das Restaurant, und hoch oben, auf dem höchsten Punkt, steht die Kapelle, die noch immer von der Kirche betreut wird.

Der superreiche Mitbürger hat oft Parkplatzprobleme

Mittlerweile ist Amanresorts der Pächter und hat in den vergangenen Jahren die Einrichtung grundlegend entplüscht. Doch schon in alten jugoslawischen Zeiten war Sveti Stefan als nobles Hotel ein Begriff, zur Einweihung 1960 ließen sich immerhin Sophia Loren und Prinzessin Margaret blicken und in den folgenden Jahrzehnten der übliche Jetset. Eine glorreiche Vergangenheit mit einigem James-Bond-Glamour, an die man nur allzu gern anknüpfen möchte.

Sveti Stefan ist nicht das einzige Angebot an die sehr reiche Klientel. Vor der Küste der benachbarten Stadt Tivat entstand in den vergangenen Jahren ein gigantischer Yachthafen namens Porto Montenegro, in dem selbst Hundertmeteryachten einen Platz finden. Denn der superreiche Mitbürger hat oft Parkplatzprobleme, lernen wir: Ab zwanzig Metern wird es schwierig, Anlegestellen zu finden. Umstände, über die nachzudenken wir bisher keine Gelegenheit hatten, deren man sich hier aber gern annimmt. Yachtbesitzer werden mit Ferienwohnung, einschlägigen Markenboutiquen und feinen Restaurants versorgt, demnächst wird der große Pool eröffnet, stilsicher bestückt mit einer Skulptur des momentan gefragtesten Leerraumdekorationskünstlers Jaume Plensa.

Diffus mediterraner Stil, halbherzig auf Moderne gebürstet

An den Rändern franst die Anlage in Baustellen aus; man expandiert, irgendwann sollen hier sechshundert Yachten parken können. Ein Museum gibt es auch, die Naval Heritage Collection, und dort lernen wir alles über den ehemaligen Militärhafen der österreichischen Marine, so etwas gab es tatsächlich, und die betrieb hier eine Basis vor allem für die Instandsetzung ihrer Flotte. Danach wurde der Hafen von der jugoslawischen Marine benutzt, dann verfiel er und versperrte den Tivatern den Weg zum Meer. An diese Zeiten erinnern nur noch ein paar eiserne Ringe am alten Hafenbecken, der Rest dagegen bemüht sich mit aller Macht, international und verwechselbar auszusehen: Perfektionistische Sauberkeit überall, Palmenalleen geben Freizeitsignale, der Stil ist diffus mediterran und halbherzig auf Moderne gebürstet. Wer an der Marina von Doha oder Dubai einsteigt und hier das Schiff verlässt, wird den Unterschied kaum bemerken. Porto Montenegro ist ein international finanziertes Projekt, vor allem das Geld des Kanadiers Peter Munk steckt darin, daneben das des Franzosen Bernard Arnault und das von zwei britischen Rothschilds. Aber die ersten Investoren an der Küste waren die Russen, dann erst kamen die Westeuropäer - und danach kam die Krise.

Der Yachthafen ist davon nicht betroffen, im Gegenteil, wohl aber einige Bauvorhaben, deren Ruinen nun wohl oder übel der Staat übernehmen muss, damit die Betonskelette nicht die Ansicht verschandeln. Eine Folge auch der filzigen Strukturen, die eine Grundstücksvergabe nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht eben begünstigt haben. Die verlassenen Baustellen sind die sichtbarsten Zeichen der Korruption und des Nepotismus, unter denen das Land leidet und deren Bewältigung die Hauptaufgabe auf dem Weg in die Europäische Union ist. Eine funktionierende Justiz würde schon einmal sehr helfen.

Acht glorreiche Jahre montenegrinischer Monarchie

Über den konjunkturbedingten Baustopp sind bei weitem nicht alle unglücklich. „Ich war froh, als die Krise kam“, sagt die Finnin Kirsi Hyvärinen, die lange in Deutschland gelebt hat und jetzt die Tourismusbehörde beim Ausbau des Fremdenverkehrs im Hinterland berät. Denn das habe den Wildwuchs an der Küste aufgehalten, stattdessen will man den bergigen Norden nun sanft entwickeln. Vor allem Wanderer und Radfahrer möchte man anlocken, aber diese verlangen nach Infrastruktur. Daher werden zur Zeit Wanderwege markiert, dreitausend Kilometer insgesamt, Unterkünfte zertifiziert, Wohnmobilstellplätze gebaut und Führer ausgebildet. Gemeinsam mit den Nachbarländern Albanien und Kosovo wurde der Fernwanderweg „Peaks of the Balkans“ mit erleichterten Grenzformalitäten entwickelt. Vieles hat Kirsi dabei aus Deutschland übernommen, die Wegmarkierungen etwa oder die Fahrradunterkünfte nach ADFC-Vorbild.

Und so beliebt die Küste auch ist - das Hinterland ist das eigentlich Spektakuläre an Montenegro. Gleich hinter der Küste geht es bergauf, steil bergauf. Die alte Königsstadt Cetinje liegt auf dem Weg, wo für immerhin acht glorreiche Jahre die montenegrinische Monarchie in einer zeitgemäßen Jugendstilvilla lebte, eine Nummer kleiner allerdings als in den Nachbarstaaten. König Nikola herrschte hier mit Gattin Milena und zahlreichen Töchtern, die er in halb Europa verheiratete. Doch ausgerechnet die unverheiratet gebliebene Xenia ist als eine von wenigen bis heute bekannt. Sie war nicht nur die erste Frau, die auf dem Balkan Auto fuhr, sondern auch eine begeisterte Fotografin. Sie kam viel herum und dokumentierte das Leben der Bauern in den Dörfern und das der Fischer an der Küste, aber auch das ihrer Familie: elegante, nach Pariser Mode gekleidete Damen mit Straußenfederhüten, Männer in Uniformen mit türkischem Einschlag - modisch lebte man hier nicht eben hinter dem Mond. Im Jahr 1918 ging Montenegro im Königreich Jugoslawien auf, und die Monarchenfamilie zog nach Frankreich. Der Nachkomme Nikola Petrovic, ein französischer Architekt, übernimmt seit der Unabhängigkeit wieder repräsentative Aufgaben für das Land - Montenegrinisch musste er allerdings erst lernen.

Orchideen wuchern wie anderswo Gänseblümchen

Hinter Cetinje wird es wild. Ein guter Ausgangsort für das Hinterland ist Kolasin, der alte Skiort, in dessen Mitte ein Gemeindehaus aus sozialistischen Zeiten steht: Rundum Beton, kristallin in der Form und konsequent futuristisch in der Aussage, steht es zwischen kleinen Wohnhäusern wie von einem sehr anderen Stern und blinzelt aus rautenförmigen Fenstern in die Landschaft, als traue es dem intergalaktischen Frieden nicht. Nebenan erhebt sich das Bianca Resort & Spa, eine hochkant verschachtelte Angelegenheit mit wabenförmigen Fenstern, das innen komplett entkernt und mit viel Stein und Holz zu einer stilvollen Herberge in den Bergen umgebaut wurde. Nach geranienüberwucherten Bettenburgen mit Jodelbalkonen kann man hier lange suchen, es gibt sie nicht. Wo sollten sie auch gebaut werden? Man gelangt mehr oder weniger von einem Nationalpark in den nächsten, was den Vorteil hat, dass der Tourismus hier sich sehr behutsam ausbreitet.

Der Rest ist Natur. Wege führen durch feuchte Urwälder, an Gletscherseen entlang, auf karstige Gipfel und über Wiesen, auf denen die einheimischen Orchideen so wild wuchern wie anderswo die Gänseblümchen. Ungefähr so, stellt man sich vor, muss es in den Alpen vor hundert Jahren ausgesehen haben, bevor die Touristen kamen und die Berge mit ihren Erholungsansprüchen ein für alle Mal prägten. Gerade erst fangen die ersten Almen, hier „Katun“ genannt, an, sich auf Übernachtungsgäste einzustellen und Schinken und Käse zu verkaufen. Katun Goles etwa im Nationalpark Biogradska Gora, auf tausendsechshundert Metern gelegen, stellt einfache, aber gemütliche Blockhütten zur Verfügung und einen Gemeinschaftsraum in der Haupthütte, auf dessen Tisch schon die Flaschen ohne Etikett warten: ein Slivovitz und ein Loza, Brände aus Pflaume und Traubentrester. Wer es hier hochgeschafft hat, hat etwas zu feiern, und wer den Abstieg durch die liegengebliebenen Schneeflecken noch vor sich hat, dem kann ein Schluck nicht schaden.

Und eigentlich müssten wir jetzt ganz still sein. Müssten hier sitzen, die Flaschen ohne Etikett kreisen lassen, mit denen die EU Schluss machen wird, ist ja schließlich Schwarzbrennerei, und dürften nicht zu viel ausplaudern. Wir würden das James-Bond-Montenegro an der Küste wuchern lassen, bis der letzte Yachtanlegeplatz vor Tivat von einem Hundertmetermonster belegt ist und es Paparazzifotos von Brangelina auf Sveti Stefan gibt. Das kann einem ja egal sein. Aber diese Berge hier, die Taraschlucht, die Gipfel im Nationalpark Durmitor, wo die schüchternen Bären noch keine Namen haben und überhaupt kein Problem darstellen, die Almen und ihre Hütten mit Häkeldeckchen und Blumenbettwäsche, die Orchideenwiesen und all die Pflanzen, die Daniel Vincek gesammelt hat - man sollte besser nicht zu laut darüber reden. Zivjeli, sagen wir dann nur, prost, in den schwarzen Bergen rinnt der Schwarzgebrannte heiß in den Magen, weit und breit nervt kein Mitmensch, und der Versöhnungwille mit der Welt ist hier oben wieder einmal sehr groß. Und jetzt: Schweigen.

Küste und Berge in Montenegro

Anreise: Air Berlin fliegt immer mittwochs von Nürnberg nach Tivat. Informationen unter www.airberlin.com. Montenegro Airlines fliegt fünfmal pro Woche von Frankfurt nach Podgorica, www. montenegroairlines.com. - Unterkunft: In Budva wohnt man luxuriös im Avala Resort & Villas, E-Mail: reservations@avalaresort.com, Internet: www.avalaresort.com, oder günstiger im Sentido Hotel Tara, E-Mail: info.tara@sentidohotels.com, im Internet unter www.sentidohotels.com/tara. Für die Erkundung des Hinterlandes ist der Ort Kolasin eine gute Ausgangsbasis. Dort empfiehlt sich beispielsweise das Bianca Resort & Spa, reservations@biancaresorts.com, im Internet unter www.biancaresorts.com. - Aktivitäten: Wanderungen, Jeepsafaris, Rafting und Radtouren organisiert die Agentur „Explorer Montenegro“, www.montenegroexplorer.co.me. Daniel Vinceks privater Botanischer Garten ist vom 1. Mai bis Ende August von 10 bis 14 Uhr und von 17 bis 19 Uhr geöffnet (Herr Vincek spricht ausgezeichnet Deutsch). Anmeldung für Führungen und Gruppen über das Tourismusamt von Kolasin per E-Mail: tokolasin@t-com.me, im Internet unter www.kolasin.travel. - Allgemeine Informationen über das Fremdenverkehrsamt von Montenegro, Friedensstraße 7, 60311 Frankfurt. Telefon 069/24246212, E-Mail: info-frankfurt@montenegro.travel, im Internet unter http://www.montenegro.travel/en.

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